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Rotation

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Rainbow Party - (10) The Bottom

Ja. Jetzt haben wir ihn erreicht. Den Grund dieses Songbrunnens. Dort wo keine Lichter mehr da sind. Wo alles nur noch traurig, verzweifelt, depressiv ist. Und wo die größte Schönheit liegt.

05.) Thursday - The Lovesong Writer, 2006



Das ist der versprochene letzte Emo-Titel.
Zumindest könnte man das so einordnen, da Thursday ja immerhin aus diesem Genre stammen. Allerdings haben sie sich auf ihrem famosen '06er Werk "A City By The Light Divided" meilenweit davon entfernt. So ist sie wesentlich mehr von New Wave oder Postrock geprägt, als von Pop-Punk. Dennoch ist das Alles etwas ganz anderes als gefühlskalt oder chronisch unterkühlt. Hier brennt's, faucht, winselt, drängt, fleht.
Nicht nur die die Stimme, die doch sehr an Robert Smith erinnert, und einen derart jämmerlichen Klagegesang drauf hat, dass man doch mal schnell den psychologischen Notdienst rufen möchte. Nein, auch die Instrumente und das Arrangement bluten aus allen Poren pure Verzweiflung. Hier hat sich eine Kapelle zusammengefunden, um mit allen Mitteln das limbische System der Rezeptienten zu entern.
Und es gelingt ihnen bravourös. Der ziemlich kratzige, rauhe Klang fräst sich tief in die Hörbahn. Das kombinierte Spiel von Synthie-Piano und Blechgitarre erzeugt maximale Befangenheit. Dazu wimmert der Sänger Geoff Rickly seine Zeilen. Bis schließlich ab dem Punkt von Minute eins und zwei Sekunden das vollendete Affektinferno sich aus den Boxen ergießt.
Ja, die Herren meinen es ernst. Ja, sie schämen sich nicht, sich komplett offen zu legen und es uns frei zu stellen, was wir mit den dargebotenen Innereien der Band anfangen möchten. Werden wir sie verschmähen, werden wir uns dran mästen, oder werden wir uns einfach harakiriös deneben legen?
Und Ladies and Gentlemen: Achtet auf den Text. Nicht nur, dass hier die Crux eines Songschreibers beschrieben wird. Das allein würde noch keinen hinter dem Ofen hervor locken. Denn dazu spricht es einfach nur eine begrenzte Anzahl von Menschen an: nämlich die der kreativ wirkenden Menschen. Diese dürften den Inhalt aber zutiefst nachvollziehen können, ihn nachleiden können, sich verstanden wissen. Nein, Mädels und Jungs! Achtet auch und vor allem auf die Form, auf die Sprache. Das hier ist Poesie in seiner schönsten Form:
So he stumbles through syllables
cut from their sentences
lost letters call to him deep in the alphabet
"please! give us meaning!"

Als ich das zuerst hörte, blieb mir wirklich die Spucke weg. Ich konnte keine Luft mehr holen. Mir schossen die Tränen in die Augen. Aber nicht weil es mich an irgendetwas oder irgendjemand Spezielles erinnert. Es lebte einfach aus sich selbst heraus. Ein Text, der einen nur durch seine Sprache so von den Socken haut. Wo hat man so etwas schon erlebt in den letzten 10 Jahren? Mir ist das sonst nur bei literarischen Klassikern geschehen. Das will was heißen, meiner Meinung nach.
Das hier ist wirklich ein Trommelfeuer aus der Gefühlskanone, die einen absolut lahm legt. Habt ihr auf den C-Teil geachtet? Fifty red roses falling apart in the heart of someone you have scripted and left behind Welche Urgewalt da entfesselt wird? Wie man befürchten muss, dass einen Boxen und Herz gleichermaßen sprengt?
Alter Schwede, Thursday haben hier richtig gemacht, was man richtig machen kann, wenn man sich dem emotionalen Rock verpflichtet fühlt. Ach was! Der Popmusik allgemein. Ganz ganz großes Tennis.

4.) Bright Eyes - Nothing Gets Crossed Out, 2001



Und nochmal zum Thema Text. Konsequent wäre es, an dieser Stelle selbigen einfach nur abzunotieren und ihn einfach so wirken zu lassen. Das ist bei Herrn Oberst auch nicht weiter verwunderlich. Schließlich müsste es sich inzwischen herumgesprochen habe, dass dieser kleine Mensch der vermutlich beste musikalische Lyriker seiner Generation ist. Seine Fähigkeit Geschichten zu erzählen und Menschen dazu zu bringen ihm permanent zuzunicken und "Jawoll! So ist es, Alter!" zu flüstern, sind schon regelrecht legendär.
Den richtigen Anfang für diesen Hype konnte er mit dem Album Lifted or The Story Is In The Soil, Keep Your Ear To The Ground lostreten. Denn auch wenn zuvor schon extrem bewegende Anektoden erzählen konnte, kam 2001 einfach noch das entscheidende Jota Reife dazu, die es zuließen, dass auch eine breite Öffentlichkeit sich mit dem Schaffen des Folker aus Omaha auseinandersetzte.
Das Lied was mich da natürlich hervorragend anspricht ist das hier nun vorgestellte. Nur mal so als Ausriss:
All I do is just lay in bed and hide under the covers.
I just want someone to walking off and not fall off a leader.
I Know I should be brave, but I'm just too afraid of all this change.
I keep making these to-do lists, but nothing gets crossed out.

Nur Ich-Botschaften. Und ja das wirkt ehrlich. Und was für ein Erlebnis, dass man mit seiner leider nicht nur gelegentlichen geistigen Gelähmtheit nicht allein ist. Die Durchreißer unter euch werden jetzt sicher entnervt die Augen verleiern, dass man seine Sensibilität oder sowas nur als Entschuldigung für unfassbare Faulheit und übertriebene Ängstlichkeit nimmt. Schon möglich, aber die andere Hälfte Mensch wird Conor Oberst bzw. mich verstehen. Daher ist es jetzt auch für mich schwierig dieses Gefühl näher zu umschreiben. Aber ich nehme an, wenn eine Mensch, welcher 15'000 Kilometer entfernt von mir groß geworden ist, ähnlich, nein gleich (!), empfindet wie ich, dann gibt es sicherlich noch viele andere dazwischen und darüber hinaus.
Was ich aber beschreiben kann, ist die ganz und gar überwältigende Musik, die den Barden hier begleitet.
Dieses schöne Solo der Vibrato-Gitarre. Dieser Aufbau, der seinen Namen wirklich verdient. Hier wird fortlaufend und unaufhaltsam Instrument um Instrument dazu genommen, bis diese überlebensgroße Lied-Gebäude aufgebaut ist. Die schöne Appeggio-Gitarre, die ab Strophe 3 einsetzt macht den Raum unglaublich groß, ohne in Bombast à la Coldplay oder Editors zu verfallen. Das hübsche Glockenspiel verleiht diesem schweren Text eine unglaublich Leichtigkeit, das Marschschlagzeug zugleich eine gewisse Dringlichkeit.
Und vor allem und an eigentlich erster Stelle. Der Einsatz von Orenda Fink (Azure Ray, ihr erinnert euch) in der zweiten Strophe ist der größte Gänsehaut-Moment, den man mittels Musik vermitteln kann. So leise, so dezent, so zurückhaltend und dennoch so laut, brachial und berserkernd im Gefühlszentrum. Danach steht dort kein Stein mehr auf den anderen. Nein, alles wird aufgebrochen, erhitzt, befreit.
Auch wenn es pathetisch klingt, aber bei diesem Juwel ein mehr oder weniger akustischer Musik, muss ich leider auch schreibertechnisch ziemlich schwere Geschütze auffahren, um ihm wenigstens ansatzweise Herr zu werden. Verzeihung.

3.) Mogwai - Killing All The Flies, 2001



Hier schreibe ich mal lieber Nix über den Text. Da ich einfach noch nie versucht habe, zu entziffern, was da hinter dem Vocoder-Effekt hervorlugt. Von daher spielt es auch keine wesentliche Rolle. Allerdings - und das muss ich dazu sagen - gibt es wirklich tolle die-hard-fans, die auch solche Texte mitsingen können. Habe ich selber auf dem Southside erlebt, dass da irgendein Schotte (der sich nicht auf der Bühne befand), den Vocodergesang inbrünstig mit geträllert hat. Allerdings von Hunted By A Freak. Und nicht von Killing All The Flies. Denn den habe ich sie bei immerhin vier Konzerten noch nie spielen gehört. Warum sie den nicht jeden Tag spielen, ist mir schleierhaft. Denn es gibt kein Stück von Mogwai, was erstens mehr zusammenfasst, wer sie sind und was sie machen, der zweitens live eine unzähmbarere Energie aufbauen müsste und das drittens schlicht und ergreifend schöner ist.
Und nur damit wir uns gleich richtig verstehen: Das was dieses Lied ausmacht, ihn groß und unverzichtbar macht, das passiert bei exakt 2:34. Dieser Ausbruch ist der allerbeste der jemals, und damit meine ich nicht nur die letzten zehn Jahre, in meiner musikalischen Welt stattgefunden hat. Einen besseren Klimax kann man wahrscheinlich auch gar nicht komponieren. Das hier wird hervorragend vorbereitet. Mit sich liebevoll umspielenden cleanen Gitarren. Der sehr schönen "Gesangs"-Melodie. Mit dem bedächtigen aber mächtigen Getrommel. Dem hypnotischen Minimal-Groove des Basses. Dem vorsichtigen Ansätzen, dem kurzen Zurückpfeifen für die zweite Strophe, der relativ raschen Steigerung in diesen straighten Spannungsrhythmus und der sich stetig nach oben schraubenden Melodie. Und ohne diesen Spannungsbogen übermäßig zu überspannen, wird dann zügig und prägnant zu dem Teil gekommen, dem ich nur folgendermaßen beschreiben kann: Orgasmisch.
Das ist eine wahres Feuerwerk aus der Soundatillerie. Die ganze Band plus Streicher und sonstigem Orchestergetöse fällt über einen herein, dass man wirklich nicht anders kann als sich dem hinzugeben und absolut geplättet zu sein.
Wem das jetzt beim ersten Mal hören nicht so ging, dem sei nur empfohlen sich das wirklich LAUT anzuhören. Man muss dazusagen, dass Mogwai, zu der Zeit als sie dieses Lied komponierten, als die zweilauteste Band nach Manowar galt. Ihre Auftritte waren ein gesundheitsgefährdendes Inferno. Die Verstärker glühten, die Club-PA ächzte. Alles war ans Maximum getrieben. Vor allem die Besucher mussten ihre Eingeweide festhalten, damit diese nicht durch Schalldruck resiziert wurden. Als ich 2005 die Band zum ersten Mal live in Berlin am Postbahnhof sah, sind sie schon dazu übergegangen dieses Extrem nicht mehr auszureizen. Allerdings ließen sie sich beim letzten Song des Sets, nämlich Glasgow Mega-Snake doch noch einmal dazu hinreißen. Und ich hatte wirklich das Gefühl, die Welt ginge unter, so massiv wurden die Zuschauer dort zugeballert mit einer unfassbar drückenden Soundwand. Ein sagenhaftes Gefühl, das ich seitdem immer wieder versuche nachzuempfinden, aber bisher nicht mehr erlebt habe. Und nun stelle ich mir das mit diesem wunderschönen Killing All The Flies vor. Das müsste wirklich ein geradezu reinigender, kartatischer Moment sein.
Daher also die Empfehlung die Regler der Anlage so weit es geht nach rechts zu drehen. Wer sich nicht traut Nachbarn, Mitbewohner, Eltern an diesem Erlebnis teilhaben zu lassen, nehme einfach Kopfhörer und gönne sich und seinen Ohren auf diese Weise dieses Erlebnis. Das Erstaunliche ist, dass trotz dieses krassen Schalldrucks der laute Moment nie schwammig oder unsauber klingt. Es sind dennoch alle Instrumente klar zu orten und auseinander zu halten, was extrem für die Produktion dieses Albums spricht. Druckvoll und dennoch klar. Ein Meisterstück.

2.) Maria Solheim - Too Many Days, 2003



Jetzt könnt ihr die Anlage wieder auf normale Lautstärke zurückstellen. Denn diese Dame aus Norwegen hat eine ganz andere Herangehensweise, um einen zu packen. Too Many Days ist nämlich reduziert auf das wirklich Wesentliche: eine fabelhafte Stimme, welche einen unglaublichen Text singt, begleitet von exakt einer Gitarre. Okay später kommen noch Bass, Schlagzeug, Banjo, Streichquartett und irgendwelche Synthies dazu. Diese schaffen es jedoch, das Lied noch weiter nach vorne zu bringen. Sehr weit. Bis an die Grenzen und darüber hinaus.
Einst, als es den fabelhaften TV-Sender Viva Zwei noch gab, erschien von Zeit zu Zeit eine junge Frau, um mit exzellenten redaktionellen Inhalt dem Zuschauer ihre Lieblingsmusik näher zu bringen. Diese Dame sollte später einigen Ruhm ernten, indem sie diverse Feuchtgebiete ergründete. In ihrem früheren Leben jedoch, wurde sie im Wesentlichen durch die Sendung Fast Forward ins allgemeine Indie-Gedächtnis katapultiert. Eines Tages entschied sie und ihre Redaktion sich dazu, das Video Too Many Days einer kleinen zierlichen Frau namens Maria Solheim vorzustellen. Man sah: wie sie in ein leicht antiquiertes Aufnahmegerät dieses Lied sang. Mehr nicht. Ich war dennoch bestürzt. Erfreut. Überwältigt. So einen wundervoll traurigen Song hört man nicht alle Tage. Sicherlich spielt es ihr zu Gute, dass sie mit der Stimme eines Engels gesegnet ist. Dass sie weiß, wie man ein Lied enorm geschmackvoll begleitet. Dass sie ein enormes Gespür für Timing hat. Mit letzterem meine ich nicht nur den, von mir immer wieder geliebten, unvermittelten, überfallartigen Beginn. Auch das Tempo ist ideal, jede Strophe, jeder Refrain, jede Gitarrenakkord dauert genauso lange, wie er klingen muss. Auch der Text fügt sich punktgenau ein. Der Einsatz der dazukommenden Instrumente ist haargenau abgemessen. Alles passt schlicht und ergreifend perfekt.
Dass dachte sich anscheinend auch das Fast Forward-Team, denn sie entschieden sich prompt in der darauffolgenden Sendung, das Video noch einmal zu zeigen. Ein Ereignis, was meines Wissens nach recht selten in der Show vor kam. Und wieder überkam es mich unvermittelt. Der Unterschied war diesmal nur, dass ich es geschafft habe im Videotext nachzuschlagen wer das wann wie gesungen hat. Schnell die CD bestellt. Fertig war das vollendete Glück für eine gewisse Zeit. Diese gewisse Zeit dauert bis heute an.
Während ich die Rezensionen schreibe, höre ich die entsprechenden Lieder natürlich immer in Dauerschleife. Und da kam es durchaus bei einigen Titeln vor, dass ich mir wünschte, ich vollendete endlich den Text. Nicht so bei diesem Stück. Jedesmal bin ich wieder aufs Neue erfreut, es noch einmal zu hören. Ein Glücksfall.

1.) Deftones - Knife Party, 2000



Dieses Lied, nein, dieses Werk ist seit geschlagenen neuneinhalb Jahren mein absolut liebstes Lied aller Zeiten. Durchgängig. Ohne dass je irgendein anderer Song auch nur in die Nähe seiner Größe kommen konnte. Nicht die neunundvierzig Lieder, die ich davor beschrieben habe und auch sonst keine anderen, die mehr als zehn Jahre auf dem Buckel haben.
Wie kam's? Wieder ein Schwenk auf die seligen Viva Zwei-Zeiten. Da lief mehrmals (!) am Tag ein Song namens Digital Bath der mich ganz und gar getroffen hat. Den ich besitzen musste. Den ich einsaugen wollte. Also ab in den Laden (Saturn in Hamburg, werde ich wohl nie vergessen) und White Pony gekauft. Extrem oft durchgehört und lieben gelernt. Den hier vorliegenden Song Knife Party fand ich schon immer gut, war aber nie unbedingt mein Favorit. Bis ich eines Tages das Buch Der Verschollene (Amerika) von Franz Kafka las. Nicht das Übliche, was andere Sechzehnjährige so tun, aber was soll's. Es hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Auf jeden Fall ist dieser Roman die Geschichte eines jungen Mannes, der in den US of A sein Glück versucht. Erfolg hat er dabei nicht wirklich viel. Eigentlich ist er von einer unfassbaren Menge an Pech verfolgt. Die Beschreibung, wie er von einer Scheiße - entschuldigt die Ausdrucksweise, es geht nicht anders - in die nächste rutscht, ist gruselig, niederschmetternd, schmerzhaft.
Ich muss an der Stelle eventuell noch kurz einschieben, dass ich eigentlich immer lese und dabei Musik höre. Hat sich halt so eingeschliffen und bisher fahre ich auch recht gut damit. Jedenfalls gibt es eine Stelle in dem Schriftstück, in dem der Protagonist wirklich und wahrhaftig den Boden erreicht. Er hat alles verloren, wurde bestohlen und folgt dann auch noch - weil ihm wenig Anderes bleibt und weil er ein unbeschreibliches Geschick besitzt, Murphy's Law zu personifizieren - den komplett falschen Leuten nach. Schrecklich. Man möchte in das Buch rufen "Tu das nicht. Wähle die Alternative. Mach nicht permanent so einen Scheiß. Bitte! Bitte!" Doch Kafka bleibt grausam und lässt den armen Kerl weiter ins offene Messer, welches mit allerhand fiesen Widerhaken versehen ist, rennen. Und dann auch noch stürzen. Wirklich und wahrhaftig grausam. Und an diesem genau diesem absoluten Tiefpunkt eines vorstellbaren Lebens ertönt dieses Lied.
Seine - noch clean gespielten - Gitarrenakkorde zu Beginn pusten sofort alle Lichter aus. Man ist darauf eingestellt: Von nun an folgt Finsternis. Und prompt mäht einen der massivst verfügbare Riff komplett nieder. Reißt einen sogar noch weiter nach unten. Als ob in einem Bergwerk unter Tage erst die Beleuchtung ausfällt und dann auch noch die tragenden Balken der Last nicht weiter Stand halten können. So klingt der Riff. Niederschmetternd. Was wohl damit zusammenhängt, dass die Gitarren unsagbar tief gestimmt sind. Ein Relikt aus der Deftone'schen New-Metal-Vergangenheit. Dieses aber optimal eingesetzt.
In der Strophe lässt die Band dann erstmal wieder Luft zu atmen, ohne aber für nennenswerte Beleuchtung zu sorgen. Doch im zweiten Teil des Vers - oder 2. und 3. Strophe ... so genau kann man das nicht sagen - folgt wieder die erdrückende Phon-Macht. So zieht sich das weiter durch. Laut-leise, hoch-tief. Doch das alles immer von den vollendeten Moll-Akkorden angeführt. Und darüber schwebt noch die stets zu brechen drohende Stimme des Chino Moreno. Resigniert, verzweifelt, traurig, depressiv und so weiter. Den Mann haben alle Lebensgeister verlassen - jedoch muss, muss, muss er weiter und weiter singen. So klingt das für mich zumindest. Der Mann singt von einer seltsamen Nihilisten-Feier, wo sich das Partyvolk mit Messern aufschlitzt, um zum Einen dadurch verbunden, gleich zu sein und zum Anderen sich zu öffnen, Nähe zulassen zu können, Liebe zu finden. Sehr seltsam das. Noch seltsamer ist, wie vertraut einem diese Vorstellung, dieser Gedanke vorkommt. Da hat jemand ganz tief in sich hinein geschaut und dieses faszinierend abstoßende Bild hervorgekramt. Und kann sich durch diese Parabel hervorragend öffnen und den Hörer und entsprechend tief in sich hinein schauen lassen. Beängstigend. Befreiend. Erstaunlich.
Doch das Lied ist damit noch lange nicht beendet. Nein für den C-Teil haben sich die Herren Deftones etwas ganz dramaturgisch wertvolles einfallen lassen: Mithilfe einer befreundeten Gastsängerin namens Rodleen Getsic, bekommt das Stück nun im Fortlaufenden eine besondere Note dazu: Die der schmerzenden Verzweiflung. Von wunderbaren - an orientalischen Gesang erinnernde - Melodien, die mehrfach durch den Hall- und Echoeffektwolf gejagt worden, schraubt sich das "Ohooohooho" in immer bedenklichere Höhen bis nur noch ein markerschütterndes, angstverzerrtes Kreischen übrig bleibt. Und es hört einfach nicht auf. Auch wenn schon längst der Refrain wieder eingesetzt hat, dringt der Hilferuf aus der Tiefe immer noch ans Ohr. Und man kann nichts tun. Man sitzt da und es sind einem die Hände gebunden, da man ja eigentlich nur mit modifizierten Schallwellen zu tun hat. Als ob man einen Mord am Bahnsteig vom Zugfenster aus beobachtet. Man erlebt das ganze Geschehen mit, kann dem armen Opfer aber nicht helfen, weil der Zug einfach weiterfährt und man ihn nicht verlassen kann. Dieses Erlebnis brennt sich ein und wird einen nie wieder los lassen.
Und so geschah es. Ich war gefangen. Die dunkle Welt des Prager Schriftstellers und die der Musiker aus Sacramento
hat sich verbunden und mich wirklich im Kern erschüttert.

Nie wieder sollte ich Musik davor oder danach so intensiv erleben. Kein Stück hat es seitdem geschafft mich derart heftig emotional anzurühren.
Egal um welche Emotion es sich handelt. Kein Lied konnte mir zum Beispiel in ein so intensives Gefühl der Freude verschaffen. Der Wärme. Der Traurigkeit. Der Hoffnungslosigkeit. Der Geborgenheit. Der Erotik. Der Angst. Des Hasses. Der Lust. Wohl gab es Lieder, die dieses Emotionen bei mir auslösen oder unterstützen konnten.
Doch nie war dieses Erlebnis so intensiv wie bei diesem Werk und der hoffnungslosen Verzweiflung, die es zu CD gebracht hat. Denn das ist das, worum es am Ende des Tages bei Musik eigentlich geht. Dass sie in uns Emotionen hervor zu holen vermag, die wir in der Intensität nicht für möglich gehalten hätten. Die uns mit- und gefangennehmen. Uns einfach nicht mehr loslassen. Die unser Leben begleiten und bereichern.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Rainbow Party - (9) Redoloris

Das vorletzte Mal für diese Liste.
So langsam flackern alle Lichter noch, bevor beim nächsten Mal die Kerzen komplett ausgepustet werden. Aber hier schon mal ein Fivepack um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Einen Lichtblick haben wir noch, ansonsten steigt die äußere Kälte in diese Zeilen und macht sich ordentlich breit.

10.) Mew - Symmetry, 2000



Danke Hanson!
Was? Hanson? Was haben denn die drei MMMbop-Brüder Isaac, Taylor und Zac damit zu tun?
Den Song Symmetry habe ich auf dem 2003er Werk Frengers der Herren Mew kennen gelernt. Allerdings wurde er bereits drei Jahre zuvor auf dem Album Half The World Is Watching Me veröffentlicht. Die Dänen haben sich hierfür Verstärkung am Piano von Klaus Nielsen und als Co-Sängerin die damals 13-jährige Becky Jarrett an Land gezogen. Und sie ist, glaube ich, auch der Grund warum ich diesen Song schon fast abgöttisch liebe.
Auch wenn der eigentliche Mew-Sänger Jonas Bjerre schon selbst eine sehr hübsche Mädchenstimme vorweist, wird er hier jedoch gnadenlos von dem Teenager aus Georgia an die Wand gesungen.
Ich bin mir nicht gerade sicher, dass mir der Song genauso gefallen würde, wenn Motörhead sich das Lied mal zur Brust nehmen würden. Denn es lebt meiner Meinung nach wirklich vor allem von Ms. Jarrett's herzzerreißend schönem Gesang.
Natürlich ist das Drumherum mit den hübsch zurückhaltenden Piano- und Gitarren-Geplänkel schon eine Wucht. Die Melodie wird wohl immer gnadenlos traurig klingen, selbst wenn es zum Poppunk von New Found Glory verwurstet werden würde. Der sich steigernde Aufbau katapultiert das alles in immer Schwindel erregendere Höhen. Das alles ist handwerklich begeisternd, hervorragend in Szene gesetzt und produziert. Und so weiter und so fort.
Eine Gänsehaut, oder zumindest Ansätze davon, bekomme ich jedes (!) Mal, wenn diese Stimme gleich zum Anfang zum ersten Mal erklingt. Den Drang die Augen zu schließen und mich forttragen zu lassen, wenn sie im Verlauf beim Schlagzeugeinsatz mit dem männlichen Gesang verschmilzt. Ein Idealfall.
Was für eine göttliche Fügung dass sich die beiden '98 im Hanson-Forum getroffen haben. Es hat meine Welt mehr als bereichert.
Danke, Hanson.


09.) Dredg - Δ, 2002



Ein Traum von einem Lied. Schwerelos. Beruhigend. Aufwühlend. Eine hervorragende Melodie. Mit warmer Stimme gesungen. Luftig produziert, obwohl es von den Instrumentalparts ziemlich kompliziert zugeparkt ist.
Natürlich sind Pauken, Klangschalen und dieser Text etwas viel des Guten. Da hat die Jungs aus Los Gatos wohl doch etwas zu sehr der Esoterik-Koller gepackt. Aber dennoch. Wunderschön. Man beachte den Schrei, wenn das Lied richtig losgeht. Kurz und erschreckend. Die krude und dennoch tragende Gitarrenarbeit davor. Das schier unfassbar breakige Drumming (gesamte Spielzeit). Der gedoppelte Gesang, wobei im Hintergrund eine raunende Stimme zu hören ist. Die Ähnlichkeit am Anfang mit Airdrop von Blackmail. Wie weit und dennoch kompakt das alles klingt. Was das für tolle Kopfhörer-Musik ist!
Und vor allem: Man höre und knie nieder vor diesem erhabendsten und erhebendsten aller denkbaren Ausbrüche, die man einem Song geben kann: Nach dem kurzen tribal-artigen Spoken Word-Teil "We live like penguins in the desert, why can't we live like tribes?" öffnen sich ab Minute vier und fünf Sekunden alle Himmel. Alle Pforten. Alle Arme. Alle Flügel. Alle Dämme. Alle Herzen.
Nicht dass man sowas nicht auch zuvor schon mal gehört hat. Die Editors oder Glasvegas bauen ganze Alben darauf auf. Aber das letztendlich so effektiv überwältigend einzusetzen ist eine wahre Kunst. Dass Dredg dies beherrschen haben sie hiermit unter Beweis gestellt.
Wahrlich himmlisch, das.

08.) Coheed And Cambria - Delirium Trigger, 2002



Coheed And Cambria ist wahrscheinlich eine der seltsamsten Bands der letzten zehn Jahre. Ihre gesamte Existenz bestand darin eine gigantische vierteilige Science Fiction-Saga namens The Bag.On.Line Adventures zu erzählen. Das ganze war auf fünf Alben konzipiert, weil der abschließende vierte Teil auf zwei LPs verteilt werden musste. Den Anfang machte der zweite Teil, dem auch dieser Song entnommen ist. Den ersten sind sie uns noch schuldig. Zwischenzeitlich hat sich die Band nämlich komplett selbst zersetzt, da dem egomanischen Sänger der relative Erfolg wohl etwas zu Kopf gestiegen ist, so dass erstmal die komplette ursprüngliche Band den Hut nahm.
Überhaupt Claudio Sanchez, was des Herrn Vokalisten, respektive Maestro grandeur, Namen ist. Ein Freak vor dem Herrn: 120 kg schwer, mit einer Friseur wie Sideshow Bob versehen, singt er mit einer sehr mädchenhaften Emostimme zu von ihm allein komponierten größenwahnsinnigen Progstücken hervorragende Popmelodien.
Das war scheinbar noch nie anders. Auch der hier vorgestellte Titel ist komplex bis zum geht nicht mehr. Schlägt Haken wo er kann, walzt immer wieder mit ordentlichen Gitarrenwänden über den Hörer drüber. Wird lauter und leiser und lauter und leiser und wieder lauter. Alles ist vertrackt und den Text muss man am besten in den großen Zusammenhang der Saga bringen. Doch etwas unterscheidet sich eindeutig von den späten wirklich größenwahnsinnigen Alben.
Das hier ist leidenschaftlich. Das hier brennt. Das hier drängt. Man hat das Gefühl als rücke einem die gesamte Band auf die Pelle, um dir den Song ins Gesicht zu schreien. Der Sound ist etwas rumpelig aber transparent.
Und Senor Sanchez singt hier meisterlich mit verteilten Rollen. Seine Interpretation einer Mädchenstimme schmeichelt sich bei mir im Herz mit großen Katzenaugen ein.
Und doch dieser Text: Es geht darum, dass die eine Hauptfigur Coheed ohne sein Wissen eine Apparatur namens Mon-Star in seine Brust implantiert bekommen hat, die ihn immer wieder ins Leben zurückholt, sozusagen unsterblich machtund gleichzeitig in eine Art Mr. Hyde verwandelt. Diese wird durch das Serum einer Libelle (Symboltier von Coheed And Cambria) zum Leben erweckt . In diesem Lied reflektiert und dialogisiert er das Leben mit dieser Chance/Last. Mal kurz gefasst. Wer's genauer wissen will, bitte hier kundig machen.
Jedenfalls: Was für ein toller Grundgedanke! Und wie toll das umgesetzt ist. Mit den sehr hübschen spacigen ruhigen Stellen und dem absolut überwältigenden Refrain "Oh dear God, I don't feel alive when you're cut short of misery ..."
Klar ist das herrlich abgedreht, aber geht dennoch mitten ins limbische System - dem Sitz der Emotionen. Der Song ist groß und hat dennoch kein Gramm Fett zu viel. Das ist durchdacht und dennoch hochemotional. Delirium Trigger ist ein Wunderwerk von Lied. Delirium Trigger ist schon lange ein Begleiter in meinem Ohr. Delirium Trigger ist songgewordene Passion.

07.) The Haunted - Hollow Grounds, 2000



Huch! Das ist ja Metal! Was hat denn das hier zu suchen?
Nun es ist einfach eines der besten Metalstücke, das ich in den letzten zehn Jahren gehört habe. Und es hat trotz Geschrei extrem Popappeal, wenn man mich fragt.
Also bitte nicht nach den typischen Metalsachen bewerten, denn von der Warte her ist es eigentlich ein schwacher Song. Viel zu langsam, viel zu abwechslungsarmes Riffing, nicht genug Hass, nicht genug Gewalt.
Und dennoch werde ich davon fortgespült. Woran liegt's?
Natürlich zuerst der Einstieg: Eine Wand von Gitarre bollert ungehindert auf einen ein. Dann: Der Gesang: Eine unglaublich gute Schreistimme! Ordentlich zerledert und dennoch dazu fähig Emotionen zu transportieren. Im Refrain mit diesem wässrigen Choruseffekt hervorragend kaschiert, dass man eigentlich keine gute Singstimme hat. Funktioniert sehr gut. Und auch das Schreien bleibt variabel - vom tiefen Growl bis zum Herz zerreißenden Gekeife ist alles am Start. Drittens dieses Grundriff, was in der Strophe und am Anfang zu hören ist. Es ist Gold wert. Erst hoch und melodiös um dann im B-Teil tief in den Tonkeller zu wandern. Das klingt massiv und dennoch eingängig. Wie eine Welle die einen erst kurz trägt und dann mit Wucht auf den Grund drückt. Aber auch die anderen Gitarrenparts sind nicht außer Acht zu lassen. Das hervorragende Alternative - Akkord - Stakkato - Spiel im Refrain. Das einfach und harmonische Solo in der Mitte. Und diese Zwischensalven bei circa 2:20 knallen einen wirklich um. Viertens der Text: Sehr nachvollziehbar beklagt sich das lyrische Ich über die Sinn- und Richtungslosigkeit seines Lebens. Und wer kann das nicht nachempfinden, dass man sich schon einmal komplett in seinem Leben daneben entschieden hat? Dass man sein Dasein und sein Tun in Frage stellen. Fragilere Gedanken als man hinter dieser harten Fassade vermuten würde. Und Fünftens: Das ganze Stück ist einfach von vorne bis hinten eine einzige massive Attacke, die einem entgegenbläst. Permanente lautstarke Beschallung, die einem keinen Platz zum Nachdenken lässt. Man wird einfach vier Minuten durchweg durchgebügelt. Oder man wird von einem Großaufgebot von 600 kg-Bullen verfolgt, wie in Pamplona. Immer weiter drauf. Immer weiter jeden frei werdenden Raum zu machen.
Dieses Ziel mit so einem kompakten und stringtentem Ergebnis zu erreichen, lässt mich einfach nur kapitulierend - also den Song liebend - zurück.

06.) Logh - Lights From Sovereign States, 2003



Stille.
Das beste letzte Lied, was man sich für eine Mixkassette vorstellen kann. Hier passiert fast nix.
Ein paar Klavierakkorde. Dazu ein paar geraunte bzw. gerade so gesungene Worte. Das alles sehr sehr langsam vorgetragen. Fertig ist das Lied. So einfach, so nachvollziehbar. Und dennoch soo intensiv. So ergreifend. So Aufmerksamkeits-absorbierend. Nichts Anderes passiert, während dieses Lied läuft.
Man unterhält sich nicht. Man arbeitet Nichts. Man berührt noch nicht mal jemand Anderes. Nein. Alles ist auf dieses Lied gerichtet.
Zumindest ist das bei mir so. Wie schaffen die Kerle das nur?
Die anderen Songs die sie so auf dem 03er Werk The Raging Sun so drauf gepackt haben, sind ja ganz nett. Traurig, düster, politisch. Ordentlich rumpelig im Klang. Aber letztendlich dennoch nix Weltbewegendes.
Aber dieser letzte Titel! Wie ein Schatz, den man am Grund des Ozeans hebt. Absolut niederschmetternd. Die Jungs haben es wirklich geschafft dieses Gefühl innerer Leere zu vertonen, dass einen ab und zu überkommt. Wenn man so nach einem Tag voller Arbeit, an der Bettkante sitzt und eigentlich nix mehr machen will und sogar zu ausgelaugt ist sich noch hinzulegen. Die Lichter um einen wirken dünkler als sonst. Der Atem geht beunruhigend gleichmäßig. Alle Mimik ist aus dem Gesicht gewichen. Man nimmt keine Geräusche mehr war. Die Gedanken ziehen vorbei, ohne sich aufzudrängen. Man ist allein. Der Kopf hängt. Und dennoch ist es kein Gefühl von Niedergeschlagenheit. Eher von Müdigkeit ohne Schläfrigkeit. Als ob Körper und Geist im Standby sind.
Genau zu diesem Zustand, auf jeden Fall, gibt es kaum ein besseres Lied. Und vor allem kein schöneres.

In dem Sinne wünsche ich mal frohe Weihnachten und ein paar besinnliche Festtage. Nächstes Mal gibt es dann das Finale grande. Mit den Top 5. Und einer Top 5 der Nebenschauplätze. Ihr werdet sehen.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Rainbow Party - (8) Lychnis

Hi there, folks!
Verzeihung, dass mein dieswöchiger Fünfer erst heute und damit einen Tag verspätet erscheint.
Jedoch bin jetzt schon seit längerem von der Internetwelt abgeschnitten und musste erst einen unbescholtenen Passanten damit drohen ihn gemeinsam mit dem kompletten Wu-Tang Clan und The Polyphonic Spree in eine einsame Waldhütte zu sperren, händigte er mir nicht seinen WLAN-Zugang aus.
Hat funktioniert und so kann ich hiermit wieder fünf der schönsten Dreieinhalbminüter der U-Musik des letzten Dekats vorstellen.
Viel Vergnügen!

15.) Elysian Fields - Passing On The Stairs, 2004



Das Duo Elysian Fields wird wohl bis in alle Ewigkeiten einer dieser Dauer-Geheimtipps bleiben. Dabei kann man den beiden eigentlich nur Großes wünschen. Derart wunderbare, düstere, getragene, bestürzend ehrliche Musik hört man einerseits nicht aller Tage und wird wohl dennoch nie aus der Mode kommen. Sie reihen sich hervorragend in die musikalischen Reihe eines Leonard Cohen, eines Nick Drake, eines Elliot Smith, eines Jeff Buckley oder von Portishead ein. Und das alles allerdings kombiniert mit dem Habitus von solchen hervorragend funktionierenden und arbeitsgeteilten Duos wie beispielsweise Goldfrapp. Er macht die Musik, sie singt mit einer Stimme, die Orpheus ähnlich die Tiere zum Sammeln, Bäume zum Neigen und Steine zum Weinen bringt.
Der Höhepunkt ihres Schaffens ist meiner Meinung nach das famose Album "Dreams That Breathe Your Name". Nicht nur, aber vor allem wegen dem hier vorliegenden Titel. Passing On The Stairs ist ein sehr klassiches Duett. Die beiden Vokalisten beschreiben mit verteilten Rollen die Begegnung von zwei geschlechtsreifen Menschen, die beide zueinander wollen, es sich jedoch nicht zutrauen. Was für ein traumhafter Plot, den ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann. Nicht nur das ja jeder verliebt war/ist/sein wird. Nein. Durch den Schwenk des Fokus auf den/die Angehimmelte(n), wird einem nochmal vor Augen geführt, dass der Gegenüber unter Umständen exakt die gleiche Gefühlswelt von einem selbst durchleben könnte. Für unsichere Menschen wie mich ein Lebenselixier, Hoffnungsschimmer, Realitätsbezug. Oder wie Señor Rhododendron es so gerne beschreibt: lebensrettend.
Der beste Text nützt natürlich nix ohne ohne die entsprechende Musik und die ist hier schlicht und ergreifend niederschmetternd. Schwer, traurig, getragen, moll-ig und von ausgesuchter Schönheit geprägt. Schwere, tiefe, langsame Klavierakkorde tragen das Lied, die später von einem fast schon kraftlos wirkenden Jazz-Schlagzeug und einem lahmen, erdrückenden Kontrabass und einem verloren wirkenden Cello begleitet werden und damit das Lied, die Stimmung und letztendlich auch den Hörer tief in den Keller hinab geleiten. Und damit einen perfekten Untergrund für diesen letztendlich doch sehr traurigen Gesang schaffen. Ein weiterer hervorragender, dunkel schimmernder Diamant der neueren Popmusik.


14.) Muse - Hysteria, 2003



Eines der energetischsten Lieder, die ich kenne. Eine wahre, alles verschlingende Walze von Basslauf, der mir als Basser den puren Neid ins Herz schießen lässt, treibt - und ich betone das Wort treibt - den Song voran, hetzt ihn, gibt ihm die Sporen, peitscht ihn durch die dreieinhalb Minuten. Die Gitarre stellt den Sturm dar, der das Song-Gespann noch massiver nach vorne bringt. Doch das Schlagzeug gibt dem ganzen Gebilde durch seinen relativ straighten Diskobeat einen wichtigen Teil Leichfüßigkeit und Nachvollziehbarkeit. Dass Matthew Bellamy durchweg hochemotional singt, braucht man nicht mehr zu betonen. Dass er leidenschaftlich und dennoch sauber und melodiös singt ist erstaunlich und Allgemeingut. Die Komposition an sich ist natürlich ein krasser Ohrwurm und dürfte auch in der Akustikversion keine Gefangenen nehmen. Das hier tobt, wütet und hetzt den Hörer von einem Höhepunkt zum nächsten. Dass es jedoch nicht bei einem gewöhnlichen Pop-Punk-Song verbleibt, was ja auf eine derartige Beschreibung auch vorstellbar wäre, liegt einfach daran, dass Muse diese unverschämte Genialität besitzen, einen Song immer bis zum letzten Jota auszureizen. So gibt es halt ein einfaches, aber spitzenmäßig funktionierendes Gitarrensolo. Diesen Moshpart nach dem Refrain und den sehr catchy und dennoch massiven Leit-Riff. Überhaupt fasst, glaube ich, das Wort massiv diesen gnadenlosen Hit am besten zusammen.


13.) The Cooper Temple Clause - Blind Pilots, 2003



Und noch ein brillanter Popsong, der ein ziemlich penetranter Ohrwurm ist und mich dennoch noch nie genervt hat.
Auch wenn ich den Opener des Opus Magnus Kick Up The Fire And Let The Flames Break Loose (Albumtitel des Jahrzehnts!) The Same Mistakes in den Jahren seit seiner Erscheinung wohl viel öfter gehört habe, packt mich dieses kleine Wunderwerk hier stets immer etwas unvermittelter. Denn auch wenn der andere eine grandios wachsendes - sich stets steigerndes - Songmonster darstellt, der mein Postrock-Herz höher schlagen lässt, haben wir hier einen Refrain vorliegen, der einer der besten - nicht nur des letzten Jahrzehnts - ist. Auch wenn die Strophe sehr gelungen ist und auch das psychedelische Interlude zu gefallen weiß, strahlt das Lied vor allem wegen dieses erhabenen Chorus, der Himmel und Erde zu vertauschen mag. Exzellent vorgetragen, überzeugend arrangiert packt er dich, wirft dich nieder, spaltet deinen Brustkorb, fetzt dein Herz raus, versieht es mit einem Paar Flügel und lässt es fliegen.


12.) Aqualung - Can't Get You Out My Mind, 2002



Was für ein schönes Liebeslied! Eine Ode an die Partnerin, die das lyrische Ich immer wollte. Gefühlvoll bis zum Geht-nicht-mehr. Süß und schnucklig mit seinem hohen Klaviergeklimper und der niedlichen hohen Stimme, die es gerade so schafft, diese Töne zu trällern. Und dennoch erhaben in seiner hohen Kompositionsschule und textlichen Einfacheit. Trotz oder gerade wegen seiner Simplizität würde sicher jeder sich wünschen, dieses Lied singen zu können. Denn wer möchte denn nicht gerne von sich behaupten können sagen zu können
And I'm petrified,
Hypnotized
Everytime you walk by
And I can't get you out of my mind

Und letztendlich feststellen zu dürfen:
I can't believe it's true
that you're here by my side
.
Würde jemand anderes diesen Text singen, würde man das so wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen oder nicht ernst nehmen, egal ob es Jessica Simpson oder Maynard James Keenan von Tool wären. Doch da Herr Matt Hales sich dazu entschieden hat, auch die Produktion zu diesem Titel so authentisch wie möglich zu gestalten - keine großen Effekte, keine Verfremdungen, keine anderen Sänger, überhaupt auch keine gedoppelte Gesangsspur, kommt diese Wirkmacht der Aussage besser zur Geltung. Ja, man nimmt ihm das ab, was er da singt. Dadurch kommt es wahrscheinlich auch, dass man so einen starken persönlichen Bezug zu dem Gesagten aufbauen kann und seine persönliche Flamme darauf projezieren kann.
Ich bleibe bei meiner Feststellung:
Was für ein schönes Liebeslied.
Übrigens: Matt Haines hat seine Co-Songwriterin Kim Oliver zwischen dem ersten Album - dem dieses Lied entnommen ist - und dem zweiten zu seiner Gemahlin gemacht ...


11.) Depeche Mode - Freelove, 2001



Wo wir schon beim Thema Liebe sind: Einen etwas abstrakteren Zugang zu diesem großen Thema wählen die Herren Mode.
Zu sehr entspannender aber nie unspannender musikalischer Untermalung mit einer verschlafenen Gitarre und einer Vielzahl an Samples und Effekten, kann Mr. Gahan von seiner schönen Wahrheit der freien Liebe erzählen. Damit ist natürlich nicht die sexuelle Konnotation angestrebt, sondern eher der spirituelle, zwischenmenschliche Ansatz:
No hidden catch,
no strings attached
just free love.

Ist das nicht wunderschön? Ein Gegenpol zu der "What's in it for me?"-Mentalität, die unser Denken inzwischen fest im Griff hat, sagt das lyrische Ich einfach nur: "Ich weiß nicht was die Wahrheit ist, ich gebe einfach nur Liebe umsonst." Passend zum ausladendem Gestus mit dem sich Dave Gahan live präsentiert, wirkt das hier beinahe wie eine moderne Jesusfigur. Mag sein, dass das idiotisch ist. Mag sein, dass das sarkastisch gemeint ist. Mag sein, dass das pathetisch ist. Mich erwischt das mit voller Breitseite. Es treibt mir wirklich die Tränen in die Augen, wenn ich diese einfache und überwältigende Botschaft höre.
Allerdings muss ich beim Thema DM dazu erwähnen, dass ich mich sonst immer sehr schwer damit tue, diese heldenartige Verehrung, die ihnen seitens der Fans entgegen brandet, nachzuvollziehen. Diese Liebe zu diesem Lied ist definitiv nicht personengebunden. Den Text könnten Mayham singen und ich wäre genau so erschüttert und bewegt. Jedoch verstehen es Depeche Mode hier die Lyrics als Essenz des Songs wahrzunehmen und dementsprechend dem Gesang auch ausreichend Raum zu lassen. Gleichzeitig fungiert die sehr sehr chillige Musik als Unterfütterung. Nicht als Beiwerk sondern als tragendes Element, was sich jedoch nie in Vordergrund drängt.
Ich muss dazu erwähnen, dass als Besprechungsgrundlage, die auch im obigen Video zu hörende Single-Version Pate stand. Zwar ist auch die Album-Variante von ausgesuchter Schönheit, der Flood-Remix (was gleich bedeutend mit Single-Version ist) zeichnet sich jedoch dadurch aus, diesen sowieso schon reduzierten Song noch weiter von allem Effekt-Ballast zu entlasten, zu straffen und zu entschlacken, so dass dieses kompakte Stück Pop bei entsteht, was ich auch so zuerst kennen und lieben gelernt habe.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Rainbow Party - (7) Tidings

Wie bereits versprochen, werde ich heute am 100. Jahrestages der Versicherung von zwei deutschen Luftschiffen bei Lloyd's (für 600 000 Mark!) wieder Programm-frei meine Lieblingshits runterleiern.

20.) Black Kids - Love Me Already, 2008



Ich halte ja Partie Traumatic ja für ein sehr gelungenes Album, was in meinen Ohren de facto ausschließlich Hits (wobei I'm Not Gonna Teach Your Boyfriend How to Dance with You noch nicht mal wirklich das beste ist) zu bieten hat, die alle nochmal zahlreich mit vielen liebenswürdigen Details aufwarten. Der absolute Höhepunkt dieses fantastischen Werkes ist meiner Meinung nach Love Me Already. Schon den Titel/Refraintext finde ich sehr geil. Dieser dringliche Aufruf einen endlich zu lieben, der irgendwie klingt wie ein kleines quengeliges Kind, dass auf der einen Seite total niedlich und unbeholfen wirkt und auf der anderen 100%ig nachvollziehbar. So fühle ich auch, das spricht mir aus der Seele. So passt es natürlich auch sehr gut, dass diese kleine Anektode, die in dem genannten Ausruf kulminiert, von ziemlicher Kirmes-Musik unterlegt wird. Zwar nicht im klassischen Stampf-Stampf Stumpf-Stumpf-Sinne, sondern eher von der Grundstimmung - da passiert an allen Ecken und etwas und von allem viel zu viel. Da hört man die Streicher vom Karussel, den hüpfelten Bass vom Breakdance, irgendein Mini-Piano-Synth-Sound von der Losbude, ein gut rumpelndes Schlagzeug vom Autoscooter, hibbelige Percussion von der Schiffsschaukel und eine hübsche Orgel vom Riesenrad. Und rundherum aus allen Ecken und Enden freudig erregtes Reden und Rufen. Nur der Kartenabreißer am Eingang stimmt einen mit seinem leidenden, flehenden, weinerlichen Organ etwas melancholisch. Ja, die Musik wirkt wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, ist unruhig und schwer unter Kontrolle zu halten, was den Black Kids aber doch gelingt, weil sie sich nicht in Spielereien verlieren, sondern lieber so viele wie möglich in einen Dreieinhalbminuten-Song quetschen möchten. Herrlich.

19.) The Twilight Sad - I Became A Prostitute, 2009



Eine brachiale Urgewalt das! Die Schotten lassen die Verstärker glühen, dass es eine wahre Freude ist. Zwischen die massiven Soundwälle passt kaum noch ein Blatt Papier, wenn sie erstmal auf einen niederprasseln. Da hilft auch kein Festhalten mehr, wann wird doch früher oder später einfach fortgespült. Das hört sich dann oft ziemlich deutlich wie My Bloody Valentine an und erinnert auch an deren Vorschlaghammer-Schönheit. Doch im Gegensatz zu ihren schottischen Kollegen aus den 90ern verlieren sich The Twilight Sad nicht in psychedelische Spielereien, sondern sind immer darauf bedacht einen Popsong durch den Phonwolf zu drehen. Dass I Became A Prostitute auch ohne den Lärm funktioniert, kann man sich gerne hier vergegenwärtigen. Ja, die Herren sind begnadete Songwriter und mit diesem hier haben sie definitiv ein Meisterstück abgeliefert, welches sich ganz tief in die Ohren frisst, um dort als Wurm weiterzuleben, der dann recht schnell zum Herzen weiterwandert und sich dort zu den anderen Lieblingsliedern legt und ein einfaches, aber glückliches Leben führt.

18.) Tiger Lou - Days Will Pass, 2005



Was für ein Runterzieher. Dunkel, mollig, zwischen schleppend und treibend, aber stoisch, und eine todtraurige Melodie mit brüchiger Stimme vorgetragen. Gut, das könnte auf jedes Tiger Lou-Lied passen. Aber hier sind all diese Komponenten ins Extrem getrieben. Trauriger und hoffnungsloser, bei gleichzeitiger melodiöser Ohrschmeichelung, klang er meiner Meinung nach nie.
Viel brauche ich nicht mehr dazu schreiben, schließlich ist der depressive Schwede bekannt wie ein bunter Hund. Und alle die seine Musik vorher nicht kannten, wurden sofort gefangen genommen und sind große Fans geworden. Zumindest habe ich die Erfahrung gemacht. Zuerst bei mir (nochmal danke, rhododendron!) und schließlich prinzipiell bei jedem, dem ich das vorgestellt habe. Irgendwie schafft Herr Kellermann es, einen ganz speziellen Nerv zu treffen. Nämlich den für traurige Popmusik. Und das aber in Perfektion. Von mir aus könnte das Lied 20 Minuten lang sein, ich würde immer noch gebannt und in die Atmosphäre gezogen zuhören.

17.) Revolt - Leader Of My Soul, 2006



Ob das "mal" eine gute deutsche Band ist, kann ich nicht sagen. Wohl aber weiß ich, dass dieses Lied einfach nur der Knüller ist. Leidenschaft, tolle Melodie und kompositorisch ein gutes Händchen kommen hier zusammen. Dummerweise hatte ich bisher bloß noch nicht die Möglichkeit gehabt, mich mit dem OEuvre der Herren Berliner genauer auseinander zu setzen. Daher kann ich nicht sagen, ob das bei der Band nun die Regel ist, so geile Lieder zu schrieben, oder mehr eine glückliche Ausnahme. Auf jeden Fall war es sogar den Businessmen beim Major Universal Grund genug, die Buben unter Vertrag zu nehmen. Ob sich das ausgezahlt hat, wage ich mal stark zu bezweifeln. Immerhin scheinen sie es noch nicht mal zu einem zweiten Album gebracht zu haben.
Ist ja auch Wurst. Denn wir haben uns ja hier eingefunden, um den Song zu feiern. Und der ist einfach grandios. Wie schön am Anfang der Bass rollt. Wie reduziert und dennoch effektiv die Gitarre erklingt. Was für eine tolle Melodie der Sänger singt. Und mit was für einer schönen Stimme. Das hat Kraft und ist dennoch wohlgeordnet. Und man beachte das hübsche Produktionsgimmick bei der Textzeile "The leader of my soul".

16.) Goldfrapp - Utopia, 2000



Wie sich das für das Goldfrapp-Album Felt Mountain geziemt, schreibe ich dazu einfach mal:
-

Hoffentlich waren wieder ein paar Entdeckungen für die veehrte Leserschaft dabei. Ich wünsche einen schöne zweite Adventswoche.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Rainbow Party - (6) Prosperousness

Ach, wie sehr habe ich mich darauf gefreut. Heute endlich kann ich meinen Beitrag leisten zum Thema peinliche Lieblingslieder. Sprich Songs, die sehr gut sind, nur leider von Interpreten vorgetragen werden, die eher nicht dadurch auffallen. Jeder hat sie und so halt auch ich. Viel Freude beim Wiederentdecken!

25.) Die Ärzte - Junge, 2007



Gut ... wirklich peinlich ist es nicht Die Ärzte toll zu finden. Schließlich haben sie sich beharrlich und mit sehr viel Eigensinn einen unabhängigen und dennoch erfolgreichen Status erspielt. Und dass sie musikalisch wirklich was drauf haben, ist auch kein Geheimnis. Was soll's: Der Titel war auf Platz 1 und wurde in dem Sommer vor 2 Jahren zu Tode gespielt. Nur halt nicht bei mir.
Auch jetzt höre ich es noch sehr gerne. Kompositorisch kann man einfach nur neidisch sein auf dieses kraftvolle und dennoch - durch die Melodie in Moll - melancholische Werk. Und auch die Performance ist kaum steigerbar. Herr Urlaub singt mit so viel Leidenschaft, dass es eine wahre Freude. Der Einsatz in den Refrain entfacht einen wahren Orkan, der droht den Hörer hinfort zu spülen, wenn er sich nicht rechtzeitig festhält. Die Gitarren peitschen, das Schlagzeug hämmert und prompt bricht es auch wieder in der Strophe zusammen. Dazu der wahrscheinlich extrem nachvollziehbare Text über die Diskrepanz zwischen Eltern und Kind. Macht summa summarum einen reifen, kraftvollen und wunderschönen Popsong.
Eigentlich wäre es ja angebracht dazu auch das recht aufwendige Zombievideo zu zeigen. Jedoch finde ich, dass es leider zu sehr von dem fantastischen Lied ablenkt und es leider auch etwas ins Lächerliche zieht, was es nicht verdient hat. Aber so ist das nunmal mit den störrischen Die Ärzte. Alles Schöne muss anscheinend zerstört werden.


24.) Kylie Minogue - Can't Get You Out Of My Head, 2001




Auch das dürfte nicht gerade eine große Überraschung sein. Schließlich wurde ja schon zur Zeit der Veröffentlichung klar, dass wir es hier mit einem unglaublich eingängigen und dennoch langlebigen Titel zu tun haben, der am Ende des Tages einfach nur brilliant komponiert, arrangiert und produziert ist.
Wenngleich Kylie Minogue das Lied ganz hübsch eingesungen hat, dürfte klar sein, dass sie sonst nicht viel damit zu tun hat. Die Anerkennung geht an dieser Stelle an die beiden Schreiberlinge. Das wären zum Einen Rob Davis, der früher mit seiner eigenen Band Mud schon recht erfolgreich war und später vor allem mit dem Song Groovejet (Spiller) wieder in Erscheinung getreten ist. Zum Anderen gehen die Props an die Britin Cathy Dennis, die bereits eine erstaunliche Latte an tollen Songs mitgeschrieben hat, wie beispielsweise Katy Perrys I Kissed A Girl , oder auch Toxic von Britney Spears, die neben ihrer unbestreitbaren Güte auch unwahrscheinlich erfolgreich waren. Wobei dieser hier wohl zu ihrer wichtigsten Arbeit gehören dürfte.
Was ist daran nun so toll? Wer die Original Disko-Version nicht so mag, dem sei an dieser Stelle empfohlen, sich die schon fast postrockige Interpretationen von Coldplay oder die pompös-schmachtende von The Flaming Lips mal zu Gemüte zu führen. Da werden wirklich noch ganz neue Qualitäten dieses Machwerks offenbart. Zum Beispiel wie wunderbar traurig diese Melodie ist (Flaming Lips), oder wie sich der Song immer flächiger aufbaut, bis man nahezu in einen Trancezustand verfällt. Und was das für ein Lied ist, das eigentlich nur zur Nacht passt (Coldplay).
Doch auch das Original hat so seine Qualitäten. Neben dem offensichtlichen hervorragendem Groove und dem hauchenden Mädchen-Gesang von Ms. Minogue, sind es auch die kleinen Detail, die dieses Lied so liebenswert machen. Beispielsweise, die hin und wieder auftretenden spacigen Störgeräusche, dem schönen hohen Streichersynthie gegen Ende, dieser Wah-Synth rechts bei Won't you staaayy, der kurze Background-Gesang zum Schluss. Und vor allem dem ganz gar perfekten Rhodes-Piano ab der zweiten Strophe. Das sind Sachen, die man eigentlich nur mit Kopfhörern wahrnimmt, weil sie so weit an den Rand gedrängt sind, dass sie fast verloren gehen. Aber halt nicht ganz. Und dadurch tragen sie das Lied in wahrhaft höhere Ebenen.

23.) Avril Lavigne - Losing Grip, 2003




Die vierte Single aus dem absoluten Kassenhit Let Go wurde, glaube ich, schon gar nicht mehr so richtig wahrgenommen und konnte auch nur noch in Hong Kong die Spitzenposition der Charts erklimmen. Warum das so ist, erschließt sich mir aber nicht. Denn im Gegensatz zu den recht langweiligen und auch nicht gerade mit Jahrhundertmelodien gesegneten ersten Singles Complicated und Sk8er Boy haben wir hier einen grandiosen, treibenden, eingängigen und leidenschaftlichen Hit vorliegen, der, wenn er von den Foo Fighters gespielt worden wäre, sicher auch in erlauchten Musikkritiker-Kreisen ein gutes Renommee erhalten würde. Schließlich stammt er auch aus der Feder des erfahrenen Songwriters Cliff Magness. Zwar bekommt auch Avril Lavigne writing credits, die sich wahrscheinlich aber hauptsächlich auf den Text beziehen, der aber leider etwas flach geraten ist.
Nichtsdestotrotz haben wir hier einen unfassbar tollen und wieder einmal gut molligen Refrain vorliegen, auf den natürlich das ganze Lied zuläuft, was aber nicht heißen soll, dass die Strophen nur zum unnützen Beiwerk vorkommen, sondern auch diese sind sehr stringent und schön anzuhören. Nicht zuletzt ist es auch beachtenswert, dass an der Stelle doch recht laute Gitarren zum Einsatz kommen, was dem ganzen einen hübschen Grunge-Touch verleiht, dem ich natürlich sehr zugetan bin.
Ein superber und kraftvoller Album-Opener, wie er im Bilderbuch der Poprock-Musik steht.

PS: Ich möchte die Leserschaft mal dazu anhalten auch die Vorgänger-Single I'm With You und das sehr gute David LaChapelle-Video jetzt viele Jahre nach dem Hype noch einmal neu zu goutieren und ein halbwegs objektives Urteil zu fällen. Ihr werdet staunen. Hoffe ich. Sonst muss ich ganz schön an mir zweifeln.

22.) Evanescence - Going Under, 2003



Noch ein vergleichsweise unbeachteter Albumopener. Neben den Smashern Bring Me To Life und My Immortal fand Going Under etwas mehr außerhalb der Öffentlichkeit statt.
Gut, Vorraussetzung um das zu mögen ist natürlich, die sehr gepresste Gesangsart von Amy Lee und auch die pseudo-düsteren Samples zu ertragen. Wenn man da aber mal drüber wegschaut, kommt ein erstaunlich kompakter und dennoch schwelgerischer Popsong bei rum, den ich mir immer wieder gerne anhöre. Besonders hervorzuheben ist natürlich der sehr luftige Pre-Chorus (I'm dying again) der daraufhin sehr hübsch von dem schon übermenschlich schönen Chorus samt Post-Chorus niedergewalzt wird und den Hörer dabei ganz weit weg befördert. Das textliche Bild vom Treiben im Wasser wurde - meiner Meinung nach - ziemlich gut getroffen, um die Stimmung des Liedes zu vermitteln. Okay. Mehr kann ich dazu gar nicht beschreiben, denn dafür ist das ganze doch viel zu eingängig und vordergründig. Das Lied hat kein Geheimnis, sondern legt sich dem Hörer frei vor die Füße. Es liegt dann nur an ihm, ob er es aufnimmt, oder darüber hinwegsteigt. Ich empfehle sehr ersteres zuzulassen.

21.) Britney Spears - Everytime, 2004




So ein schönes, poetisches, trauriges Liebeslied, das für so eine Big Production erstaunlich zurückhaltend produziert wurde.
Dass Britney Spears in den meisten peinliche Lieblingslieder-Listen auftauchen muss, weiß man spätestens seit dem Travis-Cover von Hit Me Baby One More Time. Denn irgendwie schafft sie es immer, die besten Songwriter um sich zu scharren. So konnte sie unter anderem Cathy Dennis und Max Martin verpflichten, welche uns bereits viele Popperlen verschafft haben. Für diesen Song hat sie sich jedoch mit Αννέτ Αρτάνι (repräsentierte 2006 mal Zypern beim Eurovision Song Contest) zusammengesetzt und gemeinsam haben sie diesen Traum von Ballade entworfen.
Luftig instrumentiert mit Piano, Glockenspiel und sehr dezenten Tabla-Percussions bietet es genug Raum, damit sich Britney Spears mit großer Zärtlichkeit in die Ohren des Hörers schmeicheln kann. Und der kann sich rundherum wohl fühlen, wenn sie ihren traurigen Abgesang auf eine Beziehung heraushaucht. Im weiteren Verlauf gesellen sich dann noch Synths und Streicher dazu, die aber nie die Oberhand gewinnen und stets Raum zum atmen lassen.
Aber auch ohne den ganzen Produktionshandwerk von Guy Sigsworth (u.a. Björk, UNKLE) haben wir immer noch ein wunderbar melancholisches Werk vorliegen, dass in allen Teilen und im Zusammenspiel perfekt ist. Dass wir den Song nun mit dieser sehr hübschen Instrumentierung und nicht als episches Death Metal-Stück haben, halte ich für einen doppelten Bonus. Denn so kann es sein komplettes Potenzial entfalten. Und das ist groß.

Das wäre es dann erstmal mit dem Special. Von nun an gibt es wieder Titel, die einem nicht von jedem Billboard entgegen schreien. Dennoch sollte dadurch mal wieder klar geworden sein, dass tolle Musik überall liegt, vom feinsten Bob Dylan-Loft bis zur Eurodisco-Gosse. Man sollte nur die Ohren offen halten.
Bis nächste Woche.

Mittwoch, 25. November 2009

Rainbow Party - (5) Estrangement

Hi there!

Weiter geht's im Text. Heute wieder viel Nachdenkliches. Aber es ist ja auch November da hört man sowas gern. Keine Sorge, einen Arschtritt habe ich dennoch parat.
Viel Freude nichtsdestotrotz.

30.) Leonard Cohen - A Thousand Kisses Deep, 2001



Billige Keyboards. Viel zu viel Hall an allen Ecken und Enden. Warum muss eigentlich die Frau permanent im Hintergrund die gleiche Melodie mitsingen? Boah, ist das lang. Was will mir Herr Cohen eigentlich mit dem Text sagen? Kann der nicht mal konkret werden? Da muss ich ja glatt eine Internetseite zu Rate ziehen! Solche Musik kommt normalerweise, wenn Chris de Burgh bei Verstehen Sie Spaß? auftritt. Mit viel Kunstnebel, dämlicher Beleuchtung, Weichzeichner und schwarzen Backgroundsängerinnen. Der Mensch der das "Schlagzeug" programmiert hat, muss ja schwer auf Dope gewesen sein. Es geht wirklich spannender. Oh! Das ist die Frau, der diese Stimme gehört, die da im Hintergrund zu hören ist. Sowas darf nicht, kann nicht, sollte nicht als gute Musik bezeichnet werden!
Aber wie meditativ und kontemplativ kann ein Lied eigentlich noch sein? Wieso schlafe ich dennoch nicht ein, sondern bin konzentriert und gleichzeitig beruhigt? Wie kraftvoll und klar kann eine Komposition eigentlich sein? Kann mal bitte einer einen poetischeren Text schreiben? Wieso stört mich die Frau im Hintergrund nicht, sondern trägt sie Melodie entscheidend mit? Und vor allem: Wo bekomme ich mal bitte eine so unfassbare Stimme her?

29.) Straylight Run - Now It's Done, 2004



Taking Back Sunday sind im Prinzip die Band, bei der im Prinzip jeder sofort sagen würde: Das ist 100% Emo. Sie sind quasi der Stil. Sie waren mit die ersten die auf der Bildfläche erschienen und irgendwie auch mehr oder weniger Vorreiter und Könige des Emo-Rocks. Gerade als sie dabei waren so richtig durch die Decke zu gehen, findet John Nolan, dass er mehr Lust auf andere Musik hat. Er verlässt die Shooting Stars der Szene, um gemeinsam mit seiner Schwester und zwei anderen Enthusiasten fortan unter dem Banner Straylight Run Popmusik mit sehr viel Piano und wenig bratenden Gitarren zu machen.
Zum größten Teil singt er selbst und es klingt richtig gut. Doch wenn seine - sehr hübsche (ja das finde ich erwähnenswert) - Schwester zum Zuge kommt, dann geht die Sonne auf.
Wenngleich sie im vorliegenden Lied von der Bitterkeit einer Trennung singt, klingt das Lied dennoch sehr süß und bekömmlich. Um nicht zu sagen himmlisch. Zart instrumentiert, ordentlich strukturiert, sauber produziert wie man es erwarten kann, ist das Fundament geschaffen, dass Michelle Nolan ihre traurige und wunderschöne Weise singen kann.
Ja, das ist Kitsch. Ja, das ist schmalzig. Ja, das ist OC California-Musik. Ja, ich bin froh, dass ich dieses Lied kenne.

28.) The Fall Of Troy - Act One, Scene One, 2005



Na? Wem ist das hier zu High Energy?
Ich weiß nicht was die Herren Troy so zum Frühstück essen, aber ich wette, irgendwo ist da Speed, Crystal, Ecstasy und Kokain versteckt. Das alles garniert mit reichlich Tabasko und dazu einen schönen fünffachen Espresso! Die Musik kann einfach nicht so richtig still sitzen. Ich frage mich, wie die Jungs spielen gelernt haben. Man sollte sich vor Augen halten, dass sie zum Zeitpunkt der Aufnahme etwa 18 Jahre alt waren. Allerdings befinden sich auf dem Album Doppelgänger auch Songs, die sie bereits zwei Jahre vorher auf einem selbstbetitelten Demo-Album veröffentlicht haben. Mit 16 (!). Und wir reden hier nicht von irgendwelchen schrammeligen Bright Eyes-Folk Songs. Nein, wir reden hier von einer Band die supertight zusammenspielt, obwohl jeder Instrumentalist für sich eigentlich Parts spielt, die das Spiellevel von 80% anderer Leute, welche in einer Band spielen, übersteigt. Dazu kann der Gitarrist noch singen wie ein Verrückter. Schaltet blitzschnell von einem recht klaren und schönen Gesang zu einem berserkerhaften Geschrei um, oder auch mal zu einem Justin Timberlake-Falsetto ("I just want your attention baby, every sweat-soaked night, every taunting fight!!!") der poppigsten Sorte. Dieses ganze Können gießen sie in Songs, die dermaßen zerhackstückelt sind bzw. so viele Haken schlagen, dass man sich fragt, wie die sich das zur Hölle alles merken können.
Bis hierhin könnte man natürlich meinen, das ist im Wesentlichen so eine Muckerband-Band wie Dream Theater oder so, die also hauptsächlich Musik machen, damit andere Musiker blass vor Neid werden. Doch noch nicht mal das trifft zu - zumindest meiner bescheidenen Meinung nach. Nein, was wir hier vorliegen haben, ist hoch emotionale, eingängige und durchaus Ohrwurm-taugliche Musik, die allerdings den Hörer ein wenig hin und her wirft. Und im Gegensatz zu den Kollegen von The Mars Volta, die sich bei gleichem Ziel gerne mal im Raum-Zeit-Kontinuum verlieren, besteht diese Gefahr bei The Fall Of Troy nie so richtig. Dafür sind die Stücke doch zu straff, kompakt und letztendlich auch ... poppig.
Atemberaubend das.

27.) Beth Gibbons & Rustin Man - Sand River, 2002



Von hart zu zart. Zärter. Am zärtlichsten. Zaghafter kann man einen Song eigentlich nicht instrumentieren und singen. Vorsichtig. Suchend. Unsicher.
Dass man allerdings auch nicht gerade Thrash Metal erwartet, wenn sich die Sängerin von Portishead mit dem Bassisten von Talk Talk zusammentut, dürfte auch klar sein. Aber sowas? Wo man immer Angst hat, dass das Lied unter seiner eigenen Last zusammenbricht? So leise, fast flüsternd, bringt Ms. Gibbons ihre Beobachtungen an den Mann, dass man automatisch konzentriert bleibt, um ja nix zu verpassen. Dazu streicht, wer auch immer gerade Gitarre spielt, scheinbar mit einer Feder über die Saiten. Dezent wird der Bass gezupfelt, und das Schlagzeug hat hier seinen Namen auch nicht verdient. Tupfzeug wäre angebrachter.
Das wäre eigentlich hervorragende Musik für den Herbst, für die Zeit am Kamin, oder auch um in einer klaren Sommernacht sich auf einem Floß stromabwärts treiben zu lassen. Wären die fallenden Blätter, das Knistern des Feuers, das sanfte Rauschen des Flusses nicht so verdammt laut im Vergleich zu diesem fragilen Wunderwerk.

26.) Blackmail - Airdrop, 2003



Friend Or Foe ist nicht nur das beste Album, was in den letzten zehn Jahren aus Deutschland kam. Nein, es ist auch noch allgemein eins der besten Alben, die jemals veröffentlicht wurden. Denn auf diesem war die sowieso schon fabelhafte Band Blackmail auf dem absoluten Höhepunkt ihres Schaffens. Rauh, schroff und laut, wie man es vorher bereits von Gitarrist Kurt Ebelhäusers erster Band Scumbucket kennt, im Sound. Melodisch, traurig, kraftvoll in der Musik. Kein einziger Ausfall. Nirgends. Weder in der Komposition, noch im Arrangement, oder in der Performance. Alles passt. Alles sitzt. Und - vor allem! - alles atmet. Das Werk ist voller Leben, voller Emotionen, voller Schönheit.
Aber an der Stelle soll es ja nicht um das Album gehen, sondern um dessen Opener. Einigen vielleicht als Abschlussong des Films Kammerflimmern bekannt. Alle anderen sind herzlich eingeladen, ihn an dieser Stelle kennen zu lernen. Seinen sehr leisen, dezenten und luftigen Einstieg. Darauf folgend, den pompösesten Ausbruch, den man sich dafür vorstellen kann. Den irrwitzigen Drive der dadurch aufgebaut und der, bevor es überhand nimmt, auch schnell wieder beendet wird. Nur um den Suchtfaktor noch weiter ins Unermessliche zu steigern. Und natürlich des Liedes hervorragender Text mit den unglaublichen Zeilen
Your tears have turned the water black
you just stumble
and wait for the attack
Your hands protect your eyes
You're sure you´ve lost your speech
but things don´t happen
before they´ve come to grief...

Besser kann das Gefühl des Verlorenseins nicht beschrieben werden. Blackmail die Meister.

PS: Bei dieser Band habe ich mich natürlich am schwersten getan einen Lieblingshit rauszusuchen. Denn davon gibt es bei den Koblenzern einfach zu viele. Daher kann ich einfach nicht anders, als an dieser Stelle noch folgende Titel der Band hervorzuheben:
Ken I Die
Sunday Sister
Club 45
It's Always A Fuse To Live At Full Blast
Foe

Mittwoch, 18. November 2009

Rainbow Party - (4) Topsyturvydom

Und es geht wieder quer durch den Gemüsegarten weiter mit dem schönsten, traurigsten, berührendstem, beeindruckendstem meines vergangenem musikalischen Jahrzehnts.
Viel Freude.

35) Arcade Fire - In The Back Seat, 2004



Ich halte von Arcade Fire nicht wirklich viel. Womöglich liegt es an dem großen medialen Interesse, der ihnen von allen Seiten entgegengeschnappt ist, das ich persönlich in keinen Bezug zur musikalischen Qualität setzen kann. Erstens hat Wim Butler eine furchtbare Stimme. Dann ist die Musik monoton und maßlos überladen zugleich. Die Texte sollen wohl ganz gut sein, aber das hat mich alles nicht sonderlich interessiert. Also eigentlich eine Band, ohne die ich hervorragend leben könnte.
Gäbe es da nicht dieses Lied. Was mich bestürzt und beruhigt. Traurig und glücklich zugleich macht. Was zeitgleich intim und weltumarmend ist.
Außerdem ist es alles, was Arcade Fire für gewöhnlich nicht ist. Aufregend in seiner Struktur - immer kurz vor der Explosion, findet es immer wieder die Bremse, um sich letztendlich doch mit stetigem Schritt zu steigern, bis nur noch ein gespieltes Fade Out, diesen Zug stoppen kann. Der Hörer verliert dennoch nicht den Überblick: Jedes Instrument kann klar geortet werden und hilft dem Song nach vorn. Und vor allem trällert hier Mr. Butlers inzwischen-Gemahlin Régine Chassagne, die ganz hervorragend singt und mit ihrer Tonation bei mir immer voll ins Schwarze trifft. Selig ergriffen zwitschert sie den sehr nachvollziehbaren Text hinunter, dass es mir wohlige Schauer über den Rücken jagt und auch schon das ein oder andere Male Tränen der Rührung entlockt hat.
Wenn doch nur der Rest so toll wäre ...

34.) The Thermals - A Stare Like Yours, 2004



Ja! Dieses Lied ist tongewordenes Adrenalin. Rauh der Sound, hoch das Tempo, groß die Wortdichte. Es bleibt einem keine Luft mehr zu atmen, so eilig hatten die Herren und Dame Thermals es, uns diesen Reißer um die Ohren zu hauen.
Inzwischen haben sie zwar keine Lust mehr, einem solche Backpfeifen zu verpassen, sondern lassen es lieber langsam angehen und gleichzeitig auch die Lyrics etwas mehr wachsen zu lassen. Doch auf dem sehr empfehlenswerten Album Fuckin' A musste das noch sein. Auf diesem reißen sie noch schön 12 Stücke in nicht einmal einer halben Stunde runter. Wie im Vorrübergehen wirft die Band einem diese Knochen vor, die sich ziemlich schnell, als hervorragende (here we go again) Popsongs entlarven. Mitreißende Melodien zum Mitsingen und nachvollziehbare Strukturen. Obendrauf noch sehr parolenhafte Texte, wo gedacht hinter jeder Wortgruppe ein Ausrufezeichen steht. Dazu knarzt die Produktion von Chris Walla (Death Cab For Cutie) an allen Ecken und enden. Das Schlagzeug rumpelt, der Bass pumpelt, die Gitarren schneiden ins Trommelfell und der Sänger klingt als sänge er in ein Megaphon. Auch das ist manchmal sehr wünschenswert und passt zu dieser dringlich schiebenden Musik wie Arsch auf Eimer.
Im Prinzip ist auch das ein Album, welches von vorne bis hinten keinen Schwachpunkt besitzt und auch eine erstaunlich lange Halbwertszeit. Jedoch zeigt sich nach geraumer Zeit, dass vor allem Keep Time und eben A Stare Like Yours als die absoluten Überhits offenbaren. Diesen hier lege ich halt als erstes ein, wenn ich mir denke "Hey es ist mal wieder Zeit, Thermals zu hören!". Darum steht er hier.
Für alle, die manchmal einfach an einer genauso kurzen Aufmerksamkeitsspanne leiden, wie Hutch Harris oder ich, seien die ersten beiden Thermals-Alben an dieser Stelle sehr ans Herz gelegt.

33.)Beirut - Prenzlauerberg, 2006



Das Lied klingt nach allem möglichen, aber auf jeden Fall nicht nach Berlin. Es klingt nach einer Zigeunerbeerdigung, nach sommerlichen Nächten auf der Terasse einer italienischen Bar, nach einem schlurfigen russischen Marsch oder nach Klezmer in Slow Motion. Es klingt nach Trauer, nach Ruhe, Ausgeglichenheit und Lebensfreude zugleich. Schwer und voll tröten die Blechbläser gemeinsam mit dem Akkordeon (!) im Dreivierteltakt. Schleppend und monoton der Beat und Zach Gondon singt mit sich selbst einen krass versetzten Chor. Dieses Lied hat etwas hervorragend träumerisch. Es ist irgendwie kaum fassbar. Man hat das Gefühl als gleite es einem permanent zwischen den Fingern davon.
Was hat das eigentlich noch mit Popmusik zu tun? Auf den ersten Blick natürlich nix. Das ist etwas, was man normalerweise im Multi-Super-Duper-Bombast-Elektronikmarkt unter der Rubrik World/Ethno finden würde. Und dennoch waren Beirut 2006 einfach zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle und konnten mit derart - nun ja - uncooler Musik, einen beachtlichen Erfolg erzielen. Vor allem bei mir. Denn das 2006er Werk mit dem fragwürdigen Titel Gulag Orkestar schlug bei mir mit beachtlicher Wucht ein, so dass ich es seitdem unzählige Male gehört habe. Zwar meist nebenbei, wenn ich gelesen oder was weiß ich gemacht habe, aber ebenso nebenbei versetzte es mich in eine seltsam fröhliche Stimmung, die man sonst nicht allzu oft findet. Nicht die karnevalige Gröhl-Freude, sondern mehr so ein diffuses Gefühl der Gelöstheit und der Gewissheit, dass man nicht immer alles sooo wichtig nehmen muss.
Dies alles und noch viel mehr vor allem in dem ganz und gar berauschenden Prenzlauerberg kulminierend. Das liegt sicherlich daran, dass hier die Bläser sehr prominent platziert sind - im Vergleich zum restlichen OEuvre von Beirut - und mich von daher wahrscheinlich am effektivsten gefangen nehmen.

32.)Interpol - Stella Was A Diver And She Was Always Down, 2002



Ha! Endlich die erste Übereinstimmung in einer Woche mit dem guten Rhododendron! Da bin ich aber froh.
Okay bei Interpol ein bestes Lied auszuwählen ist eine verdammt harte Aufgabe... Ich möchte an der Stelle gleich noch die Stücke Leif Erikson, Take You On A Cruise, Pace Is The Trick, Say Hello To The Angels und Not Even Jail, sowie den Paul-Banks-Remix von Narc empfehlen. Das alles sind hervorragende, treibende, intensive und wunderschöne Songs, die man sich nicht entgehen lassen sollte!
Den ich mir hier ausgesucht habe, ist auch bei weitem nicht der beste Titel der düsteren Herren aus NYC. Oder? Er ist viel zu lang und zerstückelt, die letzten anderthalb Minuten Nachschlag, könnte man auch weglassen. Der Refrain ist sehr sehr simpel. Vom Handwerk her müsste ich eigentlich Take You On A Cruise vom 2004er Werk Antics wählen. Da herrscht kompositorische Brillanz.
Aber hier herrscht eine so intensive Atmosphäre, dass sie kaum zu ertragen ist. Schon der Anfangsriff zieht einen ganz tief in den dunklen Ozean hinein. Aus diesem wird man dann auch für die nächsten 6 1/2 Minuten nicht entweichen können. Licht gibt es nun nicht mehr. Es ist mehr ein Treibenlassen in der Dunkelheit. Keine hohen Wellen, mehr ein stetiges Auf und Ab. Das alles wird von dem inbrünstig gesungenen Text bis ins letzte Detail unterstützt. Eine todtraurige Serenade an Stella, einem town bicycle, die einen jedem Hoffnung auf Besserung der Situation nimmt.
When she walks down the street,
She knows there's people watching.
The building fronts are just fronts
To hide the people watching her

Wenngleich der Text am wenigsten von mir spricht, fühle bzw. fühlte ich mich durch die grundsätzliche Aussage doch sehr wiedergefunden und als ob Stella eine Seelenverwandtschaft wäre. Das "Stella! Stella-ha!" meine ich zu rufen. "Ja, auch ich fühle mich mehr gelebt, als dass ich richtig lebe. Manchmal meine auch ich, mein Dasein findet auf dem Grund des Ozeans in seiner ganzen erdrückenden Schwere statt. Stella, du bist nicht allein, lass den Kopf nicht hängen!", möchte ich ihr zurufen. Und dabei ist das alles nur eine literarische Figur!
Geht es noch besser? Geht es noch intensiver? Schwer. Würde ich die 45 Titel außerhalb der Top 5 ranken, wäre dieser Titel auf Platz 6. Ein sehr wichtiges Stück Musik der letzten zehn Jahre für mich.

31.)Röyksopp - Only This Moment, 2005



Bei Röyksopp einen besten Titel herauszupicken ist ebenfalls extrem schwer. Denn von Remind Me bis This Must Be It waren ja schon bei den Singles fast nur Knaller dabei. Und dann befinden sich ja noch um die offensichtlichen Hits drumherum sehr schöne und packende Popsongs.
Der Titel der mich allerdings am meisten geflasht hat, stammt von dem 05er Album The Understanding, ist da der zweite Titel und heißt Only This Moment.
Was diesen Song so besonders macht: Hauptsächlich die Stelle ab 1:49, in der Kate Havnevik mit ihrer zum Schmelzen schönen Stimme singt
Stay or forever go
Play or you'll never know
Your spirit's divided
You will decide if I'm
All you've been waiting for
.
Da schmelze ich jedesmal erneut dahin. Zusätzlich noch die sehr schöne Akustikgitarrenlinie, die von Zeit zu Zeit angespielt wird, sowie die hervorragenden Flächen, welche mittels Synthies und ausgedehntem "aahahaaa"-Gesang aufgebaut werden. Außerdem enthält der Song die sehr tolle Textzeile
love without pain isn't really romance,
der dafür gemacht zu sein scheint, sämtliche Schiefermappen der westlichen Welt zu zieren.
Ein durch und durch romantischer Song, der zum Lieben und Träumen einlädt. Hach!
P.S.: Wer zufällig schonmal den Lindsay Lohan-Film Just My Luck(dt.:Zum Glück geküsst) gesehen hat, konnte Zeuge werden, wie dieses Lied einem ansonsten nicht so überzeugendem Film einen kräftigen Glanz verleihen kann. Jaja, die Kraft der Musik...

Bis nächste Woche erstmal. Gehabt euch wohl.

Mittwoch, 11. November 2009

Rainbow Party - (3) Commiseration

Helau!

Wie es der Name bereits andeutet, werde ich mich heute ausschließlich meinen liebsten Emo-Titeln widmen. Vermutlich wird da ein Aufschrei durch die vereinigte Leserschaft gehen, denn das ist ja etwas womit der gemeine Indie mal gar nix zu tun haben möchte.
Die Frage ist natürlich nur: Warum eigentlich? Peer pressure, schon klar. Denn prinzipiell hören wir, wie junge Männer auf den Hintergrund von mehr oder weniger heftigen Gitarren mit hoher Stimme astreine Popsongs singen. Wir lassen jetzt mal außen vor, wie die Buben aussehen und was für Fans sie haben. Und ja, auch die Texte bieten für gewöhnlich mehr Potenzial, als meinetwegen alle Beatles-Lyrics. Was ist schon falsch daran, über Trauer, Angst, Verlassenwerden und Einsamkeit zu singen: Ich stelle hier gerade eine Liste zusammen, wo mindestens 2/3 der Lieder davon handeln. Das aber, wohlgemerkt, bei Bands, die nicht in Verdacht stehen auf dem Emo-Zug zu fahren. Herrgott, Beth Gibbons (Portishead) hat noch nie von etwas anderem gesungen. Behaupte ich jetzt mal.
Naja, macht euch euer eigenes Bild. Ich stelle mal fünf meiner Lieblingsstücke vor, die in diesen Bereich fallen müssten. Ein weiteres Stück wird erst viel später kommen, da es eins meiner absoluten Favorites ist und auch - keine Sorge - nicht gerade den klassischen Emostil bedient.

From First To Last - Ride The Wings Of Pestilence, 2004



Diese jungen Herren brachten einst ein Album mit dem unschlagbaren Namen "Dear Diary, My Teen Angst Has A Bodycount" raus, was aber nicht weiter bedeutend ist. Lediglich dieser eine Song ist einfach dermaßen über alles Andere erhaben, dass er ... äääh ... den kompletten The Velvet Underground-Backkatalog in die Tasche steckt. Eigentlich beginnt er mit einem relativ simplen Riff, welcher aber sofort hervorragend weiter geführt wird. Die Zeit ist reif, den Song bahn brechen zu lassen. Die Struktur ist zwar deutlich erkennbar, schlägt aber unfassbare Haken. Ein Element nach dem nächsten wird eingeführt und wieder verlassen. Möglicherweise interpretiere ich zu viel rein, aber wie kann man denn das Gefühl der Ziellosigkeit besser vertonen. Dennoch ist das Arrangement zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar und stringent. Dazu umspielen sich die drei ähemm Vokalisten permanent. Hauen dem Hörer von allen Seiten Zeilen um die Ohren, bis der nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist. Bis zu dem Refrain, bei dem sich alle dazu vereinen, einen herrlichen Hymnus anzustimmen. All dies geführt von dem sehr schönen Falsettgesang des Sonny Moore (Jahrgang '88). Nach dem der Refrain erneut ertönt, folgt schließlich das Finale, welches dann vollendet die Apokalypse verkündet, so dass man eigentlich nicht mehr sitzen kann. Nach dem der Hörer nun einmal anständig gebügelt wurde, hat er nun Zeit Luft zu holen und auf Replay zu drücken, um sich wieder diesem faszinierendem Gesang und der harschen Abrissbirne von Musik hinzugeben.
Ach ja: Getreu dem Albumtitel, der ja auch im Song rezitiert wird, handelt der Text natürlich nicht von dem einsamen verlassenen Jungen, der nicht mehr weiter weiß. Nein er ergreift Initiative!

Panic! At The Disco - Lying Is The Most Fun A Girl Can Have Without Taking Her Clothes Off, 2005



Jaja, die waren ja sowieso immer anders, hatten Electro-Elemente und eine Varieté-Show. Nichtsdestotrotz in meinen Ohren sehr diesem Genre zugehörig. Dieses Lied, mit einem weiteren unfassbar griffigem Songtitel, ist schlicht und ergreifend ein perfekter Popsong. Beginnt - wie schon bei den Beatles üblich - ohne großes Intro direkt mit der Strophe, welche Brandon Urie mit warmen Ton in der Stimme intoniert. Im Hintergrund die beste denkbare Begleitung mit dezenten Gitarren, einen ansatzweise funkigen Bass und den sehr schönen Keyboard-Elementen. Bridge und Chorus natürlich wieder mit voller Maschine. Aber auch hier sehr hervorragend, einprägsam und hängen bleibend. Der C-Teil ist eine einfache Variante der Bridge, die aber schnell wieder zu der schönen Strophe führt. Und so weiter und so fort. Ein klarer, sauberer Song, megadick produziert und mit einem hervorragendem Gaga-Text. Wie gesagt, ein perfekter Popsong.

My Chemical Romance - To The End, 2005



Was für eine unfassbare Band. Mir egal, ob die irgendwie überheblich, oder sonstwie abgefahren sind. Diese Songs! Das Album, dem dieses Lied entnommen ist, "Three Cheers For Sweet Revenge", ist eines dieser wenigen Alben, wo ausschließlich gute Lieder drauf sind. Eingängig, sauber arrangiert, treibend, schmissig, technisch anspruchsvoll. Und ziemlich krasse Ohrwürmer. Das alles noch verpackt in eine Art übergeordnetes Konzept. Besser kann man Rock nicht machen.
"To The End" ist quasi das Destillat davon. Der für mich beste Song auf dem Werk. Kurz und knackig, rasant runtergespielt, lässt sich die Band doch ausreichend Zeit ihre großen Melodien erklingen zu lassen. Die beiden Gitarren umspielen sich permanent, der Gesang kommt wieder aus allen Richtungen auf einen zugeflogen. Eine Ruhepause gibt es nicht und bevor es langweilig wird, hat der ganze Spaß auch schon wieder ein Ende.
Ich weiß gar nicht, was ich noch groß darüber schreiben soll. Mal so gesagt: Jeder der schonmal versucht hat einen Popsong zu schreiben und/oder zu arrangieren, sollte vor diesen jungen Herren auf die Knie gehen und sie als eine seiner absoluten Meister anerkennen. Wie bereits erwähnt: Unfassbare Band.

On The Might Of Princes - Here Come The Sirens, 2003



Diese Band ist scheinbar an der Welt spurlos vorrüber gegangen. Dabei haben sie mit ihrem zweiten Werk Sirens ein sehr eingängiges, rockiges, emotionales und geradezu futuristisches Album auf den Markt gehauen. Nur leider nahm davon kaum einer Notiz. Ich aber doch. Und prompt haben sie sich mit Liedern, wie Go Fuck Yrself, oder You Whistle, I Shoot und natürlich dem hier vertretenen Quasi-Titelsong ganz tief in mein Herz gefräst. Trotz der recht martialischen Songtitel und dem New-York-Hardcore-Hintergrund sind diese vier Herren im Wesentlichen Poeten und Schöngeister. Nur das allerdings mit allerhand Sambal Oelek im Heck. So poltert es im Prinzip ganz ordentlich und der Sänger hat auch eine recht aggressive Gesangsart, aber sehr häufig kommt dann doch wieder der elegische, flächige, hell funkelnde Moment, der einen letztendlich ganz weit fort trägt. In die Schwerelosigkeit. Vergleichbar mit dem Surfen, wo eine Welle, die letztendlich wassergewordene Kraft darstellt, den Menschen auf dem Brettchen eine kleine Strecke trägt. Während dieser Zeit ist ist der Surfer der Schwerkraft entbunden, euphorisch und frei.

The Used - Poetic Tragedy, 2002



The Used kennt man eigentlich nur deshalb, weil deren Sänger Bert McCracken einst mit der Tochter Kelly von Ozzy Osbourne eine kurze Liaison hatte. Passenderweise zu der Zeit, als gerade die MTV-Kameras deren trautes Heim besetzten. Noch passender war, dass praktisch zeitgleich das selbstbetitelte Debüt-Album des Knaben und seiner Band erschien. Dieses hat durch genau diesen Marketing-Kniff einen ziemlich schäbigen Beigeschmack bekommen. Leider wird dabei gern übersehen, dass es musikalisch absolute Spitze ist. Abwechslungsreich, herausragend komponiert - weil oft vom Popschema abweichend, ohne seine Catchy-ness zu verlieren - und schließlich liebevoll arrangiert - unter anderem mit sehr schönen Streichern von Nick Ingmann. Und das alles unter der Federführung von John Feldmann, seines Zeichens Sänger der Funpunker von Goldfinger, dem man so etwas nicht gerade zugetraut hätte. Kurz und gut: ein weiteres hervorragendes Popalbum.
Warum gerade dieser Song? Ganz kurz: Neben der Tatsache, dass er insgesamt so schön, traurig und etwas kitschig ist: Bei 2:01 bekam ich schon oft und bekomme auch immer noch eine wahnsinnige Gänsehaut. Ganz großer Moment! So einfach ist das manchmal.

Gut ihr Jecken! Das wäre es für heute. Nächste Woche gibt es dann wieder den normalen Stoff, der keiner thematischen Gruppe unterteilt ist, sondern es geht wieder quer durch den Gemüsegarten. Bis dahin, gehabt euch wohl.

Mittwoch, 4. November 2009

Rainbow Party - (2) Extrapolation

Der Neuankömmling meldet sich zurück. Hier folgt sie nun, die zweite Runde meiner 50 liebsten Tracks der ausgehenden Dekade.

45.) Naked Lunch - God, 2004



Naked Lunch sind eine lustige kleine Band, aus dem, von Forbes frisch gekürtem, Rentnerparadies Österreich. Ihre unglaubliche Gute-Laune-Musik hat mir schön viele leichte Stunden gebracht.
Schlüssiger und effektiver als auf ihrem sehr feinen 2004er Werk mit dem unvergleichlichem Party-Titel "Songs For The Exhausted" , waren sie nicht und sind sie auch nicht geworden. Der unangefochtete Spitzenreiter darauf lautet "God", eröffnet das Album und hat sich bei mir tief ins Herz gebrannt. Denn ein schmerzhafteres Lied habe ich in den letzten 10 Jahren kaum gehört. Nicht weil es irgendwie besonders kratzbürstig daher kommt. Nein, im Gegenteil: Es ist vielmehr von einer seltsam außerirdischen Schönheit geprägt. Jedoch fängt es unvermittelt mit diesem leiernden Gitarrenriff an, der irgendwie wie die Brachialvariante der Singenden Säge wirkt, die sich erbarmungslos ins Gehör scheuert. Dann in der Strophe beginnt Oliver Welter mit seiner permanent zerbrechenden Stimme an zu singen, die ebenso keinen Ton bei sich halten kann. Er singt von traurigen Jungen und Mädchen und einem verzweifeltem Gott. Gemeinsam mit der sehr schönen Orgel und der Vocal-Produktion, die die Stimme klingen lässt, als sitze der Sänger allein in einem viel zu kleinen Raum, kommt das Gefühl des Verlassenseins hervorragend rüber.
Nun, bereits das könnte ein tolles Lied machen. Doch die Klagenfurter geben sich damit nicht zufrieden und schieben den wohl traumhaftesten, wenngleich sehr spacigen, C-Teil ein, den man sich nur vorstellen kann. Nur um einen dann mit dem wieder einsetzenden Riff ganz weit nach unten zu ziehen.
Kein klassischer Popsong, wobei er einen solche Struktur vorweist, sondern mehr eine liedgewordene Katharsis.

44.) Tom Waits - God's Away On Business, 2002



Normalerweise bin ich immer sehr zurückhaltend, altgediente Helden der Musikgeschichte zu loben. Und das werde ich auch jetzt beibehalten, obwohl da oben Tom Waits steht. Denn nicht sein Status hat ihn hier in diese Liste gebracht, sondern dieses Lied. Das könnte meinetwegen von den unsäglichen Jonas Brothers stammen und ich würde es trotzdem fantastisch finden.
Denn ein derart beängstigendes Stück zu schreiben, muss man erstmal schaffen. Ja, ich betone das Wort beängstigend. Denn wann kommt es schonmal vor, dass man von einem Musikstück ein schrecklich-schauriges Gefühl bekommt? Bei mir sehr selten, beziehungsweise eigentlich nur hier. Düster schunkelnde Musik im Hintergrund, von der man meinen könnte, sie würde von Skeletten gespielt (oder Grim Fandango hat mich unterbewusst doch stärker geprägt als gedacht). Über allem thront diese unfassbar kaputte Stimme des Herrn Waits, bei der man meinen könnte der Sensemann persönlich grölt dir was ins Ohr.
Der Titel/Refrain trifft es eigentlich perfekt: weil Gott Geschäfte zu erledigen hat, konnten sich die Pforten der Hölle öffnen und die Bewohner derselben haben hiermit ihre Hymne mitgebracht. Schauer!

43.) The Sleepy Jackson - This Day, 2003



Huch! Ist das Aydo Abays zehnte Band? Nein, der gute Mann, der hier trällert nennt sich Luke Steele. Er und seine Sleepy Jackson haben den wohl fröhlichsten Song in diese Liste der Miesepetrigkeiten geworfen.
Er ist sommerlich beschwingt, tanzbar, und hat gegen Ende sogar einen "nana na na na naa naa"-Part. Man stelle sich vor! Und doch geht er durch eben genau diese Qualitäten jedes Mal wieder sehr zu Herzen. Ich liebe ihn einfach. Wahrscheinlich liegt es daran, dass nix desto trotz von Trennung, Alleinsein und Schmerz gesungen wird. Aber das muss wieder so eine unbewusste Geschichte sein, weil mir Lyrics für Gewöhnlich nicht so wichtig sind.
Wie bereits erwähnt, zuerst war ich durch die simple und beglückende Beschwingtheit dieses Werkes angefixt. Und so wird er vermutlich auch vom veehrten Leser goutiert.

42.) Madrugada - Step Into This Room And Dance For Me , 2001



Prompt gehen nun die Lichter wieder aus. Und zwar alle.
Nur ein Spot beleuchtet die Tänzerin im Ballettdress und wie sie über die staubigen Bretter des alten Theaters schwebt.
So müsste eigentlich das Video zu diesem Song aussehen. Doch dieses Video existiert nicht. Denn die Norweger von Madrugada hatten 2001 ein Problem. Sie haben mit "The Nightly Disease" ein Album veröffentlicht, welches ausschließlich aus sehr guten Titeln bestand. Welches sollte man also zuerst als Single veröffentlichen. Letztendlich entschieden sich die Knaben dann für das famose "Hands Up - I Love You" und das nicht minder begeisternde "A Deadend Mind". Der dunkel funkelnde Diamant auf diesem Album hört allerdings, meiner Meinung nach, auf den Namen "Step Into This Room And Dance For Me".
Dieses Stück klingt bereits so, als wäre es über alle Kritik erhaben. Ruhig, bedächtig, klar die Instrumentierung. Ein stetig fließender, alles vereinnahmender Fluss des faszinierendem Gitarren-Lick zu dem dann klar und präzise Bass und Schlagzeug einsetzen. Später kommen noch Piano und Mandoline hinzu - doch auch diese sind deutlich differenzierbare Einsätzen, die wie in Granit gemeißelt zu sein scheinen.
Der Hermelinmantel, der dieses Lied vollendet majestätisch werden lässt, ist natürlich die unsagbar tiefe und erhabene Stimme des Sivert Høyem, der sonst eher an Tom Smith (Editors) gemahnt. Ebenfalls klar akzentuiert und formvollendet, trägt er ruhig seine Weise vor. Dem Hörer bleibt nix Anderes übrig als auf die Knie zu sinken und sich von diesem stetigen Strom an Musik weit hinfort tragen zu lassen. Wer Ohren hat, der höre!

41.) Cruiserweight - Goodbye Daily Sadness, 2005




Jetzt wird sich der geneigte Leser sicher fragen: Was ist denn das? Pop-Punk. Die fröhliche Sorte. Ganz nett. Unspektakulär.
Recht hat er. Also warum dieses Lied?
Nun, so unspektakulär finde ich das alles nicht. Zum ersten ist die Produktion unglaublich fett, rauh und interessant. Denn immerhin fängt das Lied in Mono an, bis es dann schließlich nach knapp fünfzig Sekunden förmlich in Stereo explodiert. Solche kleinen Spielereien finde ich super.
Wie immer bei mir spielt auch hier der Gesang eine wichtige Rolle, warum ich das Lied so mag. Kraftvoll, hoch und irgendwie sehr emotional. Die Melodie im schönsten Moll, was dem Ganzen eine eigenartige Traurigkeit verleiht, die in gewisser Weise auch den Text konterkariert, der scheinbar davon handelt, wie toll es ist, Plateuschuhe zu tragen, bzw. wie traurig es ist, klein zu sein. Dazu schroten die Gitarren fette Wände, die dem Lied einen ziemlich krasses Punch verpassen.
Und persönlich folgt nun der nächste Superlativ: Das Lied, das ich vermutlich am Häufigsten wiederentdeckt habe. Mehrmals habe ich es wieder vergessen, bis ich ihm mal wieder begegnete und er sich sofort in meinem Gehörgang für die nächsten Tage fest verkrallt hat. Und das ganz ohne mich zu nerven. Und jetzt - im Zuge dieser Rezension - natürlich wieder.

So weit erstmal für heute. Ich wünsche erstmal eine schöne Woche, bis nächsten Mittwoch der dritte Streich erfolgt - und zwar dann mit dem lang ersehnten ersten Special!

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Rainbow Party - (1) Shakedown

Nanu? Ein unbekannter Name!
Ja, ich habe die Ehre in die sehr ehrwürdigen Web-Hallen des NoBono aufgenommen worden zu sein, um die Seite a) zu bereichern und das Spektrum der Popmusik hier mal zu erweitern oder b) in den Ruin zu stürzen und auf die Halde mit BetaMax und HD-DVD zu kommen.
Werden wir mal schauen.

Normalerweise gehört es sich so, dass man zu dieser Gelegenheit Kuchen mitbringt und sich dann erstmal mit Lebenslauf, Familienstand und ein paar närrischen Anekdoten vorstellt. Aber da scheiß ich einfach mal drauf.
Meine Art der Vorstellung wird sein, dass ich von nun an jede Woche Mittwoch 5 meiner Lieblingsstücke der vergangenen zehn Jahre vorstelle. Analog zu dem Mammutprojekt, was der Rhododendron hier gerade veranstaltet.
Nur warum nehme ich nicht auch ganze Alben? Nun zum einen gibt es - meiner Meinung nach - sehr wenige Alben, wo ausschließlich sehr gute Songs vertreten sind und die dann auch noch so einen geilen Fluss aufbauen, dass ich das Album gar nicht mehr loslassen und immer weiter hören will. Letztendlich gibt es nur sehr viele LPs, die ich ein-, zweimal durchhöre und wo dann eh nur 2 Lieder dauerhaft hängen bleiben. Und zum Anderen stoße ich auch oft einfach nur so auf einzelne Lieder, die mich total in ihren Bann ziehen, dass der Rest niemals mithalten kann.
Und so möchte ich den lieben Lesern hiermit einfach ein paar Kleinode vorstellen, auf dass sie sie (wieder-) entdecken, oder sich in ihrem musikalischen Geschmack bestätigt fühlen.
Ihr werdet sicherlich schnell feststellen, dass ich recht häufig die Worte melancholisch, traurig, verzweifelt, oder deprimierend verwende. Das liegt aber wahrscheinlich in der Natur der Sache, dass die fröhlichen Dinge sich meist nicht so tief ins Gemüt verankern, bzw. die negativen Sachen uns intensiver emotional fordern. Das verstehe wer will. Ich scheine aber nicht der Einzige zu sein, dem es so geht.

Die Reihenfolge stellt nicht zwangsläufig ein Ranking dar, da ich mich mit solchen Sachen immer etwas schwer tue. Aber natürlich gibt es zum Schluss nur meine 5 absoluten Toptitel. Der Rest sollte ein buntes Sammelsurium der Absonderlichkeiten und naheliegenden Sachen sein. Es wird auch zweimal thematische Specials geben, bei denen es hier mal aus anderen Hörnern tröten wird, als man es hier bisher gewöhnt war. Denn wie bei einer Rainbow Party viele Lippenstifte ... na ihr wisst schon ... so haben auch meinen Musikgeschmack sehr unterschiedliche Sachen von Thrash Metal bis Chart-Pop geprägt.

50.) JJ72 - October Swimmer, 2000



Wer iss'n das? JJ72 ist eine kleine irische Band, die Anfang dieses Jahrzehnts mit ihrem selbstbetitelten Debüt-Album recht erfolgreich in UK und Irland waren. Da Nachfolger hat trotz Erfolg in der Nordsee hierzulande nicht mehr allzu viele vom Sessel geworfen. Eigentlich dachte ich bis gerade eben noch, dass sie ein ziemlicher One-Hit-Wonder waren. Naja ... anscheinend konnte sie länger von dem Erfolg zehren als gedacht.
Eine Single, die sich veröffentlichten, hieß "October Swimmer" und ist einfach nur durch seine pure Schönheit hier in diese Liste gerutscht. Ich verbinde damit nix, der Text ist mir egal und ehrlich gesagt auch wie die Band aussieht. Aber dieser Song! Beginnt leise und verhalten, mit dieser kleinen feinen reinen Melodie, die sich fortlaufend durch das gesamte Lied ziehen wird und dabei aber langsam zu einem emotionalen Höhenrausch aufgeworfen wird. Immer mehr Instrumente setzen ein, um Mark Greney dabei zu unterstützen, seine Stimme in immer bedenklichere Höhen zu schrauben.
Und etwas kurz nach dem Übertreiben finden sie sogar einen Schlusspunkt. Fantastisch!

49.) Hot Chip - Boy From School, 2006


Hot Chip - Boy From School dir. Garth Jennings

Ramzi | MySpace Video


Dieser Track hat die No.1-Trance-Stimmung, die ich mir bei nicht-bratzigen Electro-Titeln immer so wünsche. Ein unnerviges Sample, was durchgezogen wird. Und dazu herrlich trippiger Gesang, der so warm und schön klingt, dass man sich fühlt, als deckte man sich damit zu. Irgendwie könnte das Teil von Paul Van Dyk stammen, was ich als absolutes Kompliment verstanden haben möchte. Ich weiß gar nicht, was ich noch groß drüber schreiben soll, denn schließlich dürfte "Boy From School" so bekannt sein wie "One Night In Paris" und wer beim Hören nicht sofort in eine tänzerisch-träumerige Stimmung versetzt wird, muss ... Mitglied bei Manowar sein, oder so.

48.) Azure Ray - Nothing Like A Song, 2003



Schließt die Augen und lasst euch von diesen beiden Damen aus Nebraska forttragen. Über Felder und Auen, über die Wolken und der ganze Klischee-Quatsch. Ja, diese Musik ist federleicht, ohne Ecken und Kanten und gefällt sogar meiner Mutter. Dieses Lied ist unschuldig, falls man das so sagen kann. Diese sanften Stimmen und die herrliche Streicherbegleitung jagen mir einfach eine Gänsehaut nach der nächsten über die Unterarme.
Wen es dann noch interessiert: das sind die beiden Background-Sängerinnen der Bright Eyes und dementsprechend auch auf dem Saddle Creek-Label vertreten, was früher mal ein Garant für neue analoge Folkmusik war. Zum Glück haben es die beiden Damen damit nicht so genau gesehen und spätestens mit dem Album "Hold On Love", dem dieser Song entnommen ist, mit der Hilfe von Mike Mogis den Stücken einfach alles gegeben was sie brauchen. Elektronik, Orchester, Zurückhaltung oder Pomp. Alles war dabei. Und dieses Lied ist der Klimax davon. Hübscher geht es kaum.

47.) Aphex Twin - Vordhosbn, 2001



Auf diesen Song hat mich der Eric (morgen!) über ein Video auf YouTube aufmerksam gemacht. Nein, das ist nicht das offizielle, sondern eins, was einer mal so zusammengeschnipselt halt. Aber wie! Deswegen, schaut euch dieses Video an und lasst es auf euch wirken. Von der düster-traurigen Stimmung einnehmen. Und auch etwas verwirren und meschugge machen. Mittendrin dachte sich der Regisseur, dass es mal nett wäre die angespielten Instrumente fix einzublenden. Spätestens zu dem Part sollte man dann verstanden haben, was für ein unglaublicher Aufwand hinter dieser Schneidearbeit steckt. Irgendwann ist das Werk dann vorbei und es wird einem klar, was für ein unfassbares mitreißendes Material man gerade bezeugt hat. Und dann sollte man verstanden haben, was an Aphex Twin so toll ist. Wer es bis dahin nicht schafft: Gute Nacht, träumt süß.

46.) Radiohead - How To Disappear Completely (And Never Be Found), 2001



Weltflucht wurde nie passender vertont, als auf diesem Machwerk, was auf dem etwas weirdem 2001er "Kid A" zu finden ist.
Zu zarter, zurückhaltender Instrumentierung singt Thom Yorke mit seinem unverwechselbarem Leiden-Christi-Gesang von dem sehr nachvollziehbaren Gefühl der absoluten Entfremdung von seiner Umwelt. Stück für Stück gerät der Hörer immer weiter in Trance, wird von den sanften Wogen der Sounds von einer Seite auf die andere geschunkelt. Der Raum um ihn wird größer und weiter. Sollte er sich gut drauf einlassen und ohne Ablenkung sein, kann sogar eine Art Meditation stattfinden, die natürlich auf Radiohead'sche Manier gen Ende doch nicht sein soll. Etwas Dissonanz darf bei den Indie-Meistern natürlich nicht fehlen. Der ideale Einstieg um Radiohead zu verstehen. Und für mich eines der schönsten Depri-Lieder überhaupt.
(Das Video ist übrigens nicht offiziell.)

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