Sunny Saturday Afternoon

Adam Pierce hat mal wieder seine Mice Parade aufmarschieren lassen, um der Welt mit dem neuen Album What It Means To Be Left-Handed zu zeigen, dass schöne Popmusik auch mit Mandolinen, seltsamen Takten, zerfahrenen Arrangements und indirektem Gesang möglich ist. Das ist etwas für Musikliebhaber, nicht für Nebenbei-Hörer. Denen erschließt sich allerdings Großes. Ein fiktiver Festivalbericht.
Mice Parade ist eine jener Bands, die für gewöhnlich den undankbaren Job haben, bei einem Festival Samstag als eine der ersten Bands auf die Bühne zu müssen. Die Zuschauer sind noch zu zerrupft von der Einstiegsparty, die der Abend davor halt darstellt. Viele gammeln noch auf dem Zeltplatz vor sich hin, viele schlafen noch oder wieder. Nur ein paar ziemlich enthusiastische Musikliebhaber haben sich schon wieder auf das Festivalgelände begeben, um ihr Eintrittsgeld wirklich wieder reinhören zu können. Da kann man dann solche Bands vernehmen, die man nur vom Namen her kennt oder nur eine Single oder halt gar nicht.
Die Kapelle steht auf der viel zu großen Bühne und schaut in einen – euphemistisch - sperrlich bestellten Zuschauerraum und muss nun vorgeben, total viel Lust zu haben und unbedingt Leute überzeugen zu wollen. Also spielen sie ihre Dreiviertelstunde runter und versuchen irgendwie zu übertünchen, dass sie eigentlich selbst noch nicht so richtig wach sind. Was in diesem Moment also zählt, ist die Musik.
Die Gruppe fängt zum Beispiel mit Old Hats an. Komische Musik. Eine mehr als omnipräsente Mandoline, ein Schlagzeuger der irgendeinen krummen Beat spielt, zwei Vokalisten – m/w – die ab und zu mal eine kleine Zeile ins Mikro nölen. Ansonsten trägt der Song sich selbst immer weiter voran. Ja, klingt ganz niedlich, passt zu diesem sonnigen Nachmittag. Nächster Song – Fortune Of Folly. Mmh … klingt so ähnlich. Oh, das klingt aber hübsch, wie sich die Gitarren (akustische, elektrische, Mandoline) umspielen! Moment! Warum bremsen die den Song jetzt so aus? Bisschen anstrengend. Erinnert irgendwie an die Broken Social Scene. Auch ein wenig an Múm. Die Stimme von ihr klingt auch so verhuscht. Ach nee, das ist die sogar! Das Publikum applaudiert schon etwas mehr. Recover, der nächste “Reißer”. Wie bewegt man sich eigentlich dazu? Ist ja nicht so, dass einem die Füße einschlafen, aber so richtig zum abgehen ist das auch nicht? Man schaut sich um, die kleine Gruppe Abi-Nerds neben einem kann das auch nicht richtig einordnen, nur sanft schüttelt sich der Afro. Aber der Blick ist fasziniert auf die Bühne gerichtet … die Gespräche werden weniger.
Mary Anne, als nächstes. Die Ballade, die das Album abschließt. Ist ja nicht so, dass man jetzt unbedingt eine Erholung braucht, aber gut. Die werden sich schon was dabei gedacht haben. Der Blick schweift etwas ab. Die Sonne malt mit festen Griff interessante Schattenspiele auf die noch sehr leeren Betonflächen. Das Mädel vom Bierstand hinter dem Zuschauerraum träumt vor sich hin. Das Pärchen rechts von der Bühne knutscht, die Gruppe Indie-Studenten liegt da hinten lächelnd im Gras und lässt sich von der Sonne an der Nase kitzeln. Ach! Ist das alles friedlich. Bessere Musik kann es für diese Szenarie nicht geben. Man wendet sich wieder interessierter der Bühne zu. Jetzt kommt die Hitkanone: Mallo Cup, ein Song, der direkt von Dinosaur Jr. geklaut zu sein scheint. Flott, ungewöhnlich straight, recht kurz. Es kommt Bewegung ins Publikum. Tokyo Late Night, der “Breakbeat” fährt schön ins Bein, sonst lässt man sich von dem Stück treiben, Mandoline, Piano, Bass, Gitarren, Stimmen alles prasselt so Stück für Stück auf einen ein. Die Musik muss man irgendwie als impressionistisch bezeichnen.
Oh, jetzt aber: In Between Times – klingt wie eine Mischung aus Lampshade in der Strophe und Stars im Refrain. Das Publikum wird immer begeisterter, bewegt sich immer mehr. Auch der Band nimmt man die Freude inzwischen ab. Even, der nächste – fast klassische in seinem Sound – Indiehit. Besser könnten das Nada Surf nicht machen. Brillanter Song. Trotzdem ist nach anderthalb Minuten Schluss. Zum Finale: Couches & Carpets. Die Nachtmusik. Passt zwar nicht gerade zu dem tatsächlichen Wetter, aber inzwischen träumen eh alle tanzend vor sich hin. Jetzt! Der Postrock-Moment! Uh, jetzt wird es aber laut. Wie geil! Die Band drischt jetzt nur noch auf die Instrumente ein, das Publikum johlt, auch die Verkäuferin aller Biere lächelt, die Liegewiese wurde immerhin schon zur Sitzwiese. Jeder freut sich über diese kleine Entdeckung, die er an diesem Nachmittag gemacht hat.
Auch wenn das natürlich inzwischen schon das achte Album von Mice Parade ist, musste es vielleicht so lange dauern, um ein paar mehr Menschen von der Güte dieser Kapelle zu überzeugen. Denn irgendwie wirkt der ganze Spaß jetzt etwas kompakter, schlüssiger, organischer. Natürlich klingt das Ganze immer noch im Prinzip zerfahren, verstolpert und sehr eigen, aber halt dennoch wirklich greifbar. Pop für Profis, Fortgeschrittene und ambitionierte Amateure sozusagen.
What It Means To Be Left-Handed erscheint in Deutschland am 01. Oktober, ist aber schon als Import erhältlich.
Hörbeispiel: In Between Times