Ausgehen

Dienstag, 19. Juli 2011

Götterdämmerung

Für ein einzelnes Gastspiel beehrt der Altmeister der britischen Independent-Melancholie die deutsche Hauptstadt und überzeugt, wie enttäuscht dabei gleichermaßen. Über ein langsam verblassendes Idol.

Die Fotos habe ich mir mal wieder von der Homepage der intro "geborgt". Danke fürs Knipsen ;-)

Wie sehr sich doch die Szenarien äußerlich gleichen. Nicht ganz zehn Jahre ist es her, da bespielte Morrissey diverse Hallen seiner britischen Heimat im Jahre 2002. Dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt 5 Jahre keine Platte mehr veröffentlicht, keinen Plattenvertrag und spielte im Musikgeschäft nur noch eine historische Rolle. Die Tour geriet zum Triumphzug, zwei Jahre später folgte dann mit „You are the Quarry“ das überfällige Comeback mit eben jenen Songs, die er bereits Jahre zuvor live spielte. Und nun? 2011 wirkt es ähnlich. Zwar ist das letzte Album „Years Of Refusal“ erst 2 Jahre vergangen, aber Morrissey steht wieder ohne Plattenvertrag, unsichere Zukunft da und geht einfach mal auf Tour. Die läuft einigermaßen gut, die Euphorie früherer Zeiten scheint allerdings vergangen zu sein. Morrissey steht am Scheideweg. Ein neues Album hat er angeblich schon fertig, aber veröffentlichen will es momentan kein Label. Oder kein Label will ihn. Warum eigentlich? Jenen Mann, der mit den Smiths Musikgeschichte geschrieben hat, dem die Fans immer noch zu Füßen liegen. Oder tun sie das?

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Hinter Morrissey liegen ereignisreiche Wochen, in denen er immer wieder mit obskuren Meldungen für kleinere Schlagzeilen sorgte. Besonders sein Vegetarier-Militarismus scheint 2011 noch dringlicher zu sein. Ein belgisches Festival musste am Tag seines Auftritts alle Fleischprodukte verbannen. Und letzte Woche schwor Moz eine persönliche Fehde mit dem Betreiber der seit Jahren wichtigsten Fan-Page herauf und verbannte ihm von seinen Konzerten. Seitdem brodelt es leicht bis mittelschwer bei den Fans. Es steht die Frage im Raum, wieviel Nibelungentreue der Mozfather denn verdient hat? Wieviele seine verbalen Entgleisungen und Fotzeleien der letzten Jahre, wieviel aus Stimmungsgründen gecancelte Gigs kann man mit dem guten alten „Das ist Morrissey. So ist der halt“-Argument wegwischen? Musikalisch hat er nach der kurzen Comeback-Phase wieder relativ schnell abgebaut. „Years Of Refusal“ war eher halbgarer Schrammelrock, der einstigen Glanz vermissen ließ, textlich scheint das ewig gleiche Thema „Ich hasse die Welt, die Welt hass mich“ zur Genüge abgegrast und zuletzt machte Moz veröffentlichungstechnisch eher mit den ewigen Re-Packeges und Reissues von sich aufmerksam, welche er einst in „Paint A Vulgar Picture“ verurteilte. 2011 scheint die Zukunft ungewiss zu sein. Von einer Euphorie, wie in den wilden Jahren um die Jahrhundertwende kann also nicht die Rede sein. Nun kommt der Meister also allen Unkenrufen zum Trotz im Zuge seiner Festival/Sommer-Tour für ein Konzert in die Berliner Zitadelle Spandau. Wird das was?

Das witzige bzw. praktische an der Zitadelle Spandau und ihren anwohnerfreundlichen Lärmschutzbestimmungen, ist die Tatsache, dass Konzerte ja um 22 Uhr beendet sein müssen und somit im Sommer ganz praktisch in der Abenddämmerung stattfinden. Na ja, ob das praktisch ist sei mal dahingestellt. Zumindest ist man nicht allzu spät im Bett. So ergibt es sich also, dass bereits die überflüssige Vorgruppe „The Heartbreakers“ kurz vor 7 beginnt und umso schneller wieder vorbei ist. Müssen wir über diese Indie-Rock-Poser noch ein Wort verlieren? Hmmm, eher nicht. Aber ihre Frisuren waren ein schöner Querschnitt der Indie-Haarschnitte der letzten 25 Jahre. Nice. Doch alle warteten am Ende natürlich auf seine Hochheiligkeit, den Mozfather himself. Morrissey kam mitsamt seiner alteingesessenen Backingband kurz nach 8 auf die Bühne, grinste verschmilzt und intonierte gleich zu Beginn den alten Smiths-Reißer „I Want The One I Can’t Have“... wie damals auf besagter 2002er Tour. Und wie immer gab es das gleiche, beeindruckende Bild beim Publikum. Ja, die Damen kreischen ja von Natur aus gern. Aber nur bei Morrissey werden auch gestandene Männer und Familienväter um die 40 nochmal zu euphorisierten Groupies und beten den Meister an. Diesen Stellenwert erreichen nachwievor wenige in der Szene. Man(n) gestikuliert so gut es die Publikumssituation um einen herum erlaubt und „gesungen“ wird natürlich auch in jedem Fall.

In den folgenden knapp 75 Minuten bietet Morrissey eine grundsolide Setlist aus Solo-Hits und handverlesenen Smiths-Klassikern, sowie diversen neuen Tracks von jedem fertigen, aber noch unter Verschluss gehaltenem neuen Album. Beschweren kann man sich über die Auswahl kaum. Obligatorische Solo-Hits, wie „Irish Blood, English Heart“, ein etwas schleppend intoniertes „Everyday Is Like Sunday“ oder „I’m Throwing My Arms Around Paris“ gehen immer. Und auch einige versteckte Solo-Schätze aus den ansonsten eher durchwachsenen 90ern hat man dabei. „You’re The One For Me, Fatty“ kommt gleich an zweiter Stelle, wenig später das tolle „Speedway“ und noch später auch das vollkommen unterschätze Popjuwel „Alma Matters“. Aber, und das ist einfach mal keine subjektive Wahrnehmung, es waren, sind und bleiben einfach die Songs der Smiths, welche den größten Applaus einheimsen, wann immer sie kommen. Es sind die Songs, welche Millionen Leben retteten, die Grundlage von Morrissey’s Karriere bieten und die in ihrer mit Johnny Marr’s Beihilfe entstandenen musikalischen Brillanz auch über ein Vierteljahrhundert später immer noch unkaputtbar sind. Gerade wenn man eine Perle wie das 1986er „I Know It’s Over“ live hört, merkt man deutlich, wie sehr der jüngere Solo-Output gegen so fantastische Meisterwerke abschmiert. Und endlich kam ich auch mal in den Genuß, das legendäre „There Is A Light That Never Goes Out“ live zu hören, welches sich in den letzten Jahren auf Konzerten rar machte. Die Magie dieses Meisterwerkes kam allerdings nur bedingt rüber. Zum einen, weil jetzt wirklich jeder mitgröhlte, was aber prinzipiell nicht zu verhindern und an sich okay ist. Zum andern aber, weil Mozzer’s Band das gute Stück irgendwie nicht mit dem angemessenen Feingefühl intonierte, welches ihm gebührt. Generell: die Band, welche seit Jahren gleich aufgestellt ist, ist durchaus ein Streitthema. Stellenweise wirkt sie halt wie eine amateurhafte Garagenband, die viele Songs, gerade die älteren, bewusst auf „laut“ und „schroff“ trimmt. Das kann man gut finden, muss man aber nicht. Auch bei den jüngeren Solosachen wünsche zumindest ich mir eher wieder einen musikalisch etwas feinfühligeren Morrissey, als einen schroffen Pub-Rocker. Die gespielten neuen Songs, wie „Action Is My Middle Name“ oder das durchaus hittiger „People Are The Same Everywhere“ scheinen allerdings die bereits bestehenden Pfade weiter zu beschreiten. Schade. Ein Wechsel seines Arbeitsumfeldes wäre zu diesem Zeitpunkt vielleicht die cleverste Entscheidung.

18955_largeDoch Morrissey hat’s nicht so mit Veränderungen. Das moderne Leben und unnötige Innovationen sind nicht sein Stil. Das macht ja auch teilweise den Reiz aus, denn so wirkt dieser Mann in unserer technisierten, schnelllebigen Zeit wie das Relikt einer längst verklungenen Ära. Ich meine, er könnte sein Album auch in Eigenregie herausbringen, aber er will es halt lieber so, wie früher. Diese Geisteshaltung kann man gut finden oder kritisch hinterfragen. Je nachdem. Morrissey selber wirkt ganz okay gelaunt. In Berlin hatte er in den letzten Jahren, ganz gleich, wie die jeweilige Tour lief, stets gute Laune. Auch diesmal gibt es das ein oder andere nette Grinsen, ein, zwei lustige Ansagen usw. Und natürlich wird wieder der Fleischverzicht gepredigt. Die Band trägt McDonalds-feindliche Shirts, der Chef selber kritisiert die Stadt für seine hoch frequentierten Fressbuden und es wird auch „Meat Is Murder“ gespielt. Der einzige Smiths-Song mit dem ich mich als Fleischfresser nie identifizieren konnte und von dem ich, wie ich an dem Abend wieder merkte, auch nicht mal den Text kann. Ein Novum bei dieser Band. Aber Leben und leben lassen... ich bin da tolerant. Das kann Morrissey von sich freilich nicht behaupten. Stimmlich ist der Mann dennoch gut drauf und auch optisch sieht er wieder fitter aus, als noch 2009. Wenngleich er früher mehr Tam-Tam gemacht hab. Gelegentlich wirkt er schon etwas lustlos. Händeschütteln mit den Fans fällt diesmal auch aufgrund des enormen Bühnengrabens aus. Und auch die Stage-Invasoren am Ende zu „First of The Gang To Die“ hatten da wenig Chancen. Stichwort „Ende“... Ja, das kam tatsächlich. Nach lächerlichen 70 Minuten. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal bei einem Konzert war, das 21.15 Uhr vorbei war. Und das muss sich dieser Mann bei allen streitbaren Themen vorwerfen lassen. 70 Minuten für 50 Euro, nur eine Zugabe. Es wären locker noch 2,3 Songs drin gewesen. Vor ein paar Jahren war das auch noch der Fall, da spielte er weit über 20 Songs. Und heute? Kann er nicht mehr? Will er nicht mehr? Muss er nicht mehr? Die Frustration nimmt zumindest bei mir zu.

Und das alles trägt dann halt nicht dazu bei, nochmal Kräfte, besonders in finanzieller Form zu mobilisieren, um ein alterndes Idol am Leben zu erhalten. Ich versage Morrissey nicht die Gefolgschaft... das kann ich auch gar nicht, angesichts der musikalischen Meisterwerke, welche er in den letzten 30 Jahren zu verantworten hat. Da können auch tausend Anti-Fast-Food-Kampagnen, kurze Shows und rausgeworfene Kritiker nicht mehr dran rütteln. Aber, und das ist die Erkenntnis der letzten Wochen und... ja, fast schon Jahre bzw. dann auch des gestrigen Abends: manchmal ist man persönlich einfach bestimmten Künstlern entwachsen, kann sich mit denen menschlich, wie musikalisch nicht mehr in der Form identifizieren, wie dies vor Jahren noch der Fall war. Morrissey ist genauso ein Künstler für mich. Sicher haben seine Songs mir das Leben während der späteren Adoleszenz gerettet und sicher war er früher kraftvoller und präsenter als heute... aber das war damals. Die ewige Frustration und das gestrige Denken des Mannes spiegeln schon lange nicht mehr mein Wesen wieder. Warum sollte ich mich also noch hinstellen und einen Mann weiter unterstützen, der in den letzten Jahren menschlich, wie musikalisch das Gespür fürs Wesentliche verloren hat. Einer, der die nicht vorhandene Pressefreiheit in China verurteilt und gleichzeitig Zero-Tolerance bezüglich Kritik an seiner Person oder Nicht-Vegetariern zulässt? Ich esse super gern mal ein vegetarisches Gericht und respektiere Menschen für diese Haltung und Disziplin, erfreue mich aber auch gern an einem Schnitzel. Bin ich deshalb kein guter Mensch? Und wenn ich anmerke, dass sich Morrissey statt auf ewig neu aufgelegte Compilations lieber auf neues Material konzentrieren sollte bzw. seine Band mal auswechseln sollte... bin ich deshalb unloyal? Diese Fragen stellte nicht nur ich mir in den letzten Wochen und Monaten. Und der Moz selber sang es ja bereits auf der letzten Platte: „You were good in your times“. Und das wird und kann ihm keiner mehr nehmen. Und jetzt? Jetzt sollte er vielleicht einfach mal die Zeichen der Zeit erkennen, noch eine finale Tour-Ehrenrunde drehen, das Motto des ebenfalls an diesem Abend gespielten Tracks „One Day Goodbye Will Be Farewell“ verinnerlichen und einfach gehen. Weil er seine Zeit hatte, weil man ihn doch eigentlich für so clever hielt, eben nicht auf diese Altrockstar-Falle hereinzufallen und weil man es ihm doch so gern wünscht. Vor einiger Zeit meinte er mal, das Live-Spielen erhalte ihn am Leben und gäbe ihm die so dringend benötigte positive Energie. Das kam an diesem Abend leider nicht komplett so rüber. Vielleicht ist es mal Zeit, etwas Neues im Leben für sich zu entdecken, abseits der Musik. Dafür ist man nie zu alt. Es wäre ihm, und auch irgendwie seinen treuen Fans zu wünschen.

Setlist:

01 I Want The One I Can't Have
02 You're The One For Me, Fatty
03 You Have Killed Me
04 Speedway
05 Scandinavia
06 Ouija Board, Ouija Board
07 People Are The Same Everywhere
08 Action Is My Middle Name
09 Alma Matters
10 Satellite Of Love
11 I Know It's Over
12 Everyday Is Like Sunday
13 One Day Goodbye Will Be Farewell
14 There Is A Light That Never Goes Out
15 I'm Throwing My Arms Around Paris
16 Meat is Murder
17 Irish Blood, English Heart
18 First Of The Gang To Die

Dienstag, 21. Juni 2011

Gesetz des Wachstums

Müssen alle mit. Viel Regen, noch mehr Menschen und ein vielfältiges musikalisches Sortiment. Ein Erlebnisbericht vom erstmaligen Besuch des Hurricane Festivals in Scheeßel. Inklusive all der nervigen Begleiterscheinungen, die wohl nie wirklich verschwinden werden.

PS: Alle Fotos stammen von der Homepage des
Rolling Stone Magazins. Da gibt's auch noch mehr. Bitte vorbeischauen.

Ein Hoch auf die eigene Inkonsequenz. Eigentlich hatte ich mir ja mal vor einiger Zeit so halb geschworen, nie wieder große Massenfestivals mit Zuschauerzahlen im hinteren, fünfstelligen Bereich aufzusuchen. Irgendwann ist das Tohuwabohu neben der Musik, wegen welcher ich stets primär ein Festival besuchen wollte, zu viel des Guten. Idiotie, gute Laune und Hochprozentiges in aller Ehre, aber das Rockfestival an sich schien in den letzten Jahren immer stärker zum eskapistischen Ventil einer verrohten Masse zu verkommen. Ein Hort der Gesetzlosigkeit, wo man den im Alltag angestauten Frust endlich mal loswerden konnte, komme was wolle. Eigentum ist relativ, deshalb wurde mitgenommen, was irgendwo herumlag bzw. auch gern mal in den Zelten. Pinkeln und Kacken kann man sowieso überall und die Musik des Festivals verkommt zur Nebensache, maximal zum Soundtrack des eigenen Triebes. Die Grenzen kann und sollte ein Festivalbesucher vielleicht im Auge behalten, aber zuletzt schien es so, als ob sie bewusst überschritten würden. Das ein Massenfestival aber im gewissen Maße auch stets eine Massenabfertigung ist, dürfte außer Frage stehen. Die Einstellungen variieren dementsprechend auch. Für viele, gerade ältere Semester, ist es einfach ein stinknormaler Camping-Ausflug, wo man halt mal etwas mehr trinkt und sich Abends mal 1,2 Bands anschaut. Für diverse Atzen und Dorfdeppen ein weiterer Anlass um Stunk zu machen, für Menschen, die gerade dem Teenager-Alter entwachsen sind dann vielleicht ein Ventil für Freiheit. Man weiß es nicht. Und wo steck ich, welcher alterstechnisch der 30 näher ist, als der 20, da eigentlich drin?

Warum sich nun also ein weiteres Mal in dieses Getümmel stürzen, wenn es einen doch so nervt? Zum Einen, weil sich eine gewisse Entspanntheit mit dem Alter bei mir breit macht. Man hat schon zu viel Festivals gesehen und weiß eben, wie die Leute ticken und worauf man sich einlässt. Zu Anderen, weil man sich hat irgendwie breitschlagen lassen und das Line-Up ja auch diverse hervorragende Momente erahnen ließ und zum Dritten, weil vermutlich extra für Menschen, wie mich, das Green Camping eingeführt wurde, was sich als goldrichtig erwies. Im Prinzip nicht großartig anders, appelliert der neu errichtete Camping-Platz mit Zulassungsbeschränkung aber ans eigene Gewissen. Es gab wesentlich mehr Platz, wesentlich mehr Grün und wesentlich weniger, bis kaum vorhandene Krawalltouristen. Müll und Lautstärke hielten sich auch in Grenzen und das einzige, was mein Zelt attackierte waren ein paar vereinzelte Feldmäuse, die an unseren Äpfeln nagten. Es sei ihnen verziehen. In diesem entspannten Umfeld konnte es sich leben lassen. Und da erträgt man auch die ganzen Unannehmlichkeiten. Die teils wieder haarsträubende Organisation zum Beispiel. Über zwei Stunden stehen, um an Bändchen zu kommen? Ein überfülltes Festivalgelände (vier Bühnen, Disco-Atzen-Zelt, gefühlte 800 Stände, zu viel Menschen)? Amateurhafte Bühnenorganisation (fragen sie mal die Sum41-Fans)? Nimmt man alles in Kauf, wenngleich man sich fragt, warum Deutschlands zweitgrößtes Festival es nach jahrelanger Routine nicht gebacken bekommt, den Ansturm zu verarbeiten. Kommerz statt Kundenfreundlichkeit. Stimmt, auch so ein Argument gegen diese Festivals. Aber es gibt ja noch das alles entscheidende Pro-Argument: die Musik.

Elbow
Und die Musik war dieses Jahr wieder gut ausgesucht, viele interessante Acts für mich, oft auch abseits der großen Headliner. Dafür kennt und schätzt man das Hurricane. In Sachen Booking haben die Damen und Herrschaften immer noch ein feines Händchen. Also nahm ich mir vor so viel zu sehen, wie möglich. Hab ich je bezahlt. Das arktische Wetter mit starken Böen und häufigen Regen war zwar teils etwas hinderlich, aber am Ende ja auch keine Ausrede. Also, Freitag am frühen Abend aufs Gelände. Vorbei an den ewig gleich jaulenden Portugal. The Man (zu denen ich zeitlebens keinen Zugang mehr finden werde) hinein in die Red Stage zu Kvelertak! Ja, Metal aus Norwegen. Was für ein gelungener Einstieg. Wenn schon dann richtig. Eigentlich nicht meine Musik, aber in dem Moment sehr passend. Sänger Erlend Hjelvik hatte das T-Shirt schon hinter sich gelassen und sah aus, als ob er bereit wäre, direkt in den Wäldern seiner Heimat auf Trolljagd zu gehen. Fein. Und wie es der Zufall wollte, spielten anschließend die Landsleute von Kaizers Orchestra auf der Bühne neben an. Und die stammen sogar aus dem gleichen Nest, wie ihre Metal-Kollegen, nämlich Starvanger. Die Musik ist aber ganz anders, seit Jahren allerdings beliebt und als guter Live-Tipp verschrien. Deshalb musste ich die Gelegenheit 2011 mal beim Schopfe packen und mir deren Experimental-Blech-Folk-Mix anschauen. Nicht schlecht. Riesige Showtalente in jedem Fall. Das sind Glasvegas im Anschluss eher nicht. Deren Show-Element beschränkt sich auf eine riesige Leuchtschrift im Hintergrund und Sänger James Allan, der von Jahr zu Jahr bizarrer auszusehen scheint. In diesem Fall irgendwo zwischen Elvis und "Dave Gahan anno 1990" angesiedelt. Aber Leiden tut er immer noch, wenngleich die Musik halt live bei weitem nicht so episch rüberkommt, wie auf Platte. Egal, Time ist auf so 'nem Festival, auch angesichts der Überschneidungen eh immer Money, also ging's nach drei Songs rüber auf die Mainstage, wo eines meiner persönlichen Highlights auf mich warten sollte: Elbow haben sich angekündigt. Seit Jahren eine meiner Lieblingsbands und genauso häufig live verpasst. Fünf Jahre sind seit meiner letzten Begegnung vergangen. Seitdem gab es mit "Seldom Seen Kid" und jüngst "Build A Rocket, Boys!" zwei geniale Alben und mittlerweile immerhin einen großzügigeren Slot. Natürlich spielten die Herren aus Manchester nur Songs aus diesen beiden Platten und natürlich sind wir hier nicht af dem Glastonbury, wo tausende Briten diese Songs euphorisch mitgesungen hätten, aber die Band um dem charismatischen Teddybären Guy Garvey tut ihr Bestes, schmettern beseelt und begleitet vom Streichquartett große Hymnen wie "Lippy Kids" oder "One Day Like This" heraus und ernten ehrlichen Applaus. Gott, es war aber auch schön. Vermutlich konnte man den Bekanntheitsgrad damit wieder ein wenig steigern. Ehrliche Arbeiter, die Lads. Freue mich schon auf ein Konzert im intimeren Rahmen im Herbst. Nach einer kurzen Distanz-Betrachtung des Kommerz-Dubsteps von Chase & Status auf der White Stage verhaarte ich weiterhin vor der Hauptbühne, sah mir erstmals Portishead an, was allerdings nicht wirklich super für meine Müdigkeit war. In diesem Moment war der Sound der alten Trip-Hop-Heroen einfach ein wenig zu einschläfernd. Wäre eher was für den Abendausklang gewesen. Lag aber vielleicht auch am Wetter, bei dem Nicht-Bewegen eher schädlich war. Das musste sich dann mit Arcade Fire im Anschluss ändern. Im Vorfeld des Hurricane wurde viel darüber diskutiert, ob die Wahl der Kanadier als Headliner clever war. Ist Deutschland schon soweit? Trotz Grammy- und Feuillton-Hype genießt die Band um Win Buttler hierzulande halt noch nicht den stellenwert, wie bspw. in Großbritannien. Germany hinkt wieder etwas hinterher. Das merkte man an dem Abend auch etwas. Sicher, die Könige des Indie-Stadionrocks bleiben eine Live-Institution, fahren mittlerweile auch eine ziemlich protzige Bühnenshow auf, aber so richtig euphorisiert wirken Publikum und Band nicht. Kann aber auch Einbildung sein. Schön, sie allerdings noch mal im Zuge ihres aktuellen Albums "The Suburbs", was allerdings wenig berücksichtigt wurde, zu sehen.
Arcade-Fire
Der anschließende Tagesabschluss mit den legendären Chemical Brothers konnte sich auch sehen lassen. Die beiden Dance-Pioniere packten mehr als einmal die Beat- und Basskeule aus und regten meinen schon müde geglaubten Körper noch einmal zum ordentlichen mitraven an. Die Licht und Bühnenshow kann sich auch mehr als sehen lassen. Und ich glaube, ich habe in weiter Ferner irgendwo hinter all dem optischen Overkill auch die Herren Rowlands und Simons entdeckt. Könnten aber auch Roadies gewesen sein. Egal. Danach ging eh nix mehr. Feierabend.

Der Samstag ließ es dann in Sachen "Bands, die mich interessieren" etwas ruhiger angehen. Man könnte auch von Ereignisarmut sprechen. Los ging's um 4 mit den kurzweiligen British Sea Power, deren neues Album "Valhalla Dancehall" zwar nicht so toll, wie das letzte ist, aber als schmissiger Festivaltageseinstiegs-Soundtrack trotzdem funktioniert. Man schunkelt, klatscht und tanzt sich quasi schon mal warm. In meinem Fall für die Friendly Fires, welche einer meiner Hauptanzugspunkte dieses Wochenendes darstellten. Als großer Fan beider Platten, hoffte ich, die Band aus St. Albarns ist am Ende live besser, als das was ich über ihre Auftritte vorher gehört habe. Und das war sie auch. Bereits als der ulkige Saxophonist mit todsicherer "Verrückter-Professor"-Frisur auf die die Bühne kam und Sänger Ed MacFarlane uns erst sein Overkill-Hawaii-Hemd und anschließend seine Overkill-Dance-Moves präsentierte, war klar, dass hier getanzt werden musste. Das tat ich dann auch bei reichlich Platz und Endorphinausschuss eine Stunde lang intensivst. Die Songs sind nach wie vor Hits, selbst wenn das neue Album "Pala" vielleicht etwas zu sehr auf den Ibiza-House-Floor schielt.
friendfires
Aber in Sachen Rythmussektion macht denen keiner was vor und MacFarlane ist halt eine ziemliche Entertainment-Maschine, trotz oder gerade wegen seiner Verrenkungen, die stets etwas übertrieben wirkten. Aber so ist halt die Band und auch oft ihre Musik. Geht also prinzipiell klar. Fein war's. Nach einer dezenten Pause meinerseits gab's dann später noch die souveränen Gipsy-Punks von Gogol Bordello, denen allerdings ein wenig die Sonne fehlte, um bei mir die gleiche Euphorie wie vor ein paar Jahren auf dem Highfield zu erzeugen. Anschließend Two Door Cinema Club, bei denen ich immer wieder überrascht bin, welch großen Stellenwert die Iren in der Altersgruppe 14 bis 24 genießen. Sicher, das Debüt "Tourist History" hat extrem eingängige Hits zu bieten, aber im Prinzip ist das ja der x-te Aufguss von anderen Indie-Bands. Das ewig gleiche Muster, dazu noch extrem auf Hochglanz und Radiokompatibilität produziert. Gut, letzteres dürfte den Erfolg etwas erklären. Na ja, vielleicht nicht mehr meine Generation. Mehr als drei Songs konnte ich mir dann auch nicht geben, weil das irgendwie live so schrecklich belanglos wirkte, dass ich mir lieber was zu essen holen ging. Oder My Chemical Romance anschauen. Die haben wenigstens den attraktiveren Frontmann und ein bisschen Feuer unterm Emo-Glamrock-Hintern. Sonderlich berauschend aber auch nicht. Es fehlten die Highlights. Nächster Versuch: Kasabian. Nach der Auflösung von Oasis endlich Alleinherrscher des Stadion-Britpops und mittlerweile auch mit ordentlicher Fanscharr in Germany. Zu den Hits wird gut mitgemacht, ein Großteil lässt sich, ganz festivaltauglich, auch mit alkoholisierten Zustand ohne Textwissen mitgröhlen. Geht in Ordnung. Beim anschließend letzten Act des Abends entschied ich mich, ganz Popper wie ich im Herzen immer schon war, gegen Incubus und die Kaiser Chiefs. Beide schon gesehen, aber mittlerweile nicht mehr von musikalischem Interesse für mich. Stattdessen fiel die Wahl auf die White Stage und Andre Butler's New Yorker Disco-Projekt Hercules And Love Affair. Auf Platte trotz vereinzelter Hits, aus meiner Sicht stets überbewertetes Blabla, entpuppte sich die Kapelle live dann allerdings als Überraschung des Wochenendes. Knackige, teils sehr deepe, manchmal auch minimalistische, aber stets druckvolle House-Beats, die bewusst so klingen wollen, als wären sie 1990 entstanden paaren sich mit schwarzen Soulstimmen und erzeugen eine homoerotisch-groovende Disco-Grundstimmung, der ich mich an diesem Abend gar nicht entziehen konnte. Bulter hat ein Geschick für die richtigen Leute an den Mikrophonen, hält sich selber auch gern im Hintergrund, wenngleich er auch ab und an mal Ansagen macht und den Motivator spielt. Hoffentlich hat er das gewünschte Boy-Toy an diesem Abend noch gefunden. Großartige Stimmung, tighter Sound. Auch das kann das Hurricane sein.

Der Sonntag bescherte dann jede Menge Regen, dem es galt mit jede Menge Klamottenschichten und improvisierten Planen/Tape/Müllbeutel-Kreationen zu trotzdem. So eingepackt konnte man es zwar vergessen, rechtzeitig zu William Fitzsimmons ins Zelt zu kommen, aber na ja... was will man auch erwarten. Wie ein solch gehypter Act einfach nicht auf eine größere Bühne gelassen wurde, verstehe wer will. Das ganze Zeltkonzept sollte entweder verworfen oder stark überarbeitet werden. Ein bis zwei Stunden anstehen, um den gewünschten Act zu sehen, sollte auch nicht Sinn der Sache sein. Also begannen die Band Of Horses den finalen Konzerttag. Die haben zwar noch nicht so lange Bärte, wie Kollege Fitzsimmons, aber ebenfalls schmucken Indie-Rock alter Schule zu bieten, bei dem man sich schon mal angesichts der arktischen Temperaturen warm schunkeln konnte. Danach herrschte erstmal Unwissenheit, wohin denn die Reise geht. Der tief-irische Folk-Punk von Flogging Molly ist zwar nicht ganz meins, passte aber irgendwie zum rauen Wetter. Anschließend kamen die unkaputtbaren Hives. Der seit Jahren immer gleiche Poser-Rock-Witz in variierenden Frisuren und Kostümen. Immerhin hörte der Regen auf. Und das lag nur an den Hives. Davon war, wie immer, Howlin' Pelle Almquist überzeugt. Gott liebt die Hives. Geht nicht anders. War schon immer so, wird immer so bleiben. Na ja, kann man sich mal anschauen, die Zwischenreden bleiben witzig. Im Zelt legt zwischenzeitlich A-Trak auf. Kommerz House. Geht so, aber ist eindeutig noch ein wenig zu früh für "Barbara Streisand" und Co. Also wieder Hives. Pardon... The Hiiiiiiiiiiiiiiiives natürlich. Da mich die Wombats gar nicht interessierten, man zu den Kills sicher eh nicht ins Zelt kam und ich schon beim Gedanken an die Subways Krämpfe bekomme, wurde fleißig auf die Arctic Monkeys gewartet.
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Wie würden sie mit dem neuen Album "Suck It And See" auftreten? Vor zwei Jahren spielten sie auf dem "Highfield" fast nur Songs der damals neuen "Humbug"-Platte. Konsequent, aber massenfeindlich. Diesmal ging man den anderen Weg, feuerte zu Beginn des Sets gleich die Gassenhauer "The View From The Afternoon" und "Brianstorm" heraus und bot ansonsten viel Abwechslung. Die Gassenhauer kommen immer noch gut an und die neuen Songs werden immerhin zur Kenntnis genommen. Und passend zum surf-poppigen L.A-Sound des Albums bricht auch die Sonne erst- und einmalig an diesem Tag aus den Wolken hervor. Es scheint, als würde Gott die Monkeys den Hives dann doch vorziehen. "When The Sun Goes Down" verabschiedet die Lichtquelle dann schon wieder und zu "505" darf dann sogar Alex Turner's Last Shadow Puppets Kollege Miles Kane auf die Bühne, dessen Slot früher am Tag dem Regen zum Opfer gefallen war. Fein. Beim Festivalabschluss hatten dann bei mir Clueso, die Klaxons und Dave Grohl das Nachsehen und der dänische Klangwelten-Künstler Anders Trentemøller die Nase vorn. Zum Glück. Denn was war das für ein grandioser Abschluss auf der White Stage. Live hat Trentemøller deutlich an der Verbesserung der Umsetzung gearbeitet und präsentiert nun Tracks der beiden Alben "The Last Resort" und "Into The Great Wide Yonder" mit kompletter Band, Schlagzeug, jede Menge Gitarren, Gastsängerinnen und einer sehr passenden Lichtshow. Der Meister selber hüpft an den Keyboards herum und leitet die Zeremonie, die wie ein düster verhaltener Nachttraum beginn und sich dann in Sachen Tanzbarkeit und Party ordentlich steigert. Angesichts der Tatsache, dass sich Trentemøllers Sounds zuletzt immer stärker von der Tanzfläche entfernten und eher karge Nebelwälder und nachtaktive Lebensräume aufsuchten, wirkt gerade das überraschend. Denn live gewinnen viele der introvertierten Songs noch mal ordentlich an Fahrt. Dennoch drosselt und variiert die Band das Tempo immer wieder und sorgt so für einen dramaturgischen Spannungsaufbau, der sich gewaschen hat. Am Ende herrscht richtig euphorische Stimmung und einen besseren Festivalabschluss kann man sich kaum wünschen. Mit abwechslungsreichen, experimentellen und interessanten Sounds scheint Trentemøller in einer ganz anderen Welt zu agieren, als bspw. Dave Grohl mit seinen Foo Fighters draußen auf der Hauptbühne. Trotz seiner Sympathiewerte und Biographie wirkt Grohls gestriger Mainstream-Rock dann doch noch blasser und belangloser als erwartet. Zumal die Band auch in ihrer Routine etwas unmotiviert daherkommt. Am Ende fordert Grohl das Publikum auf, dann doch mal langsam nach hause zu gehen. Zugaben gibt's auch nicht. Aber anschließend gleich die Ankündigung auf der Leinwand, das man ab morgen schon Tickets fürs nächste Jahr kaufen kann. Die Ärzte und Blink 182 hat man sich auch gesichert. Kommt also alle vorbei. Muss ja weitergehen.
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Und das wird es auch. Vielleicht wird man einige Fehler korrigieren, vermutlich aber nicht. Das Gesetz des Wachstums bleibt bestehen und so wird auch das Hurricane 2012 so werden, wie 2011. Irgendwie zu viel von allem. Aber am Ende, und diese Erkenntnis, war und ist einfach immer so, muss jeder selber entscheiden, wie er ein Musikfestival für sich definiert. Alles gehört am Ende dazu. Der Wahnsinn, die Prolls, die Abkehr von der Zivilisation, Frust und Lust und die vielen unterschiedlichen Bands und Künstler, von dem jeden am Ende selbst überlassen wird, wie viel er sich in welchem Maße anschaut. Die eigene Toleranzgrenze sollte man an so einem Wochenende eh nicht allzu hoch ansetzen. Da ich dieses Jahr nicht so viel Konzerte besuchen konnte, wie ich wollte, habe ich mich gefreut, bestimmte Bands noch mal abzudecken. Enttäuscht wurde ich in keinem Fall, unbedingt wiederkommen muss ich aber auch nicht. Der Schwur, keine Massenfestivals mehr zu besuchen wird reaktiviert, allerdings gibt's da sicher noch eine Ausstiegsklausel. Nächstes Jahr dann doch mal lieber im Ausland versuchen. Oder endlich mal rechtzeitig Tickets fürs Haldern Pop besorgen. Irgendwas in der Richtung. Aber ich möchte am Ende auch nicht, wie ein pseudo-elitärer Klugscheißer wirken, der nicht wusste, worauf er sich einlässt. In diesem Sinne... Je ne regrette rien.

Mittwoch, 6. April 2011

Engel auf Endorphin

Der Mann setzt zum großen Sprung an. Über zwei Monate vor Release seines neuen Albums präsentiert Pop-Wunder Patrick Wolf im Berliner Lido alte und neue Hits vor einem euphorisierten Publikum. Tatsachenbericht eines triumphalen Konzertabends.

17202_largeSetting: Warteschlange vor dem Lido, ein paar Minuten vor dem Einlass. Eine junge Dame Marke Hipster-Mädchen verwickelt mich, meine Begleiterin und auch die ihr meines Wissens unbekannte Person neben sich ein kurzes Gespräch. Es geht Anfangs noch um Patrick Wolf. Die Musik. Ist ja klar. Die sei ja schon seit zwei Alben nicht mehr so gut und so. Und das neue wird sicher noch poppiger. Und irgendwie ist dieser Support-Act Rowdy Supperstar auch voll mies und die treten zusammen auf und machen alte Songs kaputt. Nein, alles ganz gruslig und so. Während sich der Dialog zusehens in einen Monolog verwandelt und die typischen klischee-behafteten Themenkomplexe London, Reisen, Underground, die Wichtigkeit des eigenen Seins abgrast, wende ich mich ab und muss mir mein eigenes Unwissen eingestehen. Nein, ich kenn mich nicht groß in der Patrick Wolf-Diskografie aus. Eine Handvoll Singles sind bei mir beliebt, das letzte Album „The Bachelor“ hab ich ein paar Mal gehört, meine Freundin ist begeisterte Verehrerin des guten Mannes und vor allem hat er mich vor zwei Jahren als Schlussakt auf dem Highfield Festival mehr als positiv überrascht. Während draußen die Toten Hosen ihre reaktionären Rockschlager zum Besten gaben, überzeugte Wolf im Zelt mit guter Laune, großen Entertainment-Qualitäten und einem bizarren Abba-Gedächtnis-Look inklusive goldenem Kleid und langer blonder Mähne. Ein Anblick, den man nie mehr vergisst.

Nun also 2011. Und die Ohren sind gespitzt, denn das neue Album „Lupercalia“ steht in den Startlöchern, wenngleich es erst irgendwann im Juni offiziell erscheint. Die beiden Vorab-Singles „Time Of My Life“ und „The City“ überzeugten mich allerdings als euphorische Pop-Hymnen sofort nach dem ersten Anhören und machen bei mir erstmals extrem Lust auf ein Wolf-Album. Vorerst gab es die neuen Songs an diesem Abend erstmal live. Die Pre-Album-Tour. Auch mal ein neues Konzept. Doch bevor wir zu Patrick Wolf kommen, müssen wir erstmal über Support Rowdy Superstar sprechen. Daran führt kein Weg vorbei. Okay, richtig beschreiben kann man es wohl nur dann, wenn man auch anwesend war. Und selbst dann wird es schwierig. Also, die Kategorisierung „Schwuler, schwarzer Experimental-Pop-Prinz, der wirkt, wie der uneheliche Sohn von Prince und Dizzee Rascal“ ist schon mal ein Anfang. Die Beats kommen aus dem Labtop, für den Rest sorgt Rowdy zusammen mit seinen beiden extrem powerhaften Background-Tänzerinnen. Der Mann mag noch nicht bekannt sein, beweist aber, dass man auch mit wenig Mitteln viel Wirkung erzeugen kann. Lichtshow, verschiedene Glitzeroutfits, Choreographien, Licht, Schatten, nackte Haut und dazu Songs, die irgendwo zwischen Bowie, Eurodisco und Lady Gaga liegen. Und selbst das trifft es nicht mal richtig. Die Show ist explosiv, witzig, energiegeladen, sexuell und überrascht mit erfrischenden Sounds. Nach anfänglicher Verstörtheit fliegen Rowdy schnell die Herzen des Publikums zu. So euphorischen Applaus bei einem Support-Act habe ich selten bis nie bei einem Konzert erlebt. Ich wünsche dem jungen Herren alles Gute auf dem Weg zum wirklichen Superstar, wenngleich es für den Massengeschmack sicher etwas zu eigen ist.

Nun aber ohne große Umschweife zu Herrn Wolf. Kaum zu glauben, dass der Mann erst 27 ist und schon fünf Alben veröffentlich hat. Der Begriff des Wunderkindes wurde in den vergangen Jahren ja dann auch von der Musikpresse durchaus gelegentlich in den Mund genommen. Verwunderlich ist das ja auch nicht, immerhin scheint Wolf fast jedes Instrument spielend zu beherrschen, so dass er an diesem Abend auch ganz locker zwischen Violine, Gitarre, Piano und Harfe hin und her wechselt. Und dazu diese Stimme. Makellos. Der Patrick Wolf im Jahr 2011 scheint voller Energie und guter Laune zu sein. Voll auf Endorphin, der gute. Das zeigen nicht nur die Vorabsingles, sondern auch das neue Material aus „Lupercalia“. Die düsteren Untertöne und die Zerrissenheit der früheren Tage scheint Wolf abgestreift zu haben, präsentiert sich auf dem Albumcover als strahlend weißer Engel. Wolf geht es gut, immerhin ist er jetzt ein verheirateter Mann. Oder eingetragener Lebenspartner, wie das halt politisch korrekt heißt. Wolf ist glücklich, verliebt und singt dann auch gern mal euphorisch davon, wie sehr er sich im neuen Heim zuhause fühlt. Der hymnenhafte Song „House“ soll dann auch gleich neue Single werden. Die gute Laune im Privatleben überträgt der Sänger gleich direkt auf die Bühne, wenngleich er sich an diesem Abend in feurigem Rot statt in unschuldigem Weiß präsentiert. Rot steht ja bekanntlich für Aggressivität und Leidenschaft. Gute Vorraussetzungen an die sich Wolf an diesem Abend auch hält. Seine Band und er präsentieren sich in bester Spiellaune, live gibt’s einen bunten Mix aus altbekannten und neuen Songs. Wenngleich ich da jetzt ja bekanntermaßen kein Fachmann bin, diese zu unterscheiden. Aber die Hits wie „Tristan“ oder „The Magic Position“ kommen natürlich gut an. Und neue Tracks wie der Kitsch-Walzer „The Days“, das elektropoppige „Together“, sowie das unglaublich eingängige „Bermondsey Street“ lassen einiges an Abwechslung erwarten. Wenngleich allerdings durchaus auffällt, dass die Songs neueren Datums ein wenig die Ecken und Kanten früherer Wolf-Nummern vermissen lassen. Wenn sogar mir das auffällt… Im Gegenzug zu Madamme „Anti-Sellout“ aus der Warteschlange sehe ich dabei allerdings kein wirkliches Problem. Musikalisch spiegelt die Harmoniesucht der Songs ja nur den aktuellen Gemütszustand des Komponisten wieder, zumal er einfach seit jeher gut da drin ist, von Episch bis Eingängig alle Sparten guter Musik zu bedienen. Auch an diesem Abend. Virtuoses an der Harfe trifft auf Tanzbares mit Synthesizer. Zackige Popsongs, große Streicher-Momente, intime Songwriter-Augenblicke und das ein oder andere kitschige 80er-Saxophon-Solo sind auch dabei. Hier bekommt der Zuschauer etwas für sein Eintrittsgeld, nämlich eine Bandbreite, die jeden Musikliebhaber glücklich machen sollte. Zumal die Qualität der Songs in der Regel nicht zur Diskussion stellt.

Und Wolf kann und will noch mehr. Das anfangs kritisierte „Zerstören“ alter Songs verkommt zum kurzweiligen Rap/Gesangs-Duett mit Rowdy Superstar und gibt der alten Nummer „Bloodbeat“ noch mal ordentlich Schwung. Dieser Mann bleibt nicht stehen. Mehr davon? Bitte sehr, Berlins Elektronik-Genius Alec Empire wird mal eben so zur Zugabe aus dem Hut gezaubert und zerstückelt anschließend die Single „Hard Times“ ordentlich. Wolf tanzt mittlerweile im weißen Overall, während Mr. Atari Teenage Riot wie ein Irrer an den Knöpfen dreht, auch beim anschließenden „Vulture“. Ja, auch für leichte Drum’n’Bass-Momente ist an diesem Abend Platz. Und für einen Gastgeber, der den Publikumskontakt nicht scheut. Zwei mal wandert Wolf durch die Menge, gibt Umarmungen und Handschläge und sammelt fleißig Schulterklopfer. Der Applaus an diesem Abend wird eh von Song zu Song lauter. Zum großen Finale mit „The City“ gibt es kein Halten mehr. Wolf dankt es mit schüchternem Lächeln, vielen „Danke scheeen“’s und diversen Berlin-Komplimenten. Selbst als deutscher Teilnehmer für den Eurovision Song Contest bietet er sich an. Eloquenter als Lena ist er sowieso. Und so hinterlässt Wolf das Publikum im Lido an diesem Abend Freude strahlend zurück. So muss und sollte ein Konzert sein. Große Freude, große Emotionen, jubelnde Menschen, sympathische Musiker. Das ist es in der Tat egal, wie alt du bist, ob Hete oder Homo, wie viel Facebook-Freunde du hast oder wo du deinen hippen Stoffbeutel gekauft hast… an diesem Abend hinterlassen Rowdy und Patrick mich und viele andere Menschen mit einem breiten Lächeln zurück und empfehlen sich für eine euphorische Zukunft. Bitte auch gern wieder auf den Bühnen dieser Republik. Wenn das Sellout sein soll, dann kauf ich gleich noch eine Platte extra.

Setlist:

01 Armistice
02 Time Of My Life
03 To The Lighthouse
04 Tristan
05 Accidents & Emergency
06 Godrevy Point
07 House
08 Bluebells
09 The Days
10 Who Will?
11 Together
12 Bermondsey Street
13 The Magic Position
14 Bloodbeat (ft. Rowdy Superstar)

15 Hard Times (Remix ft. Alec Empire)
16 Vulture
17 The City




PS: Das Foto stammt a) aus Köln und b) von der Intro-Homepage. Danke fürs Knipsen! Lest alle Intro. Und so weiter...

Freitag, 1. April 2011

Ein gutes Gefühl

Einmal mehr begeistertern die Brit-Rocker von The Boxer Rebellion auf deutschen Bühnen. Ein, mit Selbstzitaten gespickter Bericht vom Konzert im Berliner Magnet Club.

sxsw-boxerrebellion
“Copy” und “Paste” sind Kernthemen unserer Zeit, das weiß man nicht schon seit dem Fall zu Guttenberg. Aus diesem Grund, und weil ich nach einigen Konzertkritiken mal was neues probieren möchte, probiere ich mich heute beim Bericht zum gestrigen Konzert von The Boxer Rebellion in Berlin mal eben fleißig am Selbstzitieren. Gründe dafür gibt es genug. Grund Nr. 1: Wer sich mal etwas durch das Archiv des „Nobono“-Blogs wühlt, der findet da eh ein paar Lobpreisungen aus den letzten Jahren. Albenbesprechungen zu allen drei Alben („Exits“, „Union“, „The Cold Still“), erste Konzerterfahrung als Editors Support im Jahr 2007, Solokonzerte in München und Dresden. Der lange, stetige Weg einer Band, die sich ihren Erfolg mühselig verdient hat und erspielt hat. In der Tat. Entsprechende historische Ereignisse kann man nachlesen. Zitat 04.05.08.: „Und dann gibt es da Bands, wie The Boxer Rebellion aus London, die all das haben, was an Musik wichtig ist. Größe, Gefühl, auch gern mal Sperrigkeit… aber vor allem großartige Songs. Und genau diese Boxer Rebellion dümpeln seit gut 2 Jahren ohne einen Plattenvertrag rum, nachdem sie vom Majorlabel geworfen wurden, nachdem ihr Debüt „Exits“, welches großartig ist, nicht den gewünschten Erfolg brachte. Und nun haben sie ein komplettes 2. Album aufgenommen, können es aber nirgendwo releasen.“ Geändert hatte sich daran ein Jahr später nix. Das Zweitwerk „Union“ erschien 2009 „unabhängig, ohne Label, ohne Airplay, ohne Support“ (09.04.09). Zumindest galt dies lange als Credo des Vierers aus England.

Doch genug der Vergangenheit. Im Jahr 2011 ist die „Do-It-Yourself“-Attitüde längst zum Markenzeichen geworden und das Platt scheint sich gewendet zu haben. Die Band geht mittlerweile den Weg über das eigene Label, die Mitarbeit an der Indie-Romantikkomödie „Going The Distance“ hat auch für gute Promo gesorgt und nun hat auch die Musikpresse und das konzertticketzahlende Volk langsam Notiz von der Band genommen. „Diese Band muss bekannt werden, sonst stimmt was nicht“ lautete mein Intro-Satz im Jahr 2008. Da freut es dann auch, dass der Magnet Club 2011 deutlich besser gefüllt ist, als die Locations bei den letzten Touren. Bei aller Bandliebe bin ich ja dann auch niemand, der die Band sich erst erfolgreich wünscht, nur um sich anschließend darüber aufzuregen, dass Hinz und Kunz die Band hören. Da stell ich mich gern auch mal weiter nach hinten, wie an diesem Abend. Immerhin sind Boxer Rebellion noch nicht in einem Til-Schweiger-Film aufgetaucht. Reinpassen würden sie da vermutlich, denn an der Eingängigkeit, dem Gefühl der Musik und ihrer großen Emotion hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, das neue Album „The Cold Still“ dreht die Gefühlsregler noch mal ordentlich nach oben, die Band drosselt das Tempo noch einmal, gibt der unverwechselbaren Stimme von Frontmann Nathan Nicholson noch mehr Raum, sich zu entfalten. So sind die hymnischen Pop-Rock-Songs des neuen Albums der Dreh- und Angelpunkt dieses Abends, immerhin spielt man mit Ausnahme von „Locked In The Basement“ die komplette Platte. Ungewohnt, aber durchaus verständlich, denn diese Band denkt an die Zukunft, spielte bereits auf den frühen Touren Songs, die noch nicht mal aufgenommen waren. Das geschieht natürlich auf Kosten der Tracks von „Union“ und „Exits“. Letzteres wird nur mit zwei Stücken bedacht, ansonsten spielt man einen bunten Mix bei dem es weniger darum geht, der handvoll Fans das zu geben, was sie möchten, sondern vielmehr Stimmung zu erzeugen. Mission accomplished. Große Epik-Balladen wie „Both Sides Are Even“ oder “If You Run” fahren schwere Geschütze auf, Power-Pop-Songs wie „Spitting Fire“, „Step Out Of The Car“ oder „Memo“ regen zum munteren Mitwippen und Mitfühlen ein. Die Band ist gut drauf, Nicholson bedankt sich recht freundlich und bittet am Ende zum etwas groovigen „The Gospel Of Groro Adachi“ sogar die Fans zum gepflegten Tanzbein-Schwingen auf die Bühne. Nette Aktion.

Was bleibt also am Ende? Nun, der Applaus ist auch angesichts der deutlich höheren Zuschauerzahlen, als noch vor 2,3 Jahren, wesentlich lauter zu vernehmen. Die Fanschar wächst. Die Band gibt sich ehrlich dankbar und kommt immer noch zum Signieren nach dem Konzert nach draußen. Allerdings ist der Ansturm deutlich größer, als früher. Für kurze Plauschs mit der Band bleibt dann doch etwas weniger Zeit. Und so wird man auch an diesem Abend eine Handvoll Besucher, die ohne großes Bandvorwissen vorbeigeschaut haben, von den Qualitäten der eigenen Band überzeugt haben. Und so kaufen sich dann doch einige Menschen CDs, T-Shirts, werden die Band weiter empfehlen und so dafür sorgen, dass die kleine Erfolgsgeschichte von The Boxer Rebellion auch über das Jahr 2011 hinweg geschrieben wird. Das etwas überschwängliche Eigenzitat von 2008 – „Wenn sie in den nächsten Jahren nicht anfangen vor tausenden von Leuten zu spielen, dann stimmt wirklich was nicht mit dieser Welt.“ – kann dann durchaus revidiert werden. Nicht die Größe ist entscheidend, sondern die Qualität und die ist auch 2011 noch extrem hoch. Und wenn die stimmt, dann kommt auch der Rest automatisch. Und hier kann ich abschließend auch noch mal bedenkenlos meinen letzten Satz der 2008er-Kritik heranziehen: „Ich hab da ein gutes Gefühl bei den Jungs.“ Auch heute noch.

Setlist:

01 Step Out Of The Car
02 Organ Song
03 Cowboys And Engines
04 Flashing Red Light Means Go
05 Caught By The Light
06 If You Run
07 Evacuate
08 Memo
09 Both Sides Are Even
10 Spitting Fire
11 The Runner
12 Semi-Automatic
13 Doubt
14 Watermelon

15 No Harm
16 Cause For Alarm
17 The Gospel Of Goro Adachi

Mittwoch, 16. März 2011

Der neue Glanz vergangener Zeiten

Musik, wie aus einer anderen Zeit. Nach längerer Pause wagt die britische Band Feeder mal wieder einen Besuch auf deutschen Konzertbühnen und präsentiert sich im Berliner Postbahnhof trotzig-rockend. Überzeugt man damit auch einen alten Fan, der sich längst abgewendet hat? Report eines Selbstexperiments…

feeder-ticketsSelbstkopieren nervt und kostet ja auch Zeit. Einen entsprechenden Text-Monolog zum Thema Musik, ihre nostalgische Verklärung und die veränderte Einschätzung nach ein paar Jahren hab ich erst beim Bericht zu Interpol abgehalten. Da muss man nur einmal das jüngere Blog-Archiv hier durchwühlen. Die Quintessenz bleibt: Musikalische Qualität bleibt auch über die Jahre erhalten, die persönliche Wertschätzung aktueller Musik, auch von einstigen Helden kann sich dann doch mal ändern. Machen wir’s mal kurz und bündig und aus meiner Sicht subjektiv: Die britische Rockband Feeder hat ihre beste Zeit offensichtlich hinter sich. In Deutschland hatte sie die eh nicht, da blieb man stets der ewige Geheimtipp, der die kleinen Clubs bedienen musste, während man in der Heimat auch gern mal ein paar tausend Menschen gleichzeitig zum Mitgrölen motiviert werden können. Von den unzähligen Top 20 und Top 10 Singles der letzten fünfzehn Jahre mal ganz zu schweigen. Verkehrte Welt in der restlichen Welt. Feeder bleiben ein britisches Phänomen, dass allerdings auch hierzulande eine kleine Fanbasis halten kann, zu denen ich mich tendenziell auch zählen würde, wenngleich die einstige Liebe zuletzt auf eine harte Probe gestellt wurde.

Wie viele andere war es das 2002er „Comfort In Sound“-Album, welches mich vor gut 8 Jahren zum Fan machte und mein jugendliches Leben das ein oder andere Mal rettete. Ein pop-rockendes Meisterwerk, das unter dem tragischen Selbstmordtod des damaligen Drummers John Lee entstanden ist, der Band aber nach dem lustig-harmlosen Pop-Rock der
Spät-90er eine gewisse Reife bescherte. Auch der Nachfolger „Pushing The Senses“ hielt die Messlatte, wurde noch kommerzieller, aber auch erfolgreicher. Feeder hatten ihren populären Zenit erreicht. Doch diese Zenite haben ja meist die Tendenz dazu, in einen Abstieg zu münden. Bereits das 2008er „Silent Cry“ war so halb gar, Schlagzeuger Mark Richardson stieg aus, um zu seiner alten Band Skunk Anansie zurückzukehren, das hauseigene Echo Label ging pleite. So war das letztjährige Album „Renegades“ eine Art trotziger Befreiungsschlag mit ordentlicher „Fuck-You“-Attitüde. Mit neuem Drummer Karl Brazil gab es einen konsequent harten, kompromisslosen Rocksound, der gar nicht erst auf die Charts zielte. An sich ja eine gute Einstellung für eine Band in der Größenordnung (so wurde das Album auch ein relativer Flop in der Heimat), musikalisch aber eher langweilig und zumindest für mich selber nicht mehr wirklich ansprechend.

Warum also noch mal ein Konzert im Jahr 2011? Etwas Skepsis ist ja im Vorfeld angebracht, denn Feeder könnten sich ja auch blamieren, irgendwie verbittert wirken oder generell peinlich. Glücklicherweise wird der Abend diesen Befürchtungen nicht gerecht werden, soviel sei gleich vorweggenommen. Nach einer eher durchschnittlichen deutschen Vorband namens Elevate, die mich schmerzlich daran erinnert, dass das Subgenre des gradlinigen 90er-Jahre-US-Alternative-Rock immer noch existiert und ich damit nur bedingt etwas anfangen kann, betreten die Briten gegen 22.15 Uhr nach einer etwas langen Umbaupause die Bühne des Berliner Postbahnhofs zum zweiten Konzert ihrer Deutschlandtour. Die sollte eigentlich schon im Oktober stattfinden, wurde nun aber auf dieses Frühjahr verschoben. Lange Wartezeit also für die richtigen Feeder-Fans, welche es sich auch in den ersten beiden Reihen bequem machten und die Stimmung retteten. Feeder selber sind so, wie man sie in Erinnerung behalten hat. Gut, Basser Taka Hirose trägt seine Haare jetzt länger und bei Sänger Grant Nicholas merkt man trotz ewig jugendlicher blonder Haarpracht und Grunge-Holzfällerhemd dann doch ein paar Falten. Aber singen kann er immer noch… und wie. Vielleicht macht auch das den kleinen, feinen Unterschied dieser Band aus. Dennoch stehen die Gitarren an diesem Abend im Vordergrund. Repräsentiert durch viele neue Tracks der „Renegades“-Platte. Die funktionieren mal mehr, mal weniger, haben aber in jedem Fall eine durchschlagende Wirkung. „Down To The River“, einer der wenigen ruhigeren Tracks der neuen Platte überzeugt mich dann doch live ordentlich und zeigt, dass diese Band auch mich noch emotional erreichen kann. Doch es sind natürlich vor allem die alten „Hits“, die an diesem Abend die Jubelschreie der Menge auf sich ziehen. Wunderbare Hymnen wie „Feeling A Moment“ oder „Just The Way I’m Feeling“ sind immer noch Gänsehaut-Garantien, bei denen mir sofort wieder einfällt, was ich an Feeder und Nicholas’ kraftvoller Stimme seit jeher so zu schätzen weiß. Das Publikum schätzt das auch, die Band sowieso. Man dankt die ganze Zeit, grinst um die Wette und freut sich sichtlich, dass man nach all der Zeit und vor allem einer längeren Abwesenheit von deutschen Bühnen doch noch ein paar Leute mitreißen kann. Besonders beim Zugabenblock, bestehend aus der schnittigen Midtempo-Single „Tumble And Fall“, sowie den Party-Rock-Evergreens „Buck Rodgers“ und „Just A Day“ merkt man das, denn hier wird die Masse auch mal zum Springen motiviert.

Der Sympathiefaktor des Abends bleibt einfach erstaunlich hoch. Der Postbahnhof ist okay gefüllt, aber in einem Maße, bei dem man sich noch gut bewegen kann, die Menschen wirken entspannt und an der Musik interessiert, was angesichts all der chronisch desinteressierten Hipster-und-Hype-Besucher auf anderen Konzerten mal extrem angenehm wirkt und die Band ist schlussendlich eh gut drauf, selbst wenn sie aus meiner Sicht auch noch wesentlich mehr Hits hätten spielen können. Aber Platz nach oben ist ja immer. Und vielleicht geht da ja tatsächlich noch etwas, zumal Grant Nicholas jüngst ankündigte, dass ein neues Album schon in Bälde erscheinen soll. Dieses soll sich wieder stärker an den kommerziell erfolgreichen Platten von Feeder orientieren. Ob es gelingt, wird die Zukunft zeigen, aber eine neue Hochphase kann man der Band einfach nur wünschen. Vielleicht retten sie dann noch die Leben einer neuen Generation bzw. die der alten. Dafür ist es bekanntermaßen nie zu spät.

Setlist:

01 Home
02 Insomina
03 Sentimental
04 This Town
05 Feeling A Moment
06 Renegades
07 Pushing The Senses
08 Down To The River
09 Just The Way I’m Feeling
10 Come Back Around
11 High
12 White Lines
13 Lost And Found
14 Call Out

15 Tumble And Fall
16 Buck Rogers
17 Just A Day

Montag, 7. März 2011

Schall und Nebel

Noch einmal mit Gefühl. Beim Tourstart in den Hamburger Docks spielten die alten New-Wave-Helden von Interpol vergangenen Donnerstag groß auf. Wenngleich alle Begeisterung nicht über die Kompliziertheit der aktuellen Bandsituation hinwegtäuschen kann. Ein leicht verspäteter Konzertbericht…

Ja, wir alle werden nicht jünger und im Prinzip kann man das ja nicht aufhalten und so muss man sich dann doch mit Dingen abfinden, die man früher auf Teufel komm raus nicht so wahrhaben wollte. Man wird ordnungsliebend, dezent spießig, liest dann doch öfters mal eine seriöse Tageszeitung als die Intro (von deren Homepage ich mir dennoch mal eben das Foto von Herrn Banks "geliehen" habe. Danke!) und beginnt hinter die zahlreichen Fassaden von Jugend- und Popkultur zu blicken. Und so sehr man diese Menschen hasste, die den guten alten „Früher war alles besser“-Spruch von sich geben, jetzt ertappe auch ich mich dabei, wie ich gelegentlich zu dieser Floskel greife. Furchtbar eigentlich. Noch furchtbarer, wenn das nicht nur so eindeutige Sachen, wie MySpace oder von mir aus die Black Eyed Peas betrifft, sondern auch lieb gewonnene, musikalische Institutionen, wie Interpol aus New York City. Viel hat sich seit meinem letzten Konzert vor vier Jahren getan. Persönlich, popkulturell und auch bei den Mannen um Paul Banks. Aber fangen wir mal kurz beim Anfang an…

16918_largeEs passiert ja öfters mal, dass Bands im Laufe ihrer Karriere einzelne Mitglieder verlieren. Manchmal schmerzt das mehr, manchmal weniger. Pünktlich zur Fertigstellung des selbstbetitelten Viertwerks verließ Carlos Dengler letztes Jahr Interpol und ließ ein etwas lädiertes Trio zurück. Über das musikalische Gewicht von Dengler innerhalb der Band gibt es unterschiedliche Aussagen. Manche sahen in ihm das musikalische Genie der Band, andere vermuteten, Dengler war sichtlich unterfordert, weil Gitarren-Mastermind Daniel Kessler zuletzt sogar ganze Basslinien allein komponiert und eingespielt haben soll. Widersprüchlich waren auch die Meinungen zum Album. Für viele Fans eine dezente Enttäuschung, konnte das Album „Interpol“ die Kritiker einmal mehr überzeugen. Die Wahrheit verliert sich im Nebel. „Interpol“ ist sicher das schwächste Album der Band, wenngleich man stets das hohe Niveau, auf dem wir hier meckern einbeziehen sollte. Die Band existiert nun seit vergangenem Sommer live zu fünft, allerdings stieg Ersatzbassist Dave Pajo jüngst schon wieder aus, so dass sich nun erneut ein neuer Mann an Denglers Instrument zu schaffen macht. Brad Truax feierte an diesem Abend seine Tourpremiere, aber letztendlich ist das auch egal. Die Position ist ersetzbar geworden, die Einheit, die Interpol musikalisch und optisch mit Carlos D. zusammen symbolisierte, scheint aufgebrochen. Was bleibt ist eine Band, die ihren Weg erst noch finden muss. Also, musikalisch. Denn da sind Denglers Ideen, wie groß sie am Ende auch gewesen sein mögen, immer noch präsent, zumal die wirklich entscheidende Aufgabe- das erste Album zu dritt- erst noch bevorsteht. Live muss sich diese Band allerdings nicht mehr finden. Da funktionieren Interpol an diesem Abend in den Hamburger Docks immer noch wie eine gut geölte Maschine, bei der alles sitzt, wo es sitzen muss. Der etwas blasse Keyboarder und Backing-Vokalist, dessen Namen mir zu recherchieren jetzt etwas zu müßig war, ist dabei genauso verzichtbar, wie Truax, der seinen neuen Job an diesem Abend gut macht, aber auch problemlos durch einen Roadie hätte ersetzt werden können. Namen sind Schall und Rauch. Oder in diesem Fall eher Nebel. Das seit zehn Jahren funktionierende System „Beleuchtung-von-hinten-und-viel-Nebel“ wird auch 2011 von der Band als essentielles Stilmittel genutzt, auch um die Position rechts außen etwas zu überdecken. Ansonsten alles beim Alten. Und viel Altes vor allem!

Nach einem gnadenlos übersteuertem Support-Act, in Form des Experimental-Indie-Poppers Matthew Dear, des gute Songs durch den miesen Sound etwas eingebüßt haben, betritt die Band kurz nach halb 10 die Bühne. Applaus ist vorhanden. Und vereinzelt verwunderte Kommentare zu Banks neuem Kurzhaarschnitt, der, kombiniert mit leichtem Vokuhila und Oberlippenbart, etwas White-Trashig anmutet. Na ja, Haare sind ja für das musikalische Gelingen nicht von essentieller Bedeutung. Gleiches gilt auch seit Jahren für die Band bezüglich Publikumsansagen. Auch diesmal gibt sich Banks wortkarg, grinst aber durch die Bank weg, wie ein kleiner Schuljunge… was dann wieder zur Frisur passt, allerdings nicht unbedingt zur Musik. Die ist seit Karrierebeginn bewusst düster, verspielt, leicht kryptisch und dabei trotz dieser Eigenschaften stets auch etwas eingängig. Das merkt man schon beim Opener „Success“. Anschließend serviert die Band anderthalb Stunde lang ein paar ihrer besten Songs. Die Auswahl gestaltet sich bei einem solch hochwertigen Back-Kalalog eh schwierig genug. Vom neuen Album spielt man ausschließlich die qualitativ bessere erste Hälfte. Die B-Seite wird komplett ausgespart, was dann doch etwas seltsam anmutet. Die neuen Songs wirken etwas träge und wirken gerade zwischen all den alten Songs dann doch etwas leicht zweitrangig. „Barricade“ wird die Band live nie so gut hinbekommen, wie auf Platte und „Summer Well“ leidet ein wenig an dem ohnehin etwas schwammigen Sound in der Halle. Lediglich „Lights“ entschädigt dann und gewinnt auch dank markanter Lichtshow live noch mal ordentlich dazu. Ein Monster von Song. Sehr überraschend wirkt die Vernachlässigung des dritten Albums, „Our Love To Admire“, welches lediglich durch zwei Songs vertreten ist, das lässige „Rest My Chemistry“ und die immer noch sehr mittelmäßige Single „Heinrich Maneuver“. Ist das Album bei der band etwa in Ungnade gefallen? Die beiden Erstlinge „Turn On The Bright Lights“ und „Antics“, welche einst die Meslatte so hoch legten, stehen hingegen immer noch hoch im Kurs bei den New Yorkern. Sie werden mit jeweils fünf bzw. sogar sieben Songs bedient. Besonders letzterer Zustand freut mich als riesiger Fan von „Antics“ sehr. Denn als Songs wie „Narc“ und mein persönlicher Band-Favorit „Take You On A Cruise“ gespielt werden verschwinden auf einmal die Jahre und das Alter. Es ist tatsächlich, so traurig nostalgisch es klingt, „wie früher“. Man erinnert sich wieder, wie einen diese Songs einst das Leben gerettet und leichter gemacht haben und es ist schön zusehen, dass die Gänsehaut auch heute noch auf die einstige Brillanz dieser Band immer noch anspringt. Springen tun dann auch vereinzelte, indie-disko-sozialisierte Menschen zu den alten Gassenhauern „Evil“, „Obstacle #1“ oder „Slow Hands“. Gehört sich ja eigentlich nicht, muss aber dann doch irgendwie sein. Es geht aber auch in die Beine.

Als Fan freut man sich dann auch, mal wieder „NYC“ und „The New“ im Zugabenblock live zu hören. Und man freut sich die alten Helden wieder zu sehen, wenngleich sich das Bild auf der Bühne geändert hat. Der Fokus verschiebt sich nach links, Banks bleibt im Zentrum, Sam Fogarino im Hintergrund und Daniel Kesser gibt den stets gut gekleideten und tänzelnden Leadgitarristen, dessen Sound in der Tat mittlerweile einzigartig erscheint. Kessler, von vielen als das wahre Gehirn der Band angesehen, hat seinen Stil in den letzten Jahren perfektioniert. Sowohl, was das Gitarrenspiel, als auch die fast schon choreographiert anmutenden Tanzschritte angeht. Und doch fehlt da einer irgendwie an der Seite. Aber vielleicht geht es auch nur mir so. Vielleicht hätten wir Fans das neue Album ganz anders aufgenommen, wenn Dengler geblieben wäre. Nämlich als Chance auf einen Neuanfang. Der kommt jetzt gezwungenermaßen. Dieses Jahr tourt die Band in dieser seltsamen Interimslösung noch durch den Globus, doch was kommt danach? Interpol bleiben ein Trio, das zeigt auch dieser Abend, als die Band sich bewusst nur zu dritt verabschiedet, als die Mitmusiker schon längst die Bühne verlassen haben. Vielleicht wird das neue Album, welches, glaubt man aktuellen Aussagen tatsächlich kommen soll, der Beginn einer neuen, spannenden Ära, vielleicht aber auch der finale Sargnagel für eine Band, die sich stets mit ihrem qualitativ hochwertigem Output und den damit verknüpften Erwartungen ihrer Fanbasis messen lassen muss. Ich weiß selber keine perfekte Lösung für den augenblicklichen Schwebezustand der New Yorker. Vor Jahren, lange bevor Carlos ausgestiegen ist, meinte ich mal so semi-ernst, sie müssten sich eigentlich auflösen, weil sie das bereits Geschaffene eh nicht mehr toppen könnten. 2011 hat sich an dieser Aussage eigentlich nichts geändert, wenngleich der Teil in mir auch nicht verstummen möchte, welcher diese Band in Zukunft noch mal live erleben möchte. Mit all den Nebel, all den großen und kleinen Gefühlen, all der Erinnerung und all der Aufregung. Gern auch mit neuem Material. Etwas Optimismus ist also angebracht. Paul Banks würde das mit einem Lächeln quittieren.

Setlist:

01 Success
02 Say Hello To The Angels
03 Narc
04 Hands Away
05 Barricade
06 Rest My Chemistry
07 Evil
08 Length Of Love
09 Lights
10 C’Mere
11 Summer Well
12 Take You On A Cruise
13 The Heinrich Maneuver
14 Memory Serves
15 Obstacle #1

16 NYC
17 The New
18 Slow Hands
19 Not Even Jail


Montag, 28. Februar 2011

In National Veritas

Eine Band, wie ein guter Wein. Mit den Jahren werden The National immer besser. So war das einzige Deutschlandkonzert vergangenen Freitag in Berlin ein audiovisueller Hochgenuss für Musikliebhaber jeden Alters. Eine offene Liebeserklärung.

PS: Die wunderbar stimmungsvollen Fotos stammen aus dem Blog von Fotograf David Jacobs. Bitte alle vorbeischauen und gut finden!

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Ein Gläschen Wein in Ehren kann und soll man ja bekanntlich nicht verwehren. Matthew Berninger weiß um diese Lebensweisheit Bescheid und geht ohne geöffnete Flasche und gefülltes Glas erst gar nicht auf die Bühne. Stil muss sein. Becks ist mehr was für diese jungen Indie-Rock-Spunde, Berninger wird dieses Jahr 40, kann also schon mal einen Gang hochschalten. Tatsächlich wirken The National aus Ohio mittlerweile wie gestandene Männer, die nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Schon irgendwie seit zehn Jahren dabei, aber erst seit Kurzem mit einem Status, dass man auch mal eben die Berliner Columbiahalle ratzfatz ausverkaufen kann. Die Nachfrage hat das Angebot längst hinter sich gelassen, die Fanzahl von The National wächst mit jedem neuem, qualitativ hochwertigem Output um ein Vielfaches. Besonders die letzten beiden Alben „Boxer“ und „High Violet“ haben der Band zu einer Reputation verholfen, die sie durch alle Musikmagazine und Hörerschichten zu Lieblingen der, na ja, Massen abseits der großen Massen machen. Keine große, bunte Show, keine falschen Versprechungen von Jugend oder der konkrete Drang zum Megahit… The National machen seit Beginn ihrer Karriere hochwertigen, handgemachten, zutiefst gefühlvollen Indie-Rock, der durch die Bank weg funktioniert und authentisch rüberkommt. Eben auch, weil man dem tiefen Bariton von Matt Berninger jede Qual, jedes verzweifelte Leiden, aber auch jedes romantische Liebesversprechen abkauft. Die Stimme wird zum Dreh- und Angelpunkt traumhafter Songs. Die Welt scheint dies, langsam aber sich zu raffen. Ob das gut oder schlecht ist, sei mal dahin gestellt.

So gehen The National in diesem Frühjahr noch einmal auf eine Ehrenrunde bei ihrer Tour zum letztjährigen Meisterwerk „High Violet“. Alle dürfen noch mal kommen, wenngleich leider nicht alle Karten bekommen haben und die „Suche Karten“-Schilder vor Konzertbeginn inflationär auf den Straßen um die Columbiahalle herum vorzufinden waren. Drin wird gefeiert. Dezent. Mit Wein. Und auf den Erfolg. Und die Fans. Und Geburtstag. Support-Songwriterin Sharon Van Etten gratuliert ihrer Mutter, die anwesend ist. Sie selber hat Punkt Mitternacht Geburtstag und macht ihre Show recht gut. Musikalisch ähnlich wie die Hauptband gewinnt Van Etten die Sympathien spürbar für sich. Auch Aaron Dessner kommt mal eben auf die Bühne und spielt mit. Kurze Zeit später kommt er auch wieder, hat seinen Bruder und den Rest der Band dabei, Matt Berninger die obligatorische Weinflasche. Die wievielte es wirklich ist, weiß wohl nur er selbst, wenngleich ich sein Wesen nicht nur auf den Vino festlegen würde, sondern vielleicht auf die Leidenschaft an seinem Job an sich. Man beginnt die Show sehr ruhig, mit „Start A War“ vom „Boxer“-Album, der schönsten persönlichen Kriegsdrohung der Welt. Und von da an wird die Columbiahalle in Berlin in melancholische Glückseeligkeit getaucht und erst knapp anderthalb Stunden später wieder aus dieser rausgerissen. Angenehmes Licht, stimmungsvolle und nicht-ablenkende Videoprojektionen und eine Band, die es liebt zu spielen. Allen voran Berninger himself, der stets so wirkt, als würde er zwischen unterdrückter Rampensau und verpeiltem Traumtänzer hin- und herwandeln. Seine Stimme bleibt das Signalfeuer, das durch die Songs trägt, die Band spielt hervorragend. Manchmal sehr laut, manchmal eher gefühlvoll. Und Bläser hat man auch dabei. Was will das Musikhörerherz mehr? Musikalisch werden kaum Wünsche offen gelassen. Das Augenmerk liegt verstärkt auf den Songs von „Boxer“ und „High Violet“, aber gelegentlich verirrt sich auch mal was Älteres drunter. Mut zur B-Seite wird dabei mit „Wasp Nest“ oder „You Were A Kindness“ ebenfalls gezeigt. Und Mut zur Lücke, indem man, sehr zum Unwohl meiner Wenigkeit, den 2007er „Hit“ „Mistaken For Strangers“ auslässt. Aber das ist der einzige- und das stimmt tatsächlich- Wehrmutstropfen. Ansonsten ist die Auswahl der Songs eher nebensächlich. Der musikalische Output des Ohio-Fünfers ist so hochwertig, dass das zu verschmerzen ist. Vielleicht ist es auch von Vorteil, wenn man, wie ich, noch nicht sooo lange in der Band und ihrer Musik drinsteckt und sich somit weniger auf das Mitsingen jeder Textzeile und das sehnliche Herbeifiebern alter Favoriten konzentrieren muss, sondern vielmehr jedes Lied so gut es geht genießt. So wird der Abend zum unvergesslichen Erlebnis, egal, ob man nur Gelegenheitshörer ist oder zu der Gruppe feuriger, kroatischer Fans gehört, die ihrer Freude ebenfalls lautstark Gehör verschafften.

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The National werden also in der Tat immer besser. Und auch Matt Berninger lässt gern mal die Rampensau heraus, wenngleich der Mann, der irgendwie immer mehr aussieht, wie ein cooler Physik-Professor, teilweise so wirkt, als wüsste er selber nicht genau, was er da macht. Und so fragt sich der Zuschauer dann doch gelegentlich, ob Berninger den Mikrofonständer dann in seinem Wahn gleich in die Masse schmeißen wird oder einfach nur ein paar artistische Tricks damit vorführen will. Glücklicherweise entscheidet er sich für die zweite Variante. Der Stagemonitor hingegen kommt weniger gut weg. Und auch ein Weinglas muss dran glauben. Die Roadies schieben eh Sonderschichten, denn Berninger scheint wie der gute Morrissey ein Verweigerer des kabellosen Mikros zu sein, weshalb man immer mal ordentlich Schnur nachziehen muss. Besonders, wenn Matthew seine immer wieder gern gesehenen Ausflüge ins Publikum unternimmt. Und auch wenn der bärtige Frontmann zwischendurch bei „Mr. November“ mal verloren erscheint, so schafft er es zum Ende wieder auf die Bühne. Der Dank an das Publikum fürs sichere Nachhausebringen wirkt überzeugend. Generell wirkt man sehr dankbar für die spürbare Liebe, die das Publikum seinem musikalischen Rahmenprogramm entgegenbringt. Man gibt es gern zurück. Und das kommt an. Bei der Zugabe und „Terrible Love“ mache ich die Erfahrung dann ganz persönlich, denn natürlich steigt Berninger genau vor meiner Nase auf die Barrikaden. Seine Pläne bleiben aber undurchsichtig. Ich halte seine Hand, er steht auf dem Geländer. Er beugt sich nach vorn, er fällt fast nach hinten, er schaut mich an, er grinst, er singt, er wirkt dezent abwesend. Es bleibt mir nur seine Hand zu halten und so einen dauerhaften Wirbelsäulenschaden bei ihm zu verhindern. Ja, ein magischer Moment für die paar Sekunden, bis er weiter zieht und die Barrikade konsequent bis zum Ende entlang balanciert. Auch das meistert Berninger. Anschließend wird auch noch der restliche Wein geteilt und zusammen mit drei Bechern an meine Begleitung und mich gereicht. Kann man als Zufall interpretieren oder als Dankeschön fürs Stützen. Ich überlass das meiner Fantasie. Und so wird der Rest des herben spanischen Tropfens verteilt und dabei noch einmal auf die Bühne geschaut, wo die Band, ganz ohne Strom (also auch Mikros) und zusammen mit der Vorgruppe eine herzerweichende Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“ zum Besten gibt, welche den fulminanten Höhepunkt dieses Konzerts markiert. 3000 Leute werden zum Chor und die Halle wird zum kleinen Raum, in dem einfach nur ein paar Menschen ein wunderschönes Lied singen. Wenn es irgendein Argument benötigt, diese Band so hochzureden, wie es gern getan wird, dann ist es dieser Moment. Und gerade, wenn man, wie ich, schon jahrelang viel auf Konzerten erlebt hat und meint, man könnte eh nicht mehr überrascht werden, so sind es solche Momente, die einen daran erinnern, warum man dies alles macht, warum man stundenlang in der Kälte und in der Halle steht, all das Geld ausgibt und diese Musik hört. Dieses Konzert und Bands wie The National sind die beste Ausrede dafür. Und die spontan zur Blumenvase umfunktionierte Weinflasche von Matt Berninger, die gerade auf dem Tisch neben mir steht dient da ganz gut als alltägliche Erinnerung.

Setlist (= ohne Gewähr*)

01 Start A War
02 Anyone’s Ghost
03 Baby, We’ll Be Fine
04 Bloodbuzz Ohio
05 Slow Show
06 Conversation 16
07 Squalor Victoria
08 Afraid Of Everyone
09 Sorrow
10 Apartment Story
11 Lemonworld
12 Abel
13 Wasp Nest
14 England
15 Fake Empire

16 You Were A Kindness
17 Mr. November
18 Terrible Love
19 Vanderlyle Crybaby Geeks

* = d.h., ich hab keine genaue Ahnung, mir das auch nicht mitgeschrieben oder eine exakte Quelle im Internet gefunden. Ich weiß auch nicht, ob die Reihenfolge so stimmt, aber diese Songs wurden in jedem Fall gespielt. Ist nur zur Orientierung.


Abschließend noch eine Live-Aufnahme, mit besagtem Handkontakt ab Minute 1:10.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Erwärmendes für Hirn, Herz und Hüften

Für alle die es bisher noch nicht erkannt haben: Die Foals sind weit mehr als eine Hype-Eintagsfliege. Nachdem sie uns mit "Total Life Forever" eine der schönsten Alben der letzten Zeit geschenkt haben, beehren sie dieser Tage wieder deutsche Konzertbühnen mit ihren musikalischen Talent. Ein Augenzeugenbericht vom gestrigen Abend im Berliner Kesselhaus.

Kalt! Eiskalt! Sibirische Kälte! Oder eher spanische? Jedenfalls weiß ich noch ungefähr, welchen Ersteindruck das Video zu „Spanish Sahara“ im Frühjahr 2010 bei mir hervorrief. Da stapft Foals-Frontmann Yannis Philippakis durch endlose Eiswüsten und man sieht ihm an, dass es keine vergnügliche Trekkingtour ist. Doch die Musik ist großartig und wärmt am Ende. Vielleicht sogar den kleinen Griechen aus London. Wettertechnisch lies sich dies am Dienstagabend in Berlin auf jeden Fall nachvollziehen. Eine eisige Kälte hatte sich passend zum Monatsende eingestellt, glücklicherweise innerhalb der Hauptstadt noch ohne Schnee. Doch so ähnlich, wie auf dem Weg zum Kesselhaus im Prenzlauer Berg, muss es sich für Philippakis damals schon angefühlt haben. Eine wärmende Wirkung erhofft sich das zahlreich erschienene Publikum an diesem Abend hauptsächlich von der elektrisierenden Show der britischen Indie-Band.

4974908187_c8c21219c2Ja, „Indie“… auch so ein Streitfall. Der Mainstream hat diesen Begriff ja schon vor einiger Zeit zerstört, nicht ganz unschuldig daran sind so hibbelige kleine Bands aus dem Vereinten Königreich, die ja in den vergangenen Jahren wie Pilze aus den Böden geschossen kamen. Und irgendwie waren die Foals immer eine Vorzeigeband für all das Publikum, das sie an diesem Abend anzogen. Allerdings sind durchgestytlte nerdbrillen- und feinrip-Hemden tragende Hipster und kleine, sich gern mal hysterisch laut artikulierende H&M-Mädchenmodels dann auch nur ein Teil des Publikums an diesem Abend, denn es zeigt sich: an den Foals sind alle interessiert, ob jung, ob alt, ob herausgeputzt oder unspektakulär… es wird deutlich: die Foals sind keine musikalische Alltagsfliege, kein schneller Hype, kein Schall und Rauch… sie haben Feuer. Und etwas zu bieten. Bereits das Debüt „Antidotes“ aus dem Jahr 2008 zeigte, dass die Band neben tanzflächenfüllenden Hektik-Math-Rock auch noch viele andere Facetten besitzt. Richtig groß, episch und musikalisch feinfühlig wurde es dann aber erst endgültig auf dem diesjährigen „Total Life Forever“, mit dem die Band die auferlegten Vorurteile und Ketten endgültig sprengt und dabei das, aus meiner Sicht, großartigste Album 2010 fabriziert haben. Das Konzert zum Jahresausklang ist somit das Sahnehäubchen auf ein perfektes Jahr. Und glücklicherweise erfüllt dieser Abend auch die an ihn gesteckten Erwartungen, in dem er eine Band präsentiert, die sich und das Publikum in einen euphorischen Rausch spielt und einen denkwürdigen Eindruck hinterlässt. Und mit The Invisible als Vorband schon das nächste große Ding präsentieren. Klingt dann stellenweise sogar nach den Foals, stellenweise auch mal ganz anders. Als ob man eine Jukebox durchschüttelt und schaut, was sie am Ende zusammenhaut. Von der Band mit dem Sänger, der irgendwie aussieht, als hätte sich Blueslegende B.B. King in eine Indie-Band verlaufen, werden wir mit viel Glück 2011 noch etwas hören, selbst wenn es an diesem Abend aufgrund des Sounds im Kesselhaus nicht immer leicht war, sie wahrzunehmen. Bei der Hauptband wurde es dann glücklicherweise einfacher. Da waren wohl Profis am Werk.

Muss ja auch sein, denn der Sound der Foals ist mit „Total Life Forever“ längst der Einfachheit entwachsen und präsentiert sich episch, vielschichtig, voller Flächen und Klangwelten. Wer will, kann das Indie-Progrock taufen. Muss er aber bitte schön auch nicht. Der Saal ist gefüllt, die Luft erwärmt sich an diesem kalten Novembertag endlich und die Vorfreude ist spürbar, als die fünf Londoner um kurz nach 22.15 Uhr die Bühne betreten, dicht gehüllt in jede Menge Nebel und Scheinwerferlicht. Der gute alte „Wir-beleuchten-die-Band-von-hinten“-Trick ist zwar längst nicht mehr originell, aber immer noch höchst effektiv. In den folgenden rund 80 Minuten bieten die Foals dann für jeden etwas. Die Tanzfreudigen dürfen zu den hibbeligen Songs, wie „Balloons“ oder „Cassius“ abgehen, Freunde der gepflegten Träumerei schwelgen bei „2 Trees“ oder „What Remains“. Gefeiert und applaudiert wird aber immer. Zwar merkt man, dass gerade die Gruppe der jungen, tanzwütigen Damen um die 20 dann doch eher gern die „Antidotes“-Tracks hören, aber so hat halt jeder seine Vorlieben. Und irgendwie kommt auch jeder auf den Geschmack, selbst, wenn nicht alles so zündet, wie man es erwartet hat. „Miami“ kommt live nicht so cool rüber, wie auf Platte und auch der Ausbruch bei „After Glow“ war irgendwie spektakulärer in meiner Erinnerung. Und „2 Trees“ funktioniert, allen Flächen und Gitarrenklimpereien zum Trotz, dann doch live nicht ganz so herausragend, wie auf dem diesjährigen Album. Aber ich will hier nicht kleinkarrierter erscheinen, als es muss. Perfektionismus tötet bekanntlich jede Kreativität, das sehen die Foals trotz ihrer gewaltigen Songkonstrukte sicher etwas anders. Wobei Herr Philippakis auch gern mal seinen Einsatz verpasst und ab und an mal das Tempo scheinbar ungewollt schwankt. Man lächelt und macht einfach weiter. Das Publikum ist ordentlich dabei… und das für Berlin. Ich muss der Stadt ja leider gelegentlich bescheinigen, etwas arg teilnahmslos bei Konzerten zu sein, was vielleicht an der chronischen Übersättigung liegt. Aber an diesem Abend ist die Crowd tadellos, auch wenn natürlich zwei Dutzend Menschen tatsächlich noch die Nerven haben während einem Gänsehaut-Song wie „Spanish Sahara“ ihrem Nachbar einen aus ihrer Sicht überlebenswichtigen Klotz ans Bein zu quatschen. Muss man drüber hinwegsehen. Die Intensität, mit welcher man ein Konzert miterleben möchte, bleibt ja jedem am Ende selbst überlassen. Wer sich fürs intensive Erleben an diesem Abend entscheidet, ist definitiv am richtigen Ort. Der Start ist mit „Blue Blood“ und „Olympic Airways“ fulminant, danach gibt’s kurze Euphoriepausen, doch spätestens, wenn die Band am Ende wieder die Klassiker aufgreift, sind sich alle einig. Die Foals nerden so vor sich hin, besonders Yannis, der immer noch so wirkt, als käme er mit der Frontmann-Rolle nicht so ganz klar, zumal ihm sicher 80% der gekreischten Mädchenschreie gelten… von den Jungs ganz zu schweigen. Doch er macht sich und wird dann am Ende des regulären Sets, bei „Electric Bloom“ noch zur Rampensau und erklimmt, mit Drumsticks bewaffnet, die Räumlichkeiten des Kesselhauses, trommelt sich durch Masse, während seine Kollegen munter weiterspielen. Ganz großes Entertainment, das spürbar mitreißt. Zu diesem Zeitpunkt haben die Foals bereits auf ganzer Linie gewonnen. Erst recht mit dem Zugabenblock mit den guten alten Hype-Klassikern „The French Open“, „Hummer“ und „Two Steps, Twice“. Da brennt die Hütte, es zwirbelt und zirpt an allen Ecken und Enden. Fast schon Live-Techno zum Ende hin. Beim Finale gesellen sich sogar noch "The Invisible" im Rausch mit auf die Bühne. Man könnte meinen, die Band feiert einen fulminanten Tourabschluss, dabei war es sogar der Tourstart in Deutschland.

Was bleibt also am Ende? Die Erkenntnis, dass die Foals nach Singles und Alben auch live überzeugen können, immerhin hab ich fast zwei Jahre gebraucht, bis ich sie endlich mal in natura erleben durfte. Ein Happy End sozusagen. Ein vergnüglicher Abend in schönem Ambiente, mit ausgelassenem Publikum und spielfreudiger Band. Noch während des Konzertes kündigt Frontzwerg Yannis an, dass dies für lange Zeit das letzte Konzert der Band in Berlin sein werde. Entäuschte Reaktionen seitens des Publikums, gefolgt von wohlwollendem Applaus, als Philippakis gleichzeitig ankündigt, man werde bald ein neues Album aufnehmen. Rastlose Rabauken sind das also. Angesichts einer so astreinen Leistung, wie "Total Life Forever" wird es die Band sicher schwer haben mit dem nächsten Werk. Aber gleichzeitig umweht das Ganze auch ein gewisses Gefühl der Gelassenheit, denn was sollen die eigentlich wirklich falsch machen können? An diesem Abend im Kesselhaus jedenfalls nichts. Und so ist das eigene Herz am Ende dann doch eine spürbare Spur wärmer, als wir wieder in die eiskalte Großstadtnacht entlassen werden. Und das ist ja in diesen Wintertagen allein schon Gold wert.

Setlist:

01 Blue Blood
02 Olympic Airways
03 Total Life Forever
04 Cassius
05 Balloons
06 Miami
07 What Remains
08 After Glow
09 2 Trees
10 Spanish Sahara
11 Red Socks Pugie
12 Electric Bloom

13 The French Open
14 Hummer
15 Two Steps, Twice


Freitag, 5. November 2010

Gegen die Kreativpause

Er kann einfach nicht anders. Rasmus Kellerman, die Stimme von Tiger-Lou singt sich von seiner eigenen Band und Vergangenheit frei… glücklicherweise nur in Teilen. Ein Augenzeugenbericht vom gestrigen Konzertabend im Berliner Comet Club.

Singer-/Songwriter Rasmus Kellerman ist wie die meisten Songschreiber ein Suchender, aber vor allem auch kein Rastender. Er hat es ja versucht, betont er an diesem Abend im gemütlichen kleinen Comet Club in Berlin auch zwischendurch, aber er kann einfach nicht aufhören, Songs zu schreiben. Sein einstiges Hauptprojekt, Tiger Lou liegt nach der letzten Platte „A Partial Print“ auf Eis, weil man nach eigener Aussage nicht mehr wusste, was man nach diesem Werk noch folgen lassen sollte. Und eigentlich wollte der Schwede pünktlich zum Dreißigsten die Dinge neu angehen und vielleicht mal was anderes, sinnvolleres als Musik machen. Nix da, auf einmal flossen die neuen Songs wie selbstverständlich aus ihm heraus, so dass nach nicht mal einem Jahr Pause 2010 die Neuerfindung in Form des Albums „The 24th“ erschien, dem ersten Soloalbum unter seinem eigenen Namen. Und obwohl er jüngst wieder mal in einem seiner kurzweiligen Blogeinträge ankündigte, vielleicht erstmal doch die Erfüllung abseits der Musik zu suchen, gibt dieser Abend in Berlin die Entwarnung: er hat noch lange nicht genug und die neuen Ideen sprudeln immer noch aus ihm heraus. Was soll er auch dagegen machen, denkt er sich und grinst so verschmilzt ins Publikum, wie man nur grinsen kann, wenn so entspannt ist, wie der gute Herr Kellerman.

Ganz allein ist er an dem Abend dann doch nicht. Tiger-Lou-Gitarrist Mathias Johansson unterstützt seinen Chef mit E-Gitarre und Backing Vocals, während Kellerman seine Stimme und eine Akustikgitarre bleiben. Mehr braucht man auch nicht. Heut geht es nur um die Musik, das Hörerlebnis guten, ehrlichen Songwritings. Kein Schnicksnack. Ein Stuhl, zwei Mikros und jeweils ein Bier. Beide freuen sich sichtlich über die nette Abwechslung zu ihrem Arbeitsalltag und genießen jede Minute ihres kleinen Liederabends. Das Berliner Publikum, anfangs noch gewohnt schnatternd, verstummt mehr und mehr mit jedem Song, unterbricht die Stille lediglich mal für frenetischen Jubel. Das muss drin sein. Ansonsten blickt Kellerman entspannt in die Zukunft, das macht er auch bei der Songauswahl deutlich. Altes Tiger-Lou-Material sucht man vergebens und so schön es auch gewesen wäre, irgendwie mal Tracks wie „Oh Horatio“, „Sam As In Samantha“ oder „Nixon“ in abgespeckter Form zu hören, so wenig vermisst man sie am Ende. Immerhin schafft es das sympathische „Last Night They Had To Carry Me Home“, sowie das uralte „Gone Drifting“ ins Set. Ansonsten will sich Rasmus Kellerman bewusst als Rasmus Kellerman und nicht als „der Typ, der bei Tiger-Lou singt“ präsentieren. Dafür greift er anfangs auf die wunderbaren Folk-Pop-Nummern von „The 24th“ zurück, die auch durch zusätzliche Reduzierung an diesem Abend noch an Größe gewinnen. Der optimistische Titelsong gleich zu Beginn. Man sieht die Bilder von Rasmus’ scheinbar recht zufriedenstellender Kindheit vor seinem Auge vorbeiziehen und kann die Glücksmomente nachvollziehen. Besonders bei den sehr ruhigen, melancholischen Songs „Five Years From Now“ oder „Talk Of The Town“, welche ohnehin zu meinen Favoriten auf der Platte gehören, sind songgewordene Träume an diesem Abend. Pure Glückseeligkeit, trotz oder gerade wegen ihrer Melancholie. Dafür hat der gute Mann ja bekanntermaßen eh ein Händchen. Selbst der traurigste Tiger-Lou/ Rasmus-Kellerman-Song strahlt am Ende immer noch ein Fünkchen Hoffnung aus. Das gewisse Etwas, welches es dazu braucht, haben sie auf jeden Fall. Vielleicht ist es auch die warme Stimme von Kellerman, welche das rettende Licht in der Dunkelheit des Tunnels der Traurigkeit darstellt. Egal, wie er das macht, er macht es super, nach wie vor. Einer der Besten seiner Zunft.

Und die wichtigste Erkenntnis des Abends bleibt… er macht weiter, egal in welcher Form, aber die tollen Songs über das Leben, seine Widrigkeiten und schönen Seiten, sowie Geschichten aus seinem Leben und Umfeld, bleiben und entstehen nach wie vor. Eine Handvoll wird an diesem Abend bereits präsentiert. Frisches Material, gewohnt einfühlsam und qualitativ hochwertig. Was auch immer kommen wird, egal, ob Album, EP, Tiger-Lou-Platte oder was ganz Anderes… es wird kommen. Kellerman geht die Dinge anscheinend etwas entspannter an, als früher. Sollte man ja ab dieser Lebensphase vielleicht auch. Das Publikum ist begeistert, Kellerman dankt brav, lächelt viel und strahlt permanent das Gefühl aus, gern da zu sein. Unbezahlbar sozusagen. Als ein Zwischenruf aus den hinteren Reihen nach dem Uralt-Track „Not True Devil Girl“ von der ersten Tiger-Lou-EP verlangt, versucht sich Kellerman engagiert am eigenen Stück, welches er laut eigener Aussage seit fast zehn Jahren nicht mehr gespielt hab. Mithilfe des Zurufers und der eigenen Erinnerung kämpft er sich ganz leicht durch einen Großteil des eigenen Songs, Kollege Mathias macht gute Mine zum spontanen Spiel und steigt mit ein ohne überhaupt zu wissen, was er denn da spielt. Der Blickkontakt und die nonverbale Kommunikation zwischen beiden Protagonisten wird zum Abendhighlight. Am Ende erinnert sich Kellerman dann doch nicht mehr wirklich, bricht die Nummer etwas eher ab und hat die Sympathie aller Gäste trotzdem auf seiner Seite. So einfach kann’s gehen. Rasmus Kellerman präsentiert sich 2010 endlich wieder gelassen, entkrampft und als bodenständiger Typ von Nebenan, der nach Konzertende am Bühnenrand noch die Restbestände der eigene Platte vertickt, ein Schwätzchen hält und in meinem Fall sogar ganz unkompliziert die eigene Mailadresse weiterreicht zwecks Uralt-Plattenerwerbs und dabei so ehrlich und nett agiert, dass man sich wünscht, alle Künstler wären etwas mehr von diesem Schlag. Kellerman bleibt ein Gewinn für uns alle, auch in Zukunft. Denn, so versichert er im Bühnenrandgespräch am Ende noch einmal, Musik wird er sein Leben lang weiter machen. Diese Erkenntnis werden alle Besucher, denke ich, mit Freude zur Kenntnis nehmen.

Setlist:

01. The 24th
02. The Greatness & Me
03. Five Years From Now
04. Last Night They Had To Carry Me Home
05. For The Weekend
06. Talk Of The Town
07. My OK
08. A House By The Ocean
09. Gone Drifting
10. Not True Devil Girl
11. Woodlands
12. You Can’t Say No To Me

13. Somewhere In London
14. Caught In A Light

(Songtitel und Reihenfolge können evtl. abweichen)


Zur Verdeutlichung ein Video von einem anderen Auftritt:

Montag, 13. September 2010

Duisburg Calling

Da treffen sich beide Blogschreiberlinge von Nobono schon mal auf einem Festival und dann so was. Richtig, das Berlin Festival stand vergangenes Wochenende an. Augenzeugenbericht und Fehleranalyse in einem.

PS: Die Fotos stammen alle von den netten Fotographen von intro.de

BerlinFestival-Entrance
Eigentlich hätte dieser Bericht jetzt durchaus mit einer obligatorischen langen Anfangsrede und einem Monolog über die wie immer lustige, weil sich selbst so sehr liebende, Berliner Hipster Szene beginnen sollen oder zumindest mit einem kleinen Exkurs über die historische Location des stillgelegten Berliner Tempelhof Flughafens und wie hier gekonnt die Geschichte der Stadt (Bau in den 20er Jahre, Nazizeit, Luftbrücke etc.) mit seinem urbanen Anspruch verbunden wird. Hätte auch alles mit einem guten Festival unterstrichen werden können, aber so entpuppt sich das diesjährige Berlin Festival als eine nett aussehende Luftblase, welche von schlechter Organisation, vermeidbaren Anfängerfehlern und dem berühmtberüchtigten Sparen am falschen Ende, zum Platzen gebracht wurde. Und deshalb schlossen wir, FallOnDeafEars und rhododendron, am Samstagabend den Beschluss, dieses Festival auf das Wesentliche zu reduzieren, um ihm nicht mehr Bedeutung zusprechen zu müssen, als es verdient hat.

Die Story ist hinlänglich bekannt. Zumindest, wenn man ein wenig die Medien gelesen hat. Es ist ja keiner umgekommen, denn dann wären wir wohl wirklich in aller Munde gewesen. Aber so wurde das Festival halt Freitagnacht abgebrochen und der Sonnabend umgestellt und stark verkürzt. Diverse Künstler fielen weg, Bescheid wussten nicht wirklich alle, Schuldzuweisungen aus allen Ende und Besucher, die sich den Spaß nicht nehmen ließen, obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätten. Und über allem schwebte das Todschlagargument, um alle ruhig zu stimmen: Duisburg! Ja, zwei Monate nach dem Loveparade-Drama waren wohl alle noch zu sensibilisiert, was das Thema „Sicherheit“ angeht. Dies führt dann zu einer leichten Sicherheitshysterie, die ja eigentlich unnötig gewesen wäre. Der Vergleich zu Duisburg hinkt und wird den dortigen Opfern und dem Versagen der Verantwortlichen nicht wirklich gerecht, denn das Berlin Festival war weit davon entfernt, abgebrochen werden zu müssen. Fahle Pressemitteilungen, Sicherheitsbedenken und unreflektierende Medien können nicht über die teilweise amateurhafte Planung dieses eigentlich als krönender Abschluss der Berlin Music Week gedachten Evens hinwegtäuschen. Also alles anders: Wir teilen die Besprechung in zwei Bereiche auf. Zuerst ein paar aufgelistete Hinweise an die Organisatoren (oder alle anderen, die gern mal ein Festival arrangieren wollen, kann ja jetzt fast jeder), dann ein paar Bemerkungen zur Musik, die ja glücklicherweise da war und das alles noch irgendwie gerettet hat.

I. Frust durch Fehler

1. Gelände nutzen. Popkomm hin oder her, aber der Flughafen Tempelhof ist nicht gerade irgendein Club mit Hinterhof, sondern weitläufiges Gelände, welches kaum genutzt wurde. Angesichts der tollen Kulisse ein Jammer. In den Räumlichkeiten ist noch genug Platz gewesen. Die Lautstärkereglung? Ist da keine Sonderegelung drin? Wieviel von der Mainstage hört man in den angrenzenden Gebieten, hinter dem Rollfeld wirklich? Auf der Karte sind die nächsten Häuser schon recht weit weg. Werden die wirklich alle nach 23.00 Uhr um den Schlaf gebracht?

2. Keine Trichter. Ich war nie gut in Physik, aber selbst das raffe ich. Wenn viele Menschen in einen begrenzten Bereich drängen wird es eng. Bei Panik sogar lebensbedrohlich, das zeigten uns die Loveparade-Analysen. Umso unverständlicher, dass diese Trichter vor den beiden kleineren Bühnen (Hangar 4 und 5) sogar aufgebaut wurden, obwohl sie komplett überflüssig waren. Warum einen Trichter hinbauen, wenn da einfach mal wesentlich mehr Platz gewesen ist? Wenn man schon die Zahl der Leute im Hangar begrenzen muss, dann vielleicht lieber direkt an deren Eingängen. Da verteilt sich das auch. So drängen ein paar hundert Leute halt gleichzeitig auf eine kleine Öffnung. Und mehr waren es zur kritischen Stunde Freitagnacht auch nicht. Wegen ein paar hundert Leuten gleich Duisburg im Kopf haben? Come On!

3. Kapazitäten kennen. Der einfachste Trick der Welt. Wenn man nicht so viel Platz hat, nicht so viele Tickets verkaufen. Ein Massenfestival auf begrenztem Raum? Sehr fein! Vielleicht sollte man erstmal mit der Begrenzung der Gästelistenplätze oder des Ticketkontingents anfangen. Gier siegt über Verstand. Es stellt sich die Frage, welche sich schon die MELT!-Verantwortlichen vor ein paar Jahren stellen mussten: Macht man es kleiner und exklusiver oder größer und massenwirksamer? Und wenn man sich, wie das Berlin Festival für letzteren Weg entscheidet, sollte man halt auch Kapazitäten bieten, wie sie Ferropolis hat.
BerlinFestival-Crowd

4. Ahnung von Musik. Wie ja inzwischen schon bei FKP Scorpio und ihrem Hurricane/Southside-Doppel angekommen ist, ist spätestens seit vorletztem Jahr Electro eindeutig im Mainstream angekommen und kann inzwischen ein größeres Publikum mobilisieren, als manche Rockband. Daher ist es ja auch ganz nett, dieser Musikrichtung mit dem Hangar 4 ein eigenes Forum zu bieten, damit der geneigte Hörer nicht so viel hin und her rennen muss. Dieser Vorliebe sollte dann allerdings auch entsprechend Raum geboten werden. Vor allem wenn solche Schwergewichte wie 2ManyDJs, Boys Noize oder Fatboy Slim im Angebot sind, die wesentlich mehr Hipster aus ihren Löchern holen, als Gang Of Four, Adam Green oder Edwyn Collins - denen wiederum die Hauptbühne zur Verfügung gestellt wurde. Grotesk.
In der Praxis ließ sich das am Samstag auch beobachten, als beim Herren Noize, der dann auf die Mainstage musste, eine riesige und sehr bewegliche Menge sich vor der Bühne positionierte, wie es noch nicht einmal die Freitags-Headliner Editors geschafft haben.

5. Kompromisse machen. Folgt direkt dem vierten Punkt. Wenn es die gesetzlichen Beschränkungen halt nicht zulassen, dann muss man kein krampfhaftes „Wir-feiern-durch-die-Nacht-durch“-Festival machen. Lieber gute Acts zu ner guten Zeit auf ner Hauptbühne, als früh morgens in irgendeinem Hangar. Und wenn, dann diverse DJs und alles lieber nach drinnen verlagern. Oder verteilt sie in die Stadt, denn die Berliner Clubkultur feiert eh ohne Kompromisse weiter, die gehen eben nicht nachhause, wenn die Hauptbühne um Mitternacht zugemacht wird. Wie naiv war es, dies anzunehmen.

6. Keine Ausreden. Selbst wenn es aus organisatorischen Kreisen schon heißt, man wollte weiter machen, aber die Polizei hat das verhindert, so war dies alles vermeidbar. Sicher, momentan übertreibt man es ein wenig mit der Sicherheit, aber das wäre auch unnötig gewesen, wenn diese vermeidbaren Fehler nicht gemacht worden wären. Der Besucher ist der Kunde, er erwartet eine Dienstleistung. Das muss kein perfektes Festival sein, aber zumindest eines, das in den Grundzügen seiner Organisation funktioniert. Das war nicht der Fall, weshalb es hier auch wirklich kaum eine Ausrede geht. Sie sollen sich hinstellen, sich entschuldigen und im Idealfall eine Entschädigung anbieten. Das hat nichts mit verletztem Stolz der Besucher zu tun, sondern ist einfach nur ein logischer Schritt.

II. Freude durch Musik

BerlinFestival-JamesWenigstens gab es das auch noch. Musik! Der Grund, warum man überhaupt hier war, beziehungsweise sollte man eigentlich deswegen hier sein. In Berlin und bei dieser Form von Musik ist das natürlich stets auch immer ein Schaulaufen eitler Egomanen und supercooler Stylos. Kann man nicht verhindern und wirkt ja auch gelegentlich sehr komisch, besonders weil der ursprüngliche Anspruch, aus der Masse herauszuragen angesichts von tausenden Gleichgesinnten komplett verblasst und eher die Uniformität fördert. Aber fragen sie mal den Metal, der kennt es nicht anders. Trends lassen sich schwer ausmachen… also, wenn ich danach gefragt werden sollte. Verglaste Hornbrillen, welche Intelligenz suggerieren sollen sind anscheinend immer noch nicht durch. Frauen verunstalten ihre Frisuren immer mehr durch furchtbare Undercuts und die Morrissey-Tolle ist auch 25 Jahre nach „Meat is Murder“ nicht tot zu bekommen. Fein! Die Hoffnung, dass mit dem ewigen 80er Comeback hoffentlich auch nicht die Modesünden von damals wiederkommen, wird mit ersten Zweifeln versehen. Männer, die Frisuren der New Kids On The Block und Co müssen nicht wiederkommen! Aber ist ja auch eher unwichtig, letztendlich wär man auch in einem Kartoffelsack nicht aufgefallen. Die kleine Gruppe im Michael-Jackson-Gedächtnis-Outfit, welche einem immer wieder über den Weg lief, war da noch etwas kreativ. Aber kommen wir endlich mal zu Musik. Was gibt’s Neues im Pop? Eher altbekanntes, was uns das Berlin Festival da, zumindest auf den großen Bühnen präsentierte, aber das bedeutet natürlich keinen Qualitätsverlust. Egal ob die ewig tourenden Soulwax, das überall spielende LCD Soundsystem, Exklusives wie Fever Ray oder ein paar alte Hasen, die sich pünktlich zum Tourende noch mal überreden ließen (Hot Chip, Editors)… da waren ein paar Favoriten dabei. Von den wenigen Acts, welche man aufgrund der Verschiebung und Überlagerung sehen konnte, waren die meisten glücklicherweise gut. Dem allgemeinen Faible der beiden Autoren für Listen folgen nun die Festivaleindrücke in Top-5-Form:

Bester Live Moment

1. Soulwax
- Perfekte Symbiose aus Bild und Ton. Bunte Regenbogenvisuals treffen auf eine Band, die mittlerweile vollständig zum Live-DJ-Set mutiert ist. Das Club-Prinzip vom Aufbau und Abriss eines Tracks reizt keine Band so gekonnt aus, wie das Quartett aus Belgien. Laut, rockend, tanzbar ohne das dabei Gefangene gemacht werden. Nach einer Stunde wirkt es zwar etwas monoton, aber auf dem Weg dahin hat man den Spaß seines Lebens.
BerlinFestival-Soulwax

2. Boys Noize
- Die Allzweck-Waffe. Die Szenen-Antithese zu David Guetta. Ein DJ-Superstar, der zwar auch mit den Black Eyed Peas gemeinsame Sache macht, aber das nicht so raushängen lässt. Zumal er sich, gerade live den Popstrukturen konsequent verweigert. Hier wird Musik auf das reduziert, was zählt. Dicke Beats, noch dickere Bässe und immer direkt in die Gehörgänge. Minimale Instrumentierung, ohne glücklicherweise Minimal zu sein. Alex Ridha gibt dem Volk, was das Volk will, bewahrt sich aber stets seinen Charme. Die Stimmung ist ein nicht enden wollender Siedepunkt. Underground-Rave für die Massen!

3. Atari Teenage Riot
- Das Prinzip Zerstörung. Alec Empire will niemandem wehtun, er will nur spielen. Na, gut ein paar müssen doch verletzt werden. Die Polizei natürlich, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auch und natürlich die Politiker, das System und vielleicht auch der eigene Vermieter. Ein Aufstand ist ein Aufstand. Nicht logisch, sondern laut. Und konsequent. Das Berliner Live-Comeback der einstigen Underground-Helden ist vor allem eine explosive Verweigerung aller Richtlinien. Hier wird der Pop-Struktur unverfroren in die Magengegend getreten. Digitaler Hardcore Punk, der gerade wegen seiner konsequenten Härte und Verweigerung genauso Spaß macht. Das ruinieren auch Empires etwas sehr egozentrische Ansagen nicht. Eine Wohltat für das Festival und ein nostalgischer Blick auf die revolutionäre Kraft, welche in den 90ern einst in dieser Stadt steckte. Was hat die Subkultur heute noch zu entgegnen? Den Dadaismus von Bonaparte? Come on!

4. Robyn
- Die Optik vieler Besucher mag schon grenzwertig sein, aber wenn man sich Robyn so anschaut, weiß man auch, wo das herkommen kann. Blonder Topfschnitt trifft Bomberjacke! Konichiwah, ihr Schlampen! Die neue große, kleine Lady des guten Elektropop präsentiert die besten Songs aus ihren bisherigen beiden „Body Talk“-Platten von 2010, sowie dem selbstbetitelten Comeback-Album von 2007. Dabei tanzt sie mit einer Mischung aus Lady Gaga und… hmmm, sagen wir mal, Vanilla Ice, haucht ab und an mal ein kleines Dankeschön ins Mikro und verfolgt stattdessen das Dicke-Hose-Prinzip, auch ihn ihren Songs. Die stehen eindeutig auf der Haben-Seite, besonders wenn die gute Frau so clever ist und ihre tolle Röyksopp-Kollabo „The Girl And The Robot“ spielt. Leider etwas steril und durchchoreographiert. Aber so ist der Pop halt auch manchmal.

BerlinFestival-HotChip5. Hot Chip
- Kamen ohne Joe Goddard, der sein neues Vaterglück genoss. Der letzte Auftritt der Festivalsaison war ein gewohnt souveränes Set ihrer größten Hits und leider viel zu zeitig beendet (wenn halb 12 Schluss sein soll, ist halt auch halb 12 Schluss!). Dafür hatte Alexis Taylor wieder ein umwerfendes Outfit an und Owen Clarke am Keyboard links hatte mehr Showtalent als die meisten Frontmänner, den eigenen eingeschlossen. Der wirkte wieder mal leicht abwesend und seine zarte Stimme musste wieder den Kampf gegen die dicken Clubbeats antreten. Die waren dafür aber da! Hot Chip spielen ihre Songs live glücklicherweise stets anders und publikumsorientiert. Balladen verboten! So stellen sich selbst beim besten Fan ein paar Überraschungsmomente ein.

Schwächster Live-Moment

1. Fatboy Slim
- Schlechtes Set, keine Stimmung, wenig Hits und uninspirierte Bühnenshow. Für das Geld hätte man die 2ManyDJs lieber noch länger spielen lassen sollen. Oder gleich Daft Punk holen! Oder Joy Division… hmpf, Nevermind.

2. Boemklatsch
- Ein lustiges DJ-Kombinat aus Holland, das sich irgendwie einen lustigen 20-Minuten-Slot zwischen Atari Teenage Riot und dem Festivalabbruch gesichert hat. Macht das Sinn? Nicht wirklich, wenngleich die Beats natürlich ordentlich in den Gehörgängen hämmerten. Warum dafür aber teilweise gleich 6 Menschen auf der Bühne waren, von denen lediglich 2 die Geräte bedienten muss ich nicht verstehen.

3. Le Corps Mince de Françoise
- Zwei Frauen, eine an der Gitarre, eine am Mikro. Beats aus’m Labtop. Kitsuné Label. Und so weiter. Warum eigentlich? Dilettanten-Pop aus Finnland mit französischem Namen und schlechtem Englisch. Und schlechten Songs. Wenn es Symbolfiguren für alle Gegner der aktuellen „Indie“-Bewegung geben müsste, ich würde diese beiden feierlich nominieren.

4. Editors
- Also natürlich ist selbst ein schwacher Editors-Gig immer noch besser als … hmmm, sagen wir mal, jedes MGMT-Konzert oder so. Aber hier haben die Freitags-Headliner auf mich irgendwie ein wenig müde gewirkt, wenngleich Tom Smith und seine Mannen natürlich Vollprofis sind, denen man das nicht ansieht. Aber es war halt der letzte Gig für eine Band, die seit vergangenen Herbst fast pausenlos unterwegs war und nun vermutlich einfach mal die Synthies in den Schrank und die Füße auf den Tisch legen will. Stimmung war trotzdem okay, das möchte ich gar nicht leugnen. Der Sound hingegen etwas fad.

5. Adam Green
- Der Indie-Holzmichel. Er lebt noch, er lebt noch, stirbt nicht, trotz potentiell steigenden Drogenkonsums und musikalischer Stagnation in den vergangenen Jahren. Ja, die Welt hat Adam Green fast ein wenig vergessen in letzter Zeit. Denn das große Problem des kleinen Indie-Kauzes mit seinen kurzen Popsongs ist die Tatsache, dass er offensichtlich nicht anderes kann. Und irgendwann ist das durchaus nervig, selbst für seine härtesten Fans. Die bekommen an diesem frühen Abend immerhin einen freien Oberkörper, diverse Sprünge in die Menge, sowie die guten, alten Songs von früher, präsentiert in einem Mix aus Rotzig- und Gleichgültigkeit. Als ob es Adam selbst leid ist, „Gemstones“, „Bluebirds“ oder "Emily" zu spielen. Ein trauriger, kleiner Clown, der Herr Green.

Bester Sound
Soulwax: Hat ein ganzes Festival lang gedauert, dann hatte man druckvollen, klaren Sound. Zumindest für diese eine Band.

Bestes Outfit
Soulwax: Alle vier in ordentlich sitzenden grauen Anzügen, schlicht und gut. Wie bemerkte Kim Thayil (Soundgarden) einst ganz richtig: "Muss ich denn aussehen wie ein Penner, um Rockmusik machen zu können?"

Bester Showmoment
James Murphy schlägt auf eine Cowbell. Ich habe ein Indie-Musik-Fan-Leben lang drauf gewartet, dass noch mal zu sehen!

Beste Party
Der selbstveranstaltete anschließende, kleine Parkplatz-Rave vorm Flughafen. Eine bunte Mini-Menschenmasse fand sich ein. Von lustigen Spaniern, über tanzende Damen aus Österreich, einen besoffenen britischen Master Engineerer und einen angehenden finnischen Rockstar war alles an unserem Auto. Klingt fast zu erfunden, um wahr zu sein.

Beste Frisur
MC CX Kidtronik (Atari Teenage Riot) und sein astreiner 90er-Jahre Eurodisco-Gedächtnis-Iro

Beste Sicherheitslücke
Unser israelischer Freund schaffte es, eine Flasche Rum aufs Gelände zu schmuggeln. Da erwies sich das mäßige Personal ausnahmsweise mal als hilfreich.

Bester Kapitalismus-Moment
Dank des Red-Bull-Syndikates gab es auf dem gesamten Gelände keine reine Cola zu kaufen. Stattdessen nur das hauseigene RB-Gemisch, mit dem tollen 3 Schlücke für 3 Euro-Verhältnis.

Schlechtester Hygiene-Moment
Dreißig Meter lange Schlangen vor einer handvoll Dixie-Klos sollte eigentlich ein Phänomen der Festival-Steinzeit sein. Ist es aber nicht. Zumindest in Berlin.

Größtes Kommunikationsdefizit
We Have Band spielen nicht dann, wann sie sollten, sondern eine Stunde später. Das es niemand, inkl. der Band, welche stattdessen spielte, für nötig hielt, da mal eine Ansage zu machen passt zu diesem Festival.

Bescheuertster Künstlername
Creathief

Und was bleibt nun? Eine trotzdem nette Zeit dank der Freunde, mit denen man da war. Und ein Veranstalter, der sich jetzt mal ordentlich was einfallen lassen muss. Sonst heißt der logische Schritt nächstes Jahr nur „Fernbleiben“. Unsere Gruppe hat das schon für sich beschlossen, wenn mehr sich anschließen, schmerzt dass die Veranstalter sicher auch. Ein wenig Auflehnung darf also schon mal sein.

nobono

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