Lieblingsalben 2009 / Platz 05 - 01

05. The Boxer Rebellion “Union”
Manche Dinge brauchen halt so ihre Zeit. Das Zweitwerk von der Londoner Formation The Boxer Rebellion zum Beispiel. Dabei ist „Union“ ja eine Art stilles Album der Rekorde. Das Album schaffte es als erstes Album in der Geschichte in die US-Charts ohne einen Plattenvertrag dahinter. Die Kritiker sind hin und weg und das Quartett hat sich in den letzten Jahren sprichwörtlich den Arsch abgespielt, um eine weltweit treue Fangemeinde aufzubauen. Und dies, wie gesagt, alles ohne Label, denn von diesem wurde die Band nach dem mangelnden Erfolg des 2005er Debüts „Exits“ ziemlich schnell fallen gelassen. Seitdem kämpft diese Band sicher öfters mal ums finanzielle Überleben, weshalb man die Arbeit, die The Boxer Rebellion in die Eigenverbreitung ihrer Musik steckt auch nicht hoch genug würdigen kann. Ein trauriger Zustand, welcher sicher auch symbolisch für dutzende Bands weltweit im Anbetracht der aktuellen Situation der Musikbranche steht. Das würde natürlich alles nur wie pathetisches Gewäsch klingen, wenn die Band nicht diesen wundervolle Argument, nämlich ihre herzerweichende Musik, in der Hinterhand hätte. Auf dem bereits Ende 2008 aufgenommenen „Union“ perfektioniert die Gruppe ihren melodischen Breitband-Rock noch einmal und schafft 11 kleine Meisterwerke. Darunter auch das traumhafte „Soviets“, eine wunderbare Hymne für die Ewigkeit. Großspurige Power-Songs, wie „Spitting Fire“ gelingen in dieser Perfektion selbst den Großen der Szene eher selten. Die Balladen „Misplaced“ oder „The Gospel Of Goro Adachi“ zeigen die Band vielseitig, feinfühlig und mit einem wahnsinnig guten Gespür für Melodien. Und zu „These Walls Are Thin“ kann man sogar ein wenig die Beine wackeln. Emotionale Hymnen, die in dieser Form momentan nur die wenigsten hinbekommen. Die Gitarrenwände sind kilometerhoch und die Stimme von Nathan Nicholson möchte die ganze Welt umfassen. Dies führt zu den bewegensten und ehrlichsten Momenten, welche ich dieses Jahr auf einem Album hören durfte. Es macht absolut keinen Sinn, dass diese Band nicht langsam in der Größenordnung von Snow Patrol oder den Editors spielt. Denn sie hat eigentlich alles, was man braucht. Nur noch keine Plattenfirma. Vielleicht brauchen sie die auch nicht und werden so zur Sperrspitze einer neuen Bewegung von Independentbands. Die Zukunft ist jedenfalls wieder offen für die jungen Musiker und ich hoffe doch, da kommt noch eine ganze Menge mehr auf uns zu.
Anhören: „Flashing Red Light Means Go“, „Soviets“, „Spitting Fire“, „These Walls Are Thin“
04. Pet Shop Boys “Yes”
Ein paar alten Haudegen halte ich ja gern die Treue, einfach, weil sie mich musikalisch schon seit Ewigkeiten begleichen, wenngleich ihre Karrieren ja alle vor meiner Geburt begannen. Und 2009 war eines dieser Super-Release-Jahre, wo alle mal wieder ein Album rausbrachten. Und während Depeche Mode, U2 und New Order (letztere unter anderem Namen) irgendwie leicht unter den Erwartungen blieben, erfüllten sie die von mir geliebten Pet Shop Boys am Ende nicht nur, sondern übertrafen sie noch. Nach 25 Jahren im Pop-Business, all den Ups-and-Downs und all der Skepsis, die ich im Vorfeld der Veröffentlichung von „Yes“ hatte (immerhin waren Xenomenia, die Produzenten der Sugababes am Start)... wer hätte gedacht, dass Neil Tennant und Chris Lowe noch einmal so ein Wurf gelingt? Alle Zweifel wurden mit dem phänomenalen „Love etc.“ weggewischt, der besten PSB-Single seit irgendwann in den 90ern. Darüber hinaus sorgten Musikpresse (Danke, liebe SPEX-Nerds), Feuilleton, Brit Awards, sowie alte und neue Fans dafür, dass man nach all den Jahren des peinlichen Verschweigens wieder mit erhobenen Haupt zu den Hohepriestern des Elektropop stehen konnte. Zum einen, weil die Zeit wieder reif war und musikalische Trendsetter wie La Roux, die Killers oder Lady Gaga sich offensichtlich am Edelpop der 80er orientierten und somit auch wieder Platz für die Originale war. Zum anderen, weil dieses Album am Ende genau das ist, was der Titel ankündigt. „Yes“ ist Euphorie-Plaste-Pop, hoffnungslos melodieverliebt, manchmal auch naiv und gerade dadurch in seiner Konsequenz, Schönheit und Eingängigkeit fast schon eine rebellische Ansage gegen die Musikwelt. Doch in Krisenzeiten flüchtet sich die Menschheit bekanntlich gern in den Schein. Dieser wird serviert als Kombination von Intelligenz und Tiefsinnigkeit auf den altbekannten Elektrobeats. Dennoch klingt dies alles eine Spur konsequenter, als in den letzten Jahren. Kein schwacher Song findet sich auf „Yes“, dafür jede Menge Hits. Neben der Single natürlich noch das famose „All Over The World“, ein wieder einmal verschenkter Hit des Duos. „Beautiful People“ spielt sich mit schönem Streicher-Arrangement durch die 60er, die romantische Ballade „King Of Rome“ erinnert an alte „Behaviour“-Zeiten, während „Pandemonium“ dann noch mal Gas gibt und das sich anschließende ruhige „The Way It Used To Be“ sicher einer der spannendsten und emotionalsten Pets-Songs der letzten Jahre ist. Neil Tennant und Chris Lowe zelebrieren einmal mehr die Unwiderstehlichkeit des Pops. Und das ist natürlich alles recht oberflächliche Musik, die in erster Linie unterhalten und im Kopf stecken bleiben will. Aber das tut sie leider auf unnachahmliche Art und Weise. „Yes“ ist natürlich auch kein Paradebeispiel dafür, wie Pop 2009 klingen sollte, denn da sind die beiden seit einigen Jahren schon nicht mehr der beste Ansprechpartner. Sie machen das, was sie machen... eine eher unscheinbare Alternative zum Mainstream-Pop, der sich diesem aber dennoch nicht vollständig verweigert. Irgendwie zwischen den Welten, wenn ihr mich fragt. Vielleicht wird dies kein Album für die Ewigkeit werden, aber der Haken auf dem Plattencover könnte halt genauso gut ein Ausrufezeichen sein. Die Pet Shop Boys sind zurück und bleiben sicher noch ein paar Jahre am Ball!
Anhören: „Love etc.“, „All Over The World“, „Pandemonium”, “The Way It Used To Be”
03. Bat For Lashes “Two Suns”
“I will rise above now and go about the city...” Diese Stimme, diese wunderbare Stimme! In dem Moment, als Natasha Khan beginnt die ersten Zeilen von „Glass“ zu singen, stellen sich mir stets die Nackenhaare auf. Der darauffolgende Trip ist eine Reise in die Nacht, voller Dunkelheit und Gefühl. Mit ihrem Zweitwerk „Two Suns“ wächst Khan mit ihrem Projekt Bat For Lashes noch einmal ein ganzes Stück. Ein intensives Hörerlebnis getragen von einer elfengleichen Stimme und einer geheimnisvollen und atmosphärischen musikalischen Untermalung. Egal, ob es das düstere Brodeln von „Glass“ oder „Siren Song“ ist oder der entspannte Groove der Singles „Sleep Alone“, „Pearl’s Dream“ oder halt „Daniel“... stets erzeugen die Songs eine ganze eigene düstere Atmosphäre getragen von Khan’s teils zerbrechlichen aber auch durchaus kraftvollen Vocals. Und in den intimen Momenten von Balladen wie „Moon and Moon“, dem wirren „Two Planets“, sowie dem wundervoll morbiden Ausklang „The Big Sleep“ erreicht diese Musik ungeahnte Kräfte. Als ob Khan nicht von dieser Welt wäre, sondern uns auf einen Trip durch das Weltall mitnimmt. Sagen ja auch schon die Songtitel. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil Bat For Lashes stets die Balance zwischen Kunst und Pop meistert, wie es sonst nur wenigen Platten gelingt. Die Melodien sind teils offensichtlich, teils versteckt, manchmal muss man auch einfach das Gesamtbild auf sich wirken lassen. Anders als ihre isländische Kollegin Björk verrennt sich Natasha Khan dabei auch nicht allzu sehr in irgendwelchen Klangspielereien, sondern lässt stets Raum für die Songs an sich. Laute Momente wechseln sich mit zerbrechlichen Passagen ab. Das Chaos der Künstlerin wird in der Musik wiedergespiegelt. Es fallen mir eigentlich auch keine Worte mehr ein, um dieses Album besser zu beschreiben. „Two Suns“ ist ein ziemlicher Volltreffer, gleichermaßen geheimnisvoll, wie unglaublich eingängig und dabei voller düsterer Magie. Der Text zu diesem Album bleibt deshalb so kurz, weil ich einfach nicht mehr schreiben kann. Ich spreche eine uneingeschränkte Kaufempfehlung über dieses Werk aus und lege es jedem Menschen ans Herz, der auf gute, ehrliche und emotionale Musik steht. Wenn die Sirenen singen, kann man sich ihren Rufen halt nur schwer entziehen. Also einfach keine Furcht haben, sondern sich von der Sirene Khan einfach mit in die Tiefe ziehen lassen.
Anhören: “Sleep Alone”, “Moon And Moon”, “Daniel”, “Siren Song”, “Travelling Woman”
02. Editors “In This Light And On This Evening”
Ständig in Bewegung, ohne Rücksicht auf Verluste. Nach ihrer erfolgreichen Langzeittour zum Album „An End Has A Start“ hatten die Editors erst mal die Schnauze voll, die Editors zu sein. Im Studio suchte man nach neuen Impulsen und einem Sound abseits des zuletzt ausgetretenen Stadionrock-Pfades. Die neuen Ideen fand man schließlich im Synthesizersound der 80er-Jahre. Der Depeche Mode-Vergleich drängt sich also nicht nur auf, weil Produzent Flood schon mit besagter Band zusammenarbeitete. Ungewohnt ist das Ganze am Anfang jedoch schon. Eine treibende Sequenzer-Basslinie trifft auf Tom Smiths düstere Liebeserklärung an seine Heimatstadt London, sowie auf breite Synthieflächen, die uns direkt in die 80er mitnehmen. Bereits dieser erste Song kreiert eine bedrohliche, aber durchaus vertraute Atmosphäre, die bestimmend ist für den Rest des Albums. Die Dunkelheit ist nämlich nach wie vor der liebste Spielplatz der Band um Tom Smith und gibt dem Licht im Gegensatz zum Vorgänger wenig Charme. So umweht „In This Light...“ ein morbider, düsterer Geist. Die Bassläufe sind düster und treibend, die Drums mechanisch und die Synthies symbolisieren gleichzeitig Kälte, wie auch Wärme. Mit Präzision kreieren sich die Editors ein neues Bild und begeistern abermals. Die Grundprinzipien bleiben. Tom Smith fleht mit starke Stimme über das Übel der Welt. Verzweiflung, Zerrissenheit und andere Themen sind nach wie vor präsent. Die Songs sind ebenfalls schwer melodieverliebt. Da gibt es natürlich offensichtliche Hits, wie die Single „Papillon“, das melodieverliebte „Like Treasure“ oder der düstere Stampfer „Eat Raw Meat = Blood Drool“. Das sind die Melodien, die man von den Editors seit Jahren kennt. Große Songs, die nach außen wollen. Aber auch die introspektive Seite wird bspw. mit dem verschrobenen „The Bix Exit“ bedient. Statt aus Gitarren werden die Soundwände mittlerweile halt aus Analogsynthies gebaut. Dieser Schritt ist der beste, den die Editors in ihrer jetzigen Situation gehen können. Der radikale Soundwechsel muss geschehen, damit die Band interessant bleibt. Der ständige Entwicklungsprozess gehört zum Wesen der Band, fordert aber vom Hörer eine gewisse Bereitschaft, sich den dunklen Pfaden anzuschließen. Doch gleichzeitig spricht das Quartett aus London so auch eine ganze Menge neuer Fans an. Segen und Fluch gleichermaßen. Die Erfolgskurve zeigt weiterhin nach oben und das obwohl die Band den Pop nicht wirklich auf „In This Light And On This Evening“ erzwingt, sich aber ihm auch, wie gewohnt, nicht verstellt. Am Ende ist der Trip mit 9 Songs vielleicht ein wenig zu kurz, aber gelohnt hat sich die Reise in die Nacht dennoch. Das Drittwerk der Editors ist atmosphärisch sehr intensiv und weißt kaum merkliche Schwächen auf. Die Richtung, in die sich die von mir sehr geliebte Band entwickelt ist spannend und lässt für die Zukunft hoffen. Wenngleich man davon ausgehen kann, dass auch Album Nr. 4 wieder deutlich anders klingen wird. Nur eines wird wohl bleiben: Die Liebe zur Dunkelheit!
Anhören: “Papillon”, “The Boxer”, “Like Treasure”, “Eat Raw Meat = Blood Drool”
01. The XX “The XX”
Was soll ich eigentlich noch zu diesem Album schreiben, was nicht schon in zig Musikmagazinen und –Blogs auf der ganzen Welt geschrieben wurde? Post-Punk 2.0? Der Soundtrack zur Finanzkrise? R’n’B trifft New Wave? Irgendwie alles schon einmal gehört. Am Ende ist das selbstbetitelte Debüt von The XX das Album, auf das sich alle irgendwie einigen konnten. Der Geheimtipp, der mittlerweile kaum mehr einer ist. Ich schließ mich ja solchen Hypes eigentlich ungern an. Außer Schall, Rauch und ein paar seltsamen Frisuren ist da oft nichts dahinter. Und dennoch stehen The XX am Ende auch bei mir an der Spitze der Hitliste für dieses Jahr. Weil es musikalisch das Album ist, welches mich, wie kein zweites in diesem Jahr überrascht und gefesselt hat. Die Kunst der Reduktion schafft dabei eine unglaubliche Atmosphäre. Puristischer geht’s gar nicht. Kurzer Bandname, der gleichzeitig auch Albumname ist und natürlich ein Cover, welches lediglich von einem „X“ verziert wird. Das Quartett aus London entfaltet eine düstere Schönheit mit den einfachsten Mitteln. 2 Gitarren, ein Bass und getriggerte Beats aus’m Drum-Computer sowie ein paar leichte Elektroversatzstücke reichen aus, kombiniert natürlich mit unglaublichen Hits, die eigentlich alles sein wollen, nur nicht eben solche. Und obwohl die in Sachen Optik und Bühnenpräsenz nach wie vor auf Schülerbandniveau ist, bewegt sie musikalisch so viel. Es wirkt dabei fast so, als ob die düstere Verzweiflung und Grundstimmung der frühen Cure und Joy Division eine Art Frischzellen erlebt. Und der Vergleich zum R’n’B kommt nicht von ungefähr. Besonders wenn Romy Madley Croft mit ihrer wunderbaren Stimme das Mikro ergreift und damit einen fragilen und durchaus gelegentlich sinnlichen Soul und eine ehrliche Wärme in die Musik bringt, wie man sie auf den ersten Blick nicht erwarten würde. Dazu kommt noch Wechselgesang mit Bandkollege Oliver Sim, der einen ganzen eigenen Reiz ausübt. Sim stellt sozusagen das düstere Gegenstück zu seiner Mitstreiterin dar. Oft wirken die Songs dabei wie Dialoge. Es sind introvertierte Liebeslieder in düsteren Zeiten, welche mit den Thematiken Geborgenheit und Isolation spielen. Die Musik ist traurig und melancholisch, erlaubt sich aber immer wieder Momente der Hoffnung und Wärme. Diese Balance trägt das Album und rührt das ein oder andere Mal in den richtigen Momenten zu Tränen. Ich möchte gar nicht besondere Songs herausgreifen, denn alle sind für sich gesehen eine kleine Meisterleistung. Und natürlich kann man der Band ankreiden, dass sie mit der Reduktion auch Langeweile schafft bzw. aus einer guten Songidee ein ganzes Album zaubert... doch entweder stellt man diese Hauptargumente der Kritiker selber fest oder man sieht es halt anders und erkennt die Atmosphäre hinter dem Muster. Allen Kritikern und auch allen Fürsprechern zum Trotz hinterlässt „The XX“ bei mir ein so unglaublich gutes Gefühl nach dem Anhören, dass ich mich wirklich ärgere, dass es nach nicht mal 40 Minuten schon vorbei ist. Wer sich für diese urbane Pop-Romantik nicht begeistern kann, muss es auch nicht. Aber 2009 war für mich kein Album überraschender und berührender als dieses. Und deshalb steht es hier und sich seinen Platz in meinem Herzen längst erspielt. Mal sehen, wer dies im nächsten Jahr so schafft. Ich wünsche allen einen Rutsch, sowie einen hoffnungsvollen Start ins neue Jahrzehnt.
Anhören: “Crystalized”, „Islands“, „Shelter“, „Night Time“, „Stars“
PS: Und für alle, die das nochmal auf einem Blick haben wollen, gibt es die gesamten Top 50 nochmal hier zum Nachlesen.
rhododendron - 29. Dez, 23:01

Also, wie wählt man die nun eigentlich die liebste aller Platten aus den vergangenen zehn Jahren? Wie geht man dabei vor? Vielleicht sollte man am Ende, das Album nehmen, welches den größten Eindruck bei einem hinterlassen hat, sowohl damals beim Release, als auch heute noch. Das Album, welches einen am meisten geprägt und bewegt hat, welches einen in den richtigen Momenten begleitet hat, an die man sich gern oder auch weniger gern zurückerinnert. Dabei kann man ja durchaus den Stellenwert in der Pophistorie außen vor lassen. Und während ich so beim Aufstellen der Top 100 immer wieder über so etwas nachdachte, kam mir am Ende immer wieder nur ein Titel in den Sinn: „A Weekend In The City“! Das zweite Bloc Party Album ist mein Meisterwerk dieser Dekade, ohne „Wenn“ und „Aber“… während die Welt in diesem Kontext immer gern auf das wegweisende Debüt „Silent Alarm“ schielt wird gern übersehen, welch Genialität der Nachfolger musikalisch und inhaltlich zu bieten hat. Und vielleicht ist es am Ende Schicksal, als ich damals alkoholtrunken kurz nach Mitternacht das Teil erstmals in meinen mp3-Player packte und aufdrehte. Dem frühen Internet-Leak sei dank! So hatte ich mir „Weekend“ für 2007 aufgespaart, vielleicht schon wissend, was es mir bedeuten würde. Na ja, war, glaub ich in jener Nacht ein unfreiwillig komisches Bild, dass ich auf den Elbwiesen abgab. 
Das schöne an dieser Top-100-Liste ist wohl am Ende, dass sie zwar trotzdem die üblichen Verdächtigen am Start hat, aber immer mal wieder zwischendrin Alben auftauchen, die der Außenstehende nicht so auf der Rechnung hatte. Denn am Ende ist es meine Liste und meine Favouriten. Und während sicher einige Musikkenner das 2003er Debütalbum der kanadischen Stills als ganz okayes Debüt mit der flotten Hitsingle „Still In Love Song“ abstempeln, geh ich einenn anderen Weg. Nicht nur ist besagter Hit in meinen Augen relativ überbewertet, nein, sondern „Logic Will Break Your Heart“ hat genau das Gegenteil von seinem Titel gemacht, nämlich mein Herz gewonnen. Und so ist es am Ende ganz selbstverständlich mein zweitliebstes Album der vergangenen Jahre. Und es ist wirklich meines, hab ich nach wie vor das Gefühl, eben deshalb, weil es kaum jemand kennt. Was spricht nun also für die Vizeposition der Stills? Nun, es ist exakt eben jener Mix aus tollen Songs und der Lebensphase, in welchem ich auf dieses Werk traf. Ich glaub, am Ende muss ich Chrischie danken, welcher das Album erst unserem „Fall On Deaf Ears“ gegeben hat, welcher es dann an mich weiter reichte. Doch es vergingen noch ein paar Monate, bis ich überhaupt reinhörte. Und ich weiß gar nicht mehr, was letztendlich den Anstoß gab und wann das Album letztendlich bei mir Klick machte. Es muss irgendwann im Sommer 2006 gewesen sein, wo mich dieses Album aus dem Nichts recht flott umgehauen hatte. Man benutzt ja gern mal so blöde Emo-Sätze wie „Dieses Album hat mein Leben gerettet“. Ist eigentlich schrecklich abgedroschen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich ihn bisher noch nicht in den Top 100 angewendet hab und weil’s einfach wahr ist, drück ich mal auf die Emo-Tube. Ja, dieses Album war und ist mir extrem wichtig und einer der Gründe, warum Musik in meinen Augen unser kostbarstes Kulturgut ist. Und das seh vielleicht ich nur so, denn hier handelt es sich ja um kein symphonisches Großwerk, sondern um Indierock mit leichtem New-Wave-Einschlag. Warum funktioniert dieses Album bei mir? Vielleicht, weil es die Thematik ist… 12 Songs über gebrochene Herzen mit unterschiedlichsten textlichen Herangehensweisen. Der fulminante Opener „Lola Stars And Stripes“ mischt apokalyptische Ängste mit Zweisamkeit, während gleich im Anschluss im lyrisch prägnantesten Song des Albums, „Gender Bombs“ alles zusammengefasst wird… „The Girl will school you“. Und Logik zerbricht eben das Herz, genauso wie Veränderungen am Ende schlecht sind. Der gleichnamige dritte Song beendet den tollen Hit-Hattrick gleich zu Beginn der Platte. Hier bin ich schon hin und weg. Der Rest begeistert auch, seien es die etwas rockigen Nummern wie „Love and Death“ oder „Allison Krausse“ oder die ruhigen Momente, wie „Let’s Roll“ oder „Fevered“, welche wie eine warme Sommernacht für Seelenfrieden suchen. An den sehr seltsamen Wendungen, die hier fallen, wird klar, dass es mir recht schwer fällt den Wert und die Faszination von „Logic Will Break Your Heart“ in rationalen Beschreibungen festzuhalten. Vielleicht versuch ich’s noch mal. Wir haben 12 sehr gute bis geniale Indierock-Songs, die aber gern mal ein wenig Richtung Wave schielen, ohne aber dabei wie Interpol und Konsorten zu klingen. Was bleibt ist die melancholische Grundstimmung, die zwar gelegentlich Ausbrüche von Optimismus zulässt, aber damit nie übertreibt. Etwas Dunkles kann diese Musik nicht von der Hand weisen. Aber gerade die Tatsache, dass sich das insgesamt irgendwie mit den hellen Aspekten der Musik die Wage hält, macht dieses Album so hörenswert. Der Verlust der Liebe bleibt zentrales Thema dieses Albums. Und so stellt Sänger Tim Fletcher am Ende resigniert fest: “Some things last forever, why can't this last forever?”. Das der Abschlusssong “Yesterday, Never Tomorrow” am Ende doch irgendwie etwas fröhlich Leichtes an sich hat, kann gern als Ironie der Tatsache gesehen werden. Auf „Logic Will Break Your Heart“ wird im ganz großen Maßstab gelitten, auch wenn es sich das Album eben nicht anmerken lässt. Nachdem der Nachfolger ein ziemliches Desaster wurde und man die Stills eigentlich schon hätte abschreiben können, stimmte das 2008er Album „Oceans Will Rise“ wieder versöhnliche Töne an, so dass vielleicht auch in Zukunft noch mit den jungen Herren aus Kanada zu rechnen ist. Und selbst wenn nicht, dann bleibt am Ende dieser kleine, wunderbare Indierock-Schatz, der für immer einen großen Stellenwert in meinem Leben haben wird. Und vielleicht funktioniert das nur in bestimmten Situationen, in denen man selber das durchmacht, was diese Platte uns erzählt. Vielleicht funktioniert’s aber auch anders. Wer also bisher noch nichts von der Existenz dieses Albums mitbekommen hat, dem empfehle ich das Anhören hiermit uneingeschränkt. Danke, liebe Stills!
Schluss mit Leise! Nach dem wunderbar ruhigen Debüt „Parachutes“ setzten die britischen Newcomer von Coldplay mit dem Nachfolger ein deutliches Ausrufezeichen und meldeten damit auch unfreiwillig den Anspruch an, für die ganze Welt zu spielen. Es dauerte zwar noch ein wenig bis es dann endgültig vorbei war mit dem Geheimtipp, aber so lange gehörte „A Rush Of Blood To The Head“ mit allein! Ja, a bin ich egoistisch und erinner mich gern an die Zeit zurück, als man Coldplay noch nicht mit diversen Hausfrauen, BWL-Studenten und Fußballstadien teilen musste. Auch nach sieben Jahren bleibt das Zweitwerk in Sachen Coldplay das Maß aller Dinge. Die eigene Messlatte sozusagen. Dafür reichen schon die fünf Minuten von „Politik“ zu Beginn. Die besten fünf Minuten, die diese Band bisher komponiert hat. Ein Meileinstein, der mir auch heute noch immer einen Schauer über den Rücken jagt. Besonders ab Minute Vier. Einfach mal selbst testen. Mit stampfendem Rhythmus erzählt uns Lockenkopf Chris Martin vom Chaos in der Welt, bevor er die Angebetete im befreienden Schlussteil anfleht „And give me love over this“. Auch bei Coldplay ist ja bekanntlich all you need love. Das kann man für naiv halten, aber mein Gott… seid doch auch mal ein wenig romantisch, liebe Zweifler. Natürlich sind auf diesem Album auch die großen Radiohits „In My Place“ und „Clocks“ dabei, die man vielleicht mittlerweile nicht mehr hören kann, wobei aber gerade Letzterer ein unbestreitbarer Superhit ist. Eine Pianomelodie für die Ewigkeit. Und natürlich das wundervolle „The Scientist“, welches sich in triefenden Entschuldigungs-Phrasen wälzt und somit Angriffsfläche für alle Hater gibt. So wie das ganze Album. Alles, was man an Coldplay lieben kann findet sich hier. Und eben alles, was man an dem Quartett hassen kann. Ist mir aber relativ schnuppe, muss ich sagen. Nachdem sich das Debüt ja, wie bereits erwähnt, eher akustisch gab, drehen Coldplay die Gitarren nun etwas auf und wagen auch mal ein paar Überraschungen, wie das wüst-chaotische „A Whisper“ oder das treibende „God Put A Smile Upon Your Fance“. Zwischendurch muss aber natürlich immer wieder Platz für die wunderbar melodischen Piano-Britpop-Nummern sein. „Warning Sign“ schrammt zwar ziemlich am Kitsch vorbei, aber irgendwie nimmt man Martin den reumütigen Liebhaber in jeder Sekunde ab. „When the truth is, I miss you so.“ Wie kann ich da nur wiederstehen? Auch der Titeltrack überzeugt mit starken Texten und einem tollen, großflächigen Soundgewand, bevor der Abschluss “Amsterdam” dann noch mal kurz ruhigere Töne anschlägt, nur um am Ende noch mal richtig auszubrechen. Man merkt einfach, wie viel die Band seit dem Debüt gelernt hat und wie viel sie bereit ist, zu riskieren und auszuprobieren. So halten sich die gefühlvollen, zerbrechlichen Momente mit dem großen Pathos erstaunlich gut die Wage. Im Prinzip ist „Rush of Blood“ ein typisches zweites Album, wie es hier im Countdown immer wieder aufgetaucht ist. Man nimmt die besten Elemente des Vorgängers und macht sie einfach, auch aufgrund der Erfahrung, etwas größer und ausgereifter. Der Erfolg kommt dann ja meist von allein und kam ja in dem Fall später auch. „A Rush Of Blood To The Head“ wird vermutlich für alle Zeit mein Lieblings Coldplay-Album bleiben. Allein aus nostalgischen und biographischen Gründen werden es alle späteren Alben schwer haben, da ran zu kommen. Mit diesem Album wurden Coldplay, zumindest für einen Zeitraum von 2 Jahren oder so, zu meiner Lieblingsband und sind auch heute noch ganz weit vorn in meiner Gunst, egal wie groß sie sind und wie groß sie noch werden. Ich hab das glaub ich, weiter hinten bei „Viva La Vida“ geschrieben… wenn eine Band weltweit so viel Anerkennung findet, dann hat das vielleicht auch manchmal was mit musikalischer Qualität zu tun. Und wer an dieser zweifelt, sollte sich doch bitte noch einmal dieses tolle Meisterwerk mit seinen wundervollen Popsongs anhören und überzeugt werden.
Auf die Musikpresse sollte man sich sowieso nicht verlassen. Der Name „Editors“ tauchte natürlich im schicksalsträchtigen Jahr 2005 auch irgendwann unter all den vielen neuen Gitarrenbands auf. Und als mich Blogkollege „The Fall On Deaf Ears“ irgendwann im Sommer ’05 mal darauf ansprach, plapperte ich munter dem Schnabel der Presse nach… „Das is doch nur so’n billiger Interpol-Klon, oder?“ Ich Unwissender, ich! Es sollte noch ein halbes Jahr dauern, bis die Zeit reif für mich und die Editors war. So trat die Band während einer Phase in mein Leben, in dem ich sie wirklich brauchte. Mehr muss dazu auch nicht gesagt werden, das ist ja hier kein Kummerkasten. Dann auf einmal hörte ich „The Back Room“, welches ich auch noch einige Wochen lang versehentlich als „Black Room“ titulierte und irgendwann kam der Moment, wo es „Klick“ machte und an allen Vorurteilen vorbei direkt ins Herz ging. Mit Interpol hat das alles auch nicht wirklich was zu tun. Denn seit wann steht das Kriterium „Melancholischer Wave Rock mit tiefer Männerstimme“ denn für einen Vergleich? Nein, die Editors waren schon immer etwas dringlicher, konkreter. Während Interpol mit der Introspektive immer noch liebäugeln, wollen die Editors mit ihrer Trauer und Verzweiflung Außenwirkung erzeugen. Allein der Albumbeginn ist mit dem schnellen „Lights“, sowie den Hits „Munich“ und „Blood“ bereits unglaublich zackig, energiegeladen und tanzbar. Und so geht es auch weiter, wenngleich die Band natürlich zu den richtigen Momenten auf die Bremse tritt. Und immer wieder fleht die markante Stimme von Tom Smith in den Nachthimmel. „I wanted to see this for myself“ singt er im melancholischen „Fall“ vor sich hin. Inwieweit Smiths Stimme etwas mit Paul Banks zu tun haben soll, dass dürfen andere entscheiden. Sie ist makant, klar, kraftvoll und doch voller Schmerz. Live gibt Smith den unfreiwilligen Frontmann, der immer wieder im Kampf mit sich selbst zu sein scheint. Wenngleich sich das in den letzten Jahren deutlich gebessert hat. Seine Texte sind einfach gehalten, aber mehrdeutig interpretierbar. So haben die Songs die seltene Gabe, für jeden ihrer Hörer etwas anderes zu bedeuten. Wer oder was die „Disease“ ist, auf welche man im genialen „Bullets“ verzichten soll, muss jeder selbst entscheiden. Und auch die blutenden Hände aus den Fabriken oder die Arme, mit denen man Menschen in der eigenen Stadt Willkommen heißen soll sind Interpretationssache. Doch was am Ende bleibt ist ein Gefühl von Melancholie, Verzweiflung und sicher auch etwas innerer Zerrissenheit, welche die Songs, trotz ihrer poppigen Eingängigkeit durchweht. Für ein Debütalbum eine erstaunliche Leistung. Alle elf Tracks sind hervorragend und auch vielseitig. Für ein trauriges Balladenalbum ist „The Back Room“ zu schnell, für ein Tanzalbum aber auch zu ruhig. Für mich als Fan von düsterem New-Wave-Pop natürlich ideal. Das Debüt der Editors ist eines der besten der ausgehenden Dekade voller großer, wichtiger Songs, die mir sehr viel bedeuten. Und nicht nur die auf dem Album. All die B-Seiten, welche vor und während dieses Debüts entstanden, sind von ähnlicher Birllanz. Es seien nur mal Songs wie „Let Your Good Heart Lead Your Home“ oder “Come Share The View” ans Herz gelegt. Und all diese Songs habe ich damals so gern und intensiv gehört... und das über einen wirklich langen Zeitraum. Die trunkenen Momente, die ich zusammen mit den Editors verbracht hab lassen sich eh nicht mehr an zwei Händen abzählen. Aber es war gut so und ist es heute immer noch. Auch die beiden Nachfolger haben meine Vermutungen bestätigt, dass diese Band viel Potential nach oben hat. Dieses einmalige A-ha-Gefühl aber bleibt trotzdem für immer mit „The Back Room“ verbunden. Und dabei bealsse ich es auch. „I’ve got so much to tell you but so little time”.