Dienstag, 19. Juli 2011

Götterdämmerung

Für ein einzelnes Gastspiel beehrt der Altmeister der britischen Independent-Melancholie die deutsche Hauptstadt und überzeugt, wie enttäuscht dabei gleichermaßen. Über ein langsam verblassendes Idol.

Die Fotos habe ich mir mal wieder von der Homepage der intro "geborgt". Danke fürs Knipsen ;-)

Wie sehr sich doch die Szenarien äußerlich gleichen. Nicht ganz zehn Jahre ist es her, da bespielte Morrissey diverse Hallen seiner britischen Heimat im Jahre 2002. Dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt 5 Jahre keine Platte mehr veröffentlicht, keinen Plattenvertrag und spielte im Musikgeschäft nur noch eine historische Rolle. Die Tour geriet zum Triumphzug, zwei Jahre später folgte dann mit „You are the Quarry“ das überfällige Comeback mit eben jenen Songs, die er bereits Jahre zuvor live spielte. Und nun? 2011 wirkt es ähnlich. Zwar ist das letzte Album „Years Of Refusal“ erst 2 Jahre vergangen, aber Morrissey steht wieder ohne Plattenvertrag, unsichere Zukunft da und geht einfach mal auf Tour. Die läuft einigermaßen gut, die Euphorie früherer Zeiten scheint allerdings vergangen zu sein. Morrissey steht am Scheideweg. Ein neues Album hat er angeblich schon fertig, aber veröffentlichen will es momentan kein Label. Oder kein Label will ihn. Warum eigentlich? Jenen Mann, der mit den Smiths Musikgeschichte geschrieben hat, dem die Fans immer noch zu Füßen liegen. Oder tun sie das?

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Hinter Morrissey liegen ereignisreiche Wochen, in denen er immer wieder mit obskuren Meldungen für kleinere Schlagzeilen sorgte. Besonders sein Vegetarier-Militarismus scheint 2011 noch dringlicher zu sein. Ein belgisches Festival musste am Tag seines Auftritts alle Fleischprodukte verbannen. Und letzte Woche schwor Moz eine persönliche Fehde mit dem Betreiber der seit Jahren wichtigsten Fan-Page herauf und verbannte ihm von seinen Konzerten. Seitdem brodelt es leicht bis mittelschwer bei den Fans. Es steht die Frage im Raum, wieviel Nibelungentreue der Mozfather denn verdient hat? Wieviele seine verbalen Entgleisungen und Fotzeleien der letzten Jahre, wieviel aus Stimmungsgründen gecancelte Gigs kann man mit dem guten alten „Das ist Morrissey. So ist der halt“-Argument wegwischen? Musikalisch hat er nach der kurzen Comeback-Phase wieder relativ schnell abgebaut. „Years Of Refusal“ war eher halbgarer Schrammelrock, der einstigen Glanz vermissen ließ, textlich scheint das ewig gleiche Thema „Ich hasse die Welt, die Welt hass mich“ zur Genüge abgegrast und zuletzt machte Moz veröffentlichungstechnisch eher mit den ewigen Re-Packeges und Reissues von sich aufmerksam, welche er einst in „Paint A Vulgar Picture“ verurteilte. 2011 scheint die Zukunft ungewiss zu sein. Von einer Euphorie, wie in den wilden Jahren um die Jahrhundertwende kann also nicht die Rede sein. Nun kommt der Meister also allen Unkenrufen zum Trotz im Zuge seiner Festival/Sommer-Tour für ein Konzert in die Berliner Zitadelle Spandau. Wird das was?

Das witzige bzw. praktische an der Zitadelle Spandau und ihren anwohnerfreundlichen Lärmschutzbestimmungen, ist die Tatsache, dass Konzerte ja um 22 Uhr beendet sein müssen und somit im Sommer ganz praktisch in der Abenddämmerung stattfinden. Na ja, ob das praktisch ist sei mal dahingestellt. Zumindest ist man nicht allzu spät im Bett. So ergibt es sich also, dass bereits die überflüssige Vorgruppe „The Heartbreakers“ kurz vor 7 beginnt und umso schneller wieder vorbei ist. Müssen wir über diese Indie-Rock-Poser noch ein Wort verlieren? Hmmm, eher nicht. Aber ihre Frisuren waren ein schöner Querschnitt der Indie-Haarschnitte der letzten 25 Jahre. Nice. Doch alle warteten am Ende natürlich auf seine Hochheiligkeit, den Mozfather himself. Morrissey kam mitsamt seiner alteingesessenen Backingband kurz nach 8 auf die Bühne, grinste verschmilzt und intonierte gleich zu Beginn den alten Smiths-Reißer „I Want The One I Can’t Have“... wie damals auf besagter 2002er Tour. Und wie immer gab es das gleiche, beeindruckende Bild beim Publikum. Ja, die Damen kreischen ja von Natur aus gern. Aber nur bei Morrissey werden auch gestandene Männer und Familienväter um die 40 nochmal zu euphorisierten Groupies und beten den Meister an. Diesen Stellenwert erreichen nachwievor wenige in der Szene. Man(n) gestikuliert so gut es die Publikumssituation um einen herum erlaubt und „gesungen“ wird natürlich auch in jedem Fall.

In den folgenden knapp 75 Minuten bietet Morrissey eine grundsolide Setlist aus Solo-Hits und handverlesenen Smiths-Klassikern, sowie diversen neuen Tracks von jedem fertigen, aber noch unter Verschluss gehaltenem neuen Album. Beschweren kann man sich über die Auswahl kaum. Obligatorische Solo-Hits, wie „Irish Blood, English Heart“, ein etwas schleppend intoniertes „Everyday Is Like Sunday“ oder „I’m Throwing My Arms Around Paris“ gehen immer. Und auch einige versteckte Solo-Schätze aus den ansonsten eher durchwachsenen 90ern hat man dabei. „You’re The One For Me, Fatty“ kommt gleich an zweiter Stelle, wenig später das tolle „Speedway“ und noch später auch das vollkommen unterschätze Popjuwel „Alma Matters“. Aber, und das ist einfach mal keine subjektive Wahrnehmung, es waren, sind und bleiben einfach die Songs der Smiths, welche den größten Applaus einheimsen, wann immer sie kommen. Es sind die Songs, welche Millionen Leben retteten, die Grundlage von Morrissey’s Karriere bieten und die in ihrer mit Johnny Marr’s Beihilfe entstandenen musikalischen Brillanz auch über ein Vierteljahrhundert später immer noch unkaputtbar sind. Gerade wenn man eine Perle wie das 1986er „I Know It’s Over“ live hört, merkt man deutlich, wie sehr der jüngere Solo-Output gegen so fantastische Meisterwerke abschmiert. Und endlich kam ich auch mal in den Genuß, das legendäre „There Is A Light That Never Goes Out“ live zu hören, welches sich in den letzten Jahren auf Konzerten rar machte. Die Magie dieses Meisterwerkes kam allerdings nur bedingt rüber. Zum einen, weil jetzt wirklich jeder mitgröhlte, was aber prinzipiell nicht zu verhindern und an sich okay ist. Zum andern aber, weil Mozzer’s Band das gute Stück irgendwie nicht mit dem angemessenen Feingefühl intonierte, welches ihm gebührt. Generell: die Band, welche seit Jahren gleich aufgestellt ist, ist durchaus ein Streitthema. Stellenweise wirkt sie halt wie eine amateurhafte Garagenband, die viele Songs, gerade die älteren, bewusst auf „laut“ und „schroff“ trimmt. Das kann man gut finden, muss man aber nicht. Auch bei den jüngeren Solosachen wünsche zumindest ich mir eher wieder einen musikalisch etwas feinfühligeren Morrissey, als einen schroffen Pub-Rocker. Die gespielten neuen Songs, wie „Action Is My Middle Name“ oder das durchaus hittiger „People Are The Same Everywhere“ scheinen allerdings die bereits bestehenden Pfade weiter zu beschreiten. Schade. Ein Wechsel seines Arbeitsumfeldes wäre zu diesem Zeitpunkt vielleicht die cleverste Entscheidung.

18955_largeDoch Morrissey hat’s nicht so mit Veränderungen. Das moderne Leben und unnötige Innovationen sind nicht sein Stil. Das macht ja auch teilweise den Reiz aus, denn so wirkt dieser Mann in unserer technisierten, schnelllebigen Zeit wie das Relikt einer längst verklungenen Ära. Ich meine, er könnte sein Album auch in Eigenregie herausbringen, aber er will es halt lieber so, wie früher. Diese Geisteshaltung kann man gut finden oder kritisch hinterfragen. Je nachdem. Morrissey selber wirkt ganz okay gelaunt. In Berlin hatte er in den letzten Jahren, ganz gleich, wie die jeweilige Tour lief, stets gute Laune. Auch diesmal gibt es das ein oder andere nette Grinsen, ein, zwei lustige Ansagen usw. Und natürlich wird wieder der Fleischverzicht gepredigt. Die Band trägt McDonalds-feindliche Shirts, der Chef selber kritisiert die Stadt für seine hoch frequentierten Fressbuden und es wird auch „Meat Is Murder“ gespielt. Der einzige Smiths-Song mit dem ich mich als Fleischfresser nie identifizieren konnte und von dem ich, wie ich an dem Abend wieder merkte, auch nicht mal den Text kann. Ein Novum bei dieser Band. Aber Leben und leben lassen... ich bin da tolerant. Das kann Morrissey von sich freilich nicht behaupten. Stimmlich ist der Mann dennoch gut drauf und auch optisch sieht er wieder fitter aus, als noch 2009. Wenngleich er früher mehr Tam-Tam gemacht hab. Gelegentlich wirkt er schon etwas lustlos. Händeschütteln mit den Fans fällt diesmal auch aufgrund des enormen Bühnengrabens aus. Und auch die Stage-Invasoren am Ende zu „First of The Gang To Die“ hatten da wenig Chancen. Stichwort „Ende“... Ja, das kam tatsächlich. Nach lächerlichen 70 Minuten. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal bei einem Konzert war, das 21.15 Uhr vorbei war. Und das muss sich dieser Mann bei allen streitbaren Themen vorwerfen lassen. 70 Minuten für 50 Euro, nur eine Zugabe. Es wären locker noch 2,3 Songs drin gewesen. Vor ein paar Jahren war das auch noch der Fall, da spielte er weit über 20 Songs. Und heute? Kann er nicht mehr? Will er nicht mehr? Muss er nicht mehr? Die Frustration nimmt zumindest bei mir zu.

Und das alles trägt dann halt nicht dazu bei, nochmal Kräfte, besonders in finanzieller Form zu mobilisieren, um ein alterndes Idol am Leben zu erhalten. Ich versage Morrissey nicht die Gefolgschaft... das kann ich auch gar nicht, angesichts der musikalischen Meisterwerke, welche er in den letzten 30 Jahren zu verantworten hat. Da können auch tausend Anti-Fast-Food-Kampagnen, kurze Shows und rausgeworfene Kritiker nicht mehr dran rütteln. Aber, und das ist die Erkenntnis der letzten Wochen und... ja, fast schon Jahre bzw. dann auch des gestrigen Abends: manchmal ist man persönlich einfach bestimmten Künstlern entwachsen, kann sich mit denen menschlich, wie musikalisch nicht mehr in der Form identifizieren, wie dies vor Jahren noch der Fall war. Morrissey ist genauso ein Künstler für mich. Sicher haben seine Songs mir das Leben während der späteren Adoleszenz gerettet und sicher war er früher kraftvoller und präsenter als heute... aber das war damals. Die ewige Frustration und das gestrige Denken des Mannes spiegeln schon lange nicht mehr mein Wesen wieder. Warum sollte ich mich also noch hinstellen und einen Mann weiter unterstützen, der in den letzten Jahren menschlich, wie musikalisch das Gespür fürs Wesentliche verloren hat. Einer, der die nicht vorhandene Pressefreiheit in China verurteilt und gleichzeitig Zero-Tolerance bezüglich Kritik an seiner Person oder Nicht-Vegetariern zulässt? Ich esse super gern mal ein vegetarisches Gericht und respektiere Menschen für diese Haltung und Disziplin, erfreue mich aber auch gern an einem Schnitzel. Bin ich deshalb kein guter Mensch? Und wenn ich anmerke, dass sich Morrissey statt auf ewig neu aufgelegte Compilations lieber auf neues Material konzentrieren sollte bzw. seine Band mal auswechseln sollte... bin ich deshalb unloyal? Diese Fragen stellte nicht nur ich mir in den letzten Wochen und Monaten. Und der Moz selber sang es ja bereits auf der letzten Platte: „You were good in your times“. Und das wird und kann ihm keiner mehr nehmen. Und jetzt? Jetzt sollte er vielleicht einfach mal die Zeichen der Zeit erkennen, noch eine finale Tour-Ehrenrunde drehen, das Motto des ebenfalls an diesem Abend gespielten Tracks „One Day Goodbye Will Be Farewell“ verinnerlichen und einfach gehen. Weil er seine Zeit hatte, weil man ihn doch eigentlich für so clever hielt, eben nicht auf diese Altrockstar-Falle hereinzufallen und weil man es ihm doch so gern wünscht. Vor einiger Zeit meinte er mal, das Live-Spielen erhalte ihn am Leben und gäbe ihm die so dringend benötigte positive Energie. Das kam an diesem Abend leider nicht komplett so rüber. Vielleicht ist es mal Zeit, etwas Neues im Leben für sich zu entdecken, abseits der Musik. Dafür ist man nie zu alt. Es wäre ihm, und auch irgendwie seinen treuen Fans zu wünschen.

Setlist:

01 I Want The One I Can't Have
02 You're The One For Me, Fatty
03 You Have Killed Me
04 Speedway
05 Scandinavia
06 Ouija Board, Ouija Board
07 People Are The Same Everywhere
08 Action Is My Middle Name
09 Alma Matters
10 Satellite Of Love
11 I Know It's Over
12 Everyday Is Like Sunday
13 One Day Goodbye Will Be Farewell
14 There Is A Light That Never Goes Out
15 I'm Throwing My Arms Around Paris
16 Meat is Murder
17 Irish Blood, English Heart
18 First Of The Gang To Die

Astrid (Gast) - 19. Jul, 17:19

stimmt!

ich stimme dir zu 100% zu. langweilig war das gestern, enttäuschend. ich will meine 50€ zurück. okay, lassen wir ihm 15 für "there's a light..."

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