Die wahren Hits der 80er, 90er und von heute
Wie war’s eigentlich damals bei den Pet Shop Boys? Doppelter Einsatz in Berlin. 50% von Nobono besuchten vor gut 2 Wochen endlich ihr hauseigenes Konzert der Pet Shop Boys. Und nicht nur dies. Obendrein gibt es mit den Special Guests Bad Lieutenant noch weitere Legenden im Entertainment-Paket. Ein verspäteter Erlebnisbericht.
Also, man kann ja von den Pet Shop Boys halten was man will. Aber der hoffentlich vorhandenen Leserschaft hier sollte bewusst sein, dass es den Blog Nobono als solchen ohne die Herren Tennant und Lowe nicht geben würde! Der Liebe zu dem britischen Popduo ist es nämlich zu verdanken, dass sich doughnut und rhododendron einst kennen lernten, gemeinsame musikalische Interessen entdeckten und dann irgendwann vor nun mehr fast drei Jahren hier den Laden aufmachten. Ob der Rest Geschichte ist, sei mal dahin gestellt. Umso schöner die Tatsache, dass wir beide es am 05.12. diesne Jahres endlich schafften, mal ein Konzert der Pets zusammen zu erleben. Denn, und das ist ein gerechtfertigter Klischee-Satz, das ausgehende Jahr 2009 war definitiv nach langer Zeit mal wieder ein gutes Jahr für die Boys. Kritiker und Käufer waren sich endlich mal einig und so wurde das Popduo, wohl auch aufgrund eines allgemeinen musikalischen Trends, auch wieder für Menschen unter 30 interessant. Das Konzert in der protzigen o2-World sollte da eine Art schönen Schlusspunkt setzen, wenngleich es lediglich der Auftakt der Wintertour in Deutschland ist. Und als ob das nicht schon ein Anreiz genug wäre, erfüllen uns die Boys noch einen absoluten Wunschtraum und laden als Special Guest nur für dieses eine Konzert Bad Lieutenant ein! Ich meine, lebende Legenden. 50% Nobono trifft 50% Joy Division. Ein gutes Verhältnis! Deshalb haben wir unsere folgenden Einschätzungen auch zweigeteilt.

I. Die Lokalität
rhododendron: Okay, also dass müssen wir ja mal voranstellen. Wir wissen ja, dass Neil und Chris trotz der guten Resonanz von „Yes“ in diesem Jahr keine Massenband sind. Vielleicht waren sie das mal 1989 oder so. Wenn überhaupt. Warum man sich also in einem Protztempel, wie der o2 World in Berlin einmietet, wo sonst nur Coldplay, Metallica und Whitney Housten (fällt mir nur grad ein, weil dafür gestern so exzessiv Werbung gemacht wurde) auftreten, schien den ganzen Abend nicht klar. Irgendeine Marketing-Sache? Proben für die DVD-Aufzeichnung in der o2 Arena in London demnächst? Selbstüberschätzung? Jedenfalls hätten wir beide ja am Anfang gedacht, die bekommen das Teil nicht mal bis zur Hälfte voll, da es noch eine Stunde vor Beginn recht leer war. Doch wir wurden dann recht positiv überrascht, oder?
doughnut: Richtig. Das Ding ist eben: die o2 World ist ziemlich groß. Soweit ich weiß, finden dort an die 17.000 Leute Platz. Man hat nun die Oberränge gar nicht zum Verkauf frei gegebenen, das wäre dann auch wirklich absurd gewesen. Wir waren ja überpünktlich dort und stellten fest, dass der Innenraum auch nach einer halben Stunde nicht voller wurde. Also schon ziemlich lustig, dass bereits vor 19 Uhr einige Fans panisch in die Halle gerannt sind. Wir konnten gemütlich unsere Jacken abgeben, Bier kaufen und waren letztlich doch sehr weit vorn. Als Bad Lieutenant dann loslegten wurde es sichtlich voller. Wenn man sich das ganze nun auf Fotos etc. betrachtet, kann man schon sagen, dass der Innenraum gut gefüllt war. Eigentlich voll, aber eben kein Gedrängel. Man konnte da ganz gut stehen. Im Gegensatz zu einigen Unkenrufen anderswo finde ich, dass auch die Ränge gut gefüllt waren. Lass es an die 10.000 Leute gewesen sein, und es war für die Verhältnisse wirklich ziemlich voll. Dafür gabs ja aber auch wochenlang schöne große Plakatwerbung in Berlin an der o2 World. Insgesamt ganz ordentliche Location und interessant, die PSB mal in einer etwas größeren Halle spielen zu sehen: die Show funktioniert auch dort!
II. Bad Lieutenant
r: Die Tatsache, dass wir es zeitlebens nie auf ein New Order Konzert geschafft haben, schmerzt natürlich sehr. Gerade für Oberfan doughnut. Umso glücklicher waren wir natürlich bei der Bekanntgabe des „Support Acts“ für diesen Abend! Sicher auch, um den Laden noch etwas zu füllen. Bad Lieutenant haben ein okayes Debüt vorgelegt, welches kurzweiligen Gitarrenpop bietet, der irgendwo zwischen New Order und den Doves angesiedelt ist. Aber natürlich ist das nicht der Grund, warum man sich auf einen Auftritt freut. Natürlich ist es auch die Präsenz von Bernard Sumner und Stephen Morris. Ich meine, Stephan Morris, dem Produzent Martin Hannett bei den Aufnahmen des Joy Division Debüts riet, seine Parts auf dem Studiodach einzuspielen, um mehr Kälte zu erzeugen. Und Bernie Sumner, der Ian Curtis kurz vor dessen Tod noch bei sich übernachten ließ, Tony Wilson kannte, die Hacienda mitfinanziert und ruiniert hatte... und wenn diese Band dann „Ceremony“ anstimmt... dann weht einfach die Geschichte unweigerlich mit durch den Raum. Und so freut man sich einfach, endlich mal „Crystal“ und „Tempation“ live zu hören. Letzteres genial zusammengemixt mit dem Chemical Brothers Track „Out Of Control“, welchem Sumner damals bekanntlich seine Stimme lieh. In diesem Moment lässt sich erahnen, wie es vor 20 Jahren in der Hacienda abgegangen sein muss. Fine Time, Baby! Für uns Fans wird ein kleiner Traum war. Leider nur für eine dreiviertel Stunde. Die Band verabschiedet sich standardgemäß mit „Love Will Tear Us Apart“, welches sie sogar Robert Enke widmet. Der Song ist auch nach dreißig Jahren unkaputtbar und bewegend. Nie wahr Peter Hook überflüssiger, als in diesem Moment. Die nächste Bad Lieutenant Tour sollte dann doch Pflicht sein, oder?
d: Die armen Bad Lieutenant! Anfangs mussten sie ja noch unter „Notbeleuchtung“ spielen, später hatte man das technische Problem dann im Griff. Naja, was soll man sagen? Eigentlich wurde ja alles gesagt: a) Peter Hook fehlt halt nicht. Seien wir ehrlich: Während Sumner sich mit seinen Leuten für eineinhalb Jahre zurückgezogen, und ein solides Gitarrenpopalbum aufgenommen hat, kam Hook nur mit pikierenden Worten über Morrissey und der Vergangenheit an sich in die Presse. Sowas nervt – und deswegen kann man es Sumner auch nicht übel nehmen, wenn einen Abend zuvor in Hamburg noch selbstbewusst „we are not New Order“ in die Menge ruft. In der Tat war bei NO zuletzt die Luft raus, doch davon hatte man an diesem Abend nichts mehr gemerkt. Sumner und Co. machten einen frischen und sympathischen Eindruck. Man merkte ihnen an: es macht wieder Spaß! Mit drei Gitarristen auf der Bühne gabs auch nen ordentlichen Sound und man hatte schließlich den Eindruck, dass die sich nach ner dreiviertel Stunde erst warm gespielt hatten. Leider mussten sie sich schon dann verabschieden, aber die passende Tour soll ja im Frühjahr 2010 folgen – und dann ist man sicher wieder dabei, denn was man an diesem Abend geboten bekam war nicht nur die physische Präsenz zweier Legenden, sondern einfach eine gute Liveband mit richtig guten Songs – und dazu zählen auch die neuen wie „Sink or swim“ oder „This is home“. Sehr schöner Auftritt, mit dem man dann auch den NO Gig auf der Wunschliste abhaken kann. Ich mein: Ceremony, Crystal, Out of control UND Temptation! Geht’s noch besser? Wohl kaum…
III. Pet Shop Boys
r: Wenn man die fulminante „Pandemonium“-Show des britischen Popduos bereits im Sommer gesehen hat, so wie wir zwei, dann ist die Wintertour natürlich erstaunlich überraschungsarm. Ich empfehle deshalb auch die Lektüre meiner Leipzig-Rezension im Juni. Die Show bleibt natürlich so toll, wie sie bereits beim ersten Mal war, mit dem schönen Unterschied, dass ich diesmal weiter vorn stand und das Ganze endlich auch mal wirklich sehen konnte. Ansonsten sind die Würfel immer noch das zentrale Element. Sie bauen sich auf, sie stürzen wieder ein, hängen an Schnüren oder werden von den Tänzern als Wurfgeschosse benutzt. Dazu gibt’s jede Menge Kostüme, Hintergrundvideos und Tanzeinlagen. Muss ja auch, da Tennant und Lowe das Gegenkonzept von Rampensäuen sind. Die geben sich weiterhin als gut gekleidete Gentleman des Elektropop und pfeffern fast die exakt gleiche Setlist aus dem Sommer um unsere Ohren, die sich aber nach wie vor sehr gut anhört. Natürlich sind da die Gassenhauer wie „Suburbia“, „It’s A Sin“ und „Always On My Mind“ dabei, die man schon nicht mehr hören kann, aber live durchaus Sinn machen. Auch „Go West“, welches glücklicherweise immer noch über die Beats von „Paninaro“ gelegt wird. Und dann sind da natürlich ein paar Mahsups, sowie das famose Oldschool-Special mit „Two Divided By Zero“ und „Why Don’t We Live Together?“ vom Debütalbum „Please“, welche beweisen, dass die Boys tatsächlich mal richtig cool klangen. Ansonsten gesellen sich das schnittige „New York City Boy“, sowie die Allzweckwaffe „What Have I Done To Deserve This?“ ins Programm. Nett, aber nicht weltbewegend. Glücklicherweise sorgen die Boys mit Musical Conductor Stuart Price immer wieder dafür, dass die Show nicht zu einer totalen Greatest-Hits-Revue verkommt. So gibt es die tolle 80er B-Seite „Do I Have To?“, welche nahtlos in das wunderbare „King’s Cross“ überläuft und zu Tränen rührt. Alles richtig gemacht. Ansonsten die üblichen Songs. Das „Viva La Vida“-Coldplay-Cover funktioniert natürlich in so einer Location außerordentlich gut. Und als kleines vorgezogenes Nikolausgeschenk gibt’s als Zugabe die neue Weihnachtssingle „It Doesn’t Often Snow At Christmas“. Inklusive tanzender Weihnachtsbäume. Mehr Kitsch geht nicht, oder?
d: Was konnte man erwarten im Gegensatz zur Sommer Tour? Neue Songs? Mehr Songs? Gar ein anderes Bühnenbild? Nun, die Veränderungen lagen im Detail. Im Intro „More than a dream (Dub)“ hörte man im Gegensatz zum Sommer nun schon Heart heraus, für „Love etc.“ wählte man ein alternatives Ende (ohne den Textzeilen „I believe / call me naive/ That we can achieve / A love that we need“) und hier und da änderte man eine Synthie Spur. Zu 90% passten diese Veränderungen gut, manchmal klang da aber auch einiges schief. „New York City boy“ beispielsweise wirkte deplatziert, da man „Always on my mind“ vermutete, was aber an der positiven Stimmung nichts änderte. „What habe I done to deserve t his?“ hätte man nicht haben müssen, aber in einer auf „Greatest Hits“ getrimmten Setlist natürlich kein falscher Beitrag. Dusty Springfiel erschien derweil wie in einer Andy Warhol Collage auf großer Leinwand. Absolutes Highlight natürlich der New York-Block und eben der ruhige Part mit den Balladen. Hier und da änderte man auch die Choreografie der Tänzer, doch die Veränderungen lagen insgesamt im Detail. Go West wird mittlerweile nicht mehr als Finale genutzt und kommt im Mittelteil dafür umso besser. Songs wie „Love etc.“ produzieren da mittlerweile mehr Stimmung. Und ja: natürlich sehr kitschiger, aber auch sehr PSB-typischer Abschluss mit dem Christmas Song. Kam sehr gut an und hat mich live ebenso überrascht. Schöne Setlist, überwiegend gute Neuerungen im Detail, die sicher nur dem Fan auffielen!

IV. Stimmung / Fazit
r: Ja, was bleibt am Ende nach diesem Gastspiel der beiden Legenden? Die Stimmung war eher bescheiden, als ob das Publikum mit Handbremse auftrat. Sicher, der Applaus war recht ordentlich und insofern ich das sehen konnte, stand man auf den lichten Rängen am Ende auch mehrheitlich. Während der Songs hätte ich, gerade weiter vorn einfach mehr erwartet. Ich meine, dass sich da kein Moshpit bildet ist klar, vielleicht fehlen den Boys dazu auch die Songs, aber teilweise war das einfach ein zu hoher Schunkelfaktor. Und Neil Tennant ist halt einfach nicht der Typ, der permanent das Publikum anfeuert. Wenn er es allerdings tat, dann ging ein kurzer Ruck durch die Lethargie. Das war’s dann aber auch. Positiv war hingegen die logistische Überschätzung der Location. Dadurch, dass die gerade mal zu 2/3 gefüllt war, gab es wenigstens mal für alle ausreichend Platz. Was man damit anstellt ist dann natürlich jedem selbst überlassen. Das Publikum der Pet Shop Boys ist, Spex-Verehrung hin oder her, einfach mal ein älteres Semester. Immerhin sind Tennant und Lowe ja auch nicht mehr die Jüngsten und das sieht man trotz Kostümen, Hüten und Sonnenbrillen langsam auch. Dennoch bleibt bei mir ständig das Gefühl, dass da stimmungstechnisch noch Platz nach oben ist. Aber da sollte man Realist bleiben. Der tollen Show der Jungs tut dies aber keinen Abbruch. Und gerade durch Bad Lieutenant hat die Show noch einiges dazu gewonnen. Allein dafür hat sich die Anreise gelohnt. Was bleibt also? Die Pet Shop Boys haben ein gutes Jahr und eine gute Live-Show gehabt und ich bin gespannt, was dann in 3 Jahren darauf folgt. Auf das Sommerkonzert hätte ich rückblickend also eher verzichten können. Und Bad Lieutenant? Ja, da muss nun bald mal ’ne Tour folgen. Da sind wir dabei. Herr doughnut, ich rechne mit ihnen.
d: Pandemonium Tour = solide PSB-Tour. Was wurde anders gemacht als 2007 zur Fundamental Tour? Größeres, aufwändigeres Bühnenbild, mehr Kostüme, mehr Songs. Insgesamt gab’s von allem ein wenig mehr. Und mit Price als Sound Director nicht nur mehr, sondern halt auch ein wenig besser. Man hat mehr aus den Songs gemacht und tolle Sachen aus dem Archiv geholt. Man hörte sogar Anleihen von „In the night“ – ob wir sowas nochmal erleben werden? Nun, Price sollte in jedem Fall in drei Jahren für das nächste Album verantwortlich sein, denn er hat aus den Jungs live nochmal einiges rausgeholt. Das Publikum ist sicher ein älteres Semester, aber es gab auch einige jüngere Leute darunter, die sicherlich mit dem musikalischen Trend und mit „Love etc.“ in die Halle gespült wurden. Hätte man „All over the world“ folgen lassen, wäre da eventuell sogar noch mehr Spielraum für eine neue „Fangeneration“. Davon abgesehen hast du natürlich Recht: Für eine Stimmung wie bei Coldplay und Co. fehlen denen halt einfach die Songs. Viele kommen halt dort hin, um in Ruhe die Hits ihrer Jugend Revue passieren zu lassen. Da rastet man halt maximal bei „Always on my mind aus“. Klar, dass dann die jüngeren Fans ein wenig mehr aktiv sind. Fazit: Man hat uns auf der Tour überrascht und es wurde einiges geboten. Alles war ein wenig mehr, ein wenig bunter als in den vergangenen zehn Jahren und wer hätte das schon erwartet. Die Stimmung war okay, die Halle gut gefüllt. Es gibt also nichts zu bemängeln, gerade bei so einen Support wie Bad Lieutenant. Ich meine klar: Den Electronic-Hit „Getting away with it“ hätten sie schon anstimmen können, aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert. In diesem Sinne: bis in zwei oder drei Jahren!
Setlist:
01 More Than A Dream (Intro)
02 Heart
03 Did You See Me Coming?
04 Pandemonium / Can You Forgive Her?
05 Love Etc.
06 Integral/ Building A Wall
07 Go West
08 Two Divided By Zero
09 Why Don't We Live Together?
10 New York City Boy
11 Always On My Mind
12 Closer To Heaven / Left To My Own Devices
13 Do I Have To?
14 King’s Cross
15 The Way It Used To Be
16 Jealousy
17 Suburbia
18 What Have I Done To Deserve This?
19 All Over The World
20 Se A Vida È (That’s The Way Life Is)
20 Domino Dancing/ Viva La Vida
21 It's A Sin
22 Being Boring
23 West End Girls
24 It Doesn’t Often Snow At Christmas
PS: Die Bilder sind eine "Leihgabe" von intro.de...
Also, man kann ja von den Pet Shop Boys halten was man will. Aber der hoffentlich vorhandenen Leserschaft hier sollte bewusst sein, dass es den Blog Nobono als solchen ohne die Herren Tennant und Lowe nicht geben würde! Der Liebe zu dem britischen Popduo ist es nämlich zu verdanken, dass sich doughnut und rhododendron einst kennen lernten, gemeinsame musikalische Interessen entdeckten und dann irgendwann vor nun mehr fast drei Jahren hier den Laden aufmachten. Ob der Rest Geschichte ist, sei mal dahin gestellt. Umso schöner die Tatsache, dass wir beide es am 05.12. diesne Jahres endlich schafften, mal ein Konzert der Pets zusammen zu erleben. Denn, und das ist ein gerechtfertigter Klischee-Satz, das ausgehende Jahr 2009 war definitiv nach langer Zeit mal wieder ein gutes Jahr für die Boys. Kritiker und Käufer waren sich endlich mal einig und so wurde das Popduo, wohl auch aufgrund eines allgemeinen musikalischen Trends, auch wieder für Menschen unter 30 interessant. Das Konzert in der protzigen o2-World sollte da eine Art schönen Schlusspunkt setzen, wenngleich es lediglich der Auftakt der Wintertour in Deutschland ist. Und als ob das nicht schon ein Anreiz genug wäre, erfüllen uns die Boys noch einen absoluten Wunschtraum und laden als Special Guest nur für dieses eine Konzert Bad Lieutenant ein! Ich meine, lebende Legenden. 50% Nobono trifft 50% Joy Division. Ein gutes Verhältnis! Deshalb haben wir unsere folgenden Einschätzungen auch zweigeteilt.

I. Die Lokalität
rhododendron: Okay, also dass müssen wir ja mal voranstellen. Wir wissen ja, dass Neil und Chris trotz der guten Resonanz von „Yes“ in diesem Jahr keine Massenband sind. Vielleicht waren sie das mal 1989 oder so. Wenn überhaupt. Warum man sich also in einem Protztempel, wie der o2 World in Berlin einmietet, wo sonst nur Coldplay, Metallica und Whitney Housten (fällt mir nur grad ein, weil dafür gestern so exzessiv Werbung gemacht wurde) auftreten, schien den ganzen Abend nicht klar. Irgendeine Marketing-Sache? Proben für die DVD-Aufzeichnung in der o2 Arena in London demnächst? Selbstüberschätzung? Jedenfalls hätten wir beide ja am Anfang gedacht, die bekommen das Teil nicht mal bis zur Hälfte voll, da es noch eine Stunde vor Beginn recht leer war. Doch wir wurden dann recht positiv überrascht, oder?
doughnut: Richtig. Das Ding ist eben: die o2 World ist ziemlich groß. Soweit ich weiß, finden dort an die 17.000 Leute Platz. Man hat nun die Oberränge gar nicht zum Verkauf frei gegebenen, das wäre dann auch wirklich absurd gewesen. Wir waren ja überpünktlich dort und stellten fest, dass der Innenraum auch nach einer halben Stunde nicht voller wurde. Also schon ziemlich lustig, dass bereits vor 19 Uhr einige Fans panisch in die Halle gerannt sind. Wir konnten gemütlich unsere Jacken abgeben, Bier kaufen und waren letztlich doch sehr weit vorn. Als Bad Lieutenant dann loslegten wurde es sichtlich voller. Wenn man sich das ganze nun auf Fotos etc. betrachtet, kann man schon sagen, dass der Innenraum gut gefüllt war. Eigentlich voll, aber eben kein Gedrängel. Man konnte da ganz gut stehen. Im Gegensatz zu einigen Unkenrufen anderswo finde ich, dass auch die Ränge gut gefüllt waren. Lass es an die 10.000 Leute gewesen sein, und es war für die Verhältnisse wirklich ziemlich voll. Dafür gabs ja aber auch wochenlang schöne große Plakatwerbung in Berlin an der o2 World. Insgesamt ganz ordentliche Location und interessant, die PSB mal in einer etwas größeren Halle spielen zu sehen: die Show funktioniert auch dort!
II. Bad Lieutenant
r: Die Tatsache, dass wir es zeitlebens nie auf ein New Order Konzert geschafft haben, schmerzt natürlich sehr. Gerade für Oberfan doughnut. Umso glücklicher waren wir natürlich bei der Bekanntgabe des „Support Acts“ für diesen Abend! Sicher auch, um den Laden noch etwas zu füllen. Bad Lieutenant haben ein okayes Debüt vorgelegt, welches kurzweiligen Gitarrenpop bietet, der irgendwo zwischen New Order und den Doves angesiedelt ist. Aber natürlich ist das nicht der Grund, warum man sich auf einen Auftritt freut. Natürlich ist es auch die Präsenz von Bernard Sumner und Stephen Morris. Ich meine, Stephan Morris, dem Produzent Martin Hannett bei den Aufnahmen des Joy Division Debüts riet, seine Parts auf dem Studiodach einzuspielen, um mehr Kälte zu erzeugen. Und Bernie Sumner, der Ian Curtis kurz vor dessen Tod noch bei sich übernachten ließ, Tony Wilson kannte, die Hacienda mitfinanziert und ruiniert hatte... und wenn diese Band dann „Ceremony“ anstimmt... dann weht einfach die Geschichte unweigerlich mit durch den Raum. Und so freut man sich einfach, endlich mal „Crystal“ und „Tempation“ live zu hören. Letzteres genial zusammengemixt mit dem Chemical Brothers Track „Out Of Control“, welchem Sumner damals bekanntlich seine Stimme lieh. In diesem Moment lässt sich erahnen, wie es vor 20 Jahren in der Hacienda abgegangen sein muss. Fine Time, Baby! Für uns Fans wird ein kleiner Traum war. Leider nur für eine dreiviertel Stunde. Die Band verabschiedet sich standardgemäß mit „Love Will Tear Us Apart“, welches sie sogar Robert Enke widmet. Der Song ist auch nach dreißig Jahren unkaputtbar und bewegend. Nie wahr Peter Hook überflüssiger, als in diesem Moment. Die nächste Bad Lieutenant Tour sollte dann doch Pflicht sein, oder?
d: Die armen Bad Lieutenant! Anfangs mussten sie ja noch unter „Notbeleuchtung“ spielen, später hatte man das technische Problem dann im Griff. Naja, was soll man sagen? Eigentlich wurde ja alles gesagt: a) Peter Hook fehlt halt nicht. Seien wir ehrlich: Während Sumner sich mit seinen Leuten für eineinhalb Jahre zurückgezogen, und ein solides Gitarrenpopalbum aufgenommen hat, kam Hook nur mit pikierenden Worten über Morrissey und der Vergangenheit an sich in die Presse. Sowas nervt – und deswegen kann man es Sumner auch nicht übel nehmen, wenn einen Abend zuvor in Hamburg noch selbstbewusst „we are not New Order“ in die Menge ruft. In der Tat war bei NO zuletzt die Luft raus, doch davon hatte man an diesem Abend nichts mehr gemerkt. Sumner und Co. machten einen frischen und sympathischen Eindruck. Man merkte ihnen an: es macht wieder Spaß! Mit drei Gitarristen auf der Bühne gabs auch nen ordentlichen Sound und man hatte schließlich den Eindruck, dass die sich nach ner dreiviertel Stunde erst warm gespielt hatten. Leider mussten sie sich schon dann verabschieden, aber die passende Tour soll ja im Frühjahr 2010 folgen – und dann ist man sicher wieder dabei, denn was man an diesem Abend geboten bekam war nicht nur die physische Präsenz zweier Legenden, sondern einfach eine gute Liveband mit richtig guten Songs – und dazu zählen auch die neuen wie „Sink or swim“ oder „This is home“. Sehr schöner Auftritt, mit dem man dann auch den NO Gig auf der Wunschliste abhaken kann. Ich mein: Ceremony, Crystal, Out of control UND Temptation! Geht’s noch besser? Wohl kaum…
III. Pet Shop Boys
r: Wenn man die fulminante „Pandemonium“-Show des britischen Popduos bereits im Sommer gesehen hat, so wie wir zwei, dann ist die Wintertour natürlich erstaunlich überraschungsarm. Ich empfehle deshalb auch die Lektüre meiner Leipzig-Rezension im Juni. Die Show bleibt natürlich so toll, wie sie bereits beim ersten Mal war, mit dem schönen Unterschied, dass ich diesmal weiter vorn stand und das Ganze endlich auch mal wirklich sehen konnte. Ansonsten sind die Würfel immer noch das zentrale Element. Sie bauen sich auf, sie stürzen wieder ein, hängen an Schnüren oder werden von den Tänzern als Wurfgeschosse benutzt. Dazu gibt’s jede Menge Kostüme, Hintergrundvideos und Tanzeinlagen. Muss ja auch, da Tennant und Lowe das Gegenkonzept von Rampensäuen sind. Die geben sich weiterhin als gut gekleidete Gentleman des Elektropop und pfeffern fast die exakt gleiche Setlist aus dem Sommer um unsere Ohren, die sich aber nach wie vor sehr gut anhört. Natürlich sind da die Gassenhauer wie „Suburbia“, „It’s A Sin“ und „Always On My Mind“ dabei, die man schon nicht mehr hören kann, aber live durchaus Sinn machen. Auch „Go West“, welches glücklicherweise immer noch über die Beats von „Paninaro“ gelegt wird. Und dann sind da natürlich ein paar Mahsups, sowie das famose Oldschool-Special mit „Two Divided By Zero“ und „Why Don’t We Live Together?“ vom Debütalbum „Please“, welche beweisen, dass die Boys tatsächlich mal richtig cool klangen. Ansonsten gesellen sich das schnittige „New York City Boy“, sowie die Allzweckwaffe „What Have I Done To Deserve This?“ ins Programm. Nett, aber nicht weltbewegend. Glücklicherweise sorgen die Boys mit Musical Conductor Stuart Price immer wieder dafür, dass die Show nicht zu einer totalen Greatest-Hits-Revue verkommt. So gibt es die tolle 80er B-Seite „Do I Have To?“, welche nahtlos in das wunderbare „King’s Cross“ überläuft und zu Tränen rührt. Alles richtig gemacht. Ansonsten die üblichen Songs. Das „Viva La Vida“-Coldplay-Cover funktioniert natürlich in so einer Location außerordentlich gut. Und als kleines vorgezogenes Nikolausgeschenk gibt’s als Zugabe die neue Weihnachtssingle „It Doesn’t Often Snow At Christmas“. Inklusive tanzender Weihnachtsbäume. Mehr Kitsch geht nicht, oder?d: Was konnte man erwarten im Gegensatz zur Sommer Tour? Neue Songs? Mehr Songs? Gar ein anderes Bühnenbild? Nun, die Veränderungen lagen im Detail. Im Intro „More than a dream (Dub)“ hörte man im Gegensatz zum Sommer nun schon Heart heraus, für „Love etc.“ wählte man ein alternatives Ende (ohne den Textzeilen „I believe / call me naive/ That we can achieve / A love that we need“) und hier und da änderte man eine Synthie Spur. Zu 90% passten diese Veränderungen gut, manchmal klang da aber auch einiges schief. „New York City boy“ beispielsweise wirkte deplatziert, da man „Always on my mind“ vermutete, was aber an der positiven Stimmung nichts änderte. „What habe I done to deserve t his?“ hätte man nicht haben müssen, aber in einer auf „Greatest Hits“ getrimmten Setlist natürlich kein falscher Beitrag. Dusty Springfiel erschien derweil wie in einer Andy Warhol Collage auf großer Leinwand. Absolutes Highlight natürlich der New York-Block und eben der ruhige Part mit den Balladen. Hier und da änderte man auch die Choreografie der Tänzer, doch die Veränderungen lagen insgesamt im Detail. Go West wird mittlerweile nicht mehr als Finale genutzt und kommt im Mittelteil dafür umso besser. Songs wie „Love etc.“ produzieren da mittlerweile mehr Stimmung. Und ja: natürlich sehr kitschiger, aber auch sehr PSB-typischer Abschluss mit dem Christmas Song. Kam sehr gut an und hat mich live ebenso überrascht. Schöne Setlist, überwiegend gute Neuerungen im Detail, die sicher nur dem Fan auffielen!

IV. Stimmung / Fazit
r: Ja, was bleibt am Ende nach diesem Gastspiel der beiden Legenden? Die Stimmung war eher bescheiden, als ob das Publikum mit Handbremse auftrat. Sicher, der Applaus war recht ordentlich und insofern ich das sehen konnte, stand man auf den lichten Rängen am Ende auch mehrheitlich. Während der Songs hätte ich, gerade weiter vorn einfach mehr erwartet. Ich meine, dass sich da kein Moshpit bildet ist klar, vielleicht fehlen den Boys dazu auch die Songs, aber teilweise war das einfach ein zu hoher Schunkelfaktor. Und Neil Tennant ist halt einfach nicht der Typ, der permanent das Publikum anfeuert. Wenn er es allerdings tat, dann ging ein kurzer Ruck durch die Lethargie. Das war’s dann aber auch. Positiv war hingegen die logistische Überschätzung der Location. Dadurch, dass die gerade mal zu 2/3 gefüllt war, gab es wenigstens mal für alle ausreichend Platz. Was man damit anstellt ist dann natürlich jedem selbst überlassen. Das Publikum der Pet Shop Boys ist, Spex-Verehrung hin oder her, einfach mal ein älteres Semester. Immerhin sind Tennant und Lowe ja auch nicht mehr die Jüngsten und das sieht man trotz Kostümen, Hüten und Sonnenbrillen langsam auch. Dennoch bleibt bei mir ständig das Gefühl, dass da stimmungstechnisch noch Platz nach oben ist. Aber da sollte man Realist bleiben. Der tollen Show der Jungs tut dies aber keinen Abbruch. Und gerade durch Bad Lieutenant hat die Show noch einiges dazu gewonnen. Allein dafür hat sich die Anreise gelohnt. Was bleibt also? Die Pet Shop Boys haben ein gutes Jahr und eine gute Live-Show gehabt und ich bin gespannt, was dann in 3 Jahren darauf folgt. Auf das Sommerkonzert hätte ich rückblickend also eher verzichten können. Und Bad Lieutenant? Ja, da muss nun bald mal ’ne Tour folgen. Da sind wir dabei. Herr doughnut, ich rechne mit ihnen.
d: Pandemonium Tour = solide PSB-Tour. Was wurde anders gemacht als 2007 zur Fundamental Tour? Größeres, aufwändigeres Bühnenbild, mehr Kostüme, mehr Songs. Insgesamt gab’s von allem ein wenig mehr. Und mit Price als Sound Director nicht nur mehr, sondern halt auch ein wenig besser. Man hat mehr aus den Songs gemacht und tolle Sachen aus dem Archiv geholt. Man hörte sogar Anleihen von „In the night“ – ob wir sowas nochmal erleben werden? Nun, Price sollte in jedem Fall in drei Jahren für das nächste Album verantwortlich sein, denn er hat aus den Jungs live nochmal einiges rausgeholt. Das Publikum ist sicher ein älteres Semester, aber es gab auch einige jüngere Leute darunter, die sicherlich mit dem musikalischen Trend und mit „Love etc.“ in die Halle gespült wurden. Hätte man „All over the world“ folgen lassen, wäre da eventuell sogar noch mehr Spielraum für eine neue „Fangeneration“. Davon abgesehen hast du natürlich Recht: Für eine Stimmung wie bei Coldplay und Co. fehlen denen halt einfach die Songs. Viele kommen halt dort hin, um in Ruhe die Hits ihrer Jugend Revue passieren zu lassen. Da rastet man halt maximal bei „Always on my mind aus“. Klar, dass dann die jüngeren Fans ein wenig mehr aktiv sind. Fazit: Man hat uns auf der Tour überrascht und es wurde einiges geboten. Alles war ein wenig mehr, ein wenig bunter als in den vergangenen zehn Jahren und wer hätte das schon erwartet. Die Stimmung war okay, die Halle gut gefüllt. Es gibt also nichts zu bemängeln, gerade bei so einen Support wie Bad Lieutenant. Ich meine klar: Den Electronic-Hit „Getting away with it“ hätten sie schon anstimmen können, aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert. In diesem Sinne: bis in zwei oder drei Jahren!
Setlist:
01 More Than A Dream (Intro)
02 Heart
03 Did You See Me Coming?
04 Pandemonium / Can You Forgive Her?
05 Love Etc.
06 Integral/ Building A Wall
07 Go West
08 Two Divided By Zero
09 Why Don't We Live Together?
10 New York City Boy
11 Always On My Mind
12 Closer To Heaven / Left To My Own Devices
13 Do I Have To?
14 King’s Cross
15 The Way It Used To Be
16 Jealousy
17 Suburbia
18 What Have I Done To Deserve This?
19 All Over The World
20 Se A Vida È (That’s The Way Life Is)
20 Domino Dancing/ Viva La Vida
21 It's A Sin
22 Being Boring
23 West End Girls
24 It Doesn’t Often Snow At Christmas
PS: Die Bilder sind eine "Leihgabe" von intro.de...
rhododendron - 18. Dez, 00:33

Nach vielen Wochen und unzähligen Alben sind wir nun in der Königskategorie angekommen und zwar bei meinen persönlichen Top 10 Alben aus dieser ausgehenden Dekade. Und um das ganze noch etwas dramaturgisch aufzuwerten, gibt’s das ganze jetzt häppchenweise… ich versuche sozusagen jeden Tag einen Platz zu posten und hoffe natürlich, dass ich dies zeitlich auch einigermaßen schaffe. Von vornherein sollte natürlich klar sein, dass jedes dieser zehn Alben ein absoluter Klassiker für mich ist und gerade hier die Anordnung sehr schwierig war. Den Einstieg macht das New Yorker Trio Nada Surf, bei denen sich Fans, Kritiker sowie vermutlich die Band selber, einig darüber sind, dass „Let Go“ aus dem Jahr 2002 das Meisterwerk dieser Band ist. Das Album, dass man nur einmal im Leben macht und bei dem alles stimmt. Und so ist es einfach aus. „Let Go“ ist auch nach über sieben Jahren immer noch eines der schönsten und qualitativ hochwertigsten Alben, welches ich kenne. Nada Surf perfektionieren ihren melodischen Indie-Rock auf wunderbare Art und Weise und vereinen zwölf hochwertige Songs auf einem Album. „Let Go“ ist wirklich ein Album, welches von den tollen Popsongs und Matthew Caws’ wundervoll ehrlichen und auch gefühlvollen Texten lebt und dabei eine ganz eigene Atmosphäre verbreitet, irgendwo zwischen Optimismus und bittersüßer Melancholie. Die rockigen Nummern „The Way You Wear Your Head“, “Hi-Speed Soul” oder das locker-leichte “No Quick Fix” laden zum Mitschunkeln und Tanzen ein. Die Balladen hingegen bewegen auf wunderbare Weise. Sei es die Verneigung vor Dylan’s „Blonde On Blonde“ oder das wunderbar ehrliche „Inside Of Love“, dass in all seinem traurigen Pragmatismus einfach so voller Wahrheit steckt. Und dann wär da noch das epische „Killian’s Red“, sowie der traumhafte Abschluss „Paper Boats“. „Sit on a train, reading a book. Same damn planet every time i look“ resümiert Caws darin. Dabei nimmt der Song einen mit auf die traurig melancholische Zugfahrt, durch eine Welt, der man sich irgendwie gern verweigern möchte. Egal, ob es um die große Liebe geht oder einfach nur die Fruchtfliegen in der Küche… „Let Go“ scheint ein Album mitten aus dem Leben zu sein, um am Ende doch irgendwie über ihm zu stehen. Ich finde keinen einzigen Schwachpunkt, na gut, vielleicht die französische Nummer… aber selbst das ist kein Beinbruch und mindert die Qualität von „Let Go“ in keinster Weise. Ein Album, welches mir über viele Jahre so viel gegeben hat und voller kleiner Wahrheiten ist. Seitdem bewegen sich Nada Surf immer auf angenehmen Niveau und lassen auch gern mal die Brillanz durchblicken, mit der sie Anno 2002 noch ein ganzes Album gefüllt haben. Ach, ist das traumhaft… ich hör’s mir gleich noch mal an.
Alles auf Anfang. Vor dem Stadionrock, vor “Clocks”, “Talk” und “Viva La Vida”, all den Grammys und Gwyneth Palthrow... da war “Parachutes”. Das Alpha in der Gleichung „Coldplay“. Das Album, welches alle Aufhören ließ, obwohl es eigentlich alles andere als laut war. Es war lediglich zur richtigen Zeit am richtigen Ort und besaß die richtigen Songs. Als die Welt zur Jahrtausendwende in Plastepop á la Britney und ’N Sync, sowie in Goldkettchen-Hip-Hop und Nu Metal, sowie diverser anderer 90er-Jahre-Leichen zu versinken drohte, läuteten Coldplay mit „Parachutes“ den Wechsel ein. Während Radiohead sich der Kunst und Oasis dem Kokain widmeten, schuf das Quartett Kunststudenten um den lockigen Chris Martin kleine, große Popsongs, die vor allem eines waren: Gefühlsecht, eingängig und emotional authentisch. Gut eben… durch und durch. Und so horchte die Welt auf, weil die Welt einen Hauch Ehrlichkeit nötig hatte. Und das mein ich nicht nur auf globaler Ebene, denn selbst mich haben Coldplay damit gerettet. Als ich das erste Mal „Trouble“ hörte, öffnete sich vor meinem musikalischen Auge bzw. Ohr eine komplett neue Welt, welche ich in der Form nicht kannte. So sorgten Coldplay dafür, dass ich ganz persönlich eine neue Stufe in meinem Musikkonsum erklomm und mich von da an wirklich abseits von dem bewegte, was die Mitschüler damals so toll fanden. „Parachutes“ war der Startschuss für mich und sicher auch für viele andere. Die Brillanz der Songs bleibt unbestritten, da könnnen sich damals weder Bono noch P. Diddy irren. Der wunderbar leichte Schmerz, der das Album durchweht, seien es die düsteren Momente wie „Spies“ oder die romantischen wie „Sparks“ oder „We Never Change“. Und mit „Shiver“ oder „Everything’s Not Lost“ empfiehlt man sich bereits auf diesem Album für die großen Hymnen der Zukunft. Doch noch hält sich das alles in Grenzen. „Parachutes“ ist ein wunderbar ehrliches und smiples Album voller kleiner Songperlen, deren Emotionen man in jeder Minute abkauft. Eine ganze eigene, heimische Atmosphäre, die so gar nichts mit all dem zu tun hat, was Coldplay in den nächsten Jahren machen sollten. Vielleicht sind deshalb auch viele alte Fans bereits nach dem Debüt angesprungen. Ein leises, fast schon schüchternes Ausrufezeichen einer Band, von der man damals nur erahnen konnte, zu was sie noch alles fähig ist, wenn man sie lässt. Ein ganz persönlicher lebensrettender Fallschirm, der in den vergangenen fast zehn Jahren nichts von seiner Einzigartigkeit verloren hat.
Es gab die Death Cab vor “Plans”, die Erwartungen schürten und dann die Death Cab nach „Plans“, die seit dem irgendwie nicht wissen wohin sie wollen. Und dazwischen gibt es halt „Plans“, das Album von dem ich mir noch nicht ganz getraue zu sagen, es zeige die Band auf ihrem Zenit, wenngleich es allerdings immer stärker danach aussieht. Bleiben wir beim bisher stärksten Album des Quartetts aus Seattle. Nachdem man sich vorher von album zu Album gesteigert hatte, erreicht die Band um Ben Gibbard auf „Plans“ einen qualitativen Level auf dem ihrem melancholischen Indie Pop scheinbar alles gelingen kann. Keine Schwachstellen. All Killer, No Filler. Vom ersten Moment an, als die Keyboardflächen von “Marching Bands Of Manhatten“ einen willkommen heißen, nimmt einen dieses Album mit auf eine spannende Reise voller kleiner, großer Gitarrenkunstwerke. Dabei lässt man das Stürmische und Rauhe vergangener Death-Cab-Tage ein wenig hinter sich und zeigt sich auf „Plans“ von der ganz gefühlvollen und weichen Seite, was an sich ja nicht vekehrt ist. So gibt es hier wunderbare Liebeslieder, wie das fröhlich-beschwingte „Soul Meets Body“ oder die Understatement-Hymne „Your Heart Is An Empty Room“. Und es wird auch traurig, wie „Summer Skin“, auf dem Gibbard das Ende einer Liebe besingt oder in „Someday You Will Be Loved“, in welchem er der Verflossenen alles Gute wünscht. Egal, ob die melancholische Schwere der „Brothers On A Hotel Bed“ oder das rein akustische Liebesbekenntnis „I Will Follow You Into The Dark“… die Band gibt sich vielfältig und dabei immer sehr bewegend. Dazu besitzt „Plans“ auch einen ganz eigenen Klang mit seinen warmen Keyboardflächen, den weichen Gitarren, sowie dem prägnanten Piano. Ein Klang, den man zwar in Ansätzen auch auf allen anderen Death Cab For Cutie Platten findet, jedoch niemals so perfektioniert und gut produziert, wie an dieser Stelle. So versprüht „Plans“ unglaublich viel Herzlichkeit und Geborgenheit von der ersten bis zur letzten Note. Das hat sie jedenfalls stets wann immer ich sie gehört habe. Wunderbar intelligente Gitarrenpopsongs, welche die Band musikalisch noch einmal ordentlich nach vorn bringen und ganz neue Seiten zeigt. Dass man im Zuge dieses Albums auch noch mal einen ordentlichen Popularitätsschub genossen hat, erstaunt eigentlich auch nicht wirklich. O.C. California hin oder her. „Plans“ bleibt das stille Meisterwerk dieser Band, an dem sich nun halt leider mal alle zukünftigen Alben messen lassen müssen. Aber da ist der offen noch lang nicht aus. Da bleibe ich, ganz im Sinne des Albums und trotz Twilight-Soundtrack, ein grenzenloser Optimist.
So, nach all der Melancholie hier muss auch mal wieder Platz für zünftige Gitarren, flotte Bassläufe und etwas Rock’n Roll in der Disko sein. Natürlich hat die Indie-Welle zu Mitte des Jahrzehnts in England einige feiste Bands ans Tageslicht gespühlt, die alle auf ihre Weise begeistern konnten. Und darunter befinden sich definitiv die besten Debüts dieses Jahrzehnts. Doch eine Band sticht mit einem Album deutlich heraus und kann, wenn es nach mir geht, sogar die Konkurrenz von Maximo Park, Franz Ferdinand und Arctic Monkeys spielend hinter sich lassen. Das Debütalbum „No Love Lost“, der Rifles aus London ist eines der besten Debüts der vergangenen zehn Jahre, welches vor allem deshalb beeindruckend ist, weil es ausnahmslos zwölf Songs serviert, die alle für sich astreine Hits sind. Ich weiß, den Satz sagt man öfters, aber hier stimmt das… wirklich! Du kannst jeden Song nehmen, vom Opener „She’s Got Standards“ über den „Hometown Blues“, bis hin zu den eigentlichen Singles „Peace & Quiet“ oder „Repeated Offender“… jeder Song ist ein lupenreines Lehrstück dafür, wie ein Gitarrenpopsong in dreieinhalb Minuten zu funktionieren hat. Strophe, Chorus, Strophe, Chorus, Bridge, Chorus… und das klappt auch, weil es astrein produziert und auf den Punkt gebracht ist und das Quartett aus London akribisch genau darauf achtet, dass man auch schön jeden Refrain mitsingen kann. Am besten gleich mehrstimmig aufnehmen, damit gleich jeder den Mitgröhlrefrain checkt. Und dazu noch ein paar lebensnahe, etwas bissige Texte genommen über Themen, die einen als junge Gitarrenband halt so interessieren. Sei es der eigene Hype, das Pro und Contra von One Night Stands, der Wunsch nach Ruhe, der lokale Looser im Pub oder das mulmige Gefühl, welches einen beschleicht, wenn man nach langer Zeit mal wieder in seiner Heimat aufschlägt… kennt man, liebt man, singt man bedingungslos auch nach ein paar Bier noch mit. The Rifles sind die stereotypischen britischen Working Class Heroes, die auf ihrem Debüt all das verkörpern, was man an der Gitarrenpopmusik dieses Landes so gut findet oder eben nicht. Sogar die Balladen bekommt man hin. Selten klang eine Liebeserklärung so aufrichtig, wie in „Spend A Lifetime“. Und die Gesellschaftskritik in „Narrow Minded Social Club“ ist auch wundervoll. Und lässt sich trotzdem mitgröhlen. Ja, selbst der Hidden Track „Fat Cat“ hat’s faustdick hinter den Ohren. Auf „No Love Lost“ stimmt alles. Form, Inhalt und Attitüde verschmelzen zu einem kurzweiligen und unwiderstehlichen Gitarrenpopmix, der es geschafft hat, mir mehrere Sommer zu versüßen. Und fragen sie bitte auch den doughnut, der hier im Blog rumgeistert. Der vermutlich größte Rifles-Fan dieses Landes. Auch nach über drei Jahren hat „No Love Lost“ nichts von dieser Energie, diesem Lebensgefühl verloren, welches damals, 2006, so faszinierte. Die Band wird von nun an gegen ihre eigene Messlatte ankämpfen müssen. Das tut sie bisher aber mit Bravur. Good lads!
Halleluhja! Im Gegensatz zur Konkurrenz benötigte das Künstlerkollektiv Arcade Fire aus Kanada gerade mal zwei Alben, um die Musikwelt in Ehrfurcht zu erschüttern und alle für sich zu begeistern. Von der Spex bis zur Süddeutschen, von Bono bis Bowie. Alle sind sich einig! Kaum eine Band wird von Kollegen, wie Fans gleichermaßen hoch gelobt wie die Band um Win Buttler und Régine Chassagne. Man ist fast schon gewillt bewusst, nach Fehlern zu suchen. Nach dem Haar in der Suppe. Doch einmal „Neon Bible“ gehört, bleibt mir am Ende nichts anderes als im Staub zu knien und Buße zu tun. Die Band schafft das fast Unmögliche. Das ohnehin schon geniale Debüt „Funeral“ wird mit „Neon Bible“ fast noch übertrumpft. Ein Triumphzug sondergleichen. Und sobald das nervöse Brodeln des Openers „Black Mirror“ beginnt, ist man gefangen in dieser fantastischen, hymnischen Welt. Wobei es dabei nicht mal eine Fantasiewelt ist, sondern unsere Welt. Jeder Song, um in der Bibelsprache zu bleiben, eine Offenbarung für sich. Von den todtraurigen Balladen „Ocean of Noise“ oder „Windowsill“, bis hin zu diesen unglaublichen Hymnen wie „No Cars Go“ oder „Intervention“, die alles auffahren, was man auffahren kann. Orchester, Chöre und eine hauseigene Kirchenorgel. Alles andere wäre zu mickrig. Es ist der größte Verdienst von Arcade Fire, dass sie neben den Standard-Instrumentenrepertoire einer Indieband auch spielend leicht alles Andere, von der Flöte, über Harfen, bis hin zu Cello und Drehorgel in ihrer Musik benutzen und damit ihren Songs die Größe verleihen, die ihnen auch zusteht. Überhaupt halten Arcade Fire nix von der Einfachheit anderer Künstler. Der beste Beweis dafür, dass Popmusik und große Produktion auch abseits von Klischees und Schwulst funktionieren kann. Diese Musik will groß sein, sie will episch und hymnenhaft sein, verliert dabei aber nie ihre Intensität und ihr Gefühl. Und weil all diese Elemente so gut passen, kann ich als Freund guter Musik auch nicht anders, als diese Band zu lieben. Arcade Fire verpacken ihre Songs über die Probleme dieser Welt und die Probleme eines jeden einzelnen in große, verzweifelte, aber doch auch irgendwie trostspendende Popmomente. „Windowsill“ wünscht sich all den Mist, den man täglich vom Fenstersims aus sieht weg und „No Cars Go“ wünscht sich in eine mit Pauken und Chören durchsetzte Traumwelt. Oder vielleicht sogar in den Tod als Erslösung selber? Selten war Suizid so schön verpackt. „Set My Spirit Free“ fleht Buttler im famosen Abschlusssong „My Body Is A Cage“, begleitet von der ganzen Band und ihrer Orgel. Ein Flehen nach einer besseren Welt. Eine Band, die politischer ist, als man ihr immer zutraut. Am Ende bleibt einfach dieses Gefühl der Überwältigung. Man ist Zeuge wunderbarer Musik geworden, die im Idealfall natürlich lebensrettend ist. „Neon Bible“ ist bereits jetzt ein moderner Klassiker, der Lust auf mehr macht. Und eigentlich wär ein neues Album 2010 ja fällig, liebes Spielhallenfeuer. Auf das du noch eine Weile weiter lodern wirst!
Darf’s etwas mehr sein? Wenn eine Band ihren Sound gern etwas größer gestalten will, ist der schottische Produzent Jacknife Lee meist eine gute Adresse. Immerhin ging der bei U2 in die Schule. Und nachdem das Debüt „The Back Room“ von den Editors bereits 2005 immer wieder nach der großen Bühne schrie, bekam der Nachfolge gleich die volle Dröhnung. Mehr Gitarren, mehr Pomp, mehr Soundwände… Mehr! Mehr!! Mehr!!! Es scheint so, als bekommt die Band auf “An End Has A Start” endlich den Sound, der ihnen gebührt. Ein Sound der nach der großen Bühne schreit. Die ganz großen Gesten, die der schlacksige Frontmann Tom Smith ja auch gern auf der Bühne bis zum Exzess lebt, in XXL. Und natürlich die wunderbaren Texte über Tod, Vergänglichkeit und all die düsteren Themen unserer Existenz. Das spricht mich und meine immer gern wiederkehrende Teenage Angst an. Also ist das Zweitwerk der Editors das ganz große Leiden mit zirpenden Gitarren und wuchtigem Schlagzeug. Der Opener „Smokers Outside The Hospital Doors“ breitet bereits seine Arme gaaaanz weit aus um wirklich alle in der Stadt willkommen zu heißen. Und mit „An End Has A Start“, „Bones“ oder „The Racing Rats“ hat man auch wieder die unwiderstehlichen Indie-Disco-Hits dabei, welche Jacknife Lee diesmal noch stärker auf Tanzen getrimmt hat. Doch dann ist da noch der Rest. Die unglaubliche Dringlichkeit dieses Hammerriffs von „Escape The Nest“, das Flehen nach Flucht in seinem Aufbau und in der Stimme von Tom Smith. Ja, ich fliehe mit, Tom! Lenk den Fluchtwagen! Und dazu so düstere Liebeslieder wie das epische „The Weight Of The World“. „Love replaces fear“ singt Smith da. Und in dem Moment als er dies in dem Song tut, flutet ein warmes Licht den Raum und erfüllt alles und jeden. Schlagzeug, Gitarre, Bass und Klavier drücken jeden Song in seinem Ausdruck nach vorn. Diese Musik will sich nicht verstecken, sie will raus und gehört werden. Vermutlich rastet Smith deshalb gern mal so auf der Bühne aus. Dieser dürre Mann mit dem Lockenkopf und der markanten Stimme. Hier schreit er alles heraus. Seine Angst, seinen Frust, seine Zweifel! Unüberhörbar! Vielleicht übertreiben es Band und Produzent an manchen Stellen auch ein wenig, denn teilweise wirkt „An End Has A Start“ richtig dick aufgetragen. Doch das verzeih ich ihnen gern. Selbst wenn das neue Album dieses noch mal durch eindrucksvolle musikalische Neuausrichtung in den Schatten stellt… das zweite Album der Editors bleibt ein persönlicher Meilenstein in meiner musikalischen Hörentwicklung. Ein Album, das damals, wie heute unglaublich wichtig war und geholfen hat, diese Band als eine meiner Top-Bands für alle Zeit zu etablieren, obwohl es sie noch gar nicht so lang gibt. Toppen kann dies nur das Debüt und das findet sich, welch Überraschungen, in der Top 10, welcher uns wir nun in nächster Zeit feierlich zuwenden werden.
Die Vorfreude ist groß, als sich im altehrwürdigen Admiralspalast die glücklichen Teilnehmer warmstehen, die beim extrem schnellen Ticketkauf das nötige Glück hatten. Oder einfach bei Ebay das nötige Kleingeld. Da ein Muse-Konzert im Sitzen einfach wenig Sinn macht und sich diese Chance wohl so schnell nicht wieder ergibt, musste ich natürlich nach vorn Richtung Mosh-Zone. Ein Glück, wir hatten Stehplätze! Gegen 21.15 Uhr ging es dann los. Ohne viel Tamtam und Show. Muse betreten die Bühne unter tobendem Beifall, schnappen sich ihre Instrumente und beginnen das Set mit dem Album-Opener und der aktuellen Single „Uprising.“ Live gewinnt die eher mittelprächtige Nummer noch ein wenig an Schwung und funktioniert als Opener recht gut. Doch natürlich ist der geneigte Fan vor allem wegen der Hits hier. Logisch, denn die neuen Songs sitzen ja noch nicht wirklich. Davon gibt es, mit „Uprising“ insgesamt fünf, die dazu aufrufen, dem neuen Album doch noch eine Chance zu geben. Der Titeltrack ist Muse-Standard während „United States Of Eurasia“ wie eine verschollene Queen-B-Seite aus den 70ern klingt. „Undisclosed Desires“ kommt ohne Gitarren, dafür mit Timbaland-Beat aus und das wirkt schon mal sehr interessant und groovy. Zumal sich Matt Bellamy dafür wieder einen schicken Spezial-Umhänge-Synthie hat zimmern lassen. So viel Prunk muss bitte schön sein. Dann gab es noch „Unnatural Selection“ zu hören, welcher unglaublich lang und facettenreich zu sein scheint. Stellenweise kam da sogar anständiges Metal-Feeling auf. Na ja, vielseitig scheint der musikalische Widerstand von Muse ja zu werden.
Der Rest des Sets beschränkt sich auf die bekanntesten Singles aus den vergangenen 10 Jahren. Muse wiegen sich auf der sicheren Seite, was angesichts der enormen Anzahl an Hits auch nicht so verkehrt ist. Immerhin hat die Band (noch) den entscheidenden Vorteil, dass meisten Singles, vielleicht mal mit Ausnahme von „Starlight“ nicht im Radio totgespielt werden. Und vielleicht sind sie deshalb auch die größte Alternative-Rockband der Welt, eben weil der erste Namenszusatz sogar noch halbwegs ernstzunehmen ist. Unkaputtbar sind die Songs allemal. Der lässige Funk von „Supermassive Black Hole“, der gewaltsame Ausbruch von „New Born“ oder das wüste Chaos mitsamt Flehen, das „Stockholm Syndrome“ so wunderbar macht. Und für die ganzen alten Fans gibt’s sogar „Cave“ von besagtem Debüt. Das scheint dann aber doch bei der Masse eher unbekannt zu sein. Passiert den besten Bands. Das Publikum mobilisiert sich vorn relativ schnell, wenngleich es keinen sofortigen, kollektiven Komplettausbruch gibt, wie ich ihn damals beim 2006er Konzert in Berlin so beeindruckend fand. Da waren sicher auch einige gut betuchte Schaulustige am Start, besonders weiter hinten. Aber es wird sie halt immer geben… Leute, die sich nicht bewegen oder irgendwelche Tusen aus der Medienbranche, die sicher der Meinung sind, es ist wesentlich ökonomischer das komplette Konzert mit der popligen Digicam zu filmen. Was ist schon real er- und gelebte Musik, wenn man sie zuhause auf verwackelten Kamerabildern sehen kann? Ja, manchmal macht die Welt eben wenig Sinn. Kein Wunder, dass Muse sich da gern mal ins Weltall flüchten. Aber die lassen sich, genauso wie die Mehrheit, den Spass nicht nehmen. Die Band ist gut drauf. Die sind halt Entertainmentprofis. Da wirken selbst die Jams einstudiert. Das Cover von Hut Butters „Popcorn“ ist dann auch noch eine recht lustige Sache. Leider ist der Sound, zumindest vorn ziemlich grottig, so dass man eigentlich keine der spärlichen Publikumsansagen versteht. Die gehen sowieso alle im Jubelschrei unter. Diese Schreie werden immer lauter, genauso wie das Publikum am Ende nach den ersten 13 Songs nach mehr dürstet. Als die Band dann den zweiteiligen Zugabenblock mit „Plug-In Baby“ beginnt gibt es vorn kein Halten mehr. Niemand bekommt Mitgrölhymnen so stilsicher hin, wie die Boys aus Teignmouth. Da wirkt sogar das Pogen unglaublich angenehm und harmonisch. Warum bekommen das andere Bands nie so in der Form hin. Zum famosen Abschluss greift Bassist Chris dann noch zur Mundharmonika und spielt uns das Lied vom Tod. Ein Gänsehaut-Intro, dem natürlich nur ein Lied folgen kann… „Knights Of Cydonia“… das Meisterstück vom letzten Album. Eine fast siebenminütige Orgie irgendwo zwischen Disco, Prog und Italo-Western. Und als Stadionhymne funktioniert das Teil dann auch noch nach dem x-ten Bier. „No One’s Gonna Take Me Alive!“ Hier werden keine Gefangenen gemacht. Der Höhepunkt! Wie immer, muss man ja meist sagen. 
Erster Anlaufpunkt des Wochenendes war Get Well Soon. Seit dem Erscheinen Anfang 2008 ist der Wahl-Münchner Konstantin Gropper mit seinem Projekt fast ununterbrochen on the road, wie man so schön neudeutsch sagt. An ihrer Kraft und Intensität haben diese Songs aber nach wie vor nichts verloren. Noch immer ist „I Sold My Hands For Foot, So Please Feet Me“ ein unglaubliches Monster von Song. Höchste Zeit, dass ich mir das Album nochmal anhöre. Ansonsten ist die Show aber relativ unverändert gegenüber 2008 und da es keine neuen Songs gab, darf man gespannt sein, was denn Album Nummer Zwei, wann auch immer es kommt, zu bieten haben wird. Bei den Wombats freu ich mich darauf nicht wirklich. Die spielten im Anschluss ihren very british Indie-Poprock von der Stange und da grad nichts anderes lief, schaute ich halt mal hin. Und an ihrer Überflüssigkeit haben die aus meiner Sicht auch nach wie vor nichts verloren. Das Debüt, dessen seltsamer Name mir gerade entfallen war, bot außer den recht ordentlichen Hitsingles kaum Weiterhörenswertes. Und die neuen Songs… Gut, die konnte ich als solche nicht identifizieren, aber na ja. Der Mehrheit im Publikum hat’s gefallen und das ist ja auch okay. Aus den Ohren aus dem Sinn. Ich möchte ja nicht sagen, dass dies bei Wilco im Anschluss ähnlich war. Aber die waren mir vorher nur vom Hörensagen ein Begriff. Und von der Tatsache, dass sie im Altherren-Musikjournalismus des Rolling Stone Magazins immer hochgelobt werden. Hmm, ob dies ein gutes Kriterium ist? An sich aber ein solides Set, welches die Band aus Chicago abliefert. Und angesichts der Wombats und der ewig gleichen Mainstream-Rock-Beschallung durch die Hosen, Ärzte oder Beatsteaks auf dem Zeltplatz war dieser ur-blusige US-Folkrock (darf man das so beschreiben, liebe Wilco-Fans?) eine gelungene Abwechslung. Gute Band! Doch natürlich dienten Wilco nur dazu, sich einen guten Platz zu sichern. Von diesem konnte man sich anschließend das Heimspiel des Erfurters Clueso mit samt Band anschauen. Und das war mal richtig überraschend. Überraschend gut nämlich. Schon beeindruckend, welch erstaunliche Entwicklung dieser kleine Lausbub in den letzten Jahren genommen hat. Vom kleinen Hip Hopper hin zu einem der interessantesten und sympathischsten Popstars des Landes, dessen musikalisches Spektrum mittlerweile recht vielseitig angelegt ist. 
Sheffield scheinen angesichts des neuen Albums „Humbug“ wirklich ein wenig reifer geworden zu sein. So begnügt man sich an diesem Abend nicht damit, dem Publikum zu geben, was es haben möchte. Die Songs des kultigen Debütalbums kann man an ein paar Fingern abzählen. Das totgespielte „I bet you look good on the dancefloor“ wird widerwillig gespielt, aber auf “When the Sun goes down” wird bspw. komplett verzichtet. Interessant. Dafür gibt’s zu großen Teilen die etwas ruhigeren und verworrenen Songs des neuen Albums „Humbug“. Großes Tennis, das beweist, dass die Band mehr drauf hat als Wombats-ähnliche Disco-Songs zu schreiben. Die Ambitionen des Quartetts kommen weiter hinten nicht so sehr an, aber vorn ist der Applaus größer. Ich persönlich freue mich über persönliche Favouriten, wie „If you were there, beware“ vom letzten Album und so viel Mut. Wortkarg waren sie schon immer. Das ist okay. Und auf jeden Fall macht es immer noch Spass, „Humbug“ zu hören und dabei die Songs zu entdecken. Ein mehr als gelungener erster Tag ging deshalb zu Ende. Und ich war dann sogar so uncool, dass ich am Partyzelt und dem x-ten Mal „Hello Joe“ vorbei ging um mich direkt ohne Los Richtung eigenes Zelt zu begeben.
Rock gefolgt von deutschem Indierock? Im Anschluss standen nämlich die unverwechselbaren Tomte auf dem Spielplan, zu denen ich in den letzten Jahren eine innige Liebe entwickelt habe. Zum einen, weil sie ganz wunderbare Popsongs in unpeinlicher deutscher Sprache schreiben und zum anderen, weil Bandleader Thees Uhlmann einfach so’n Vollsympath ist. Auch an diesem Tag. Das Set beginnt mit einem kurzen Akustik-Cover von „Human“ von den Killers (!) und mündet dann gleich in die famose „Schönheit der Chance“. „Alles real, nix fake!“ propagandiert Uhlmann. Danach spielen Tomte ein solides Set aus ihren größten Hits, bei dem das Publikum gut mitgeht und mitsingt. Ach, und einen Flashmob gab’s. Ist aus dem eigentlich was geworden? Ich hab mitgemacht, mich trifft keine Schuld. Und ganz nebenbei gibt sich Uhlmann, der „Godfather of german Indie-Rock“ (O-Ton: Ich) als Anekdotenerzähler, der von nächtlichen Badeunfällen berichtet und gegen die NPD wettert. Hinter mir schreien einige „Langeweilig!“, aber so isser halt. Eine Figur, an der sich die Geister scheitern. Ein toller, leider zu kurzer Auftritt der Band. Die Überpünktlichkeit brachte mich aber dazu endlich mal einen Abstecher drüben ins Zelt zu wagen, wo ich dann noch die ersten Songs von Metric mitbekommen sollte. Die Band um die extrem attraktive und extrem talentierte Emily Haines spielte vor vollem Haus bzw. Zelt und schien, wie ich mir später sagen lies, das Publikum gut im Griff zu haben. Mir war’s dann leider etwas zu voll und ich entschloss mich wieder Frischluft zu schnappen, um einen lauschigen Sonnenuntergang am See zu genießen. Die Musik dazu lieferten Vampire Weekend, die mir mit ihrem selbst betitelten Debüt mein persönliches Sommeralbum für 2008 bescherten. Was gibt es also mehr, als die Kombination Sonne und Vampire Weekend auch an diesem Abend zu genießen? Gespielt wurden alle relevanten Hits des Debüts und schon einige sehr vielversprechende Vorboten des Nachfolgers. Das Publikum wurde im Verlauf der Performance zusehens munterer und interessierter, wenngleich man natürlich primär auf den Mini-Hit „A-Punk“ wartete. Aber auch „Blake’s Got A New Face“ funktionierte ganz gut. Ein sehr stimmungsvoller, kurzweiliger Auftritt. Danach war allerdings die Sonne untergegangen und die Party sollte richtig losgehen. Dafür eignet sich Deutschlands landeseigner Punkrock-Stimmungsmacher Farin Urlaub natürlich bestens. Dieser enterte kurz nach halb 9 mitsamt seinem Racing Team die Hauptbühne und wurde da wärmstens empfangen. Die Masse des Publikums ist bei einem Farin Urlaub Gig mittlerweile eh ähnlich dem eines Ärzte-Auftritts. Kaum ein Ärzte-Fan, der nicht auch Farins Solo-Zeug mag. Umgedreht gibt es das sowieso nicht. Immerhin gehen auch die größten Ärzte-Hits auf das Konto von Jan Fedder aka Herr Urlaub. Und einen großen musikalischen Unterschied zu seinen Solo-Sachen kann ich auch nicht ausmachen. Das bleiben schmissige, eingängige und ungefährliche Poppunk-Songs, wenngleich der Bläseranteil bei den Solosachen größer ist. Textlich widmet sich Urlaub ebenfalls den begehrten Themen Liebe/ Gesellschaft und Schwachsinn. Vielleicht ne Spur ernster, das macht vielleicht das Alter. Kein Wunder dass dieser blonde 45jährige Berliner mit den nie langweilig werdenden „Teen Angst“-Themen nach wie vor eine breite Altersschicht anspricht. Als die Band mit Spielen beginnt, geht ordentlich die Post ab. Vielleicht etwas zu sehr. Ärzte-Fans moshen halt gern. Vielleicht etwas zu viel für meinen Geschmack und vielleicht auch für den von Herrn Urlaub, der das Konzert kurz unterbricht um das Publikum zum Friedlichsein zu animieren. Sehr löblich! Is mir dennoch etwas zu viel Kampf und zu wenig Konzert, also geh ich ein wenig weiter hinten. Da ist die Stimmung auch gut, aber man kann noch atmen und bekommt nicht die schwitzenden Körper irgend welcher halbnackter Farin-Fans hautnahe zu spüren. Das Racing Team spielt einen fulminanten Auftritt und macht Spass, auch wenn es mir als Laie schwer fällt, da was auseinander zuhalten. Dennoch gute Arbeit, doch mich zog es noch kurz rüber ins Zelt um da noch ein paar Songs der viel umjubelten Maccabees mitzubekommen. Bisher waren die mir nämlich bis auf den Namen relativ fremd, muss ich sagen. Hört sich nach nettem Indierock an. Sänger Orlando Weeks trifft in etwa die Stimmlage eines Win Butler (Arcade Fire) und hat die Gitarre soweit oben hängen, dass man ihm fast Bela B. auf den Hals hetzen möchte. War irgendwie nett, aber nicht sonderlich spektakulär. Müsste man vielleicht noch mal reinhören. Danach war ich allerdings definitiv bereit für eine Pause, am besten in Form eines guten Dresdner Handbrotes. Yammi! Also entspannte ich ein wenig im Coca Cola Soundwave Tent (immer noch furchtbarster Name der Welt) während der Umbaupause. Draußen spielten The Offspring, die ich mir aber erspaarte. Vor zehn Jahren wäre ich da vielleicht hingegangen, aber heutzutage gibt mir das nix mehr. Während die anderen also noch in nostalgischen Erinnerungen schwebten, genoss ich die kurze Erholung, um dann im Zelt mal kurz aus der Lethargie gerissen zu werden. Und wie! Die letzte Band des Abends sollten da nämlich die wunderbaren Baddies sein. Ich meine, im Prinzip ist diese ganze Indie-New-Wave-Rock-Welle aus England ja seit einiger Zeit tot und ich persönlich bin all dieser Franz-Ferdinand-Klone langsam überdrüssig. Aber an diesem Abend kommt diese Band auf die Bühne spielt innerhalb einer Stunde ein famoses Set aus kantigen, schroffen Post-Punk-Songs, die gleichzeitig schroff, wie druckvoll, wütend wie eingängig sind. Keine Ahnung, wie es diese Band geschafft hat, aber für einige Momente fühlte es sich an, als sei dies die Entdeckung des nächsten großen Dings! Und dabei meine ich die Joy-Division-Größenordnung! Das relativiert sich natürlich im Laufe des Auftritts wieder, aber in diesem Moment war ich vollkommen überwältig von ihrem energetischen punktgenauen Rock und dem Auftritt der Band. Die sahen zwar alle aus wie Versicherungsvertreter, legten sich aber ordentlich ins Zeug. Besonders Lead-Sänger Michael Webster, welcher den zappelnden Gitarrenroboter gibt und eine mit durchstechenden Blick ins Mikro schreit. Nach all dem Mainstream-Rock des Festivals oder auch all dem Elektro-Kram, den ich zuletzt auf dem MELT! gehört hatte, war diese Band irgendwie erfrischend für meine Ohren und Beine. Schroff, aber schön und mit ansprechender Direktheit. Ob sich das auch auf der bald erscheinenden Debütplatte „Do The Job“ so gibt, bleibt abzuwarten, aber an diesem Abend waren die Baddies für knapp 60 Minuten für mich die wichtigste und beste Band der Welt! Und das ist ein Gefühl, an das ich mich gern zurückerinnere. Damit hat auch dieser Festivaltag einen gebührenden Abschluss gefunden. Die Baddies bedanken sich dafür, dass ihre Zuschauer sich neuer Musik öffnen, was natürlich einen schönen Kontrast du den draußen aufspielenden Faith No More darstellt. Die Band hatte ihren musikalischen Zenit sowieso schon hinter sich gelassen, als ich angefangen habe, aktiv Musik zu hören. Ist zwar schön, dass die sich damals 1998, als das Highfield das erste Mal stattfand auflösten und nun pünktlich zum letzten wiederkommen, aber es stellt sich einem einfach die Frage: Wer braucht diese Band 2009 noch bzw. wieder? Cross-Over? Himmelherrgott… Mike Pattons Solosachen waren da ja wesentlich interessanter. Hier wirkt die Band wie eine alte Kirmesband, die ihre alten Kamellen spielt. Immerhin passen die trashigen Anzüge dazu. Zwischendurch beschwert sich Patton, welcher mittlerweile ein wenig aussieht wie Robert Downey Jr., warum denn das Publikum nicht komplett austickt. Vielleicht, weil es zu wenig Grund dazu gibt. Meine Generation kann damit einfach nichts anfangen. Vielleicht wenn ich 5 Jahre älter wäre, aber so besitzt diese Band einfach Null Relevanz und ich verzieh mich nach kurzem Gastspiel wieder Richtung Zeltplatz.
Und wo wir gerade bei seltsamen 90er-Jahre-Band-Revivals sind… da schlag ich doch spontan gleich die inhaltliche Brücke zum Sonntag und Deutschlands Antwort auf eben dieses Revival: Selig! Die sollten an diesem noch heißeren Abschlusstag für mich die erste Band des Tages sein. Allerdings tut der Vergleich mit Faith No More hier ziemlich hinken. Immerhin sind Selig nicht nur mit neuen Kamellen am Start, sondern haben ein neues Album mit dabei, welches beim Publikum sehr gut ankommt. Die Altersschichten scheinen auch etwas durchmischter zu sein, als am Vorabend. Und so spielt man bspw. „Ist es wichtig?“ als sperrigen Anfang oder die Allzweck-Schmuseballade „Ohne dich“, welche auch nach 15 Jahren immer noch einer der besseren deutschsprachigen Songs ist und vom Publikum ordentlich intoniert wird. Frontmann Jan Plewka hat sich farblich unter das Motto „rot und eng“ gestellt und genießt das Comeback sichtlich. Also, schlecht war das nicht, muss ich sagen. Gute Vorstellung! Danach erstmal Pause. Generell ist dieser Sonntag relativ ereignisarm und dient eher zum entspannten Ausklang meinerseits, was angesichts der Vortage durchaus okay ist. Also legt man sich auf den leicht verdorrten Rasen, während im Hintergrund die furchtbaren AFI einen undeutbaren Scheiß zusammenspielen. Anschließend spielen Apocalyptica aus Finnland und das gar nicht mal so schlecht. Ich meine, die machen Cello Metal… das ist so dämlich, dass man es schon wieder gut finden muss. Außerdem sehen die Typen aus, wie direkt aus „World of Warcraft“ entsprungen. Gespielt wird ein Mix
aus Metallica-Covern und ein paar eigenen Songs. Klassik-Einsprenkler inklusive. Macht eigentlich Laune und es rockt recht gut. Als am Ende „Enter Sandman“ gespielt wird und das Publikum dazu den Gesang übernimmt macht das einfach nur Spass. Es ist das 200. Konzert der aktuellen Apocalyptica-Tour und auch das Letzte. Ein würdiger Abschluss, würd ich sagen. Recht unterhaltsam, privat aber nichts für mich. Nichts mehr für mich sind dann im Anschluss die Deftones, die ich mir aber, auch bedingt durch meine kurze aber intensive Teenager-Nu-Metal-Phase gern noch mal anschaue. Der alten Zeiten wegen. Wenngleich die Deftones immer die gute Seite dieses furchtbaren Kurzzeit-Genres repräsentierten. Offen für Experimente und bekannt für den charismatischen Sänger Chino Moreno, der es schafft binnen Sekunden von wütendem Geschrei auf zerbrechlichen Gesang umzuschwenken. Auch 2009 klappt das noch und die Band kommt gut an, spielt am Ende das unverwüstliche „Change (In The House Of Flies)“, sowie „Back in School“. Herrlich altmodisch! Ich hätte mich noch über „Digital Bath“ gefreut. Na ja, schöne Sache zum Erinnern. So ähnlich müssen sich die Faith No More-Fans am Vorabend gefühlt haben. Danach lief erstmal eine Weile nichts. Im Zelt spielten Blitzen Trap schrulligen Südstaaten-Rock der Marke „Okay“, während Rise Against auf der Hauptbühne die Massen zu austauschbarem US-Krach-Punk zum Toben brachten. Das ich vorher noch nie etwas von der Band gehört hatte beweist nur, dass ich in dem Genre nicht wirklich beheimatet bin. Nee, ich fühl mich da, ganz männlich, natürlich eher von homosexuell angehauchten Indie-Pop angesprochen! Und so sollte dieses Festival im Coca Cola Tent mit dem famosen Patrick Wolf enden! Und was für ein Ende! So hatte sich dann doch ein großer Pulk an Menschen mit Geschmack und Unlust auf Campino und Co. eingefunden, als Wolf gegen halb 10 die Bühne betrat. Und natürlich stilsicher in eine Kombination aus Gold mit… ähm… noch mehr Gold. Wolf treibt die schwule Diva mittlerweile endgültig auf die Spitze und sieht aus, als sehr er beim ABBA-Coverband-Casting bis in die letzte Runde gekommen. Ein feiner Anblick! Als er dann mit seiner akkuraten Begleitband loslegt, kann die Abschlussparty beginnen. Das Publikum gibt sich erst etwas verhalten bis verwundert, taut dann allerdings ordentlich auf und schließt sich der Spielfreude des Protagonisten an. Wolf ist gut drauf, klettert in den Bühnengraben und fast sogar ins Publikum, umarmt die Ordner und freut sich über die verschwitzte Unterwäsche, welche ihm auf die Bühne geworfen wird. Männer, wie Frauen liegen ihm in der ersten Reihe zu Füßen… vielleicht sogar mehr Männer. Das wird mit einem kleinen Strip belohnt. Und sagen wir mal so… das was da unter dem goldnen Gewand getragen wird, überlässt nichts der Fantasie. Spielend leicht schafft Patrick Wolf den Sprung durch alle Genres. Egal, ob Rock, einfühlsames Singer-Songwritertum oder einfach nur Disco… er kann alles und man nimmt ihm diese Vielseitigkeit auch zu jedem Zeitpunkt ab. Zwischendurch bedankt er sich ganz artig und verrät, dass er gerade am Deutschlernen ist. Das wird natürlich im Land der Dichter und Denker gern aufgenommen. Am Ende ist der Jubel gewaltig und es gibt noch mal eine Zugabe des erblondeten Entertainers sowie noch mal ordentlich Publikumskontakt. Ein fulminantes Ende dieses Festivals! Hatte der Sonntag doch noch Sinn!
Gekloppe auf allen anderen Bühnen. Auf jeden Fall sollte man sich diese Frau vormerken. Wirkt wie die unnervige Variante von Amy McDonald. Nach dem Hörgenuss sollte aber auch wieder etwas getanzt werden, weshalb ich mich zur Mainstage verzog, wo Punkt Mitternacht zur Geisterstunde Phoenix anfangen sollten. Die Tatsache, dass ich mich zwischen einer Gruppe 15jähriger britischer Fans und ein paar Deutschen Anfang 30 befand, welche jedes Wort mitsingen konnten, rief mir erstmal ins Bewusstsein, dass die Band ja jetzt auch schon seit 10 Jahren im Geschäft ist. Und von dem 5 MELTs, die ich bisher hatte ist sie mit diesem dritten Auftritt auch mein Top-Act des Festivals. Und 2009 machen Phoenix so viel Spass, wie lange nicht mehr. Denn mit „Wolfgang Amadeus Phoenix“ ist jüngst das beste Album seit ihrem Debüt erschienen. Davon wurden natürlich einige Songs gespielt. Das Set beginnt mit „Lisztomania“, dem todsichersten Hit des Jahres und surft dann ein wenig durch die Band-Historie, wenngleich ich überrascht bin, dass bspw. „Everything Is Everything“ oder das tolle „Too Young“ ausgelassen werden. Na ja, kann man nix machen. Luxusproblem auch irgendwie. Immerhin sind neue Songs, wie “Lasso“ oder „Rome“ wunderbar. Das Set endet mit „1901“, welches angesichts der Publikumsreaktionen als ein weiterer todsicherer Klassiker in die Band-Historie eingehen wird. Während des ganzen Auftrittes war das Grinsen nicht aus meinem Gesicht zu bekommen. Pop in Hochform! Irgendwann um diesen Zeitraum müssen auch MSTRKRFT angefangen haben, ihr Set auf dem Red Bull Floor zu spielen. Doch die Suche nach den beiden Kanadiern entwickelte sich eh zum Running Gag des Samstags. Aus dem ursprünglichen Plan, Freitag zu spielen wurde sowieso nix und nun wurde auch der Samstags-Slot um 2h vorgezogen. Das sagten zumindest die Info-Tafeln und kurzzeitig auch die Leute am Infostand. Doch die änderten ihre Meinung wieder und sagten: „Nee, die spielen halb 3 auf der Gemini“. Ja, schön und gut, das taten sie aber dann doch nicht. Leider verpasst aufgrund schlechter Informationspolitik bzw. doofen Personal. Ebenfalls leider verpasst habe ich dann Fever Ray, was ich mittlerweile etwas bereue, da ihr Auftritt wohl einer der besten gewesen sein muss. Stattdessen habe ich mich von der Liebe zu meiner Lieblingsband hinreißen lassen und bin zu Bloc Party an die Hauptbühne gegangen.
Danach übernahmen die Briten dann langsam das Zepter. Kein Wunder, denn als nächstes standen Kasabian auf dem Plan. Mit denen ist es schon eine verrückte Sache. In ihrem Heimatland spielen die psychodelischen Retro-Rocker gar nicht mehr unterhalb riesiger Sportarenen, aber hierzulande haben sie sich bisher nicht durchsetzen können. Vielleicht sind sie dafür zu britisch und zu Eigen. Ein paar gute Songs besitzen sie ja, aber insgesamt klingt das alles wie irgendwie schon zig Mal da gewesen. Allerdings wird schnell deutlich, warum Kasabian als gute Live-Band gelten. Der Sound rockt ordentlich und Frontmann Tom Meighan kann zwar nicht unbedingt optisch punkten, aber versteht es, dass Publikum zum Mitmachen zu animieren. Das klappt auch soweit ganz gut und mit Songs wie „Empire“, „Club Foot“, „Fire“ oder zum Abschluss „LSF“ hat man auch einige Crowd-Pleaser im Angebot. Dafür spendet man gern Applaus, auch wenn ich in Sachen Kasabian trotz dieses Live-Gigs hinterher nicht schlauer bin. Aber diese Gedanken verfliegen schnell, dann der Headliner wird erwartet. Und zu diesem Zeitpunkt bin ich auch in der richtigen Stimmung. Eine seltsame Mixtur aus Alkohol, Schlaf- und Hygienemangel, der Abgeschiedenheit von menschlicher Zivilisation und die fast 24stündige Dauerbeschallung mit Musik bringen mich spätestens Sonntag in die richtige Stimmung für <Oasis<. Legenden live! Alle, die gemotzt haben, das die Könige des Cool Britannia als Headliner gebucht wurden, können mich mal kreuzweise. Oasis Wert für die britische Musik der letzten, sagen wir mal, 10 Jahre kann gar nicht hoch genug gemessen werden. Im Zeitraum zwischen 1994 und 1996 waren sie ganz offiziell die größte und wichtigste Band der Welt und nach diversen schwächeren Platten sind sie heut wieder qualitätsmäßig auf einem recht guten Level zu finden. Doch die Gallaghers sind sich auch durchaus bewusst, dass sie ihren Zenit bereits vor Jahren hinter sich gelassen haben, weshalb sie an diesem Abend alles richtig machen und eine einzige Retro-Show spielen. Nur 3 Songs vom neuen Album gibt’s, ältere Platten werden komplett ausgelassen, der Großteil des Sets bedient sich bei „Definitley Maybe“ und „Morning Glory“. Und das ist auch vollkommen richtig so. Aber Noel hat ja mal vor Jahren gesagt, er ist sich absolut im Klaren, dass dies ihre besten Songs sind. Und so wird ordentlich was abgefeuert… „Cigarettes & Alcohol“, „Roll With It“, „Supersonic“, „The Masterplan“. Hit auf Hit! Die Masse freuts. Noel fragt, wer denn aus Manchester sei. Eine recht hohe Anzahl von Händen wird gehoben, was der schrullige Songwriter dem Publikum nicht wirklich abnimmt. Bruder Liam gibt stattdessen wie immer das Großmaul, welches starr und arrogant herum steht, ab und an mal jemanden grimmig anschaut und unverständliche Kommentare ins Mikrofon rotzt. Mehr muss er auch nicht. Allgemein wirkt die Band aber recht gut gelaunt. Und so millionenfach „Wonderwall“ bereits gecovert und heruntergespielt wurde, wenn die Band es zusammen mit tausenden Fans intoniert ist dies immer noch der Hammer. Und wenn Noel nur auf der Akustik-Gitarre „Don’t look back in Anger“ anstimmt, ohne dabei viel singen zu müssen (denn natürlich kann fast jeder im Publikum diesen Song auswendig), dann bekomme nicht nur ich Gänsehaut. Und dann erst noch dieses Finale. Die 90er-Jahre-Aufbruchs-Hymne „Live Forever“ hat nichts von ihrer Kraft verloren und das epochale „Champagne Supernova“ bleibt sowieso einer der größten Songs aller Zeiten. Nach dem obligatorischen Beatles-Cover zu „I Am The Walrus“ ist nach genau 90min Schluss. Mit einem letzten Jubelschrei verabschiede ich die Band, bin vollkommen fertig, wenngleich das Festival auch noch nicht ganz fertig ist. Auf der Gemini spielt Tiga die letzten Tanzwütigen in Grund und Boden. So sehr, dass das Publikum nach dem unvermeintlichen Schluss um 2 Uhr die Bühne partout nicht verlassen will und mit Stangen und Bechern anfängt, mehr oder weniger rhythmisch auf die Brüstung einzuschlagen und dabei einfach weiterzutanzen. Braucht es ein symbolträchtigeres Bild, als dieses? 
Wer wie ich bereits Donnerstag angereist ist, wusste nicht unbedingt etwas von der Absage der Foals, welche viele sicher hart getroffen hat. Die Schweinegrippe hatte sich im Lager der Band breit gemacht. Und während für Sänger Yannis Philippakis (Achtung Wortwitz) „just another hospital“ angesagt war, sprangen die wunderbaren Delphic kurzerhand von ihrem Slot 2h nach hinten und füllten denen der jungen Fohlen. Vorher spielten noch die Cold War Kids, die aber eher nervten, obwohl ich das Debüt ganz okay fand. Dennoch einer dieser Acts, wo man sich 2 Jahre später bereits fragt, was man damals an denen gut gefunden hat. Kooks-Syndrom! Jedenfalls taten Delphic auf der Mainstage alles richtig und spielten mit ihren elektrischen Dance-Hymnen genau das richtige, um dein kleinen Haufen vor der Mainstage zum Schwitzen zu bekommen. Angesichts der subtropischen Temperaturen war dies eine leichte Aufgabe. Ich freu mich auf’s Debüt! Und dass die Band noch einige Foals-Fans unbeabsichtigt für sich gewinnen konnten, ist sicher auch nicht so verkehrt. Danach blieb erst mal kurz Zeit, das Gelände zu erkunden und sich mit diversen Neuerungen vertraut zu machen. Und dem Publikum. Das ist wie immer ein bunter Haufen, wobei da dass „bunt“ durchaus wörtlich zu verstehen ist. Vom normalen Indie-Dresscode, bis hin zum Bad-Taste-Party-Outfitt oder verrückte Verkleidungen (Captain Future war anwesend!)... jeder versucht irgendwie aus der Masse herauszustechen. Wenn dies aber Tausende Leute gleichzeitig versuchen, geht dieser Plan natürlich nach hinten los, denn SO bildet man erst recht eine Masse. Jugendkulturen sind schon eigenartig. Im Prinzip sind alle verkappte Rockstars, die diese 3 Tage nutzen, um sich mal so zu geben. Die überdrehte ADS und Web-2.0.-Generation muss halt auch mal Dampf auslassen, bevor es sich wieder mit Abitur und Bachelor herumschlagen muss. Nichts spricht gegen ein paar Tage Eskapismus zu guter Musik. Wer dafür exzessiv Drogen konsumieren muss, soll das machen. Wenn einem die Druffis um 4 Uhr morgens total daneben an der Big Wheel Stage anquatschen und ihre Klamotten nach einem Mix aus Erbrochenem und Eigenurin riechen, kann ich nur müde lächeln. Und 17jährige, die einen aufgedreht nach Speed fragen? Gottes Willen, die sollen sich mal lieber ne Freundin suchen. Aber wer’s nötig hat, hat’s nötig. Meine Droge heißt, ganz oldschool Musik (ach ja, und Alkohol, of course) und da ging’s gleich weiter mit den famosen Post-Rockern This Will Destory You im Zelt (Innentemperatur: gefühlte 50 Grad). Schön, dass auch für so spröde und vielseitige Musik immer noch Platz auf dem MELT! ist. Dementsprechend fanden sich hier auch eher der „erwachsene“ Teil des Publikums wieder. Mich persönlich zogs aber schnell weiter, weil ich mich noch mal dem anderen Teil anschließen wollte. Die Klaxons, sozusagen die Blaupause der New-Rave-Bewegung, gaben verspätet ihr MELT!-Debüt auf der Hauptbühne. Da schaut man gern vorbei, zumal auffällt, wie gut doch einige Hits aus dem 2007er Debüt „Myths of The Near Future“ waren. Nun heißt es warten auf das zweite Album, die ersten Hörproben daraus machen bereits Lust auf mehr. Vielleicht doch keine Eintagsfliege. Zwischendurch wurde die Nahrungsaufnahme am Pizzastand noch kurz mit einem Abstecher zur Big-Wheel-DJ-Stage verbunden, wo Rex The Dog ein sehr grundsolides Set hinlegte und mit seinen zackigen Retro-Beats die Masse am riesigen Kohlebagger zum Tanzen brachte. Sehr fein! Zurück zur Hauptbühne, um gleich noch die letzte Nummer der Klaxons mitzubekommen.
Anschließend ging’s nach vorn, um sich dort Plätze für die Norweger von Röyksopp zu sichern. Deren Auftritt sollte das Tageshighlight darstellen und das Publikum mitreißen. Kaum zu glauben, wozu zwei schlaksige Skandinavier an Keyboards fähig sind. Nach der sphärischen Eröffnung spielt das Duo eine Setlist voll mit allen Hits und Gastsängerin, multifunktional den Job aller weiblichen Kollaborateurinnen der Band übernimmt. Besonders die Songs vom tollen neuen Album „Junior“ überzeugen, wie die traumhafte Ballade „You Don’t Have A Clue“ oder der Disco-Traum „The Girl And The Robot“. Als sich die gute Dame dann maskiert als Fever Ray ausgibt und „Tricky Tricky“, sowie das geniale „What Else Is There?“ darbietet, ist das Weltklasse! Die Party nimmt ihren Höhepunkt, als „Only This Moment“, „Poor Leno“ (also ich hab Erlend Øye an dem Tag schon auf’m Gelände gesehen, da hätte der doch mal vorbeischauen können) sowie ein mir unbekannter, aber extrem tanzbarer, bratziger Elektro-Song das Set beenden. Richtig, richtig geil war das! Weniger geil waren im Anschluss die Crystal Castles, welche auf einer hoffnungslos überfüllten Gemini Stage „spielten“... na ja, also relativ. Außer dumpfen Beats und undefinierbarem Geschrei von Sängerin Alice hab ich auch nichts weiter vernommen. Aber anscheinend ist das die Band der Stunde. Warum auch immer. Egal, Bier geholt und weitergegangen. Waurm die
Veranstalter allerdings nicht so blickig waren, die Hype-Rave-Whatever-Band der Stunde auf die Hauptbühne zu verlegen, sei an dieser Stelle mal in den Raum gestellt. Mein Ziel hieß nun aber La Roux, von denen ich gerade so angetan bin, dass ich sogar schweren Herzens die unglaublich netten und tollen Travis zurücklasse. Die vier Songs die ich mitbekomme sind natürlich toll und Fran Healey bleibt einfach der netteste Mensch der Welt. Daran ändert sich nix. Dennoch weiter Richtung Zelt. Dort betrat Elly Jackson aka La Roux pünktlich gegen halb 1 die Bühne der immer noch extrem stickigen Location, unterstützt von einem Drummer, sowie jeweils Frau und Mann am Keyboard. Die Songs vom selbstbetitelten Debüt sind allesamt schick tanzbare Pop-Ohrwürmer, Jacksons’ Stimme herrlich markant. So markant, dass sie viele natürlich auch nervt, aber es spricht ja nix über etwas Kontroverse im Pop. An diesem Abend halten jedenfalls Stimme und Haartolle, was sie versprechen. Als am Ende dann mit „In For The Kill“ und „Bulletproof“ die UK-Megahits ausgepackt werden, sind alle Ohren offen und es wird mitgesungen, so laut es geht. Wer weiß, ob La Roux eine zukünftige Pop-Konstante wird, vielleicht ergeht’s ihr ja auch so, wie mir mit den Cold War Kids, aber für 2009 hat sie die Hits auf jeden Fall auf ihrer Seite. Angestachelt davon, wollte ich natürlich weiter tanzen und bei so was eignet sich natürlich der Gang zum großen Bagger und der Big Wheel Stage bestens, wo Matthew Herbert gerade ein astreines Set hinlegte. Da lies es sich erst mal ein paar Minuten aushalten, bevor es weiter zur Gemini Stage ging, wo gerade Gossip ihren Slot beendeten. Auch hier alles hoffnungslos überfüllt. Warum spielt eigentlich gerade diese Band nicht auf der Hauptbühne? Die Single „Heavy Cross“ steht doch in Deutschland mit einem Bein in den Top 10. Jedenfalls sah Beth Ditto wieder mal sehr stilsicher aus. Unvorteilhafte Kleidung als Konzept! Die ersten Reihen dürfte es freuen.
Im Anschluss wurde sich dann aber noch mehr über Simian Mobile Disco gefreut, welche ab halb 3 damit beschäftigt waren, das Publikum zum Ausflippen zu bekommen. Fitzlige und hämmernde Beats taten ihr Übriges, um dies zu garantieren. Die Masse tobte, besonders bei den Hits vom Debüt, wie „It’s The Beat“ oder „Hustler“. Und dabei turnten davon nur zwei schlaksige Keyboard-Nerds an ihren Geräten herum. Die Anti-Rockstars schlechthin sozusagen. Gefeiert wurden sie trotzdem von vielen. Der Rave-Overkill sozusagen, besonders weil aufgrund des langsam einsetzenden Regens immer mehr Leute unter die kleine Bühne drängten. Irgendwann war’s mir dann auch zu viel und da anscheinend vielen das Prinzip von physikalischer Verdrängung nicht bekannt war, ging ich lieber davor. Regenjacke an und weitergemacht. Auch wenn’s irgendwann nicht mehr ging. Denn was pünktlich zum Ende des Disco Duos da vom Himmel kam, war ein Guss, wie man ihn in dieser Form selten erlebt. In den nächsten zweieinhalb Stunden regnete es dauerhaft mit einer Intensität und Niederschlagsmenge, die selbst den härtesten Briten überraschen durfte. Alle weiteren Festivalaktivitäten wurden abgebrochen. Moderat gingen frustriert vor ihrem Auftritt nach hause, aus Trentemøller trat wohl gar nicht mehr an. Statt Party hatte die Rettung des Hab und Guts auf dem Zeltplatz erst einmal Vorrang. Komplett durchnässt wurde dann die nächsten Stunden draufgeachtet, wass Wind und Regen das Zelt nicht wegwehten. Der Pavillon war eh schon kaputt und diverse Nahrungsmittel und Grillkohle durchnässt. Als dann auch noch ein paar hamsternde Briten unser Wasser klauten, war die Stimmung kurzzeitig mal relativ am Boden. Dabei hätten sie einfach mal ein paar Eimer aufstellen müssen und sie hätten genug Trinkwasser für Tage gehabt. Irgendwann wurde der Regen dann leiser, sowie der Wind und das Verlangen den Zeltplatz zu patrolieren schwächer und ich schlief ein. Ein langer erster Abend auf dem MELT! ging zu Ende.
Moz’s Vorliebe für kleinere Hallen auf dieser Tour machte den Auftritt in der knapp 3000-Mann-fassenden Columbiahalle zu einem recht intimen und intensiven Erlebnis. Seit Uhrzeiten bis auf den letzten Platz ausverkauft, verhaarten die Jünger gespannt und gedrängt auf die Ankunft ihres Messias. Stilsicher wurde man mit Aufwärmmusik aus den Bereichen „klassische Oper“ und „Die größten Hits der 50er“ auf eine Zeitreise geschickt, was ganz im Sinne des Hauptacts geschah. Vor diesem gab es noch einen Support-Act. Doll & The Kicks, die nette, x-te britische Variante der Yeah Yeah Yeahs. Nett, stimmungsvoll, für beide Geschlechter gut anzusehen, aber irgendwie auch belanglos. Aus den Augen aus den Sinn. Danach hieß es „Lighten Up, Morrissey“ (besagter Song der Sparks lief nämlich) und Warten auf den selbigen. Natürlich wie immer untermalt mit Musik aus der guten alten Zeit, als Vinyl-Singles noch heilige Grale waren. Die Videocollagen mit alten Musiksendungsschnipseln kennt man ja seit einigen Jahren von ihm. Passt und erzeugt Atmosphäre. Vor allem lässt es einen erahnen, wie es damals war, für einen wie Morrissey mit dieser Musik aufzuwachsen. Und man wird etwas wehmütig, weil man erahnt, welchen Wert und welche musikalische Qualität diese griesligen Schwarzweiß-Videos wirklich haben. Und vor allem, wie viel Stil, der doch heutzutage in einer Welt voller Lady Gagas und „Boom Boom Pows“ irgendwie verloren gegangen ist. So wirkt Morrissey mit samt seinem musikalischen Background natürlich wie ein Relikt alter Zeiten. Aber Gott segne ihn dafür, dass er ein solches ist! Aber die Charaktere Morrissey und Gott lassen sich an diesem Abend sowieso nicht großartig trennen, denn als der Vorhang fällt und die Band unter klassischer Klavierbegleitung auf die Bühne kommt ist großer Jubel angesagt. Vornweg der Bandleader! Selbstsicher, gut gelaunt und bereit, dem Volk zu geben, wonach es sich düstet.