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Montag, 13. Dezember 2010

Lieblingsalben 2010 /// Plätze 05 - 01

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Unglaublich, aber wahr. Wir sind am Ende. Hier sind nun also meine fünf Lieblingsalben aus dem Jahr 2010. Die gesamte Liste hat sich, wie das halt immer so ist, wenn man sie nicht genau am Jahresende veröffentlicht, mittlerweile noch ein wenig verändert, primär auf den hinteren Plätzen. Also, sorry, Kanye West, Daft Punk und Take That, dass ich euch vor anderthalb Monaten noch nicht auf’m Kicker hatte. Wer sich das dann jetzt in endgültiger Form noch mal anschauen möchte, dem sein ein Blick in Blog meines last.fm-Accounts nahe gelegt. Ansonsten Danke fürs erneute Zuhören! Es grüßt der rhododendron.

05. Interpol “Interpol”


Ach, das war schon kein leichtes Jahr für eine meiner hauseigenen Lieblingsbands. Interpol mussten den Weggang ihres stilsicheren Bassisten Carlos Dengler verkraften und sich neu orientieren. Den Fans fiel es dabei schwerer als den Kritikern und der Band das neue Trio zu akzeptieren, das live sogar mittlerweile zu fünft auftritt. Keine Frage, der Ausstieg Denglers schmerzt und die Ironie an der ganzen Sache ist, dass diese Schmerz eigentlich auf dem selbstbetitelten Viertwerk gar nicht zu hören ist, denn hier ist Dengler noch überall zu finden. Dennoch wird dem Album die schwierige Aufgabe zu Teil, gleichzeitig Neustart, wie Schwanengesang zu sein. Letzteres entweder nur für die ersten zehn Jahre mit Carlos oder im Worst Case Szenario auch für immer. Ja, „Interpol“, das Album, hat es schwer, besonders bei den Fans, welche eher enttäuscht sind. Die Kritiker bauen die New Yorker hingegen auf, sprechen teilweise vom stärksten Werk der Bandhistorie. Die Wahrheit liegt dazwischen und ist hochgradig subjektiv. Natürlich ist „Interpol“ das schwächste aller vier Bandalben, aber gegen eine derartig geniale Banddiskographie kann man auch keinen Blumentopf gewinnen. Die Hits sind vorhanden, „Success“, „Memory Serves“ oder „Lights“ sind so typisch für diese Band, das man wieder einmal merkt, was man an ihnen so liebt. Daniel Kessler spielt seine Gitarre wieder mit mechanischer Präzision und Paul Banks Stimme fleht wie eh und je und durchdringt das Dunkel des Sounds perfekt. Doch immer mal wieder, wie eigentlich auf jedem Album, wagt die Band Ausflüge in neue Gefilde. Das Piano-Spiel auf dem soften „Try It On“ oder ein paar Brocken Spanisch beim abschließenden „The Undoing“. Auch variiert Banks seine Stimme wesentlich deutlicher und verleiht den Emotionen dadurch mehr Dringlichkeit. In der zweiten Hälfte schwächelt „Interpol“ ein wenig, aber das tat auch schon „Our Love To Admire“. Man sollte das alles nicht auf die Goldwaage legen. Und bei aller aktuell unsicheren Zukunft, muss halt betont werden, dass „Interpol“ noch einmal alle vier Mitglieder präsentiert, nur eben nicht auf der Hochform der ersten drei Alben. Spötter mögen jetzt anmerken, Carlos D. hätte die Zeichen der Zeit erkannt und ist deshalb schon vom sinkenden Schiff gesprungen. Aber vielleicht liegt da auch die Möglichkeit den musikalischen Horizont zu erweitern, indem man diese früher perfekt funktionierende 4-Mann-Maschine aufsprengt und sieht, was daraus werden kann. Die Zukunft von Interpol ist also an sich spannend, wenn man nicht immer so dazu geneigt ist, in die Vergangenheit zurückzublicken.
Beste Songs: “Success”, “Lights”, “Barricade”, “The Undoing”

04. Delphic “Acolyte”


Irgendwie muss da was im Trinkwasser von Manchester sein. Tatsache! In regelmäßigen Abständen wirft die ehemalige Industriestadt im Norden Englands tolle, neue Bands in die Musiklandschaft, die es schaffen, mich immer wieder mitzureißen. Das fing schon damals bei Joy Division und den Smiths an, hört bei Elbow oder den Doves noch lang nicht auf. Dieses Jahr hat sich die Mehrheit ja auch blendend mit den Hurts amüsiert. Und eben mit Delphic, dem zweiten großen, aber viel besseren Ding aus eben jener Stadt. Bereits seit meinem ersten Kontakt mit dem Quartett im Frühjahr 2009 als Support von Bloc Party, habe ich dieses Album sehnlich erwartet. Doch es stellte sich die Frage ob diese tolle Live-Band, welche im Vorfeld bereits tolle Singles veröffentlichte auch auf Albumlänge begeistern kann. Sämtliche Sorgen waren unbestätigt, denn „Acolyte“ ist das mit Abstand beste Debütalbum des Jahres und dabei ein elektrisierendes, unwiderstehliches Stück Indietronic-Pop geworden, irgendwo zwischen New Order und vielleicht auch Underworld, wenngleich Delphic natürlich alles in allem songorientierter wirken, ohne dabei aber den Dancefloor zu vernachlässigen. Das eigens erklärte Bandziel, eine perfekte Symbiose aus Indie- und Clubmusik zu produzieren geht dabei voll auf. Die Beats sind Four-To-The-Floor und die Synthieflächen helfen des Öfteren, den Trancezustand zu verstärken. Und so sind die Sequenzer, Basslinien und Synthie-Einsprengsel in ständiger Bewegung, mit dem Ziel, den Zuschauer mitzureißen. Allein der über 8minütige Titeltrack sollte da schon Beispiel genug sein. Doch man verlässt sich nicht nur auf die Rave-Elemente, sondern lässt auch Gitarren sprechen. Im dringlichen Opener „Clarion Cal“ bspw. oder im entspannt groovigen Oldschooler „Submission“. Und ein so traumhafter Abschlusspopsong wie „Remain“ gelingt auch nicht jedem. Wer ein Haar in der Suppe sucht, kann Delphic natürlich gern mangelnde Abwechslung vorwerfen, aber mein Gott, wenn dies das einzige Problem ist. Dance-Produzent Ewan Pearson, der Stuart Price für coole Menschen, hat natürlich drauf geachtet, dass hier alles schön clubtauglich bleibt, wenngleich Delphic durchblicken lassen, dass sie, eben wie die Landsleute von New Order auch gute Songs schreiben können. Wohin sich die Band dann in Zukunft hin bewegen wird, muss sich zeigen, die Momentaufnahme 2010 kann sich ohne Wenn und Aber sehen lassen!
Beste Songs: „This Momentary“, „Red Lights“, „Submission“, „Remain“

03. The National “High Violet”


Ja, liebe Indie-Musik-Puristen, ich hab schon das Gefühl, ich muss mich immer dafür rechtfertigen, dass ich mich erst dieses Jahr intensiv mit The National auseinandergesetzt habe. Immerhin sind die jungen Herren aus Brooklyn ja schon seit Jahren eine feste Größe in der Szene und sich dabei stets erstaunlich treu geblieben. Wenn es in unserer Welt der schwammigen Genre-Bezeichnungen noch eine Band gibt, die noch wirklich einigermaßen „independent“ im klassischen Sinne ihr Ding, nämlich hochwertige, intelligente Musik, durchzieht, dann wohl diese Herren. Es bedurfte am Ende nur ein paar Takte des Openers „Terrible Love“ auf einer regnerischen Zugfahrt und das anschließende „High Violet“ um mich zu einem gläubigen Anhänger des amerikanischen Fünfers zu machen. Eine Liebe, welche mit jedem Hören von „High Violet“ wuchs und die mich langsam aber kontinuierlich immer tiefer in die Diskographie dieser famosen Band eintauchen lässt. Es ist dieses Gefühl von authentischer Melancholie, von ehrlichen und aufrichtigen Emotionen, von dem berühmten Lichtschimmer in der Dunkelheit, welche The National so wichtig macht. All das was mir Lieblingsbands, wie Coldplay, die Editors oder eben Interpol früher einmal gaben (und ja auch heut noch in abgeschwächter Form tun), das leisten The National heute, nämlich Musik, die mich aufrichtig bewegt und berührt. Und das wird halt mit zunehmendem Alter auch nicht leichter. Doch der Band gelingt es mit Bravur, vor allem, weil sie mit Matthew Berninger einen Mann am Mikrofon haben, dessen gefühlvoller Bariton genau meine Gefühls- und Geschmacksnerven trifft. Ich hänge an seinen Lippen, an jedem Wort, weil ich wissen will, was er mir zu erzählen hat. Von der furchtbaren Liebe, gelegentlicher Paranoia oder dem endlosen Regen in New York City. Keine Stimme würde besser dazu passen und keine Band könnte den besseren Sound dazu spielen. Der melancholische Indie-Rock von The National schlägt bewusst leise und dezente Töne an, schöpft seine Kraft eher aus dem Gefühl, dass die Songs verbreiten. Der stille Schmerz von „Runaway“ oder die schleichende Panik eines „Afraid Of Everyone“. Aber man muss keine einzelnen Songs herausnehmen, denn „High Violet“ wirkt wie aus einem Guss. Ein fantastisches Hörvergnügen, wenn man in der richtigen Stimmung für diese Form von Musik ist. Hätte hier auch Nr. 1 dieses Jahr sein können, aber die Konkurrenz macht es einem auch nicht allzu leicht.
Beste Songs: “Terrible Love”, “Anyone’s Ghost”, “Afraid Of Everyone”, “Lemonworld”, “Runaway”

02. Arcade Fire “The Suburbs”


Sie mussten am Ende erst ein paar Schritte zurück in die Vergangenheit gehen, um in die Zukunft zu blicken. Nur in einer Beschränkung auf das Wesentliche schaffen es Arcade Fire auch mit dem dritten Album in Folge ein Meisterwerk abzuliefern, welches am Ende wie die Vorgänger ganz oben in meinem Jahresranking landet. Zweifel gab es vor der Veröffentlichung schon. Nämlich Zweifel, wie man das Bisherige noch hätte toppen sollen. „Funeral“ war 2004 für ein Debüt schon unglaublich ausgereift, episch und hat Fans in der ganzen Welt gefunden. Kritiker und Mitmusiker von Bono bis Bowie waren auf der Seite des kanadischen Künstlerkollektives. Der Nachfolger „Neon Bible“ machte dann alles noch größer und perfekter und die Jubelschreie wurden immer lauter. Die Erwartungshaltung wuchs mit jeder neuen Kritik, zumal die Band auch live zu den besten des Planeten gehört. Nach fast ununterbrochenen Touren war die Pause für die Musiker um das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne auch bitternötig. Eine Pause, in der man sich gefragt hat, wer man ist und wohin man möchte. Der ideale Ort für diese Rückbesinnung waren dann nämlich die eigenen Wurzeln. Und die liegen für Butler im Staate Texas. Er fuhr zusammen mit Frau Régine zurück zu den Orten seiner eigenen Vergangenheit, um sich zu erinnern, darüber zu schreiben und auf diesem Weg zu sich selbst zu finden. Das Ergebnis heißt „The Suburbs“, widmet sich Buttler’s fast vergessener Kindheit in den Vorstädten und ist das dritte Meisterwerk in Folge. Fast schon beängstigend, wie die Band aus Montreal das Niveau auch 2010 auf so hohem Niveau hält und es schafft bekannte Elemente mit neuen Ideen zu vermischen, dabei aber stets die Band zu sein, die man seit Jahren ins Herz geschlossen hat. Bzw. erinnert es einen daran, warum man Arcade Fire liebt. Es ist die musikalische Qualität, die auch hier Bestand hat, vor allem, weil Rückbesinnung auch Reduktion bedeutet. Ein Schritt, der nach dem Bombast der Vorgänger unweigerlich nötig war. Ein beschauliches Folk-Album ist „The Suburbs“ dann aber auch glücklicherweise nicht geworden. Irgendwo in der Mitte vielleicht. Etwas bodenständiger, etwas reifer, etwas ehrlicher und direkter. So klingt halt eine raue Teenager-Platte, wenn man sie erst Jahre später aufnimmt. Freude und Leid der Kindheit und Jugend in der Vorstadt ist einer leichten Melancholie und Selbstreflexion gewichen. Das gibt dem ohnehin tollen Sound dieser Band noch mehr inhaltliche Tiefe und hilft obendrein auch noch, mich emotional tief zu beeindrucken. Nach wie vor Premium, da muss man nicht mehr dazu sagen.
Beste Songs: “Ready To Start”, “Modern Man”, “Suburban War”, “Sprawl II: Mountains Beyond Mountains”

01. Foals „Total Life Forever“


Gott sei Dank gibt es sie noch! Ich hatte schon Angst! Und zwar diese Alben, die einem vom ersten Hören an magisch fesseln, bei denen man selbst beim ersten Durchlauf merkt, dass da Großes auf einen zukommt. Alben, die einen vom ersten bis zum letzten Ton ansprechen, die einen emotional und ohrwurm-mäßig monatelang begleiten werden und ohne deren regelmäßigen Genuss man bald schon nicht mehr auskommen möchte. Solche Alben werden in meinem Kopf recht schnell zu Alben des Jahres und haben es dann in der Regel schwer, von eben diesem Thron gestoßen zu werden. Und trotz starker Konkurrenz gab es seltsamerweise vom ersten Hören an keinen Zweifel für mich, dass „Total Life Forever“ von den Foals mein Album 2010 ist. Im Gegenteil: die Gewissheit verstärkte sich im Laufe der letzten Monate und mittlerweile gehört es zu meinen absoluten Lieblingsalben für alle Zeit. Warum? Nun, ganz einfach… weil es aus meiner Sicht schlicht und einfach perfekt geworden ist und mich in allen Belangen zu begeistern weiß. Dass die Foals dieses Album abliefern werden, verwundert dann am Ende gar nicht so sehr. Wer die Band nach ihrem 2008er Debüt „Antidotes“ als Hipster-Eintagsfliege abstemplen wollte, der hat damals sicher nur halbherzig hingehört. Denn natürlich waren da die zappligen Disco-Smasher wie „Cassius“ oder „Balloons“. Doch darüber hinaus gab es auch schon feinfühlige Ansätze großer Soundkonstruktionen, wie „Red Socks Pugie“ oder „Big Big Love“, die zeigen, dass da mehr geht, als nur mal die Beine dazu wackeln zu lassen.

51PdaHqoQsL-_SL500_AA300_“Total Life Forever“ will dies nun alles zwingender. Vor allem will es halt alles sein. Alles was „Antidotes“ war sowieso, aber darüber hinaus noch viel mehr. Ein gewaltiges Meisterwerk, das Epik versprühen will und dabei die Grenze der Radio-Edit-Länge genauso sprengen will, wie die der Genres. Von der Band selber gern mal als tropischer Prog-Rock-Fiebertraum bezeichnet, gibt man sich nun wesentlich stärker psychodelischen Elementen hin, pflegt gern mal die große Geste hin, leistet sich aber stets auch eine gewisse Verspieltheit, wenngleich die halt nicht mehr so amateurhaft wirkt, wie noch in den Anfängen. Man gönnt sich eine gepflegte Größe, einen gewissen Abstand zum bisherigen Schaffen der Band. Teils ruhig, teils auch dezent groovend. Songs, die sowohl unterschwellige Tanzflächenfüller, als auch epische Hymnen zugleich sein wollen. Große Songkonstrukte, wie „Black Gold“ oder das geniale „Spanish Sahara“, welches erst einmal einige Minuten braucht, um in Fahrt zu kommen, sind genauso an der Tagesordnung, wie scheinbar leichte Pop-Nummern, wie „Miami“ oder This Orient“. Die Foals können einfach beides und schaffen es durch ihre Kontinuität im Sound auch deutlich, dies alles stimmungsvoll zusammen zu zimmern. Die Wave-Gitarren zirpen immer noch nervös herum, überall beteiligen sich elektronische Elemente am Soundgebilde. Außerdem haben die Foals den harmonischen Chorgesang für sich entdeckt und klingen jetzt teilweise sogar ein wenig nach den Fleet Foxes. Es passiert soviel. „After Glow“ bspw. das verhalten im Nebel beginnt und dessen Unheil sich erst ankündigt, bevor schließlich ein krachender E-Gitarren-Ausbruch für die Kehrtwende sorgt und aus dem Stück ein ziemliches Prog-Disco-Monster macht. Die Ideen, welche hier in 6 Minuten verwendet werden hätten für 3 Songs gereicht. Egal ob groovend hier oder verträumt gefühlvoll, wie beim traumhaften „2 Trees“. Die Foals haben 2010 ihr goldenes Jahr, in denen ihnen scheinbar alles zu gelingen scheint. „Total Life Forever“ will wirklich so groß, wie das Leben sein, bietet Euphorie und Melancholie in einem stetigen Wechsel und einen Sound, der so treffsicher wirkt, als ob alles genau da sitzt, wo es sitzen soll. Die Musik dieses Albums ist atmosphärisch, verspielt, aber trotz aller Durchdachtheit immer auch ein wenig gefühlvoll und emotional. Es ist schon ein wenig beeindruckend, wie viel gute Ideen und Songs die Band aus London in nur elf Songs unterbringen kann ohne dabei zu nerven. Man muss sich ein wenig auf diese Musik einlassen, so ist das meist mit guter Musik. Aber vielleicht, und nur vielleicht, geht es ja jemand anderem da draußen genauso wie mir und er oder sie verliebt sich auch sofort in dieses große Meisterwerk. Und dass Liebe ein wichtiger Faktor ist, gerade bei der Musik, dass muss ich, glaub ich, niemandem mehr erzählen. In diesem Sinne auf ein gutes 2011. In jeglicher Hinsicht!
Beste Songs: “Miami”, “Total Life Forever”, “Black Gold”, “Spanish Sahara”, “Alabaster”, “2 Trees”

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Lieblingsalben 2010 /// Plätze 10 - 06

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10. Vampire Weekend “Contra”


Wie war das eigentlich mit diesem Afro Beat? Damals beim Debüt vom Vampire Weekend konnte man ja keinen Artikel über die vier Amerikaner lesen, in denen nicht ausführlich betont wurde, wie sehr sich die Band der afrikanischen Weltmusik öffnen würde. Nur, weil eine Band mal nicht klang wie der x-te Joy-Division oder New-Wave-Klon? Solche Kategorisierungen sollen ja helfen. Dabei machen Vampire Weekend doch eigentlich nur intelligenten, kurzweiligen Pop, der stets recht vielseitig um die Ecke kommt. Und mit dem diesjährigen Zweitwerk halten sie die Messlatte noch mal ordentlich oben und zeigen der Welt, dass sie definitiv keine Eintagsfliege sind. Sommerlich leicht sind sie nach wie vor, der kalte Winter (in dem das Album auch erschien), wird gleich zu Beginn auf „Horchata“ weg gesungen. Erfrischungsgetränke gehen zu jeder Jahreszeit. Und gleich der dritte Song „Holiday“ wird zur Hymne auf die Flucht in den Sonnenschein. Vampire Weekend haben das leichte Leben und den Ideenreichtum auch auf „Contra“ gepachtet. Erneut zaubert die Band wunderbare kleine, schrullige Popsongs aus ihren Sonnenhüten, die vom verrückten, sich stets wechselnden Rhythmus vorangetrieben werden und mit allerhand klangtechnischen Spielereien versehen sind. Da gibt es natürlich die lustigen Keyboard-Elemente, viele Streicher, Bongos, Percussions und wild aufspielendes Gitarrengezirpe. Und den mehrstimmigen Harmoniegesang niemals vergessen! Frontmann Ezra Koenig schlängelt sich wieder gewohnt durch zehn kurzweilige Popsongs mit allerhand witzigen Alltagsgeschehnissen. Die von der Band selbst getroffene Aussage, dass „Contra“ wesentlich näher an dem sei, was Vampire Weekend eigentlich sind, wirkt nachvollziehbar. Gradlinige Hits wie „Run“ oder „Giving Up The Gun“ machen sich hervorragend neben schrägen Ausbrüchen wie „Cousins“. Langeweile sieht anders aus. Deshalb gibt’s für „Contra“ ein absolutes Pro.
Beste Songs: „“Horchata“, „Holiday“, „Giving Up The Gun“, „I Think U Are A Contra“

09. Beach House “Teen Dream”


Beach House... Auch so eine Band, welche es schon ein Weilchen gibt und die ich erst 2010 richtig kennengelernt habe. Als ich das erste Mal mit dem reinen Bandnamen in Kontakt kam, nahm ich ganz assoziativ an, ich würde gleich mit irgendwelcher Café del Mar-Lounge-Music straight outta Ibiza beschallt werden. Weit gefehlt, wenngleich die wunderschöne Musik des amerikanischen Duos trotzdem zum Träumen und Entspannen einlädt, dabei aber unweigerlich mehr Stilsicherheit versprüht. Auslöser war die famose Gratis-Single „Norway“, von der ich sofort begeistert war. Die weichen Soundflächen, die relaxte Melancholie und die wundervolle Stimme von Victoria Legrand, welche weit davon entfernt ist, wie die weibliche Konkurrenz zu klingen, sondern etwas sehr eigenes hat, gerade deshalb, weil Legrand nicht versucht, wie ein süßes Zuckerpüppchen zu trällern, wenngleich es die Musik natürlich gestatten würde. Die geschmackvolle Dame und Bandkollege Alex Scally haben hier ein wunderbar stimmungsvolles Stück verträumten Indiepops geschaffen. Ein verspieltes Piano, zirpende Gitarren und ein weicher Orgelklangteppich bilden zusammen mit Lengrands Stimme die Grundlage für zehn astreine Popsongs, die sich irgendwo zwischen klassischem Pop, Folklore und sehr dezentem Shoegaze bewegen. Das kann, um dieses Bild noch mal zu benutzen, auch gern genutzt werden, um den Sonnenuntergang am Strand zu genießen. Gleichzeitig kann diese Musik auch kalte Winterabende erwärmen. Und zum Mitsingen lädt die Platte gelegentlich auch ein. Songs, wie „Zebra“ oder „Lover Of Mine“ sind bspw. so unscheinbare Superhits, das man selber aus dem Staunen nicht mehr rauskommt, wogegen man sich in Songs wie „Walk In The Park“ einfach nur hineinfallen lassen möchte. Das klappt auch auf Albumlänge, denn die einzige Schwäche ist gleichzeitig irgendwie auch die Stärke, denn aus dem gewohnten Klangbild bricht keiner der Songs großartig heraus. Ein in sich geschlossener und in Watte verpackter Traum.
Beste Songs: “Zebra”, “Norway”, “Walk In The Park”, “Lover Of Mine”

08. Yeasayer „Odd Blood“


Im Laufe der letzten Jahre bin ich immer mal wieder auf Bands und Musiker getroffen, mal netter, mal unfreundlicher. Eines habe ich allerdings in 80% der Fälle festgestellt… die Schlagzeuger sind immer die nettesten, bodenständigsten und amüsantesten Mitglieder! Ein Hoch auf euch! Manchmal sind die sein Glücksfall und wenn es nur durch ihren Weggang ist. Luke Fasano von Yeasayer bspw. Der stieg kurz vor Produktionsbeginn von „Odd Blood“ aus und zwang seine Mitmusiker nun kurzerhand auf einen Drum-Computer umzusteigen. Somit bekam der etwas schräge, Weltmusik-Experimental-Sound der New Yorker eine ordentliche Portion 80s-Space-Pop verpasst, was zu einer erneuten Leistungssteigerung gegenüber dem feinen Debüt „All Hour Cymbal“ führt. „Weniger Hippie, mehr Hits“ lautet nun also die Devise und das gelingt Yeasayer hervorragend. „Odd Blood“ ist ein unwiderstehlich ansteckendes Stück kurzweiliger, experimentierfreudiger und vielseitiger Pop-Musik. Hits wie „Ambling Alp“ oder „O.N.E.“ sind Instant-State-Of-The-Art-Pop, den Hot Chip wohl nicht mehr machen können und wollen, andere Songs wie „Rome“ oder „Mondegreen“ haben einen fast schon Rock’n-Roll-artigen Drive, der sich allerdings stehts dem Klangbild unterordnet, dass sich so gar nicht beschreiben und festlegen lassen will. Experimenteller 80s-Pop? Nerd-R’n’B? Hits für Hipster und alle, die an frischen Ideen interessiert sind. Zwar gibt’s auch noch feine Midtempo-Nummern wie „Madder Red“ oder „I Remember“, aber selbst die können den Drive, den dieses Album hat, nicht ausbremsen. Yeasayer sind auf dem besten Weg eine kurzweilige Symbiose aus ganz vielen Elementen der aktuellen Pop-Musik zu werden. Sie sind „Indie“ genug um dem Musikkenner zu gefallen, könnten gleichzeitig aber auch problemlos eine Kanye West-Platte produzieren und damit ordentlich Schotter machen. Wenn es eine Band gibt, die aktuell intensiv daran arbeitet, die Genregrenzen zu verwischen und sich die Qualität zur Richtlinie nimmt, dann ist das Yeasayer. „Odd Blood“ sollte jeden Pop-Fan begeistern und macht Lust auf die Zukunft dieser Kombo! Egal ob mit oder ohne US-Hip-Hop-Stars.
Beste Songs: “Ambling Alp”, “Madder Red”, “O.N.E.”, “Rome”

07. Fotos “Porzellan”


Dass die größte musikalische Überraschung des Jahres ausgerechnet aus Deutschland kommt, ist natürlich eine angenehme Sache, besonders für unsere kulturell oft gebeutelte Republik und den Fakt, dass ich mit deutschsprachiger Musik eigentlich immer so meine Probleme hatte. Mit den Fotos nur bedingt. Die mochte ich anfangs gern, aber zwischenzeitlich hatte ich das Quartett schon als nette, aber unwichtige deutsche Indie-Rockband abgestempelt, deren einziger Vorteil damals war, dass sie mal im Gegensatz zur Konkurrenz damals 2006 nicht zu spät dran war, um auf den Trendzug „Großbritannien“ aufzuspringen. Das Debüt bot ordentlichen New-Wave-Indie-Rock und hatte internationales Format, der Nachfolger hatte hingegen gar nichts mehr zu sagen. Nach einem uninspirierten Auftritt bei Raab’s Song Contest war dann wohl wirklich die kommerzielle Luft draußen. Und nun das? Die Fotos werfen alle Erwartungen und alle künstlerischen Ängste über Bord und präsentieren mit „Porzellan“ eines der besten Alben, dass dieses Land seit Jahren gesehen hat. Warum? Weil hier endlich mal eine Band kommt, die mehr aus deutschem Indie-Rock machen will. Die nicht versucht wie „Beat! Beat! Beat!“ oder die „Kilians“ und damit irgendwie wie eine provinzielle Britrock-Kopie zu klingen, sondern die bewusst raus will aus dem Muster und endlich mal was wagt mit deutscher Musik und deutschen Texten. Aber streng genommen kopieren sie ja immer noch fremde Sounds. Aber im Fall von „Porzellan“ heißen die Vorbilder „Jesus And The Mary Chain“, „My Bloody Valentine“ oder auch gern mal den Spät-80er-Cure. Die Marschrichtung wird durch diese Namen natürlich vorgegeben: viel Hall, viel Flächen, viel Echos, viel Weite. Die Drums hallen in weiter Ferne, genauso wie die Stimme von Sänger Tom, der seine kryptischen Textbotschaften bereits aus dem Äther zu singen scheint. Sphärische Monster wie „On The Run“ oder „Raben“ treffen auf schnittige Single-Kandidaten, wie „Mauer“ oder das New-Wavige Meisterwerk „Nacht“. Das funktioniert deshalb so gut, weil man sich eben 1:1 an den Originalen orientiert, aber die deutsche Sprache eben dann doch mal außergewöhnlich in diesem Soundkontext klingt und vor allem auch funktioniert. Kryptische deutsche Texte kann ja jeder machen, aber hier passt das einfach so perfekt und stimmungsvoll zur Musik, dass man sich nicht wundern muss, warum das Goethe-Institut die Band erst jüngst durch Asien hat touren lassen. Klar, Spex-Indie-Polizisten können jetzt beklagen „Den fällt nix eigenes ein“, aber seien wir mal ehrlich: wann ist das in den letzten Jahren noch irgendjemandem? Und gerade in Deutschland. Damit kommen die Fotos von der Ersatzbank wieder ins Spiel und präsentierten ein echtes großes Meisterwerk voll andächtiger Schönheit. Mein aufrichtigster Respekt!
Beste Songs: „Alles Schreit“, „Nacht“, „Mauer“, „Ritt“

06. Wir Sind Helden “Bring Mich Nach Hause”


Es war Zeit, das alles hinter sich zu lassen. Jahrelang schien es so, als müssten Wir Sind Helden als alleinige Retter und Galionsfiguren der neuen deutschen Popmusik herhalten. Mit ihrem 2003er-Debüt lösten sie eine Welle aus, von der sie sich selbst immer durch geschmackvolle, intelligente und unpeinliche Musik abgrenzten. Die Helden blieben die unpeinliche und geschmackvollere Alternative gegenüber Silbermond, Rosenstolz oder Revolverheld. Selbst einstige Helden, wie die Sportfreunde versackten immer mehr in der eigenen Belanglosigkeit. Den Helden drohte durch Überpräsenz das Gleiche und sie zogen die überfällige Notbremse. Zum Glück! Ich muss gestehen, selbst ich hatte zuletzt ein wenig die Lust an dem Quartett aus Berlin verloren. Doch nun sind sie zurück und der lebende Beweis, dass es ein Leben nach dem Hype gibt. Die Konzertlocations werden wieder kleiner, die Masse hat sich anderem, bedeutungsloserem Deutschquark zugewandt und die Qualität? Die steigt erfreulicherweise wieder. „Bring mich nach hause“ ist das Beste, was die Helden bisher musikalisch gemacht haben. Ein Zeugnis von Reife, Vielseitigkeit und dem Mut zur unpeinlichen Veränderung. Ein unscheinbarer, aber notwendiger Rückschritt, nach Baby- und Bandpause. Hier spielt keine hippe Nachwuchsband mehr auf, sondern gereifte Musiker, die sich ihren Status in der hiesigen Poplandschaft nicht mehr großartig erspielen müssen und wollen. Wer es als „zu ruhig“, „zu unhittig“ und aufgrund der nicht überragenden Verkaufszahlen als „Flop“ bezeichnen möchte, kann das gern nutzen, sieht aber nicht, was dieses Album kann. „Bring mich nach hause“ thematisiert essentielle, persönliche Themen, die man sich in dem Alter, in dem sich die Band befindet nun mal stellt. Da wird mit dem eigenen Leben gehadert, reflektiert und auch akzeptiert. Das man nicht mehr „Die Träume anderer Leute“ träumen kann und muss, das man sprichwörtlich aus der Dunkelheit nach hause gebracht werden möchte. Geborgenheit, Glück in den einfachen Dingen. Eine Akzeptanz der eigenen Grenzen und Werte und doch die Erkenntnis, das „Alles“ drin ist. So weht mit allen Songs ein gewisses Gefühl von Melancholie. Die nachdenkliche Ballade von Wolfgang und Brigitte zum Beispiel über die Tücken der Liebe oder das unglaublich traurige „Meine Freundin war im Koma…“. Das Leben ist kein Ponyhof, aber man kann das Beste draus machen, wenn man nur die Ruhe bewahrt und sich an die Dinge im Leben hält, die wichtig sind. Deshalb gehen die Mundwinkel hier nicht nur nach unten. “Was Uns Beiden Gehört“ verbreitet genauso gute Laune, wie „23:55, Alles Auf Anfang“. Auch das Instrumentarium unterstreicht die erwachsenen Helden. Die üblichen, klirrenden 80er-Synthies fehlen erfreulicherweise, hingegen halten Bläser, Banjos und Akkordeon Einzug ins Instrumentarium. Alles wirkt etwas organischer, gefasster. Klar gibt es die klassischen Helden-Nummern nach wie vor, aber Anleihen an Jazz, eine todtraurige Klavierballade und ein Beatle-esques Outro bei „Im Auge des Sturms“ zeigen, dass hier viel mehr drin ist, als man der Dame und ihren drei Herren bisher zugetraut hat. Wir Sind Helden sind der eigenen Konkurrenz wieder einmal ein paar Schritte voraus und haben zusammen mit den Fotos dieses Jahr bewiesen, dass deutsche Musik mehr sein kann, wenn sie nur will.
Beste Songs: „Alles“, „Bring Mich Nach Hause“, „Die Ballade Von Wolfgang Und Brigitte“, „Die Träume Anderer Leute“, „Meine Freundin war im Koma…“

Freitag, 3. Dezember 2010

Lieblingsalben 2010 /// Plätze 15 - 11

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Hohoho! Noch jemand da? Während draußen eisige Kälte herrscht, nähern wir uns nämlich unaufhaltsam den Top Ten meiner Lieblingsplatten dieses Jahres. Hier sind die nächsten fünf.

15. Stars “The Five Ghosts”


Gewohnt Hochwertig. Weiß gar nicht, warum die Stars „nur“ auf der 15 sind. Anscheinend war die Qualität der Alben dieses Jahr dann doch besser als ich dachte, denn irgendwie gehört es mehr nach oben. Denn wie man es erwartet, liefern die Stars aus Kanada wieder ganz traumhaften Indie-Pop ab. Das überzeugende Argument bleiben nach wie vor diese wunderbaren Songs, die schönen Geschichten, die sie erzählen und das gesangliche Doppelspiel der beiden Frontprotagonisten Torquil Campell und Amy Milan. Allein wenn die beiden zu ruhigen Gitarrenklängen im Opener „Dead Hearts“ wieder ihren Dialog beginnen und von Geistern aus der Vergangenheit berichten, dann ist es dieses Gefühl von Sicherheit und Zuhause, gerade in Milans Stimme, bei welcher ich jedes Mal aufs Neue kampflos kapitulieren könnte. Das würde auch nur halb so gut funktionieren, wenn die Songs nicht so wunderbar wären. Wie die Band das nach dem opulenten „In Our Bedroom After The War“ von 2007 noch steigern wollte, war mir zuerst ein Rätsel, doch irgendwie haben sie’s geschafft. Powerpopsongs wie „Wasted Daylight“, „Fixed“ oder „How Much More“ sind der Grund warum, man die Band liebt, genauso wie die melancholischen Balladen „Changes“ oder „Winter Bones“. Nachdem sich der Vorgänger etwas organischer und orchestraler gab, wird es auf „The Five Ghosts“ etwas elektronischer, als zuvor. Aber ein Disco/80s-Album ist es deshalb glücklicherweise noch lange nicht. Ein wenig erinnert das vom Sound her sogar wieder an das 2003er Album „Heart“, nur halt mittlerweile auf einem produktionstechnisch viel hochwertigerem Niveau. Die Stars bleiben ein Qualitätsgarant für wunderschönen Indie-Pop, der keine Scheu vor großen Gefühlen hat. Also an dieser Stelle alles wie gehabt.
Beste Songs: “Wasted Daylight”, “Fixed”, “Changes”, “The Last Song Ever Written”

14. Get Well Soon “Vexations”


So langsam wird das ja noch was mit der deutschen Musiklandschaft. Vielseitigkeit und Qualität scheinen zumindest abseits von Unheilig und Co. zu steigen. Ein Garant dafür bleibt Konstantin Gropper mit seinem Projekt Get Well Soon. Kaum zu glauben, dass er nur zwei Jahre nach dem Debüt, in denen er mal eben eine EP aufgenommen und halb Europa bespielt hat, so schnell gleich ein neues Album veröffentlichen würde. Und dann noch so ein gutes, wie „Vexations“. Laut eigener Aussage innerhalb von ein paar Wochen aufgenommen. Gropper und seine Kollegen gehen dabei auf Nummer Sicher. Album Nr. 2 geht den Weg des Debüts weiter und folgt, getreu dem Intro „Nausea“ einem verwunschenen Waldpfad mitten hinein in eine kleine Fantasiewelt. In dieser entfaltet Gropper wieder einen hymnischen Indie-Pop, der voll Größe und Erhabenheit in der internationalen Liga spielen will und dies auch in jeder Minute tut. „Vexations“ schlägt deutlich düstere und melancholischere Klänge an als „Rest Now, Weary Head“. Alles ist eine Spur verzweifelter, introspektiver und scheint auswegsloser. Keine Musik für laue Sommerabende. Das Bild eines dunklen Waldes kommt einem nicht beim Anschauen des Videos zu „Angry Young Man“ in den Sinn. Wieder gibt es jede Menge Streicher, Bläser und bei „A Burial At Sea“ auch gern mal einen anständigen Chor. Beerdigungspop mit hohem Unterhaltungswert. Selbst wenn man meint, am Ende des Waldes ein Licht zu erspähen, so dreht sich Gropper einfach um und rennt noch mal zurück. „Vexations“ verbreitet dennoch keine Suizidstimmung, sondern zelebriert die Melancholie als etwas Erhabenes, Reinigendes. Der Zugang ist vielleicht nicht mehr so einfach, wie beim Debüt, aber sobald man sich dieser Platte ein paar Mal bewusst gewidmet hat, erschließt sich einem wieder wahrhaft schöne Musik, die bei aller Traurigkeit, stets auch etwas Wärme und Trost ausstrahlt. Jetzt macht Gropper erstmal etwas Pause, sagt er. Verdient hat er sich das, aber bitte nicht allzu lange.
Beste Songs: “We Are Free”, “Red Nose Day”, “Werner Herzog Gets Shot”, “A Burial At Sea”

13. Jónsi “Go”


Das 2010 definitiv das Album der Sologänge diverser Frontmänner war hatte ich ja schon mal weiter hinten bei Paul Smith angeführt. Das Ergebnis ist nicht immer zufrieden stellend, aber wenn es dieses Jahr wirklich einer geschafft hat, zu begeistern, dann definitiv Sigur-Rós-Frontelfe Jónsi Birgisson! Was für ein Album, was für ein Fest! Auf 40min präsentiert uns der Isländer neun großartige Hymnen voller Euphorie und Virtuosität, durchsetzt von tollen Melodien und üppiger Instrumentierung. Trotz einiger Balladen gibt man sich gern in Aufbruchsstimmung angesichts dessen, was denn auf den Protagonisten wartet. „We should always know that we can do anything” proklamiert Birgisson bereits im ersten Song und beschwört die Kraft und Energie der endlosen Sommer herauf. Mehr von allem! Das Jónsis Ziel darin bestand, eine Art organisches Dance-Album zu produzieren merkt man immer wieder, besonders beim elektrisierenden „Animal Arithmetic“ , einem spannenden Mix aus Percussions, Elektronik und viel Orchester. Und eindeutiger als mit „Fuck it, let’s go and live“ kann man Lebensfreude nicht mehr besingen. Entwaffnete Euphorie verpackt in ein episches Klanggewand. Stärker als noch bei Sigur Rós oder dem letztjährigen „Riceboys Sleeps“-Projekt mit Lebenspartner Alex setzt Jónsi bei seinem Soloausflug auf die Kraft klassischer Instrumente, die er zusammen mit interessanten, kleinen Elektroelementen zu gelegentlich wirklich reinrassigen Popsongs vermixt. Doch stets umgibt die Musik auch diesmal etwas überirdisches, etwas das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Der Sigur-Ros-Bonus ist vorhanden. Zum Glück! Er bleibt ein magisches Goldkehlchen, welches sich stets zu den höchsten Höhen aufschwingt und in gleichen Maasen gefühlvoll, zerbrechlich, aber doch kraftvoll wirkt. Eine gleichermaßen fremdartige, wie vertraute Stimme, die weiterhin mehr von einem Fabelwesen, als von einem Menschen hat. Daran ändert auch der Wechsel in englische Sprache nichts, zumal die Jónsi wohl wie wirklich dialektfrei hinbekommen wird. Muss er auch nicht. Und für ruhige Momente ist zum Glück ebenfalls Platz auf diesem Werk. Birgisson erschließt sich scheinbar mühelos neue musikalische Horizonte ohne dabei die eigene Vergangenheit zu verleugnen. Und auf die Rückkehr zu dieser, in Form eines neuen Bandalbums freu ich mich jetzt schon.
Beste Songs: “Go Do”, “Animal Arithmetic”, “Boy Lilikoi”, “Grow Till Tall”

12. Two Door Cinema Club “Tourist History”


Dieses obligatorische kurzweilige Indie-Pop-Album, welches aus dem Nichts kommt und einen mit jede Menge famoser Hits umhaut, nur um vielleicht zwei Jahre später wieder zu verschwinden, gibt es in den letzten Jahren immer mal wieder bei mir. 2010 hat das keine Band so gut geschafft wie der Two Door Cinema Club aus Großbritannien. Obwohl diese Form der Musik in mir mittlerweile gern mal ein lautes Gähnen hervorruft, weil wir davon in den letzten Jahren schon genug hatten, so haben diese drei Herren dennoch mein Herz und meine Gehörgänge erobert. Das Debüt „Tourist History“ ist leider eine fast schon zu perfekt funktionierende Hitmaschine, der man sich als halbwegs an Pop interessierter Mensch einfach schwer entziehen kann. Kaum eine Chance, dieses Album zu hassen. Ich hab’s versucht. Da muss auch irgendwie ein Haken sein, aber ich hab ihn nicht gefunden. Zu viel Melodien, zu eingängig, zu schwungvoll. Das Urteil fällt eindeutig zugunsten der Angeklagten aus. Zehn Songs, zehn Volltreffer. Neben eingängigen Refrains, vielen „Ohhs“ und „Uuhs“ überzeugt auch die butterweiche Produktion, die wirklich jeden Ansatz von Ecken oder Kanten ausgemerzt hat. Sonst ja eher tödlich, hier aber einfach mal absolut passend. Dazu gibt’s schöne Synthiemomente, die ewig jinglenden Indiegitarren und auch gern mal ein paar Cowbells zu den flotten Four-To-The-Floor-Beats. Die Rezeptur ist bekannt, etwas Phoenix hier, eine Prise Friendly Fires da: das Hauptgericht wird sehr indie-klischee-esque serviert. „Undercover Martyn”, “What You Want”, “Do You Want It All?” oder “I Can Talk” sind richtig super, aber eigentlich kann man jeden Song nehmen. Lebensbejahende, junge, schwungvolle Indie-Pop-Songs, die eben jene Art Leichtigkeit und Unbekümmertheit ausstrahlen, die man daran schon seit Jahren schätzt oder ggf. auch hasst. Keine der beiden Seiten wird durch dieses Album vom Gegenteil überzeugt werden. Sie haben die Hits auf ihrer Seite, evtl. auch in der Zukunft.
Beste Songs: „Come Back Home“, “I Can Talk”, “Undercover Martyn”, “What You Know”

11. Trentemøller “Into The Great Wide Yonder”


Es kündigte sich ja bereits auf dem 2006er-Debüt „The Last Resort“ an, welches bereits traditionellen Techno und Minimal mit einem düsteren Nährboden fütterte und so eine ganz eigene Klangwelt erzeugte. Schon damals klang die Musik des Dänen Anders Trentemøller halt irgendwie mehr nach düsterem Nebelwald, als nach schnödem Disconebel. Irgendwie wollte und konnte er immer etwas mehr. 2010 ist es nun endlich an der Zeit, diese Ambitionen vollständig auszuleben, so dass die Entwicklung auf dem Zweitwerk konsequent weiter geht. „Into The Great Wide Yonder“ verlässt den Club nun eigentlich fast vollständig und macht stattdessen einen Spaziergang durch die hoffnungslose Dunkelheit. Wer sich die von Trentemøller compilierte „Habour Boat Trips“-CD aus dem Vorjahr mal angehört hat, weiß, dass Anders seine Wurzeln weniger im Techno als vielmehr im Wave der 80er, sowie in melancholischen Folk-Balladen sieht. Und dieser kalte, düstere Grundton durchweht alle zehn Tracks dieses Albums. Tanzbar ist da eigentlich nichts mehr wirklich. Melancholie statt Euphorie. Stattdessen kreiert Trentemøller mit elektronischen Effekten und einer omnipräsenten Gitarre düstere Klanglandschaften voller Kälte und Melancholie, aber doch mit einer gewissen Reichhaltigkeit. Vielleicht kann man das gar nicht mehr richtig kategorisieren. Muss man ja auch nicht. Irgendwo hab ich mal den Begriff „Goth Techno“ gelesen. „Post Techno“ würde Trentemøller sicher als Bezeichnung auch zusagen. Atmosphärisch sicher eines der dichtesten Alben der letzten Monate. Traurige Violinen, blubbernde, aber stets dezente Grooves, verzweifelt aufspielende Gitarren und atmosphärische und sehr passende Gastsänger… „Into The Great Wide Yonder“ wirkt wesentlich organischer und geschlossener als der Vorgänger, will sich gar nicht mit dem Rest messen, sondern spielt lieber seine eigenen, düsteren Spielereien. Auf die lasse ich mich gern voller Freude ein.
Beste Songs: „The Mash And The Fury“, „Sycamore Feeling“, „… Even Though You’re With Another Girl“, „Tide“

Freitag, 26. November 2010

Lieblingsalben 2010 /// Plätze 20 - 16

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Da sind wir nun also in den vorderen zwanzig Alben, die in diesem Jahr besonders hoch in meiner Gunst standen. Da drosseln wir doch aus diesem Anlass gleich mal ein wenig das Tempo und bewegen uns von nun an in Fünfer-Schritten voran. Und ich übe mich in akuter Selbstreduzierung meiner Statements, da ich beim letzten Part schon wieder zu lang wurde. Es folgen nun also die Plätze 20 bis 16.

20. Rasmus Kellerman “The 24th”


Kurzzeitig musste man ja schon Angst um den guten Mann haben. Nach dem überraschenden Auf-Eis-Legen seiner Hauptband Tiger Lou machte sich bei Rasmus Kellerman die Frage breit, wie es denn jetzt weitergehen sollte. Erstmal gar nicht. Tiger Lou sind tot, aber Rasmus Kellerman lebt. Keine Pseudonyme mehr, wo Rasmus drauf steht, soll nun endlich auch Rasmus drin sein. „The 24th“ ist sozusagen ein entspannter und ruhiger Befreiungsschlag, welcher gleichzeitig den Kreis zu den Karriereanfängen des Schweden schließt. Ein Mann, eine Gitarre und dazu die wunderbare Kraft des Songwritings. Ein reines Akusitk-Album ist es glücklicherweise doch nicht geworden, dennoch liegt die Kunst in der Reduktion und in den Songs. Die Melodien und Texte geben einen Einblick in den Seelenzustand des Schweden. Teils glücklich reflektierend, wie im Opener „The 24th“, teils auch etwas melancholisch philosophierend über das Älterwerden („The Greatness & Me“)… Aber auch die Ungewissheit, wie im anschließenden „Five Years From Now“. Leichte Melancholie weht ja immer mit, wenn Kellerman zur Gitarre greift. Insgesamt eine sehr gelungene und notwendige Abwendung vom zuletzt doch arg überladenen Konstrukt „Tiger Lou“. Kellerman präsentiert sich als ernstzunehmender und gereifter Songwriter, der trotz der neu gewonnen Selbstsicherheit immer noch ein Suchender in dieser Welt zu sein scheint. Und deshalb wird er auch weiter musizieren, zu unser aller Wohl
Beste Songs: “The 24th”, “Five Years From Now”, “Talk Of The Town”

19. Kings Of Leon “Come Around Sundown”


Also es gibt ja Menschen, die sollen den Kings Of Leon ihren kommerziellen Erfolg nicht gönnen, wie das halt immer so ist bei Bands, die irgendwann mal den Schritt aus dem Untergrund Richtung Mainstream gehen. Ich gehör nicht zu diesen Menschen. Einen musikalischen Qualitätsverlust kann ich sowieso nicht erkennen, vielmehr ist das diesjährige „Come Around Sundown“ eine entspannte Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln. Teils musikalisch, aber viel eher biographisch. Die Kings spielen befreiten Südstaaten-Rock, vielleicht etwas gediegener als sonst, aber wesentlich wärmer und voller Seele und Gefühl. Die dunklen Dämonen der Vorgänger-Platten werden genauso im Schrank gelassen wie der Druck, ein zweites „Sex On Fire“ abzuliefern. Hits fürs Herz sind dennoch in Massen zu finden. Gleich der Opener „The End“ ist mal wieder gewonnt episch, Songs wie „Pyro“ oder „Beach Side“ stehen sinnbildlich für die neue Entspanntheit des schmucken US-Vierers. Caleb Followill’s Raueisenstimme klagt und grölt gleichermaßen vor sich hin und fügt sich damit bestens in das warme, organische Soundschema. Mit „Come Around Sundown“ ist den Kings vielleicht kein gewaltiges Hitalbum gelungen, dafür aber eine atmosphärisch und inhaltlich in sich geschlossene wunderbare Präsentation ihres aktuellen Seelenzustandes, irgendwo zwischen Aufbruchsstimmung und nostalgischem Rückblick. Bitte weiter so.
Beste Songs: “The End”, “Pyro”, “Beach Side”, “Birthday”

18. Hot Chip “One Life Stand”


In Sachen Brillenmode kann sich, wenn er es denn mag, Kollege Alexis Taylor von Hot Chip damit rühmen, die gute alte Hipster-Nerd-Brille vor einigen Jahren schon vor dem ganzen Rest des Hipster-Volkes getragen zu haben. Soundtechnisch war die Band ja eh der Konkurrenz immer Jahre voraus, hat schon Elektro-Frickel-Pop gemacht, als die Hochphase des Franz-Ferdinand-Indie-Rocks noch am überkochen war. Also, wohin geht der Weg 2010? In den Pop muss man überraschend unüberraschend sagen, denn genau dem verschreiben sich die Briten auf dem neuen Album stärker, denn je zuvor. Damit fallen leider die Soundexperimente und verrückten Ideen der Vorgänger weg, Hot Chip glätten das Soundbild und geben ihren nerdigen Elektropopsongs auch eine gehörige Portion Seele mit dazu. Das wirkt nicht mehr ganz so umhauend, wie dies bei „Made In The Dark“ der Fall war, aber es reicht auf jeden Fall für ein überdurchschnittlich gutes Pop-Album. Allein die Opener „Thieves In The Night“, „Hand Me Down Your Love“ und gerade „I Feel Better“ werden jeden Zweifel verstummen lassen. Danach flaut das Ganze zwar ein wenig ab und wird überraschend ruhig, allerdings offenbart die Band auch hier wieder ihre Stärken, wie beim traumhaften „Alley Cats“ und dem tollen Wechselspiel der Stimmen von Taylor und Kollege Joe Goddard. Sie wollen keine Nerds mehr sein, sondern Popstars. Der Weg ist geebnet, für die Zukunft bleibt es spannend. Egal, welche musikalischen, wie optischen Trends als nächstes ausgepackt werden.
Beste Songs: “Hand Me Down Your Love”, “I Feel Better”, “Alley Cats”, “Take It In”

17. Gorillaz “Plastic Beach”


Damon Albarn ist wahrlich ein Untriebiger. Während wir hier sitzen, hat er vermutlich schon wieder tausend Ideen im Hinterkopf, produziert parallel drei Alben und schreibt eine Oper. Oder was weiß ich. Jedenfalls ist der einstige Blur-Frontmann stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen und Ideen, auch innerhalb des Universums seiner Comic-Band Gorillaz. Die fungiert 2010 längst nicht mehr hinter verschlossenen Bühnenwänden sondern versteht sich eher als Kombination und Sammelpunkt verschiedener Musiker zur Schaffung eingängiger und intelligenter Popmusik. Albarn macht dies aber auch geschickt. Er nutzt die Gorillaz, um auf einem Album alte Hasen, wie Snoop Dogg, Mark E. Smith, Lou Reed oder Bobby Womack mit Newcomern wie Little Dragon und Weltmusikalischem wie dem libanesischen Staatsorchester zu verknüpfen). Und zwischendrin muss dann auch Platz für eigene, wunderbare Popsongs sein. Das wirkt auf dem Papier natürlich sehr verrückt, entpuppt sich beim Hören aber als spannende Reise durch verschiedenste Musikstile und Protagonisten. Albarn lädt alle Beteiligten herzlich dazu ein, ihren Beitrag zum Gorillaz-Universum zu geben. Etwas weniger Hip Hop diesmal, mehr 80er und mehr Experimente. Und weniger Albarn. Der Meister hält sich auch gern mal zurück, wenn es dem Song dienlich ist. Dem Korsett der Comicband sind die Gorillaz längst entwachsen, auch auf der Bühne präsentiert man sich jetzt als Live-Kollektiv, welches sich nicht mehr hinter der gezeichneten Maske verstecken braucht. Eine reine Wohltat, selbst wenn’s am Ende vielleicht ein paar Köche zu viel sind. Dafür stimmt aber der Gesamtgeschmack des Buffets.
Beste Songs: “Empire Ants (feat. Little Dragon)”, “Some Kind of Nature (feat. Lou Reed)“, “On Melancholy Hill”, “Cloud of Unknowing (feat. Bobby Womack and Sinfonia ViVA)”

16. The Unwinding Hours ”The Unwinding Hours”


Über die Aereogramme zu sprechen ist eigentlich gar nicht so mein Ding. Blog-Mitbetreiber FallOnDeafEars ist da eher der Fachmann dafür, immerhin war ich damals Zeuge seiner Enttäuschung, als er den Abschiedsgig der schottischen Post-Rocker beim Southside verpasst hat. Aber mittlerweile kann nicht nur er wieder grinsen, denn aus der Asche ihrer alten Band haben Craig B und Ian Cook nun im Jahr 2010 eine neue aus der Taufe gehoben, welche sich glücklicherweise am Sound der alten orientiert. Gut, man mag sich fragen, warum dieser Schritt notwendig gewesen ist, aber ist ja auch egal, denn hier zählt die Musik. Nur die Musik! Und von dieser verstehen die Unwinding Hours mehr als ausreichend. Im Gegensatz zu den Aereogrammen wird der Sound dieses Debüts noch ein wenig geglättet und die haushohen Giatterenwände und dicken Streicherflächen in das entsprechende Song-Korsett gesteckt ohne dabei großartig zu nerven oder poppig zu klingen. Craig’s Stimme ist immer noch wie ein guter Tee auf den geschundenen Seelen, die sich von melancholischer Musik angezogen fühlen. Zerbrechlich, einfühlend und ehrlich. Nein, das Debüt der Unwinding Hours ist ein extrem reifes und spannendes Debütalbum geworden, das ich gerade deshalb so genossen hab, weil es ganz ohne jeglichen Hype, riesige Synthesizer-Spielereien oder bunten Bildchen auskommt. Und dabei vor allem keinen einzigen Qualitätsausfall zu verzeichnen hat. Es ist ein ganz klassisches, fast schon altmodisches Alternative-Album, dass sich einen Dreck um Trends und anderen Feuilleton-Firlefanz schert und gerade deshalb ein ganz erfreulicher Farbklecks in der Musiklandschaft 2010 ist. Bitte wieder mehr in der Zukunft, egal unter welchem Namen
Beste Songs: “Knut”, “There Are Worst Things Than Being Alone”, “Solstice”, “Peaceful Liquid Shell”

Dienstag, 23. November 2010

Lieblingsalben 2010 /// Plätze 30 - 21

Hat ein wenig gedauert bei mir, aber hier ist er nun, der dritte Teil meiner 50 Lieblingsalben dieses Jahres. Viel Spaß beim Lesen.
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30. Best Coast “Crazy For You”
Wenn man es in die begehrte Cool-List des NME schafft, dann kann man sich davon keinen Blumentopf kaufen, aber immerhin vor Freunden und Bekannten ordentlich angeben. Wie sich diese Liste zusammensetzt weiß ich auch nicht und den ersten Platz hab ich auch schon wieder vergessen. Platz 4 ist mir im Gedächtnis geblieben. Bethany Cosentino, ihres Zeichens neue Indie-Style-Ikone und 50% von Best Coast ist zwar auch nicht cooler als andere, aber immerhin lecker anzuschauen und ihrer Musik kann man durchaus das Prädikat „Cool“ verleihen. „Crazy For You“, das Debüt von Best Coast, dem Projekt, welches sie zusammen mit Bobb Bruno leitet ist ein kurzweiliges, leichtes und extrem stilsicheres Stück Lo-Fi-Indie-Surf-Garage-Whatever-Rock-Pop. Nennt es, wie ihr wollt, steckt es in die Schublade, die ihr für richtig haltet, aber gebt diesem Album gern mal eine Chance. Die Musik wirkt nämlich, obwohl sie so kingt, nicht krampfhaft cool, sondern verdient sich dieses Prädikat durch eine gewisse Lässigkeit, welche alle Songs ausstrahlen.Die Gitarren schrammeln relativ unsauber daher, Mrs. Cosentino singt ein paar nette Songs mit naiven Mädchenthemen (der Sommer, Jungs, die blöde Liebe, aber auch gute Laune) vor sich hin und dazu jede Menge Harmoniegesang und auch sonst ein Vibe, der am ehesten als „sommerlich“ eingestuft werden kann. Warum auch nicht. Das Prinzip reizt sich zwar auf Albumlänge relativ schnell aus und gelegentlich möchte man Bethany mal aus der Lethargie reißen, aber der Gesamtklang stimmt, sprich: die Atmosphäre eines entspannten Sommertages am Strand oder in San Francisco, welche das Album vermitteln möchte, kommt rüber. Und das ist ja schon mal verhältnismäßig cool. Cooler, als viele andere Menschen in besagter Liste. Kanye West bspw. Und der war immerhin auf der Drei.
Anspieltipp: „Boyfriend“

29. Paul Smith “Margins”
In der Kategorie „Indie-Frontmänner gehen solo“ hat überraschenderweise Paul Smith von Maximo Park 2010 die beste Figur gemacht. Kele boxt sich zwar auch einigermaßen durch, Brandon Flowers hat hingegen ganz großen Mist produziert. Smith hat dagegen ein ganz großes, kleines Album aufgenommen, dessen Stärken gerade in den Defiziten gegenüber seinem Hauptarbeitgeber liegen. Auf „Margins“ beschränkt sich Smith nämlich fast vollständig auf seine Singer/Songwriter-Stärken und beschränkt sich dabei eher auf die ruhigen Töne. Auf ganz wundervolle Art und Weise stellt die Maximo-Park-Frontmelone nämlich die Songs, die teils düstere und melancholische Atmosphäre und seine nach wie vor wortgewandten und feinsinnigen, aber diesmal erfreulich direkten Texte vor die eigene Person und versucht gar nicht erst nach Maximo Park zu klingen. Klar, gelegentlich lässt sich das auch nicht vermeiden, aber insgesamt wird’s dann doch etwas artfremd, was sich als Vorteil entpuppt. Smith kehrt in sich, klingt so gefühlvoll, wie nie zu vor und beweist eindrucksvoll, dass er viel mehr kann, als nur rumhüpfen und große Showmaster-Gesten verbreiten. Die Instrumentierung gibt sich akustisch reduziert, lässt viel Raum für Hall und Weite und Smith Stimme hält sich häufig einfach mal bewusst zurück. Gerade in dieser Einfachheit liegt die stille Magie des Solodebüts. Kein großes Tamm-Tamm, sondern eine reduzierte, direkte Platte, welche dazu einlädt, sich einfach mal ruhig hinzusetzen und zu genießen. Wäre von Vorteil, wenn der gute Mann davon noch etwas auf das nächste Album seines Hauptarbeitgebers retten kann.
Anspieltipp: "Our Lady Of Lourdes“

28. M.I.A. “Maya”
Die Frau versteht was von effektivem Marketing. Erstmal ein Rundumschlag gegen Google, Facebook und Konsorten und sicher auch gegen die ganze verfluchte Industrie und dann ein nettes, dezent provokantes Video in die Pipeline hauen in dem diverse Todesarten in Nahaufnahme gezeigt werden. Für letzteres kann man Mathangi Arulpragasam aka M.I.A: aus Gründen der Videokunst auf jeden Fall dankbar sein. Sowas tut von Zeit zu Zeit mal wirklich gut. Das dritte Album der gleichermaßen umstrittenen, wie verehrten (wobei… doch eher Zweiteres) Künstlerin geht ein wenig weg von den Ethno-Rhythmen der Vorgänger sondern lebt sich dabei ordentlich im Bereich Lo-Fi, Elektro-Noise und anderen Spielarten aus. Vor allem ist es ziemlich vielseitig. Von Krawallorgien, wie dem zerstückelten „Teqkilla“ über Gitarrengeschrammel bei „Born Free“, Dub bei „It Takes A Muscle“ bis hin zu astreinen Popsongs, wie „XXXO“ ist einiges vertreten auf diesem Album. M.I.A. lebt sich auf „Maya“ ordentlich aus, scheut sich nicht vor Experimenten, Genregrenzen und generell Grenzwertigem. Erlaubt ist, was Spass macht und die Gehörgänge auf eine Prüfung stellt. Als ob sie der ganzen Welt noch mal beweisen muss, was sie so alles drauf hat und kann. Experimenteller Pop ohne Grenzen, dafür gelegentlich mit Hits und Hirn. Sicher kein Album fürs entspannte Nebenbeihören bei Romantik und Kerzenschein oder nach einem anstrengenden Arbeitstag. Es ist eher ein nervöses, unkonzentriertes, abwechslungsreiches Stück Anspruchs-Pop. Wenn dass der Pop der Zukunft ist, möchte ich dann auf Dauer vielleicht doch auf Klassik umschwenken, aber für gelegentliche Impulse zur Arterhaltung ist M.I.A. auch im Jahr 2010 wieder sehr überlebenswichtig.
Anspieltipp: „Teqkilla“

27. Thirteen Senses “Crystal Sounds”
Strenggenommen darf das Drittwerk meiner alten Lieblinge von den Thirteen Senses hier gar nicht auftauchen, denn eigentlich erscheint es jetzt erst im Januar 2011 offiziell. Aber irgendwie gehört’s halt doch rein, denn es stand schon seit dem Frühjahr zum Gratis-Stream auf der Homepage zur Verfügung. Und da blieb es auch lange, bis jetzt. Deshalb eher ein 2010 Album, zumal man halt nicht weiß, ob irgendjemand noch etwas vom offiziellen Release mitbekommen wird. Die Gefahr besteht. Nachdem tollen Debüt „The Invitation“ von 2004, welches nach wie vor einer meiner All-Time-Favourites ist, floppte der Nachfolger „Contact“ auf phänomenale Art und Weise, wenngleich er nicht mal sooo mies war. Doch seitdem liegt die Karriere der Soft-Britpopper quasi brach, lange war nicht sicher, ob da überhaupt noch mal was kommt. Nun also das Quasi-Comeback mit dem Quasi-Album. „Crystal Sounds“ klingt halt wie ein typisches Thirteen Senses-Werk nach „The Invitation“. Jenes Album war damals ein ziemlicher Glücksfall, weil es eben auch in die Zeit und Lücke, welche Coldplay durch ihre Stadionrockmutation hinterlassen hatten, passte. Doch jetzt ist das irgendwie auch nicht mehr so ganz meines. Sicher, Songs wie „The Loneliest Star“, „Home“ oder „Answer“ versprühen den Charme, der mich einst mein Herz an diese Buben verlieren ließ, aber das sind nur wenige Momente, wenn eben alles passt. Song, wie Atmosphäre. Auf Albumlänge schleichen sich dann halt doch wieder ein paar Mängel ein, zumal auch textlich ein Qualitätsverlust erkennbar ist. Ansonsten fährt man große Gesten und schwere Geschütze auf. Und wenn man schon droht, zu gehen, dann wenigstens mit einem so epischen Abgang wie dem orchestralen „Out There“ am Ende. Vielleicht klappt’s ja auch noch mal mit dem zweiten Frühling. „Crystal Sounds“ ist ein recht passables Album und nach wie vor besser, als der meiste Mist da draußen. Ich drück den Jungs die Daumen beim Comeback. Meinen Support haben sie auch 2011 wieder. Eine Plattenfirma ist ja auch wieder an Bord.
Anspieltipp: „Home“

26. Marina And The Diamonds “The Family Jewels”
Der Hype ist anscheinend noch nicht vorbei. England schmeißt auch 2010 wieder mit allerhand Pop-Damen um sich, die jung, independent und eigensinnig sind, darüber hinaus aber einfach mal sehr verkaufsfördernden Allzweckpop produzieren. Künstlerischer Anspruch im Pop-Gewand. Muss ja auch nicht verkehrt sein. Florence und Ellie zum Trotz hat es Kollegin Marina Diamandis dieses Jahr am besten hinbekommen, ein kurzweiliges, eingängiges und musikalisch hochwertiges Popalbum abzuliefern, dass man sich auch ein paar mal anhören kann, ohne gleich mit Würgreflex zum nächsten Mülleimer zu eilen. Hmm, zumindest ich kann das. Nützt ja auch nix, denn Marinas „Family Jewels“ ist ein extrem hitlastiges Pop-Album geworden, das seine Indie-Wurzeln nicht verleugnet und somit als Bindeglied zwischen den Welten agieren will. Wobei die Pop-Welt am Gewinnen ist, das sei schon mal verraten. Die Frau mit den Diamanten macht Pop, ohne Wenn und Aber. Pianogetrieben aber mit allerhand Versatzstücken. Pauken bei „Girls“, 80er-Basssequencer bei „Shampain“ oder natürlich jede Menge Streicher oben drauf. Und dazu jede Menge Themen, welche der vornehmlich jungen, weiblichen Zielgruppe unter den Nägeln brennt. Sei es die Heiligsprechung des Hedonismus („Shampain“), die Eingestehung der eigenen Zerbrechlichkeit („I Am Not A Robot“), geheimste Wünsche („Obsessions“), das Verurteilen der schönen Celebrity-Scheinwelt („Hollywood“) oder was auch immer. Die Botschaft bleibt immer die gleiche: Hört nicht auf das, was der Rest sagt! Seid ihr selbst und seid stolz darauf. Girl Power 2.0, Spice Up Your Life! Marina schafft es, trotz jede Menge Make-Up (Tendenz im Laufe des Jahres: Steigend!) authentisch zu sein! Ihre Stimme spielt mal die gespielt arrogante Zicke, mal das zerbrechliche Püppchen. Und immer diese eingängigen Ohrwürmer, bei denen man über kurz oder lang mitsingen muss. Handwerklich hervorragend, abwechslungsreich und hochgradig ansteckend… Nein, das ist schon ein sehr feines Pop-Album, dieses „Family Jewels“. Auf Dauer vielleicht zu viel des Guten, aber wir wollen ja hier nicht kleinkariert werden.
Anspieltipp: „I Am Not A Robot“

25. Kent “En Plats I Solen”
Damit hatte eigentlich dieses Jahr keiner mehr gerechnet. Eigentlich steuerten die schwedischen Erfolgsrocker von Kent ja bereits auf die Pause zu, nachdem sie ihr erst im November 2009 erschienenes Album „Röd“ ausgiebig beworben und betourt haben. Letzteres natürlich wie immer und zum Ärger aller Fans hierzulande nur in Skandinavien. Wär ja auch noch schöner, wenn man die weltweite Fanbasis mal bedienen würde. Na, egal. Pünktlich zum Sommerbeginn packten die guten Herren dann auf einmal ein Album aus der Tasche, welches aus Restposten des letzten und einigen neuen Songs bestand. Übersetzt verspricht es „einen Platz in der Sonne“, zeigt einen romantischen Sonnenuntergangsstrandspaziergang auf dem Cover und klingt auch sonst wieder etwas heiterer, nachdem die letzten Alben etwas düster ausgefallen waren. Auch ist Produzent Stefan Boman wieder dabei, welcher schon für den Band-Meilenstein „Du Och Jag Döden“ verantwortlich war. Er gibt dem Album ein paar Streicher mehr, um das sonnige Gemüt zu untermalen und die Band versucht hingegen mal etwas weniger nach Depeche-Mode-Coverband zu klingen, sondern versucht sich zur Abwechslung mal wieder an etwas leichteren Popsounds. Ansonsten ändert sich nicht sonderlich viel im Hause Kent. Bei einem Album, welches nicht einmal ein Jahr nach dem letzten erscheint, drängt sich der Vorwurf „Resteverwertung“ natürlich auf und den muss man auch nicht abstreiten. Viel als der ein oder andere schwächelnde Song ist die Tatsache, dass Kent erneut nicht von ihrem Hang zu glatt gebügelten Formatradiopop wegkommen. Damit kann man sich, wenn man will zufrieden geben, wenn da nicht die übergroße Vergangenheit und einstige Glanztaten wären, bei dem die Band genau dann funktionierte, wenn sie eben nicht diesen vorhersehbaren Klischees entsprach. Besser als der Vorgänger ist es auf jeden Fall und ab und an blitzt das Gefühl noch mal durch, wegen welchem ich mich einst in Kent verliebte. Vielleicht gibt es ja noch Hoffnung für die Zukunft.
Anspieltipp: “Ismael”

24. MGMT “Congratulations”
Ja, am Ende müssen sich selbst die härtesten Hippies ihrem Arbeitgeber beugen. Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser aka MGMT kündigten vor kurzem an, dass man beim nächsten Album wohl nicht mehr so freie Hand haben wird, wie beim letzten, sondern die Plattenfirma wieder auf Hits besteht. Zumindest eine Handvoll. Das viel beachtete (etwas zu viel, wenn man mich fragt) Debüt hatte ja eine Handvoll davon und gerade weil „Kids“ und „Time To Pretend“ solche Megaseller waren, hat jeder erwartet, dass die Band nun richtig aufdreht. Doch bereits das Debüt zeigte, dass man noch etwas mehr kann, als nur so Indie-Pop-Songs schreiben. Die Erwartungshaltung an „Congratulations“ war so enorm hoch, dass die Band nur scheitern konnte. Glücklicherweise tat sie das aber nicht. Gut, vielleicht beim Gelegenheits-Formatradiohörer und ein wenig bei den Verkaufszahlen, aber na ja… kann man ja drauf verzichten. Statt extrem eingängig zu sein, rühmt sich „Congratulations“ damit vor allem extrem konsequent zu sein, wenn es darum geht, dass MGMT ihr Ding durchziehen. Jede Menge Psychodelic-60er-Jahre-Hippie-Musik? Aber bitte! Ein selbstverliebtes 12-Minuten-Lied? Her damit! Hits? Sind doch da, keine Angst. Auch wenn sich Songs, wie “It’s Working” oder “I Found A Whistle” erst nach etwas Reinhören als solche entpuppen. Aber ihr Handwerk, nämlich gute Songs zu schreiben, haben die beiden Hipster-Hippies jetzt nicht von heut auf morgen verlernt. So durchweht das zweite Album ein Hauch von gras-getränkter Anarchie… eine entspannte, altmodische Auflehnung gegen die Erwartungshaltung der Welt außerhalb der sehr bizarren Bandblase. Ein versteckter Appell für die Freiheit sozusagen. Wenn MGMT es sich getrauen, weiterhin in die Richtung etwas zu unternehmen, dann können sie damit eigentlich nur noch mehr gewinnen.
Anspieltipp: “I Found A Whistle”

23. Robyn “Body Talk, Pt. 1 & 2 & 3”
Ha! Hab ich’s doch gesagt. Mehrmals habe ich in diesem Jahr Robyn’s seltsamne Releasekritik (3 Alben in einem Jahr) angeprangert und nun gibt mir der brandheiße dritte Teil der „Body Talk“-Reihe auch Recht. Waren die ersten beiden Teile nur kleine Mini-Alben mit jeweils 8 Tracks ist der finale Teil letztendlich ein großer 15-Track-Schwung, der sich zur Mehrheit aus Songs der ersten beiden Teile zusammensetzt. Quasi, das ultimative „Body Talk“ mit allen relevanten Songs (wobei man über die Zusammensetzung streiten kann). Quasi jene Idee, die Robyn hätte schon von Anfang an verfolgen sollen. Na ja, blöd für alle, die sich die Mini-Alben tatsächlich gekauft haben, wenngleich das nur die Hardcore-Fans gewesen sein dürften. Evtl. geht die Idee am Ende ja auch auf. Man weiß es halt einfach nicht. Was ich hingegen weiß ist, dass Robyn 2010 das Maß aller Dinge in Sachen Female Mainstream Pop ist. Deshalb macht es auch keinen Sinn, die Alben hier einzeln zu behandeln. Gutes Material befindet sich auf allen. „Dancing On My Own“, „In My Eyes“, „Fembot“, „Hang With Me“, „Indestructible“, “U Should Know Better”... alles ist da. Selbst mit 4 Tracks weniger auf der finalen “Body Talk” hätte die blonde Schwedin immer noch das beste Elektropopalbum des Jahres in der Tasche. Die Songs sind unglaublich treffsicher, Robyn unglaublich charismatisch und insgesamt ist das ganze Paket einfach extrem gelungen. Die gute Frau präsentiert sich weiterhin als toughe Einzelkämpferin in der bösen Popwelt, bedient sich aber natürlich auch bei den Vorteilen, welches diese Situation mit sich bringt. Die größten Einflüsse der 80er, 90er und von heute und zwischendurch ist auch mal Platz für eine feine Ballade oder auf Teil 1 sogar für ein schwedisches Kinderschlaflied. Nein, diese Frau hat es ohne Wenn und Aber faustdick hinter den Ohren. Und ich möchte ihr auch nicht widersprechen. 2010 war ihr Jahr und 2011 nimmt sicher noch einiges von dieser Energie mit.
Anspieltipp: “Fembot”

22. The Drums “The Drums”
Die Haltbarkeitsdauer von Hypes wird auch nicht größer. Für eine zeitlang waren die Drums aus New York City das Ding der Stunde, noch vor Veröffentlichung des selbstbetitelten Debütalbums wurden sie schon als neue Heilsbringer der Popmusik gefeiert. Der olle Rolling Stone nannte sie schon in einem Atemzug mit den Strokes. Herrgott noch mal! Na ja, egal, als was man sie nun sieht, ob als sympathische Surfboys oder unnötig gehypte Stylo-Boyband, die sich selbst viel zu wichtig nimmt… Fakt ist, man kam an den Drums auch irgendwie nicht vorbei. Musste man ja auch nicht, denn das Debüt ist zwar kein Meisterwerk, aber recht ansprechend geworden. Nach der bereits recht feinen Debüt-EP „Summertime!“ aus dem Vorjahr und diversen sehr guten Singles war die Erwatungshaltung hoch… auch bei mir selber. Und irgendwie hat die Band nach dem Release des Albums auch nie wieder die Spannung bei mir aufbauen können, welche sie vorher versprühte. Ist dies der gelebte Hype? Man weiß es irgendwie nicht. Am Album kann’s nicht liegen, dass ist auch richtig gut. Ein sommerlich leichtes Retro-New-Wave-Album ist es geworden, das weniger in den viel beschworenen Beach-Boys-Gewässern angelt, als vielmehr im britischen Indiepop der 80er Jahre. Aber immer schön alles auf alt getrimmt, weshalb Tracks wie „Me And The Moon“ oder „Best Friend“ wirklich klingen, als seien sie 1985 aufgenommen und keinen Tag älter. Wenn man schon ein Bild kreiert, dann muss das halt auch bis zum Ende durchgehalten werden. Auf der Pro-Seite stehen 12 sehr eingängige und sympathisch-lockere Indie-Pop-Songs, die auf jeden Fall gesteigerte Aufmerksamkeit erzeugen. Die Contra-Seite sind natürlich die belanglosen Texte, welche aber aufgrund ihrer Einfachheit ein wenig zum Bandimage gehören. Außerdem ist das ja alles nicht wirklich neu, sondern mit auf erschreckender Dringlichkeit auf „alt“ gebürstet, dass das stellenweise echt nerven kann. Aber besser gut geklaut, als schlecht selber gemacht. Aber am Ende halt doch wesentlich mehr Schall, als Rauch. Gitarrist Adam Kessler ist mittlerweile sogar schon ausgestiegen. Vielleicht fangen die Ratten schon an, dass Schiff zu verlassen. Oder auch nicht. Die Zukunft der Drums ist so offen, wie vorher, nur leichter wird es jetzt leider auch nicht.
Anspieltipp: “Best Friend”

21. Delorean “Subiza”
Gudde Laune! Die Sonne scheint, die Menschen liegen sich in den Armen und alle haben ne gute Zeit. Irgendwo zwischen Hippietum und Spaßgesellschaft. Delorean aus Spanien sind definitiv eine der kurzweiligsten und unterhaltsamsten Bands dieses Jahres. Wie Passion Pit im letzten Jahr, nur noch eine ganze Spur mehr Disco, mehr Retro, mehr 90er, wenn man so will. Und wenn sich eine Band schon nach der legendären Zeitmaschine aus „Zurück in die Zukunft“ benennt, dann müssen da schon ziemlich coole Ober-Nerds am Werk sein. Sind sie auch… also cool. Allein schon, weil diese Band zur Abwechslung mal aus Spanien und nicht aus New York oder London kommt. Vor der internationalen Konkurrenz braucht man sich aber dennoch nicht verstecken, denn im Reisegepäck hat man ein fast schon todsicheres Hit-Rezept: grenzenlos optimistischer und heller Retro-Dance-Pop, der gleichzeitig Indie ist, aber auch voll gepackt mit Versatzstücken aus der Zeit, als Breakbeats, Flächensynthies und fette Früh-90er-House-Pianos noch salonfähig waren. Und habe ich schon die gepitchten Vocals erwähnt? Aber hallo! Delorean macht Musik, die einen, wenn man wie ich in den frühen 90ern Kind war, permanent nostalgisch stimmt, weil man immer wieder einige Elemente heraushört und wieder erkennt. Die astreinen Popsongs, wie „Stay Close“, „Glow“ oder „Endless Sunset“ bewahren die Band dann glücklicherweise auch davor in irgendeiner Trash-Falle zu landen, denn am Ende hat das hier glücklicherweise immer noch viel mehr mit Phoenix, als mit Culture Beat zu tun. Hochgradig tanzbar, wie hymnenhaft mit einem ganz eigenen Flair. Und auch abseits aller nostalgischen Gefühle ist „Subiza“ eines der frischesten, kurzweiligsten und tollsten Popalben dieses Jahres. Ein Flux-Kompensator für die Seele! Es verbreitet auf angenehm unaufdringliche Art und Weise tolle Laune und ist der ideale Soundtrack für jeden schönen Sommertag oder halt Wintertag, welchen man eher vergessen sollte. Und ich bin mir nach wie vor sicher, dass mir Doc Brown da zustimmen würde!
Anspieltipp: “Stay Close”

Donnerstag, 11. November 2010

Lieblingsalben 2010 /// Plätze 40 - 31

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Auf zur nächsten Runde. In der epischen Auflistung meiner Lieblingsalben des ausgehenden Jahres lassen wir die hinteren Plätze der Top 50 hinter uns und stürzen uns an dieser Stelle mal direkt in die Top 40. Seid eingeladen, durch meine kurzen Anmerkungen zu schmökern. Den nächsten Teil dann sicher in der nächsten Woche.

40. LCD Soundsystem “This Is Happening”

James Murphy kann sich offensichtlich nicht entscheiden. Oder er hat Trennungsängste, wie ich’s in meiner Albumrezension damals bezeichnet habe. Der DFA-Labelchef und selbsternanntes Gehirn hinter dem LCD Soundsystem wollte sein Projekt eigentlich nach den ausgiebigen Touren zum 2007er „Sound Of Silver“ zu Grabe tragen, hat nun aber doch noch ein Album eingespielt. Nur, um in Interviews dazu auch wieder anzumerken, dass es das vielleicht nun doch endgültig war. Oder auch nicht. Wer weiß. So serviert uns Murphy auf „This Is Happening“ das, was man von ihm kennt, erwartet und was man in dieser Form aber auch irgendwie schon alles auf den Vorgängeralben gehört hat. „Drunk Girls“ ist die obligatorische dreieinhalb Minuten-Single in der Tradition von „Daft Punk Is Playing My House“, „One Touch“ oder „I Can Change“ sind typische lange Tanzflächenfüller in der Tradition von „Get Innocuous!“ und wie sehr „All I Want“ auf das gute „All My Friends“ hinüberschielt ist ja fast nicht auszuhalten. Das macht dieses dritte Album natürlich nicht zu einem schlechten Album, denn handwerklich ist wieder alles dabei, was man so mag. Die Beats sind wieder astrein, die Instrumentierung versprüht das gewohnte DFA-Flair und Murphy selber lebt sein Mitteilungsbedürfnis wieder gewohnt ausgiebig aus, indem er seine lyrischen Ergüsse über die Discobeats singt und gern auch mal schreit. Alles beim Alten im LCD-Land. Und gerade das ist angesichts der innovativen Vorgänger die eigentliche Enttäuschung an diesem Album. Vielleicht ist der Vorruhestand doch ne Option.
Anspieltipp: „You Wanted A Hit“

39. Four Tet “There Is Love For You”
Ich hatte ja im Intro-Text zu diesem Ranking geschrieben, dass ich 2010 besonders deshalb viel Zeit für Musik hatte, weil ich diese während des Schreibens meiner Abschlussarbeit an der Uni gehört habe. Den Soundtrack zum wissenschaftlichen Arbeiten muss man sich dabei gut aussuchen, hab ich gemerkt. Es darf nicht zu anstrengend sein, aber auch nicht zu einschläfernd. Gutes für Nebenbei, bei dem man gern mal genauer hinhört, wenn die Blicke und Gedanken abschweifen und man sich vor dem Schreibprozess drücken will. Keiran Hebden hat sich dabei als einer meiner persönlichen Retter herausgestellt. Unter dem Namen Four Tet ist er ja schon seit einigen Jahren ein Geheimtipp im Bereich der experimentellen elektronischen Musik. Nun sind seine Klangwelten auch Teil meiner Lebenswelt geworden. Das diesjährige Album „There Is Love For You“ überzeugt mit traumhaften Rhythmen, irgendwo zwischen schleppend, groovend oder ganz ruhig. Aber stets durchweht die Musik von Four Tet eine gewisse Distanz und ein dezenter Drive, der gar nicht auf den Dancefloor abzielt, sondern seine Möglichkeiten eher in der persönlichen Introspektive sucht. Wenn man nicht genau hinhört, dann entspannt dieses Werk einfach nur ungemein, falls man es doch tut, eröffnet sich einem ein vielschichtiger Sound mit allerhand Spielereien und Ideen. Ein kleines, feines Gesamtkunstwerk, dass sicher auch abseits von Universitätsbibliotheken genossen werden kann.
Anspieltipp: „Circling“

38. Kisses “The Heart Of The Nightlife”
Ab und an schaff ich’s alter Hase ja auch noch, den Trends auf der Spur zu sein. Bereits im Sommer habe ich hier im Blog auf das Duo Kisses aus den USA aufmerksam gemacht. Eben, weil die Musik auch wie die Faust aufs Auge in diese Jahreszeit passt. Sehr chillig, sehr sommerlich, sehr gefühlvoll und irgendwie auch eine ordentliche Spur kitschig. Irgendwie 80er, aber irgendwie auch 90er. Irgendwie auch was ganz anderes. Was bleibt, sind hervorragende und extrem eingängige Popsongs, welche im Ohr bleiben. Immer mehr davon tauchten im Laufe des Jahres im Netz auf. Jetzt vereint das Debüt „The Heart Of The Nightlife“ seit einiger Zeit die neun besten davon und viele andere Musikblogs, die Presse oder Musiker, wie Joe Goddard von Hot Chip sind mittlerweile auf das dynamische Duo mit dem gewissen Retro-Flair aufmerksam geworden. Zurrecht. Denn der Großteil dieses Albums kann sich einfach hören lassen, auch wenn er klingt, als käme er direkt aus dem „Club Tropicana“-Video von Wham!. Aber das ist ja der Trick dahinter und das Ziel der Kisses. Die bewusste Hinwendung zu eben diesen Klischees. Vor allem, wenn die Anzüge und Videos so seltsam aussehen, die Inhalte dementsprechend sind und vor allem die Songs so klingen, als wären sie in dieser Zeit entstanden. Produktionsdefizite inklusive. Für jeden Fan guter, altmodischer Popmusik ein Muss. Auch für den nächsten Sommer!
Anspieltipp: „People Can Do The Most Amazing Things“

37. Crystal Castles “Crystal Castles II”
Auch ich kann mal meine Meinung revidieren. Eigentlich hab ich die Crystal Castles nie sonderlich gemocht. Die Songs des Duos boten zwar immer gute Ideen, aber sie waren mehr Entwürfe als Songs. Zumal Alice Glass unnötiges und unverständliches Geschrei auch nicht förderlich für all das war. Die Crystal Castles wurden dennoch oder eben gerade deshalb zum Act der Stunde. Eine Art „Atari Teenage Riot“ für die Generation MySpace/Facebook/Röhrenjeans. Radikal, aber dennoch stets in Popform. Trash trifft auf Terror, Nintendo auf Noisecore. Eine richtig gute Band sind die Crystal Castles auch im Jahr 2010 nicht, aber ich bin mittlerweile ein wenig hinter die Ideen von Mastermind Ethan Kath gestiegen und Freunde mich zusehens damit an. Alice Glass bleibt nach wie vor verzichtbar, aber sie versucht sich öfters am Gesang auf dem Album und siehe an… das funktioniert hervorragend. „Celestica“ ist einer der besten und unwiderstehlichsten Popsongs des Jahres. Kaum vorstellbar, dass die so was hinkriegen, als ob sie mir frech den Stinkefinger zeigen. Und dann werden auch noch Sigur Rós gesampelt und fette Trance-Flächen auf den Hörer eingehämmert. Die Videospiel-Atmosphäre bleibt trotz verstärkter 90er-Anleihen aber bestehen. Warum Album Nr. 2 deshalb etwas mehr bei mir zündet, liegt auch daran, dass die Band ihre Strukturen sichtbar glättet… indem sie überhaupt mal welche einführen. Schreiende Riot-Action bleibt die Ausnahme. Vielmehr versucht das Duo die Symbiose aus 90er-Jahre-Videospielsoundtrack und Popmusik voranzutreiben. Und das muss mich als Kind dieser Generation quasi ansprechen. Vielleicht werden wir doch noch Freunde, ich und die Kristallschlösser. Wenn selbst Robert Smith mittlerweile an Bord ist...
Anspieltipp: „Celestica“

36. Zoo Brazil “Please Don’t Panic”
John Andersson ist ein alter Hase im Technogeschäft. Sagt zumindest seine MySpace-Biographie. Tiesto und Moby kennt er genauso, wie Kylie Minogue. Sowohl als DJ, wie auch als Songwriter. Er bleibt dennoch der Mann im Hintergrund. Produzieren tut er schon seit Jahren unter immer wieder verschiedenen Namen, aktuell nennt er sich Zoo Brazil und hat dieses Jahr ein sehr feistes, eher minimalistisches Dance-Album aufgenommen. Diverse Szenekenner können sich gern darum prügeln, ob man das Minimal oder Techno nennen darf und kann… feststeht, „There Is Hope“ hat ordentlich Zunder, ist feinsten produziert und wartet sogar mit Rasmus Kellerman, Schwedens nettestem Singer/Songwriter auf, der sich den Klangwelten von Andersson bestens anpasst. Und obwohl ich ja auf Elektronik stehe, hab ich stets Probleme, mir so was intensiver und vor allem länger anzuhören, da schnell die Monotonie Überhand nimmt. „Please Don’t Panic“ schafft es hingegen mich auf Albumlänge bei der Stange zu halten, da die Grundstimmung der minimalistischen, tanzbaren Elektronikplatte einfach sehr gut umgesetzt wird. Das ganze Album umweht eine gewisse Kühle, aber auch ein gewisser Groove. Alles sitzt, wo es sitzen muss, die Songs wechseln zwischen Instrumentals und sehr guten Gastsängern. Klar, ich kann am Ende immer noch nicht Titel 3 von Titel 8 unterscheiden, aber das ist vielleicht auch nicht Sinn der Sache. Wer an guter elektronischer Tanzmusik im klassischen Sinne orientiert ist, sollte dem guten Herrn Andersson gern mal sein Gehör schenken.
Anspieltipp: „There Is Hope (ft. Rasmus Kellerman)“

35. Hurts “Happiness”
Eigentlich kann ich mir den Text sparen. Man muss schon relativ taub und blind gewesen sein, wenn man die Hurts dieses Jahr übersehen hat. Das Duo aus Manchester war ja dank „Wonderful Life“ und einer damit verbundenen, unglaublichen Hype-Kampagne ihres Major-Labels quasi auf allen Kanälen von Arte Tracks bis ZDF Fernsehgarten vorhanden. Und irgendwie zeigte das ganze auch Erfolg. Alte 80er-Fans sahen in Theo Hutchcraft und Adam Anderson die nostalgisch verklärte Rückkehr ihrer Jugend, Hipster irgendwas, was ihnen die Musikpresse vordiktierte und alle anderen eben nette Popmusik. Und „Wonderful Life“ ist und bleibt halt ein toller Song, das hatte ich schon Monate vor dem riesigen Hype festgestellt, als die Nummer langsam durch die Blogs geisterte. Den bekommt auch das Power-Airplay nicht kaputt. Das größte Ding seit der Erfindung des Pop sind die Hurts dennoch nicht. Dazu ist ihr Debüt „Happiness“ zu vorhersehbar, zu glatt und zu überproduziert. Die Songs verlaufen nach dem immer gleichen Schema, nämlich „Darf’s noch etwas mehr sein?“. Mehr Streicher, mehr Chöre, mehr Kitsch, mehr Gesten. Jedes Gefühl ist überlebensgroß, so groß, dass die Gefühle irgendwann gar nicht mehr ernst zunehmen sind. So ist „Happiness“ gut gemachter und gemeinter Pop, welcher aber teils belangloser Natur ist. Gelegentlich schlummern unter all dem Schwulst recht gute Popsongs und eine Band, die es musikalisch allemal drauf hat, vor allem, wenn sie sich mal etwas zurücknimmt. Vielleicht gönnt sie sich auf dem Zweitwerk mal ein paar Ecken und Kanten oder zumindest bessere Frisuren. Ansonsten werden sie das One-Hit-Wonder der Saison bleiben.
Anspieltipp: „Unspoken“

34. We Have Band “WHB”
So in etwa muss sich das also anfühlen, wenn man am Puls der Zeit lebt, quasi im Schmelztigel der Populärmusik. Also, in London sozusagen. Jetzt hab ich so etwas dann auch mal erlebt. Es war irgendwann im Sommer 2008 als mir ein Kurztrip in Englands Hauptstadt den Erstkontakt mit dieser Band bescherte. Irgendeine hippe Londoner Bar/ Kneipe/ Club/ Szenetreff hatte zum Bandabend geladen. Und während sich Yannis Philippakis von den Foals an den DJ-Decks versuchte und Does If Offend You, Yeah? im Publikum ihr Bierchen tranken, gab es Beschallung durch Nachwuchsbands, die ja bekanntermaßen die Stadt überwuchern, wie Asbest alte Plattenbauten. Erst relativ spät stiegen damals We Have Band auf die winzige Bühne, warfen ihre Synthies an und spielten zum munteren Tanz auf. Schnell standen die verwöhnten Style-People auf und feierten die zackigen Beats ab, deren ungeheure Treffsicherheit und Melodieverliebtheit bereits damals bei mir hängen blieb. Zwei Jahre später hat sich die Band langsam hochgespielt und kann nun ein Debüt präsentieren, dass sich irgendwo zwischen Indie und Elektro einordnet und dabei auf Platte das vermitteln soll, was die Band live bereits des Öfteren präsentiert hat, nämlich ordentliche Tanzflächenfüller. Durchgängig gut ist „WHB“ dabei noch nicht, denn neben den Hits „Divisive“, „Honey Trap“ oder „Love, What You’re Doing?“ gibt es auch einige recht durchschnittliche, halbgare Songs, aber insgesamt ist die Hitquote hier schon recht. Die wummernden 80er-Bassläufe treffen auf das interessante Gesangsspiel von Darren, Thomas und Dede und laden zum Tanz ein. Ein wenig ist man dabei wohl noch auf der Suche nach dem eigenen Sound und nach einer konsequenten Struktur, aber spätestens auf dem zweiten Album wird die dann wohl kommen. Und wenn das gut wird, kann ich wieder damit protzen, dass ich es ja eh von Anfang an gewusst habe.
Anspieltipp: „Love, What You’re Doing?“

33. Klaxons “Surfing The Void”
So, wir basteln uns einen Klaxons-Song. Wir brauchen schrammlige Gitarren, einen ordentlichen Drive, ein wildes Rave-Piano im Hintergrund, Harmoniegesang, der gern mal hohe Tonlagen anschlägt und unsinnige, aber voll tiefgründige Texte über das Universum, Galaxien und diversen Terz. Ta-Dah, fertig ist das Album. Das Problem bei „Surfing The Void“ ist, dass alle Songs nach eben diesem Schema aufgebaut sind. Das ist recht nett, klingt und macht Laune, wirkt aber etwas eintönig. Ich vermisse da ein wenig die Abwechslung des vielgehypten Debüts, wenngleich ich es den Klaxons natürlich hoch anrechne, dass sie nicht krampfhaft ein zweites „Golden Skans“ produzieren wollen, sondern eher Krach, statt Kommerz anstreben. Dennoch wirkt das Ganze auf Dauer etwas ermüdend und es wundert mich dann doch, warum die Band so lange für ihr Zweitwerk brauchte und es sogar schon mal halbfertig in die Tone geworfen hat. Dafür, dass man solange am „neuen“ Sound gebastelt hat, wirkt „Surfing The Void“ irgendwie relativ einfach und überraschungsarm. Dabei ist es auch nicht wirklich schlecht, denn es hat ordentlich Zunder und geht in die tendenziell richtige Richtung. Krach in ein feines Pop-Korsett gezwängt ist ja immer zu unterstützen. Ich konnte es mir dennoch nicht mehr als eine Handvoll Mal anhören. Irgendwie umweht diese Platte die ganze Zeit das Gefühl einer guten Mittelmäßigkeit. Nicht mehr, nicht weniger. Ich hab’s irgendwie versucht, ich finds nicht schlecht, aber ich kann auch erstaunlich gut ohne deren Geschichten von fernen Sternen leben bzw. warte ich auf die angekündigten experimentellen Eps.
Anspieltipp: „Echoes“

32. Kele “The Boxer”
„Ich war der schwule Gitarrist einer Rockband“ verkündete Kele Okereke neulich auf dem Cover des Musikexpress. 2010 wird für den Bloc-Party-Frontmann zum Jahr des Outings und Neubeginns. Wobei das mit der Homo- bzw. Bisexualität auch gar nicht so überraschend kommt, aber er lebt es jetzt halt eher aus. Die Veröffentlichung eines eher elektronisch gehaltenen Soloalbums passt da auch ganz gut rein in die neue Oberflächlichkeit, welche Okereke zelebrieren will. Wenngleich er sich natürlich nach wie vor als Kämpfer sieht. Für seine kreative Freiheit, seine Ideen, seine Akzeptanz als Musiker. So sehr Bloc Party meine persönliche Band der letzten fünf Jahre ist, so sehr war deren Pause auch zuletzt nötig. Als Band gingen die Ideen aus und es stellte sich die Frage, wie das alles noch weitergehen soll. Das „The Boxer“ so klingt als wäre es eine konsequente Weiterführung des letzten BP-Albums „Intimacy“ verdeutlicht dann auch, wohin sich die Machtstrukturen innerhalb des Quartetts verschoben haben. Kele geht endgültig Richtung Elektropop und macht die Sache ganz gut. Richtige Hits, wie „Walk Tall“ und „Everything You Wanted“ treffen dabei auf eher verzichtbare Tracks, die wesentlich ruhiger gehalten sind, als man ursprünglich hätte erwarten können. Textlich war Kele sowieso schon mal besser, wenngleich er auch auf „The Boxer“ seine sehr hellen Momente hat. Er liebäugelt mit House, Dubstep und Breakbeat, experimentiert viel herum und versucht dabei inhaltlich zu sich selbst zu finden. Wenn dies der wahre Kele Okereke ist, dann nehme ich lieber weiterhin mit dem alten aus den Jahren 2005 bis 2008 vorlieb. Bei aller Liebe zum Dancefloor, vermisse ich auf Dauer einfach das Gefühl und die Tiefgründigkeit, die dieser Mann eigentlich kann, wenn er will. Hoffentlich haben Bloc Party 2011 wieder eine Zukunft. Die Welt braucht sie, ich im Speziellen. Danke!
Anspieltipp: „Walk Tall“

31. Glasser “Ring”
Eines der erfreulichsten und überraschendsten Debüts dieses Jahres ist zweifelsohne „Ring“ von Glasser. Hinter dem zerbrechlichen Namen versteckt sich dabei eine Frau, und zwar Cameron Mesirow. Die junge Dame aus Los Angeles reiht sich in die Damenriege ein, die sich für ihre Soloprojekte gern mal einen eigenen kryptischen Namen besorgt. Doch nix mit Diamanten oder Maschinen, wie bei Marina und Florence… Hier geht es eher in die Richtung von Natasha Khan aka „Bat For Lashes“. Mesirow macht sphärischen Traumpop, der sich wirklich eher Mrs. Khan als an Florence Welsh orientiert. Breite Flächen aus Synthies und „Ohhhs“ und „Aaahs“ treffen auf Glasser’s zerbrechliches Stimmchen. Damit hat man es schon zum Tour-Support von The XX und Jónsi geschafft, was ja auch nicht gerade die schlechtesten Adressen sind. Ich bin wirklich heilfroh, per Zufall auf dieses Album mit all seinen verträumten Pop-Songs gestoßen zu sein. Diese entfalten sich gern mal entgegen aller strukturellen Erwartung, voller Zerbrechlichkeit und Gefühl. Epische Hymnen in reduzierter Form quasi. Und dabei wurde das alles zu großen Teilen im Heimstudio aufgenommen. Teilweise erinnert „Ring“ bei Songs wie „Home“ oder „Tremel“ schon stark an die bereits erwähnte Dame von Bat For Lashes, aber dieser Vergleich kann ja durchaus als Kompliment aufgefasst werden. Aufgeschlossene Hörer sollten sich „Ring“ auf jeden Fall mal genauer durchhören und dadurch dem Alltag entschweben. Funktioniert einfach bestens.
Anspieltipp: „Home“

Montag, 8. November 2010

Lieblingsalben 2010 /// Platz 50 - 41

Alle Jahre wieder. Auch 2010 folgt wieder eine mehr oder minder aufwendige Aufdröselung meiner Lieblingsplatten des Jahres. Seid in den nächsten Wochen eingeladen, dieser beizuwohnen.

Man kennt das ja. Hier sowieso schon zur Genüge. Also für den erlesenen Kern an Menschen, die hier schon länger umherwandeln, steht am Ende des Jahres, wie immer nicht nur die unsere kleine Nobono-Awards-Bekanntgabe, sondern auch meine unglaublich protzige Liste an Lieblingsalben für eben dieses, an. Als mit Charts und Auflistungen sozialisierter Popjunkie für mich natürlich eine Selbstverständlichkeit. Glaube, seit 2004 mach ich mir wirklich immer aktiv Gedanken um die Liste. Damals hieß der Sieger Keane, heute spielen die gar keine Rolle mehr. Ach, zur Info… die weiteren Gewinner waren Bloc Party (2005+2007), die Arctic Monkeys (2006), Elbow (2008) und zuletzt 2009 The XX. Das nur dazu. Richtig gewonnen haben sie dabei nie etwas, außer mein Herz vielleicht. Wenngleich ich nicht weiß, ob man sich davon was kaufen kann. Ladies? Aber ich schwenke ab… es ist also Zeit für rhododendron’s Lieblingsalben 2010, denn erstaunlicherweise habe ich auch in diesem Jahr wieder viel zu viel Musik gehört, vielleicht sogar mehr als im Jahr davor. Bedingt durch die Anwesenheit meiner Magisterarbeit, durch die ich mich beim Schreiben permanent hab berieseln lassen und die Abwesenheit eines wirklichen 9-to-5-Jobs (was dann wohl 2011 droht) hatten meine Ohren quasi ein Luxusjahr hinter sich. Und wenngleich sich die Musikwahrnehmung natürlich leider immer stärker verändert, je mehr man die eigene Jugend hinter sich lässt und desto mehr Musik man in diesem voranschreitenden Leben schon gehört hat, so sehr macht es dennoch nach wie vor Spaß, gibt Entspannung, verändert Emotionen, bietet einen Anker und ein cleveres Klugscheißer-Instrument zur Gesprächsführung. John Miles, die alte Nokia-Prom-Nights-Resterampensau hatte dann mit seinem „Music was my first love…“ doch recht. Damn!

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Bereits im November damit zu kommen ist in Ordnung, die paar interessanten Alben, wie bspw. Ting Tings, Polarkreis 18 oder der Tron-Soundtrack von Daft Punk lassen eh noch auf sich warten und würden sowieso nicht mehr die notwendige Aufmerksamkeit erhalten. Da ich mich dieses Jahr an eine großspurige Top 50 wage, möchte ich auf jeden Fall einen grundlegenden Fehler der Vorjahre vermeiden, nämlich das zuuu lange Schwafeln. Die Platten sind ja soweit bekannt, vor allem weil ich oder Kollege FallOnDeafEars ja hier in den vergangenen Monaten auch viele dieser Werke intensiv besprochen haben. Und 50 Kurzkritiken müssen ja auch nicht sein. Dann tendier ich ja auch eigentlich immer nur dazu, nur die Sachen noch mal zuschreiben, die hier bereits geschrieben wurden. Und ich hab ja auch noch ein anderes Leben. Ernsthaft! Deshalb soll die Würze dieses Jahr einfach mal in der Kürze liegen, gerade auf den hinteren Plätzen. Der Rest bleibt. Ich acker mich hier in Zehnerschritten bis zur Spitze vor, Kommentare sind zwischendurch wie immer gern willkommen und wer mag, kann auch die Nr. 1 tippen, bekommt dafür aber weder einen Präsentkorb, noch mein Herz. Das gehört anderen… teilweise also den folgenden Platten. Hier kommt der erste Schwall, die Plätze 50 bis 41. Viel Spaß damit!

50. Röyksopp “Senior“
Nach der Grundschule quasi direkt ins Altersheim. Oder so ähnlich. Röyksopp haben dieses Jahr das Schwesternalbum zum elektropoppigen „Junior“ von 2009 veröffentlich (damals Platz 12 in meiner Jahresliste) und kaum einer hat es mitbekommen. Ist ja auch nicht so wichtig. „Senior“ versteht sich eher als düsterer Gegenentwurf zum hellen Vorgänger, ist wieder wesentlich ruhiger, instrumentaler und klassischer gehalten. Düstere Entspannungsmusik, die allerdings bis auf einige Momente nicht über B-Seiten-Niveau herauskommt. Da bleib ich lieber in der Krabbelgruppe.
Anspieltipp: „The Fear“

49. Ellie Goulding “Lights“
Das ging ja dann doch schnell am Ende. Irgendwann im Herbst 2009 lief mir das sehr eingängige „Under The Sheets“ von einer jungen, noch relativ unbekannten englischen Pop-Sängerin namens Ellie Goulding über den Weg. Ein halbes Jahr später gibt’s den Major-Deal, Hochglanzfotos, -videos und –popmusik. Eigentlich muss man die Frau uneingeschränkt hassen. Ihre Stimme ist nicht berauschend, ihre Songs werden so erbarmungslos auf Formatradio produziert und generell ist das einfach der Feind. Aber nicht nur Mitblogger FallOnDeafEars wird mir zustimmen, dass diese blöden Popsongs uns leider mehr als nur einmal in den Ohren hängen geblieben sind. Ein popaffinites Gehör kommt da leider nur schwer dran vorbei. Denn darauf hat es die Plattenfirma ja abgesehen. Auf Albumlänge vielleicht dann doch zuviel des Guten, aber in Maßen eine okaye Sünde.
Anspieltipp: „Under The Sheets“

48. Dendemann “Vom Vintage Verweht“
Vor ein paar Wochen fand ich mich plötzlich in einer Gesprächsgruppe aus alten Deutsch-Hip-Hop-Cracks wieder, welche über die gute, alte Zeit, als Deutschrap noch kein Migrations- und Intelligenzproblem hatte, philosophierte. Da hatten Torch und Co. noch Flow und die Reime schossen nur so um sich. Zitat: „Das Soloalbum von Dendemann war ja nich richtig fett, geiler Rap, aber die zweite jetzt“ – „Ja, voll Pop und so“ – „Voll doof“ – „Yo, Man!“ So ähnlich. Aber genau da liegt der Hund begraben. Dendemann hat den Untergang des Deutschrap-Abendlandes längst gecheckt, verabschiedet sich aber nicht komplett von diesem, wie es Jan Delay (Funk-Pop), Max Herre (Folk) oder Ferris MC (Deichkind) tun. Stattdessen richtet er das ganze neu aus, lässt sich nen Vokuhila wachsen und sagt „Stumpf Ist Trumpf“. Herausgekommen ist ein Rap-Album, das rockt, überrascht und so wortgewandt ist, dass selbst Dirk von Lotzow nicht fehlen darf. Und das sogar mir gefällt! Wer hätte das gedacht? Die Konkurrenz ist nach wie vor am Ende, Mann, Grund bleibt unser Dendemann!
Anspieltipp: „Papierkrieg“

47. Nada Surf “If I Had A Hi-Fi“
Es ist schon eine long and winding road des langsamen, aber stetigen Qualitätsabfalls, welchen Nada Surf seit ihrem 2002er Meisterwerk „Let Go“ (Platz 10 in meiner letztjährigen Liste der besten Platten der 00er) bewandern. Irgendwie bekommen sie es nicht mehr so hin, wie damals. Und noch schlimmer, sie wissen das auch und spielen live auch einen Großteil der alten Hits. Vorläufiger Tiefpunkt, das diesjährige Cover-Album „If I Had A Hi-Fi“, welches bis auf ein paar nette Ausnahmen, wie den Covern von Kate Bush, den Go-Betweens oder Depeche Mode, wenig Brauchbares zu bieten hat. Nada Surf spielen schwache Originale so, als wären es ihre schwachen eigenen Songs ohne dabei einen Überraschungseffekt erzielen zu wollen. Die Macht der Gewohnheit, der Tod jeglicher Kreativität.
Anspieltipp: „Enjoy The Silence“

46. She & Him “Volume Two“
Wie schreibe ich denn was über She & Him, ohne auf Zooey Deschanel einzugehen? Ach, ich bin zu faul, ich mach’s einfach. Für die einen ist die Frau mit dem Rehaugen-im-Scheinwerfer-Blick die personifizierte Indie-Ikone, welche seit diesem Jahr ja auch noch mit dem Death-Cab-Ben verheiratet ist, für die anderen einfach nur nervig. Ich tendiere, aus schauspielerischer Sicht eher auf zweiteren Punkt, denn die Frau kann das einfach nicht, da sie denkt, weit aufgerissene Augen stünden für tiefgründiges Mienenspiel. Nee, is nich. Bei der Musik sieht’s etwas besser aus, aber nur etwas. Das zweite Album mit Kollege M. Ward ist (wen wundert das) zuckersüßer Indie-Pop, mit säuselnden Texten, viel Streichern und Piano. Irgendwie eingängig, gerade zu Beginn der Platte, aber auf Albumlänge dann doch etwas zu eintönig, vorhersehbar und klischeehaft. Macht mich stellenweise sogar etwas wütend über diesen Zustand. Und das ist sicher nicht beabsichtigt.
Anspieltipp: „In The Sun“

45. Belle & Sebastian “… Write About Love“
Die eigentliche Leistung besteht darin, dass ich mir überhaupt mal ein Album der Indie-Legenden Belle & Sebastian vollständig angehört habe. Somit also wieder eine musikalische Lücke geschlossen. Das war’s dann aber auch schon. Denn so fein, intelligent, bewusst altmodisch und gut gemacht die Musik des Künstlerkollektivs auch ist, so sehr ist sie doch hochgradig monoton, vorhersehbar und irgendwie belanglos. Fast schon ein Widerspruch, denn die Texte sind ziemlich gut und die verstehen auch ihr Handwerk. Aber auf Albumlänge fällt es dann doch schwer, genauer hinzuhören, da diese Form von Musik eher zum Nebenbeihören verleitet. Diese Harmlosigkeit zerrt irgendwie an meiner Aufmerksamkeitsspanne. Generelles Problem. Aber zwischenzeitlich tut es immer mal gut, so ein handwerklich einwandfreies Indie-Album zu hören, welches sich diese Genrebezeichnung durch intelligente Musik verdient hat, die sich reichlich wenig um Trends und Hypes schert.
Anspieltipp: „Write About Love“

44. Tokyo Police Club “Champ“
Na, so was hab ich schon befürchtet. Ein so unglaublich hittiges und zielsicheres Debütalbum, wie „Elephant Shell“ kann man gar nicht richtig toppen. Dieses Album der Kanadier von Tokyo Police Club kam damals aus dem Nichts und hat mich sofort gepackt. 10 Instant-Hits in gerade mal einer halben Stunde. Die Halbwertszeit von „In a Cave“ oder „Your English Is Good“ hält übrigens auch noch zwei Jahre später an, zu unwiderstehlich schreien diese flotten Indie-Rock-Songs nach Jugend und Sommer. Und der Nachfolger hat’s da sowieso schwer. Zwar ist „Champ“ immer noch recht kurzer und netter Indierock, aber es fehlt einfach an eindeutigen Melodien, guten Songs und der gewissen Frische, die das Debüt noch versprühte. Vielleicht ist damit auch das letzte aufkeimende Flämmchen in Sachen Indie-Rock bei mir erloschen, vielleicht auch nicht. Feststeht, das „Champ“ aus meiner sich, zu keime Zeitpunkt mit dem Debüt mithalten kann und die ganze Zeit eher so klingt, als würde es dies krampfhaft versuchen. Sorry, guys!
Anspieltipp: „Breakneck Speed“

43. Goose “Synrise“
Drei Jahre können aber auch ne verdammt lange Zeit sein, muss ich sagen. Gerade im schnelllebigen Musikbusiness. Goose aus Belgien hätte ich beinahe vergessen, obwohl deren Debüt 2007 wie eine Bombe in die New Rave Welle einschlug und mit compressor-bearbeiteten Dance Hymnen sowohl live, als wie auch auf den Dance-Floors für ordentlich Zunder sorgte. Dann wurde es nach intensiver Tour wieder ruhiger. Dann tourten sie wieder, dann wieder nicht. Irgendwann fragte man sich, wo denn nun dass neue Album bleibt. Relativ still und heimlich ist „Synrise“ dann diesen Oktober erschienen. So still, dass ich es erst ne Woche nach Release mitbekommen hab. Passt auch zum Album, das glücklicherweise nicht krampfhaft versucht, wie der Vorgänger zu klingen, da diese Art von Musik eh langsam durch ist. Stattdessen gibt sich der Zweitling, etwas melodiöser, breitflächiger und liebäugelt wieder mit Pop, wie den Songs „Can’t Stop Me Now“ oder „Words“ aber auch sphärischen, trancigen Instrumentals, wie dem titelgebenden Opener oder „Bend“. Musikalisch vielseitiger und auf Stimmung getrimmt. Das zündet zwar nicht so augenblicklich, wie das Debüt und stellenweise klingt das etwas bemüht so, als wolle man den Anschluss an Delphic halten, aber es ist durchaus interessant. Vielleicht erfährt der Rest der Welt ja noch von dieser Veröffentlichung. Irgendwie.
Anspieltipp: „Can’t Stop Me Now“

42. Hundreds “Hundreds“
Diese Milners! Eva und Philipp sind musizierende Geschwister aus … öhm, ich glaube, Berlin. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall aus Germany und auf jeden Fall ziemlich gut. Keine Selbstverständlichkeit, muss man ja leider sagen. Das Prinzip ist recht schnell erkannt. Eva singt ganz wunderbar gefühlvoll auf minimalistischen Beats von Bruder Philipp, die teils elektronisch, teils akustisch sind. Auf jeden Fall immer schön reduziert. So lautet die Devise. Und dieses System funktioniert auf dem selbstbetitelten Debüt der Hundreds ausgesprochen gut. Nie übertreiben sie’s, stets hält man die Balance zwischen Pop und kleinen Experimenten und immer stehen die Songs im Vordergrund. Die sind ausgesprochen gut produziert und irgendwie doch ziemlich eingängig. So ist das Album der Hundreds ein eher unterschwelliges, aber sehr effektives kleines Pop-Album, das nun hoffentlich seinen Weg auch über die Konzertbühnen der Republik hinaus antritt.
Anspieltipp: „Machine“

41. Shout Out Louds “Work“
Beim Tokyo Police Club hab ich’s ja angedeutet… im Laufe der musikalischen Eigenentwicklung und Interessenverschiebung bleiben einige Bands gern mal auf der Strecke. Musik, die man früher gern hörte und heute eher weniger bzw. wenn, dann nur die alten Sachen aus nostalgischen Gründen, während neue Sachen eher uninteressant sind. Diese Liste umfasst bei mir bspw. Eskobar, Art Brut, die Kaiser Chiefs oder Mando Diao. Zusehens Verzichtbares. Ein ähnliches Schicksal droht wohl den schwedischen Shout Out Louds, wenngleich es irgendwie wenig Sinn macht, denn die Qualität ihres schmucken Indie-Pops ist nach wie vor sehr hoch, zumal sich das diesjährige „Work“ auch wieder etwas vom Pomp des Vorgängers entfernt und insgesamt etwas kantiger und direkter klingt. Schnittige Popsongs sind immer noch drauf und ich hör sie mir auch sehr gern, häufig mal an und von den genannten Bands sind die fünf Schweden sicher die mit dem geringsten Qualitätsabfall, aber dennoch hat mich „Work“ irgendwie relativ kalt gelassen. Trotz ganz passabler Songs. Ein seltsames Mysterium. Vielleicht löst dann das vierte Album eventuell diesen Nebel auf.
Anspieltipp: „1999“

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Rainbow Party - (10) The Bottom

Ja. Jetzt haben wir ihn erreicht. Den Grund dieses Songbrunnens. Dort wo keine Lichter mehr da sind. Wo alles nur noch traurig, verzweifelt, depressiv ist. Und wo die größte Schönheit liegt.

05.) Thursday - The Lovesong Writer, 2006



Das ist der versprochene letzte Emo-Titel.
Zumindest könnte man das so einordnen, da Thursday ja immerhin aus diesem Genre stammen. Allerdings haben sie sich auf ihrem famosen '06er Werk "A City By The Light Divided" meilenweit davon entfernt. So ist sie wesentlich mehr von New Wave oder Postrock geprägt, als von Pop-Punk. Dennoch ist das Alles etwas ganz anderes als gefühlskalt oder chronisch unterkühlt. Hier brennt's, faucht, winselt, drängt, fleht.
Nicht nur die die Stimme, die doch sehr an Robert Smith erinnert, und einen derart jämmerlichen Klagegesang drauf hat, dass man doch mal schnell den psychologischen Notdienst rufen möchte. Nein, auch die Instrumente und das Arrangement bluten aus allen Poren pure Verzweiflung. Hier hat sich eine Kapelle zusammengefunden, um mit allen Mitteln das limbische System der Rezeptienten zu entern.
Und es gelingt ihnen bravourös. Der ziemlich kratzige, rauhe Klang fräst sich tief in die Hörbahn. Das kombinierte Spiel von Synthie-Piano und Blechgitarre erzeugt maximale Befangenheit. Dazu wimmert der Sänger Geoff Rickly seine Zeilen. Bis schließlich ab dem Punkt von Minute eins und zwei Sekunden das vollendete Affektinferno sich aus den Boxen ergießt.
Ja, die Herren meinen es ernst. Ja, sie schämen sich nicht, sich komplett offen zu legen und es uns frei zu stellen, was wir mit den dargebotenen Innereien der Band anfangen möchten. Werden wir sie verschmähen, werden wir uns dran mästen, oder werden wir uns einfach harakiriös deneben legen?
Und Ladies and Gentlemen: Achtet auf den Text. Nicht nur, dass hier die Crux eines Songschreibers beschrieben wird. Das allein würde noch keinen hinter dem Ofen hervor locken. Denn dazu spricht es einfach nur eine begrenzte Anzahl von Menschen an: nämlich die der kreativ wirkenden Menschen. Diese dürften den Inhalt aber zutiefst nachvollziehen können, ihn nachleiden können, sich verstanden wissen. Nein, Mädels und Jungs! Achtet auch und vor allem auf die Form, auf die Sprache. Das hier ist Poesie in seiner schönsten Form:
So he stumbles through syllables
cut from their sentences
lost letters call to him deep in the alphabet
"please! give us meaning!"

Als ich das zuerst hörte, blieb mir wirklich die Spucke weg. Ich konnte keine Luft mehr holen. Mir schossen die Tränen in die Augen. Aber nicht weil es mich an irgendetwas oder irgendjemand Spezielles erinnert. Es lebte einfach aus sich selbst heraus. Ein Text, der einen nur durch seine Sprache so von den Socken haut. Wo hat man so etwas schon erlebt in den letzten 10 Jahren? Mir ist das sonst nur bei literarischen Klassikern geschehen. Das will was heißen, meiner Meinung nach.
Das hier ist wirklich ein Trommelfeuer aus der Gefühlskanone, die einen absolut lahm legt. Habt ihr auf den C-Teil geachtet? Fifty red roses falling apart in the heart of someone you have scripted and left behind Welche Urgewalt da entfesselt wird? Wie man befürchten muss, dass einen Boxen und Herz gleichermaßen sprengt?
Alter Schwede, Thursday haben hier richtig gemacht, was man richtig machen kann, wenn man sich dem emotionalen Rock verpflichtet fühlt. Ach was! Der Popmusik allgemein. Ganz ganz großes Tennis.

4.) Bright Eyes - Nothing Gets Crossed Out, 2001



Und nochmal zum Thema Text. Konsequent wäre es, an dieser Stelle selbigen einfach nur abzunotieren und ihn einfach so wirken zu lassen. Das ist bei Herrn Oberst auch nicht weiter verwunderlich. Schließlich müsste es sich inzwischen herumgesprochen habe, dass dieser kleine Mensch der vermutlich beste musikalische Lyriker seiner Generation ist. Seine Fähigkeit Geschichten zu erzählen und Menschen dazu zu bringen ihm permanent zuzunicken und "Jawoll! So ist es, Alter!" zu flüstern, sind schon regelrecht legendär.
Den richtigen Anfang für diesen Hype konnte er mit dem Album Lifted or The Story Is In The Soil, Keep Your Ear To The Ground lostreten. Denn auch wenn zuvor schon extrem bewegende Anektoden erzählen konnte, kam 2001 einfach noch das entscheidende Jota Reife dazu, die es zuließen, dass auch eine breite Öffentlichkeit sich mit dem Schaffen des Folker aus Omaha auseinandersetzte.
Das Lied was mich da natürlich hervorragend anspricht ist das hier nun vorgestellte. Nur mal so als Ausriss:
All I do is just lay in bed and hide under the covers.
I just want someone to walking off and not fall off a leader.
I Know I should be brave, but I'm just too afraid of all this change.
I keep making these to-do lists, but nothing gets crossed out.

Nur Ich-Botschaften. Und ja das wirkt ehrlich. Und was für ein Erlebnis, dass man mit seiner leider nicht nur gelegentlichen geistigen Gelähmtheit nicht allein ist. Die Durchreißer unter euch werden jetzt sicher entnervt die Augen verleiern, dass man seine Sensibilität oder sowas nur als Entschuldigung für unfassbare Faulheit und übertriebene Ängstlichkeit nimmt. Schon möglich, aber die andere Hälfte Mensch wird Conor Oberst bzw. mich verstehen. Daher ist es jetzt auch für mich schwierig dieses Gefühl näher zu umschreiben. Aber ich nehme an, wenn eine Mensch, welcher 15'000 Kilometer entfernt von mir groß geworden ist, ähnlich, nein gleich (!), empfindet wie ich, dann gibt es sicherlich noch viele andere dazwischen und darüber hinaus.
Was ich aber beschreiben kann, ist die ganz und gar überwältigende Musik, die den Barden hier begleitet.
Dieses schöne Solo der Vibrato-Gitarre. Dieser Aufbau, der seinen Namen wirklich verdient. Hier wird fortlaufend und unaufhaltsam Instrument um Instrument dazu genommen, bis diese überlebensgroße Lied-Gebäude aufgebaut ist. Die schöne Appeggio-Gitarre, die ab Strophe 3 einsetzt macht den Raum unglaublich groß, ohne in Bombast à la Coldplay oder Editors zu verfallen. Das hübsche Glockenspiel verleiht diesem schweren Text eine unglaublich Leichtigkeit, das Marschschlagzeug zugleich eine gewisse Dringlichkeit.
Und vor allem und an eigentlich erster Stelle. Der Einsatz von Orenda Fink (Azure Ray, ihr erinnert euch) in der zweiten Strophe ist der größte Gänsehaut-Moment, den man mittels Musik vermitteln kann. So leise, so dezent, so zurückhaltend und dennoch so laut, brachial und berserkernd im Gefühlszentrum. Danach steht dort kein Stein mehr auf den anderen. Nein, alles wird aufgebrochen, erhitzt, befreit.
Auch wenn es pathetisch klingt, aber bei diesem Juwel ein mehr oder weniger akustischer Musik, muss ich leider auch schreibertechnisch ziemlich schwere Geschütze auffahren, um ihm wenigstens ansatzweise Herr zu werden. Verzeihung.

3.) Mogwai - Killing All The Flies, 2001



Hier schreibe ich mal lieber Nix über den Text. Da ich einfach noch nie versucht habe, zu entziffern, was da hinter dem Vocoder-Effekt hervorlugt. Von daher spielt es auch keine wesentliche Rolle. Allerdings - und das muss ich dazu sagen - gibt es wirklich tolle die-hard-fans, die auch solche Texte mitsingen können. Habe ich selber auf dem Southside erlebt, dass da irgendein Schotte (der sich nicht auf der Bühne befand), den Vocodergesang inbrünstig mit geträllert hat. Allerdings von Hunted By A Freak. Und nicht von Killing All The Flies. Denn den habe ich sie bei immerhin vier Konzerten noch nie spielen gehört. Warum sie den nicht jeden Tag spielen, ist mir schleierhaft. Denn es gibt kein Stück von Mogwai, was erstens mehr zusammenfasst, wer sie sind und was sie machen, der zweitens live eine unzähmbarere Energie aufbauen müsste und das drittens schlicht und ergreifend schöner ist.
Und nur damit wir uns gleich richtig verstehen: Das was dieses Lied ausmacht, ihn groß und unverzichtbar macht, das passiert bei exakt 2:34. Dieser Ausbruch ist der allerbeste der jemals, und damit meine ich nicht nur die letzten zehn Jahre, in meiner musikalischen Welt stattgefunden hat. Einen besseren Klimax kann man wahrscheinlich auch gar nicht komponieren. Das hier wird hervorragend vorbereitet. Mit sich liebevoll umspielenden cleanen Gitarren. Der sehr schönen "Gesangs"-Melodie. Mit dem bedächtigen aber mächtigen Getrommel. Dem hypnotischen Minimal-Groove des Basses. Dem vorsichtigen Ansätzen, dem kurzen Zurückpfeifen für die zweite Strophe, der relativ raschen Steigerung in diesen straighten Spannungsrhythmus und der sich stetig nach oben schraubenden Melodie. Und ohne diesen Spannungsbogen übermäßig zu überspannen, wird dann zügig und prägnant zu dem Teil gekommen, dem ich nur folgendermaßen beschreiben kann: Orgasmisch.
Das ist eine wahres Feuerwerk aus der Soundatillerie. Die ganze Band plus Streicher und sonstigem Orchestergetöse fällt über einen herein, dass man wirklich nicht anders kann als sich dem hinzugeben und absolut geplättet zu sein.
Wem das jetzt beim ersten Mal hören nicht so ging, dem sei nur empfohlen sich das wirklich LAUT anzuhören. Man muss dazusagen, dass Mogwai, zu der Zeit als sie dieses Lied komponierten, als die zweilauteste Band nach Manowar galt. Ihre Auftritte waren ein gesundheitsgefährdendes Inferno. Die Verstärker glühten, die Club-PA ächzte. Alles war ans Maximum getrieben. Vor allem die Besucher mussten ihre Eingeweide festhalten, damit diese nicht durch Schalldruck resiziert wurden. Als ich 2005 die Band zum ersten Mal live in Berlin am Postbahnhof sah, sind sie schon dazu übergegangen dieses Extrem nicht mehr auszureizen. Allerdings ließen sie sich beim letzten Song des Sets, nämlich Glasgow Mega-Snake doch noch einmal dazu hinreißen. Und ich hatte wirklich das Gefühl, die Welt ginge unter, so massiv wurden die Zuschauer dort zugeballert mit einer unfassbar drückenden Soundwand. Ein sagenhaftes Gefühl, das ich seitdem immer wieder versuche nachzuempfinden, aber bisher nicht mehr erlebt habe. Und nun stelle ich mir das mit diesem wunderschönen Killing All The Flies vor. Das müsste wirklich ein geradezu reinigender, kartatischer Moment sein.
Daher also die Empfehlung die Regler der Anlage so weit es geht nach rechts zu drehen. Wer sich nicht traut Nachbarn, Mitbewohner, Eltern an diesem Erlebnis teilhaben zu lassen, nehme einfach Kopfhörer und gönne sich und seinen Ohren auf diese Weise dieses Erlebnis. Das Erstaunliche ist, dass trotz dieses krassen Schalldrucks der laute Moment nie schwammig oder unsauber klingt. Es sind dennoch alle Instrumente klar zu orten und auseinander zu halten, was extrem für die Produktion dieses Albums spricht. Druckvoll und dennoch klar. Ein Meisterstück.

2.) Maria Solheim - Too Many Days, 2003



Jetzt könnt ihr die Anlage wieder auf normale Lautstärke zurückstellen. Denn diese Dame aus Norwegen hat eine ganz andere Herangehensweise, um einen zu packen. Too Many Days ist nämlich reduziert auf das wirklich Wesentliche: eine fabelhafte Stimme, welche einen unglaublichen Text singt, begleitet von exakt einer Gitarre. Okay später kommen noch Bass, Schlagzeug, Banjo, Streichquartett und irgendwelche Synthies dazu. Diese schaffen es jedoch, das Lied noch weiter nach vorne zu bringen. Sehr weit. Bis an die Grenzen und darüber hinaus.
Einst, als es den fabelhaften TV-Sender Viva Zwei noch gab, erschien von Zeit zu Zeit eine junge Frau, um mit exzellenten redaktionellen Inhalt dem Zuschauer ihre Lieblingsmusik näher zu bringen. Diese Dame sollte später einigen Ruhm ernten, indem sie diverse Feuchtgebiete ergründete. In ihrem früheren Leben jedoch, wurde sie im Wesentlichen durch die Sendung Fast Forward ins allgemeine Indie-Gedächtnis katapultiert. Eines Tages entschied sie und ihre Redaktion sich dazu, das Video Too Many Days einer kleinen zierlichen Frau namens Maria Solheim vorzustellen. Man sah: wie sie in ein leicht antiquiertes Aufnahmegerät dieses Lied sang. Mehr nicht. Ich war dennoch bestürzt. Erfreut. Überwältigt. So einen wundervoll traurigen Song hört man nicht alle Tage. Sicherlich spielt es ihr zu Gute, dass sie mit der Stimme eines Engels gesegnet ist. Dass sie weiß, wie man ein Lied enorm geschmackvoll begleitet. Dass sie ein enormes Gespür für Timing hat. Mit letzterem meine ich nicht nur den, von mir immer wieder geliebten, unvermittelten, überfallartigen Beginn. Auch das Tempo ist ideal, jede Strophe, jeder Refrain, jede Gitarrenakkord dauert genauso lange, wie er klingen muss. Auch der Text fügt sich punktgenau ein. Der Einsatz der dazukommenden Instrumente ist haargenau abgemessen. Alles passt schlicht und ergreifend perfekt.
Dass dachte sich anscheinend auch das Fast Forward-Team, denn sie entschieden sich prompt in der darauffolgenden Sendung, das Video noch einmal zu zeigen. Ein Ereignis, was meines Wissens nach recht selten in der Show vor kam. Und wieder überkam es mich unvermittelt. Der Unterschied war diesmal nur, dass ich es geschafft habe im Videotext nachzuschlagen wer das wann wie gesungen hat. Schnell die CD bestellt. Fertig war das vollendete Glück für eine gewisse Zeit. Diese gewisse Zeit dauert bis heute an.
Während ich die Rezensionen schreibe, höre ich die entsprechenden Lieder natürlich immer in Dauerschleife. Und da kam es durchaus bei einigen Titeln vor, dass ich mir wünschte, ich vollendete endlich den Text. Nicht so bei diesem Stück. Jedesmal bin ich wieder aufs Neue erfreut, es noch einmal zu hören. Ein Glücksfall.

1.) Deftones - Knife Party, 2000



Dieses Lied, nein, dieses Werk ist seit geschlagenen neuneinhalb Jahren mein absolut liebstes Lied aller Zeiten. Durchgängig. Ohne dass je irgendein anderer Song auch nur in die Nähe seiner Größe kommen konnte. Nicht die neunundvierzig Lieder, die ich davor beschrieben habe und auch sonst keine anderen, die mehr als zehn Jahre auf dem Buckel haben.
Wie kam's? Wieder ein Schwenk auf die seligen Viva Zwei-Zeiten. Da lief mehrmals (!) am Tag ein Song namens Digital Bath der mich ganz und gar getroffen hat. Den ich besitzen musste. Den ich einsaugen wollte. Also ab in den Laden (Saturn in Hamburg, werde ich wohl nie vergessen) und White Pony gekauft. Extrem oft durchgehört und lieben gelernt. Den hier vorliegenden Song Knife Party fand ich schon immer gut, war aber nie unbedingt mein Favorit. Bis ich eines Tages das Buch Der Verschollene (Amerika) von Franz Kafka las. Nicht das Übliche, was andere Sechzehnjährige so tun, aber was soll's. Es hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Auf jeden Fall ist dieser Roman die Geschichte eines jungen Mannes, der in den US of A sein Glück versucht. Erfolg hat er dabei nicht wirklich viel. Eigentlich ist er von einer unfassbaren Menge an Pech verfolgt. Die Beschreibung, wie er von einer Scheiße - entschuldigt die Ausdrucksweise, es geht nicht anders - in die nächste rutscht, ist gruselig, niederschmetternd, schmerzhaft.
Ich muss an der Stelle eventuell noch kurz einschieben, dass ich eigentlich immer lese und dabei Musik höre. Hat sich halt so eingeschliffen und bisher fahre ich auch recht gut damit. Jedenfalls gibt es eine Stelle in dem Schriftstück, in dem der Protagonist wirklich und wahrhaftig den Boden erreicht. Er hat alles verloren, wurde bestohlen und folgt dann auch noch - weil ihm wenig Anderes bleibt und weil er ein unbeschreibliches Geschick besitzt, Murphy's Law zu personifizieren - den komplett falschen Leuten nach. Schrecklich. Man möchte in das Buch rufen "Tu das nicht. Wähle die Alternative. Mach nicht permanent so einen Scheiß. Bitte! Bitte!" Doch Kafka bleibt grausam und lässt den armen Kerl weiter ins offene Messer, welches mit allerhand fiesen Widerhaken versehen ist, rennen. Und dann auch noch stürzen. Wirklich und wahrhaftig grausam. Und an diesem genau diesem absoluten Tiefpunkt eines vorstellbaren Lebens ertönt dieses Lied.
Seine - noch clean gespielten - Gitarrenakkorde zu Beginn pusten sofort alle Lichter aus. Man ist darauf eingestellt: Von nun an folgt Finsternis. Und prompt mäht einen der massivst verfügbare Riff komplett nieder. Reißt einen sogar noch weiter nach unten. Als ob in einem Bergwerk unter Tage erst die Beleuchtung ausfällt und dann auch noch die tragenden Balken der Last nicht weiter Stand halten können. So klingt der Riff. Niederschmetternd. Was wohl damit zusammenhängt, dass die Gitarren unsagbar tief gestimmt sind. Ein Relikt aus der Deftone'schen New-Metal-Vergangenheit. Dieses aber optimal eingesetzt.
In der Strophe lässt die Band dann erstmal wieder Luft zu atmen, ohne aber für nennenswerte Beleuchtung zu sorgen. Doch im zweiten Teil des Vers - oder 2. und 3. Strophe ... so genau kann man das nicht sagen - folgt wieder die erdrückende Phon-Macht. So zieht sich das weiter durch. Laut-leise, hoch-tief. Doch das alles immer von den vollendeten Moll-Akkorden angeführt. Und darüber schwebt noch die stets zu brechen drohende Stimme des Chino Moreno. Resigniert, verzweifelt, traurig, depressiv und so weiter. Den Mann haben alle Lebensgeister verlassen - jedoch muss, muss, muss er weiter und weiter singen. So klingt das für mich zumindest. Der Mann singt von einer seltsamen Nihilisten-Feier, wo sich das Partyvolk mit Messern aufschlitzt, um zum Einen dadurch verbunden, gleich zu sein und zum Anderen sich zu öffnen, Nähe zulassen zu können, Liebe zu finden. Sehr seltsam das. Noch seltsamer ist, wie vertraut einem diese Vorstellung, dieser Gedanke vorkommt. Da hat jemand ganz tief in sich hinein geschaut und dieses faszinierend abstoßende Bild hervorgekramt. Und kann sich durch diese Parabel hervorragend öffnen und den Hörer und entsprechend tief in sich hinein schauen lassen. Beängstigend. Befreiend. Erstaunlich.
Doch das Lied ist damit noch lange nicht beendet. Nein für den C-Teil haben sich die Herren Deftones etwas ganz dramaturgisch wertvolles einfallen lassen: Mithilfe einer befreundeten Gastsängerin namens Rodleen Getsic, bekommt das Stück nun im Fortlaufenden eine besondere Note dazu: Die der schmerzenden Verzweiflung. Von wunderbaren - an orientalischen Gesang erinnernde - Melodien, die mehrfach durch den Hall- und Echoeffektwolf gejagt worden, schraubt sich das "Ohooohooho" in immer bedenklichere Höhen bis nur noch ein markerschütterndes, angstverzerrtes Kreischen übrig bleibt. Und es hört einfach nicht auf. Auch wenn schon längst der Refrain wieder eingesetzt hat, dringt der Hilferuf aus der Tiefe immer noch ans Ohr. Und man kann nichts tun. Man sitzt da und es sind einem die Hände gebunden, da man ja eigentlich nur mit modifizierten Schallwellen zu tun hat. Als ob man einen Mord am Bahnsteig vom Zugfenster aus beobachtet. Man erlebt das ganze Geschehen mit, kann dem armen Opfer aber nicht helfen, weil der Zug einfach weiterfährt und man ihn nicht verlassen kann. Dieses Erlebnis brennt sich ein und wird einen nie wieder los lassen.
Und so geschah es. Ich war gefangen. Die dunkle Welt des Prager Schriftstellers und die der Musiker aus Sacramento
hat sich verbunden und mich wirklich im Kern erschüttert.

Nie wieder sollte ich Musik davor oder danach so intensiv erleben. Kein Stück hat es seitdem geschafft mich derart heftig emotional anzurühren.
Egal um welche Emotion es sich handelt. Kein Lied konnte mir zum Beispiel in ein so intensives Gefühl der Freude verschaffen. Der Wärme. Der Traurigkeit. Der Hoffnungslosigkeit. Der Geborgenheit. Der Erotik. Der Angst. Des Hasses. Der Lust. Wohl gab es Lieder, die dieses Emotionen bei mir auslösen oder unterstützen konnten.
Doch nie war dieses Erlebnis so intensiv wie bei diesem Werk und der hoffnungslosen Verzweiflung, die es zu CD gebracht hat. Denn das ist das, worum es am Ende des Tages bei Musik eigentlich geht. Dass sie in uns Emotionen hervor zu holen vermag, die wir in der Intensität nicht für möglich gehalten hätten. Die uns mit- und gefangennehmen. Uns einfach nicht mehr loslassen. Die unser Leben begleiten und bereichern.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Rainbow Party - (9) Redoloris

Das vorletzte Mal für diese Liste.
So langsam flackern alle Lichter noch, bevor beim nächsten Mal die Kerzen komplett ausgepustet werden. Aber hier schon mal ein Fivepack um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Einen Lichtblick haben wir noch, ansonsten steigt die äußere Kälte in diese Zeilen und macht sich ordentlich breit.

10.) Mew - Symmetry, 2000



Danke Hanson!
Was? Hanson? Was haben denn die drei MMMbop-Brüder Isaac, Taylor und Zac damit zu tun?
Den Song Symmetry habe ich auf dem 2003er Werk Frengers der Herren Mew kennen gelernt. Allerdings wurde er bereits drei Jahre zuvor auf dem Album Half The World Is Watching Me veröffentlicht. Die Dänen haben sich hierfür Verstärkung am Piano von Klaus Nielsen und als Co-Sängerin die damals 13-jährige Becky Jarrett an Land gezogen. Und sie ist, glaube ich, auch der Grund warum ich diesen Song schon fast abgöttisch liebe.
Auch wenn der eigentliche Mew-Sänger Jonas Bjerre schon selbst eine sehr hübsche Mädchenstimme vorweist, wird er hier jedoch gnadenlos von dem Teenager aus Georgia an die Wand gesungen.
Ich bin mir nicht gerade sicher, dass mir der Song genauso gefallen würde, wenn Motörhead sich das Lied mal zur Brust nehmen würden. Denn es lebt meiner Meinung nach wirklich vor allem von Ms. Jarrett's herzzerreißend schönem Gesang.
Natürlich ist das Drumherum mit den hübsch zurückhaltenden Piano- und Gitarren-Geplänkel schon eine Wucht. Die Melodie wird wohl immer gnadenlos traurig klingen, selbst wenn es zum Poppunk von New Found Glory verwurstet werden würde. Der sich steigernde Aufbau katapultiert das alles in immer Schwindel erregendere Höhen. Das alles ist handwerklich begeisternd, hervorragend in Szene gesetzt und produziert. Und so weiter und so fort.
Eine Gänsehaut, oder zumindest Ansätze davon, bekomme ich jedes (!) Mal, wenn diese Stimme gleich zum Anfang zum ersten Mal erklingt. Den Drang die Augen zu schließen und mich forttragen zu lassen, wenn sie im Verlauf beim Schlagzeugeinsatz mit dem männlichen Gesang verschmilzt. Ein Idealfall.
Was für eine göttliche Fügung dass sich die beiden '98 im Hanson-Forum getroffen haben. Es hat meine Welt mehr als bereichert.
Danke, Hanson.


09.) Dredg - Δ, 2002



Ein Traum von einem Lied. Schwerelos. Beruhigend. Aufwühlend. Eine hervorragende Melodie. Mit warmer Stimme gesungen. Luftig produziert, obwohl es von den Instrumentalparts ziemlich kompliziert zugeparkt ist.
Natürlich sind Pauken, Klangschalen und dieser Text etwas viel des Guten. Da hat die Jungs aus Los Gatos wohl doch etwas zu sehr der Esoterik-Koller gepackt. Aber dennoch. Wunderschön. Man beachte den Schrei, wenn das Lied richtig losgeht. Kurz und erschreckend. Die krude und dennoch tragende Gitarrenarbeit davor. Das schier unfassbar breakige Drumming (gesamte Spielzeit). Der gedoppelte Gesang, wobei im Hintergrund eine raunende Stimme zu hören ist. Die Ähnlichkeit am Anfang mit Airdrop von Blackmail. Wie weit und dennoch kompakt das alles klingt. Was das für tolle Kopfhörer-Musik ist!
Und vor allem: Man höre und knie nieder vor diesem erhabendsten und erhebendsten aller denkbaren Ausbrüche, die man einem Song geben kann: Nach dem kurzen tribal-artigen Spoken Word-Teil "We live like penguins in the desert, why can't we live like tribes?" öffnen sich ab Minute vier und fünf Sekunden alle Himmel. Alle Pforten. Alle Arme. Alle Flügel. Alle Dämme. Alle Herzen.
Nicht dass man sowas nicht auch zuvor schon mal gehört hat. Die Editors oder Glasvegas bauen ganze Alben darauf auf. Aber das letztendlich so effektiv überwältigend einzusetzen ist eine wahre Kunst. Dass Dredg dies beherrschen haben sie hiermit unter Beweis gestellt.
Wahrlich himmlisch, das.

08.) Coheed And Cambria - Delirium Trigger, 2002



Coheed And Cambria ist wahrscheinlich eine der seltsamsten Bands der letzten zehn Jahre. Ihre gesamte Existenz bestand darin eine gigantische vierteilige Science Fiction-Saga namens The Bag.On.Line Adventures zu erzählen. Das ganze war auf fünf Alben konzipiert, weil der abschließende vierte Teil auf zwei LPs verteilt werden musste. Den Anfang machte der zweite Teil, dem auch dieser Song entnommen ist. Den ersten sind sie uns noch schuldig. Zwischenzeitlich hat sich die Band nämlich komplett selbst zersetzt, da dem egomanischen Sänger der relative Erfolg wohl etwas zu Kopf gestiegen ist, so dass erstmal die komplette ursprüngliche Band den Hut nahm.
Überhaupt Claudio Sanchez, was des Herrn Vokalisten, respektive Maestro grandeur, Namen ist. Ein Freak vor dem Herrn: 120 kg schwer, mit einer Friseur wie Sideshow Bob versehen, singt er mit einer sehr mädchenhaften Emostimme zu von ihm allein komponierten größenwahnsinnigen Progstücken hervorragende Popmelodien.
Das war scheinbar noch nie anders. Auch der hier vorgestellte Titel ist komplex bis zum geht nicht mehr. Schlägt Haken wo er kann, walzt immer wieder mit ordentlichen Gitarrenwänden über den Hörer drüber. Wird lauter und leiser und lauter und leiser und wieder lauter. Alles ist vertrackt und den Text muss man am besten in den großen Zusammenhang der Saga bringen. Doch etwas unterscheidet sich eindeutig von den späten wirklich größenwahnsinnigen Alben.
Das hier ist leidenschaftlich. Das hier brennt. Das hier drängt. Man hat das Gefühl als rücke einem die gesamte Band auf die Pelle, um dir den Song ins Gesicht zu schreien. Der Sound ist etwas rumpelig aber transparent.
Und Senor Sanchez singt hier meisterlich mit verteilten Rollen. Seine Interpretation einer Mädchenstimme schmeichelt sich bei mir im Herz mit großen Katzenaugen ein.
Und doch dieser Text: Es geht darum, dass die eine Hauptfigur Coheed ohne sein Wissen eine Apparatur namens Mon-Star in seine Brust implantiert bekommen hat, die ihn immer wieder ins Leben zurückholt, sozusagen unsterblich machtund gleichzeitig in eine Art Mr. Hyde verwandelt. Diese wird durch das Serum einer Libelle (Symboltier von Coheed And Cambria) zum Leben erweckt . In diesem Lied reflektiert und dialogisiert er das Leben mit dieser Chance/Last. Mal kurz gefasst. Wer's genauer wissen will, bitte hier kundig machen.
Jedenfalls: Was für ein toller Grundgedanke! Und wie toll das umgesetzt ist. Mit den sehr hübschen spacigen ruhigen Stellen und dem absolut überwältigenden Refrain "Oh dear God, I don't feel alive when you're cut short of misery ..."
Klar ist das herrlich abgedreht, aber geht dennoch mitten ins limbische System - dem Sitz der Emotionen. Der Song ist groß und hat dennoch kein Gramm Fett zu viel. Das ist durchdacht und dennoch hochemotional. Delirium Trigger ist ein Wunderwerk von Lied. Delirium Trigger ist schon lange ein Begleiter in meinem Ohr. Delirium Trigger ist songgewordene Passion.

07.) The Haunted - Hollow Grounds, 2000



Huch! Das ist ja Metal! Was hat denn das hier zu suchen?
Nun es ist einfach eines der besten Metalstücke, das ich in den letzten zehn Jahren gehört habe. Und es hat trotz Geschrei extrem Popappeal, wenn man mich fragt.
Also bitte nicht nach den typischen Metalsachen bewerten, denn von der Warte her ist es eigentlich ein schwacher Song. Viel zu langsam, viel zu abwechslungsarmes Riffing, nicht genug Hass, nicht genug Gewalt.
Und dennoch werde ich davon fortgespült. Woran liegt's?
Natürlich zuerst der Einstieg: Eine Wand von Gitarre bollert ungehindert auf einen ein. Dann: Der Gesang: Eine unglaublich gute Schreistimme! Ordentlich zerledert und dennoch dazu fähig Emotionen zu transportieren. Im Refrain mit diesem wässrigen Choruseffekt hervorragend kaschiert, dass man eigentlich keine gute Singstimme hat. Funktioniert sehr gut. Und auch das Schreien bleibt variabel - vom tiefen Growl bis zum Herz zerreißenden Gekeife ist alles am Start. Drittens dieses Grundriff, was in der Strophe und am Anfang zu hören ist. Es ist Gold wert. Erst hoch und melodiös um dann im B-Teil tief in den Tonkeller zu wandern. Das klingt massiv und dennoch eingängig. Wie eine Welle die einen erst kurz trägt und dann mit Wucht auf den Grund drückt. Aber auch die anderen Gitarrenparts sind nicht außer Acht zu lassen. Das hervorragende Alternative - Akkord - Stakkato - Spiel im Refrain. Das einfach und harmonische Solo in der Mitte. Und diese Zwischensalven bei circa 2:20 knallen einen wirklich um. Viertens der Text: Sehr nachvollziehbar beklagt sich das lyrische Ich über die Sinn- und Richtungslosigkeit seines Lebens. Und wer kann das nicht nachempfinden, dass man sich schon einmal komplett in seinem Leben daneben entschieden hat? Dass man sein Dasein und sein Tun in Frage stellen. Fragilere Gedanken als man hinter dieser harten Fassade vermuten würde. Und Fünftens: Das ganze Stück ist einfach von vorne bis hinten eine einzige massive Attacke, die einem entgegenbläst. Permanente lautstarke Beschallung, die einem keinen Platz zum Nachdenken lässt. Man wird einfach vier Minuten durchweg durchgebügelt. Oder man wird von einem Großaufgebot von 600 kg-Bullen verfolgt, wie in Pamplona. Immer weiter drauf. Immer weiter jeden frei werdenden Raum zu machen.
Dieses Ziel mit so einem kompakten und stringtentem Ergebnis zu erreichen, lässt mich einfach nur kapitulierend - also den Song liebend - zurück.

06.) Logh - Lights From Sovereign States, 2003



Stille.
Das beste letzte Lied, was man sich für eine Mixkassette vorstellen kann. Hier passiert fast nix.
Ein paar Klavierakkorde. Dazu ein paar geraunte bzw. gerade so gesungene Worte. Das alles sehr sehr langsam vorgetragen. Fertig ist das Lied. So einfach, so nachvollziehbar. Und dennoch soo intensiv. So ergreifend. So Aufmerksamkeits-absorbierend. Nichts Anderes passiert, während dieses Lied läuft.
Man unterhält sich nicht. Man arbeitet Nichts. Man berührt noch nicht mal jemand Anderes. Nein. Alles ist auf dieses Lied gerichtet.
Zumindest ist das bei mir so. Wie schaffen die Kerle das nur?
Die anderen Songs die sie so auf dem 03er Werk The Raging Sun so drauf gepackt haben, sind ja ganz nett. Traurig, düster, politisch. Ordentlich rumpelig im Klang. Aber letztendlich dennoch nix Weltbewegendes.
Aber dieser letzte Titel! Wie ein Schatz, den man am Grund des Ozeans hebt. Absolut niederschmetternd. Die Jungs haben es wirklich geschafft dieses Gefühl innerer Leere zu vertonen, dass einen ab und zu überkommt. Wenn man so nach einem Tag voller Arbeit, an der Bettkante sitzt und eigentlich nix mehr machen will und sogar zu ausgelaugt ist sich noch hinzulegen. Die Lichter um einen wirken dünkler als sonst. Der Atem geht beunruhigend gleichmäßig. Alle Mimik ist aus dem Gesicht gewichen. Man nimmt keine Geräusche mehr war. Die Gedanken ziehen vorbei, ohne sich aufzudrängen. Man ist allein. Der Kopf hängt. Und dennoch ist es kein Gefühl von Niedergeschlagenheit. Eher von Müdigkeit ohne Schläfrigkeit. Als ob Körper und Geist im Standby sind.
Genau zu diesem Zustand, auf jeden Fall, gibt es kaum ein besseres Lied. Und vor allem kein schöneres.

In dem Sinne wünsche ich mal frohe Weihnachten und ein paar besinnliche Festtage. Nächstes Mal gibt es dann das Finale grande. Mit den Top 5. Und einer Top 5 der Nebenschauplätze. Ihr werdet sehen.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Rainbow Party - (8) Lychnis

Hi there, folks!
Verzeihung, dass mein dieswöchiger Fünfer erst heute und damit einen Tag verspätet erscheint.
Jedoch bin jetzt schon seit längerem von der Internetwelt abgeschnitten und musste erst einen unbescholtenen Passanten damit drohen ihn gemeinsam mit dem kompletten Wu-Tang Clan und The Polyphonic Spree in eine einsame Waldhütte zu sperren, händigte er mir nicht seinen WLAN-Zugang aus.
Hat funktioniert und so kann ich hiermit wieder fünf der schönsten Dreieinhalbminüter der U-Musik des letzten Dekats vorstellen.
Viel Vergnügen!

15.) Elysian Fields - Passing On The Stairs, 2004



Das Duo Elysian Fields wird wohl bis in alle Ewigkeiten einer dieser Dauer-Geheimtipps bleiben. Dabei kann man den beiden eigentlich nur Großes wünschen. Derart wunderbare, düstere, getragene, bestürzend ehrliche Musik hört man einerseits nicht aller Tage und wird wohl dennoch nie aus der Mode kommen. Sie reihen sich hervorragend in die musikalischen Reihe eines Leonard Cohen, eines Nick Drake, eines Elliot Smith, eines Jeff Buckley oder von Portishead ein. Und das alles allerdings kombiniert mit dem Habitus von solchen hervorragend funktionierenden und arbeitsgeteilten Duos wie beispielsweise Goldfrapp. Er macht die Musik, sie singt mit einer Stimme, die Orpheus ähnlich die Tiere zum Sammeln, Bäume zum Neigen und Steine zum Weinen bringt.
Der Höhepunkt ihres Schaffens ist meiner Meinung nach das famose Album "Dreams That Breathe Your Name". Nicht nur, aber vor allem wegen dem hier vorliegenden Titel. Passing On The Stairs ist ein sehr klassiches Duett. Die beiden Vokalisten beschreiben mit verteilten Rollen die Begegnung von zwei geschlechtsreifen Menschen, die beide zueinander wollen, es sich jedoch nicht zutrauen. Was für ein traumhafter Plot, den ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann. Nicht nur das ja jeder verliebt war/ist/sein wird. Nein. Durch den Schwenk des Fokus auf den/die Angehimmelte(n), wird einem nochmal vor Augen geführt, dass der Gegenüber unter Umständen exakt die gleiche Gefühlswelt von einem selbst durchleben könnte. Für unsichere Menschen wie mich ein Lebenselixier, Hoffnungsschimmer, Realitätsbezug. Oder wie Señor Rhododendron es so gerne beschreibt: lebensrettend.
Der beste Text nützt natürlich nix ohne ohne die entsprechende Musik und die ist hier schlicht und ergreifend niederschmetternd. Schwer, traurig, getragen, moll-ig und von ausgesuchter Schönheit geprägt. Schwere, tiefe, langsame Klavierakkorde tragen das Lied, die später von einem fast schon kraftlos wirkenden Jazz-Schlagzeug und einem lahmen, erdrückenden Kontrabass und einem verloren wirkenden Cello begleitet werden und damit das Lied, die Stimmung und letztendlich auch den Hörer tief in den Keller hinab geleiten. Und damit einen perfekten Untergrund für diesen letztendlich doch sehr traurigen Gesang schaffen. Ein weiterer hervorragender, dunkel schimmernder Diamant der neueren Popmusik.


14.) Muse - Hysteria, 2003



Eines der energetischsten Lieder, die ich kenne. Eine wahre, alles verschlingende Walze von Basslauf, der mir als Basser den puren Neid ins Herz schießen lässt, treibt - und ich betone das Wort treibt - den Song voran, hetzt ihn, gibt ihm die Sporen, peitscht ihn durch die dreieinhalb Minuten. Die Gitarre stellt den Sturm dar, der das Song-Gespann noch massiver nach vorne bringt. Doch das Schlagzeug gibt dem ganzen Gebilde durch seinen relativ straighten Diskobeat einen wichtigen Teil Leichfüßigkeit und Nachvollziehbarkeit. Dass Matthew Bellamy durchweg hochemotional singt, braucht man nicht mehr zu betonen. Dass er leidenschaftlich und dennoch sauber und melodiös singt ist erstaunlich und Allgemeingut. Die Komposition an sich ist natürlich ein krasser Ohrwurm und dürfte auch in der Akustikversion keine Gefangenen nehmen. Das hier tobt, wütet und hetzt den Hörer von einem Höhepunkt zum nächsten. Dass es jedoch nicht bei einem gewöhnlichen Pop-Punk-Song verbleibt, was ja auf eine derartige Beschreibung auch vorstellbar wäre, liegt einfach daran, dass Muse diese unverschämte Genialität besitzen, einen Song immer bis zum letzten Jota auszureizen. So gibt es halt ein einfaches, aber spitzenmäßig funktionierendes Gitarrensolo. Diesen Moshpart nach dem Refrain und den sehr catchy und dennoch massiven Leit-Riff. Überhaupt fasst, glaube ich, das Wort massiv diesen gnadenlosen Hit am besten zusammen.


13.) The Cooper Temple Clause - Blind Pilots, 2003



Und noch ein brillanter Popsong, der ein ziemlich penetranter Ohrwurm ist und mich dennoch noch nie genervt hat.
Auch wenn ich den Opener des Opus Magnus Kick Up The Fire And Let The Flames Break Loose (Albumtitel des Jahrzehnts!) The Same Mistakes in den Jahren seit seiner Erscheinung wohl viel öfter gehört habe, packt mich dieses kleine Wunderwerk hier stets immer etwas unvermittelter. Denn auch wenn der andere eine grandios wachsendes - sich stets steigerndes - Songmonster darstellt, der mein Postrock-Herz höher schlagen lässt, haben wir hier einen Refrain vorliegen, der einer der besten - nicht nur des letzten Jahrzehnts - ist. Auch wenn die Strophe sehr gelungen ist und auch das psychedelische Interlude zu gefallen weiß, strahlt das Lied vor allem wegen dieses erhabenen Chorus, der Himmel und Erde zu vertauschen mag. Exzellent vorgetragen, überzeugend arrangiert packt er dich, wirft dich nieder, spaltet deinen Brustkorb, fetzt dein Herz raus, versieht es mit einem Paar Flügel und lässt es fliegen.


12.) Aqualung - Can't Get You Out My Mind, 2002



Was für ein schönes Liebeslied! Eine Ode an die Partnerin, die das lyrische Ich immer wollte. Gefühlvoll bis zum Geht-nicht-mehr. Süß und schnucklig mit seinem hohen Klaviergeklimper und der niedlichen hohen Stimme, die es gerade so schafft, diese Töne zu trällern. Und dennoch erhaben in seiner hohen Kompositionsschule und textlichen Einfacheit. Trotz oder gerade wegen seiner Simplizität würde sicher jeder sich wünschen, dieses Lied singen zu können. Denn wer möchte denn nicht gerne von sich behaupten können sagen zu können
And I'm petrified,
Hypnotized
Everytime you walk by
And I can't get you out of my mind

Und letztendlich feststellen zu dürfen:
I can't believe it's true
that you're here by my side
.
Würde jemand anderes diesen Text singen, würde man das so wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen oder nicht ernst nehmen, egal ob es Jessica Simpson oder Maynard James Keenan von Tool wären. Doch da Herr Matt Hales sich dazu entschieden hat, auch die Produktion zu diesem Titel so authentisch wie möglich zu gestalten - keine großen Effekte, keine Verfremdungen, keine anderen Sänger, überhaupt auch keine gedoppelte Gesangsspur, kommt diese Wirkmacht der Aussage besser zur Geltung. Ja, man nimmt ihm das ab, was er da singt. Dadurch kommt es wahrscheinlich auch, dass man so einen starken persönlichen Bezug zu dem Gesagten aufbauen kann und seine persönliche Flamme darauf projezieren kann.
Ich bleibe bei meiner Feststellung:
Was für ein schönes Liebeslied.
Übrigens: Matt Haines hat seine Co-Songwriterin Kim Oliver zwischen dem ersten Album - dem dieses Lied entnommen ist - und dem zweiten zu seiner Gemahlin gemacht ...


11.) Depeche Mode - Freelove, 2001



Wo wir schon beim Thema Liebe sind: Einen etwas abstrakteren Zugang zu diesem großen Thema wählen die Herren Mode.
Zu sehr entspannender aber nie unspannender musikalischer Untermalung mit einer verschlafenen Gitarre und einer Vielzahl an Samples und Effekten, kann Mr. Gahan von seiner schönen Wahrheit der freien Liebe erzählen. Damit ist natürlich nicht die sexuelle Konnotation angestrebt, sondern eher der spirituelle, zwischenmenschliche Ansatz:
No hidden catch,
no strings attached
just free love.

Ist das nicht wunderschön? Ein Gegenpol zu der "What's in it for me?"-Mentalität, die unser Denken inzwischen fest im Griff hat, sagt das lyrische Ich einfach nur: "Ich weiß nicht was die Wahrheit ist, ich gebe einfach nur Liebe umsonst." Passend zum ausladendem Gestus mit dem sich Dave Gahan live präsentiert, wirkt das hier beinahe wie eine moderne Jesusfigur. Mag sein, dass das idiotisch ist. Mag sein, dass das sarkastisch gemeint ist. Mag sein, dass das pathetisch ist. Mich erwischt das mit voller Breitseite. Es treibt mir wirklich die Tränen in die Augen, wenn ich diese einfache und überwältigende Botschaft höre.
Allerdings muss ich beim Thema DM dazu erwähnen, dass ich mich sonst immer sehr schwer damit tue, diese heldenartige Verehrung, die ihnen seitens der Fans entgegen brandet, nachzuvollziehen. Diese Liebe zu diesem Lied ist definitiv nicht personengebunden. Den Text könnten Mayham singen und ich wäre genau so erschüttert und bewegt. Jedoch verstehen es Depeche Mode hier die Lyrics als Essenz des Songs wahrzunehmen und dementsprechend dem Gesang auch ausreichend Raum zu lassen. Gleichzeitig fungiert die sehr sehr chillige Musik als Unterfütterung. Nicht als Beiwerk sondern als tragendes Element, was sich jedoch nie in Vordergrund drängt.
Ich muss dazu erwähnen, dass als Besprechungsgrundlage, die auch im obigen Video zu hörende Single-Version Pate stand. Zwar ist auch die Album-Variante von ausgesuchter Schönheit, der Flood-Remix (was gleich bedeutend mit Single-Version ist) zeichnet sich jedoch dadurch aus, diesen sowieso schon reduzierten Song noch weiter von allem Effekt-Ballast zu entlasten, zu straffen und zu entschlacken, so dass dieses kompakte Stück Pop bei entsteht, was ich auch so zuerst kennen und lieben gelernt habe.

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