Donnerstag, 2. September 2010

Verlust als Chance

Alles auf Anfang? Oder alles zu Ende? Morgen erscheint hierzulande endlich das vierte Album der New-Yorker-Ausnahmeband Interpol. Die Entwarnung vornweg: es ist wieder mal hervorragend geworden. Eine Selbstverständlichkeit war das aber nicht...

41GKdg5O9IL-_SL500_AA300_Nein, gute Vorzeichen sehen anders aus. Der schmerzliche Weggang von Carlos Dengler, die ungewissen Äußerungen über die Zukunft und dann auch noch ein selbstproduziertes Album, welches genauso heißt, wie die Band. Das macht man ja meist, wenn einem sonst nix mehr einfällt. Das vierte Album von Interpol hatte einen holprigen Start und wird jetzt ungewollt zum Schicksalswerk erkorren, welches über die Zukunft des Neu-Trios entscheidet. Mann, Mann, Mann! Als ob die New Yorker nicht schon an sich große Fußstapfen gehabt haben, die sie ausfüllen müssen. Nämlich ihre eigenen. Kaum eine Band hat es in den vergangenen Jahren geschafft, mich musikalisch so zu erfüllen, wie diese Band. Als ich Ende letzten Jahres meine Lieblingsalben der ausgehenden Dekade aufgestellt habe, waren sie die Einzigen mit drei Alben in den Top 25. Das will einiges heißen und das lässt auch einiges erwarten. Wohin geht die Reise? Schwanengesang oder Neubeginn?

Ein wenig muss man die Dinge aber schon relativieren. Carlos D. ist weg, das Album „Interpol“ hat er schon noch mit aufgenommen. Über seinen Zufriedenheitsgrad bei dieser Aufgabe kann man nur spekulieren. Immerhin hat der stilsichere Mann am Bass noch seine Dienstpflicht getan. Er mag zwar nicht der wichtigste Teil der Band gewesen sein, aber in Sachen Stil und Ausstrahlung war er unverzichtbar. Aber vielleicht wurden diese Punkte auch überbewertet. Vielleicht hatte die Band sich nicht nur diesbezüglich festgefahren und wollte mal aus diesem „Düstere-Band-in-schicken-Anzügen“-System heraus. Klamottentechnisch gibt man sich 2010 wesentlich vielseitiger und beim Sound? Da bleibt man glücklicherweise den eigenen Leisten treu, wenngleich man bei der musikalischen Schusterei einige neue Feinheiten in den bekannten Interpol-Sound hineinarbeitet. Ich hab früher gern mal betont, dass es mir gerade bei Interpol immer herzlich egal war, ob sie sich verändern, so lange sie mit ihren Songs weiterhin diese unnachahmliche Atmosphäre erzeugen. Dabei haben sie sich eigentlich auch stets verändert, allerdings nur immer zu einem gewissen Teil, so dass man fast meinen könnte, alles wäre, wie immer. Verworrene Beschreibung für vielschichtige Musik. Nach dem überraschend gradlinigen und eingängigen 2007er Werk „Our Love To Admire“ entscheided sich die Band glücklicherweise nicht weiter in diese Richtung zu gehen, wenngleich das vielleicht auch hätte funktionieren können. Aber man zieht sich wieder aus dem Scheinwerferlicht zurück in die Dunkelheit und entfaltet da wieder die Magie der Anfangstage.

Interpol-2010
Nicht ohne Stolz… „Success“ der bisher kompakteste und eingängiste Opener der Bandgeschichte. Kein großes Epos, sondern ein direkter und düsterer Song mit dem typischen Interpol-Drive und einem Paul Banks der uns wieder kryptisches um die Ohren ruft. „Dreams of long life, what safety can you find?“ Die Skepsis der Strophen trifft auf einen vorsichtig optimistischen Refrain und der simplen Feststellung “I have succeeded“. Worüber, darüber hüllt man sich im Schweigen. Danach wird es mit “Memory Serves” gleich eine Spur pathetischer und ausladender. Bleierne Schwere liegt in der Luft, gepaart mit einer gewissen Erlösung, welche der Refrain mit sich bringt. Es ist der übliche Schaukampf der Gefühle, der Interpol auch auf dem vierten Album beherrscht. Das kleine Licht in einem Wald voller Dunkelheit finden, das ist es, was die Band will. Paul Banks fleht, Daniel Kessler schlägt die Saiten an, wie man es erwartet, Sam Fogerino treibt alles voran und Carlos, ja, Carlos ist auch noch da, längst nicht mehr so präsent wie noch bei den ersten beiden Platten, aber sein Basslauf und seine kompositorischen Ideen schimmern natürlich durch. Deshalb durchweht einen ein leichtes Gefühl von Bitterheit. Wie soll man die Band nun sehen, die ein wichtiges Teil ihrer bisher einwandfrei funktionierenden Maschine verloren hat? Das muss dann wohl wirklich erst ein eventuelles fünftes Album zeigen, denn hier erleben wir die klassischen Interpol noch einmal in ihrer Blüte. „Lights“ wäre ein viel typischerer Opener gewesen, allein durch seinen dramaturgischen Aufbau. Doch man setzt ihn an vierter Stelle, wo er ebenfalls funktioniert, genauso wie die schmissige Single „Barricade“, welches die zweite Hälfte des Albums einläutet. Hier versucht die Band stärker aus dem bisherigen Korsett auszubrechen, wenngleich man stets Anleihen an frühere Werke findet. „Always Malaise“ hat mit seinem dezent psychodelischen Groove durchaus Ähnlichkeiten mit „Hands Away“ vom Debüt-Album. „Safe Without“ zieht einen dank Kesslers Gitarrenloop genauso in den Bahn, wie „Try It On“, bei welchem sich die Gitarre bewusst zurückhält und Sam Fogerino sich an einem für die Band ungewohnten Breakbeat versucht. Regelrecht leichtfüßig, wenngleich wir uns natürlich immer noch in der finstersten Nacht befinden. Und die ist voller Angst und Zweifel, genauso wie „All Of The Ways“, bei dem Banks den verzweifelten und eifersüchtigen Liebhaber gibt und dabei von einem mehr aus düsterer Magie umgeben ist. Sind das Denglers symphonische Vorstöße, die er immer anbringen wollte? Die Antwort wird im Nebel verloren gehen. Dieser Nebel wird am Ende nocheinmal gelichtet, wenn „The Undoing“ einen fast schon optimistisch aus diesem Nachtflug entlässt. Klar, Happy-Go-Lucky sieht anders aus, aber ein leichter Unterton ist heraushörbar. Ein versöhnliches Finale, teils sogar auf Spanisch.

Es bleibt ein mehr als positiver Effekt nach dem Hören zurück. Interpol wenden sich wieder dem Dunkel zu und halten weiterhin die Balance zwischen ihren gewohnten Spielarten und ein paar neuen Ideen. Es werden neue Beats, Riffe und Songstrukturen angewendet und Paul Banks variiert mit seiner hypnotischen Stimme wesentlich mehr als früher. Er steuert auch seine eigenen Backgroundvocals dazu, die manchmal auch nur aus schwer verständlichem Murmeln oder verzweifelten Ausschreien bestehen, egal ob hoch oder tief. Aber es zieht einen unweigerlich in seinen Bann. Interpol erweitrern die eigene Nische und liefern ein sehr starkes Album ab, welches in Sachen Intensität und Atmosphäre wieder zu den Anfängen zurückgeht, aber die Entwicklung der letzten Jahre nicht außen vor lässt. Und schon wieder werden die Fußspuren fürs nächste Album höher gelegt. Und wär ich masochistisch veranlagt, würde ich der Band sogar nahe legen, vielleicht lieber jetzt zu gehen, als sich komplett auf das Trio-Experiment einzulassen und somit Gefahr zu laufen, das eigene Denkmal zu zerstörren. Aber vielleicht ist es gerade das, was diese Band braucht, um weiter zu existieren. Bei aller Angst um die Zukunft hinterlässt das Album „Interpol“ einen hervorragenden und sehr starken Eindruck. Die Zukunft der Band Interpol sieht also gar nicht so düster aus, wie man denken mag.

Kompletter Albumstream @ MySpace

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