Lieblingsalben 2009 / Platz 30 - 21
30. Gui Boratto “Take My Breath Away”
Minimal-Techno ist ein sehr streitbares Thema. Für die einen stellt sie die Perfektion elektronischer Musik und Reduktion da und für die anderen ist sie nur spannungsarme Lounge-Musik, die man lediglich unter Einnahme von diversen Drogen ertragen kann. Jedenfalls ist Minimal ja seit einiger Zeit der große Scheiß vom Prollschuppen bis zur Edeldisco. Natürlich gibt’s da auch jede Menge Köche, die im Brei rumkneten und dabei kommt meist immer der gleiche langweilige Brei raus. Auf Dauer nerven sogar mich die ewig gleich strukturierten Club-Tracks. Ein Glück, dass es für alles auch immer eine Ausnahme gibt. Seit einiger Zeit macht sich der brasilianische Produzent Gui Boratto auf, den Horizont zu erweitern und Musik, sowohl für den Tanzboden, als auch für die Genusshörer zu machen. Bereits das Debüt „Chromophobia“ zeugte davon, nun geht der Nachfolger „Take My Breath Away“ diesen Schritt sogar noch eine Spur weiter. Neben großen Club-Momenten lässt sich Boratto Zeit für entspannte Interludes und virtuose Spielereien. Gitarre und Piano werden zu den Elektrotracks hinzugefügt und ergänzen den Sound auf wundersame Art und Weise. Herausgekommen ist ein instrumentales Minimal-Elektro-Album, welches es aber spielend leicht schafft Klangbilder zu erzeugen und jeden Fan gut produzierter elektronischer Musik in den Bann zu ziehen. Boratto’s Stärke liegt halt auch darin, dass seine Musik nicht nur auf die Zwölf geht und brettert, sondern sich oft genug zurücknimmt. Das alles macht „Take My Breath Away“ zu einem kleinen Gesamtkunstwerk, das ganz ungeniert mit dem Pop liebäugelt, ohne die Partycrowd aus den Augen zu lassen. Boratto ist vielseitig und talentiert. Das werden wir alle noch in den nächsten Jahren merken. Remember my words!
Anhören: “Atomic Soda”, “No Turning Back”, “Besides”
29. Filthy Dukes “Nonsense In The Dark”
Ähnlich wie Gui Boratto kommen die Filthy Dukes aus der Club-Szene. Und die Jungs haben dabei in den letzten Jahren eine erstaunliche Metamorphose hingelegt. Angefangen hat alles als DJ-Duo, bevor man zaghaft begann eigene Remixe und später auch Tracks zu produzieren. Produzent Mark Ralph stieß dann relativ schnell zu Tim Lawton und Olly Dixon hinzu und ruckzuck war aus den Filthy Dukes eine Band geworden, die sich mittlerweile vom reinen Club-Futter auch ganz offen zum Elektropop zu bekennen scheint. Das Debüt „Nonsense In The Dark“ zeigt diese verschiedenen musikalischen Aspekte deutlich. Da gibt es reines instrumentales Clubfutter, wie „Twenty Six Hundred“ oder „You Better Stop“ und ein paar poppigere Tanzflächenfüller, wie die Singles „This Rhythm“ oder „Messages“. Die gehen ordentlich nach vorn, keine Frage. Umso überraschender ist das Selbstverständnis des Trios zwischendurch das Tempo bewusst zu drosseln, wie beim atmosphärischen Titelsong oder beim traumhaften „Don’t Fall Softly“. Zum Ende hin werden die Songs dann sogar immer konventioneller. „Poison The Ivy“ ist ein wundervoller Song und beim melancholischen Schlussstück „Somewhere At Sea“ fährt die Band noch mal richtig groß auf. Gerade die Genialität dieses Songs lässt durchaus Spannendes für die Zukunft erwarten. Hier ist eine Band, die sowohl die Ravefloors der Welt zum rocken bringen kann, als auch gleichzeitig wunderbare Popsongs schreiben kann. „Nonsense In The Dark“ macht gerade wegen seiner Vielseitigkeit so viel Spaß. Die Filthy Dukes schaffen es, unterschiedliche Stile auf einem Album zu präsentieren. Wie gesagt, ich bin davon sehr angetan und freu mich auf die Zukunft, Lads!
Anhören: „This Rhythm“, „Nonsense In The Dark“, „Don’t Fall Softly“, „Somewhere At Sea“
28. Passion Pit “Manners”
Pop überall wo man hinsieht! 2009 hatte keine Angst mehr vor den 80ern, vor Synthiespielerien und all dem anderen Kram. So spannend wie dieses Jahr war Pop schon lange nicht mehr. Und hier ist wieder ein musikalischer Beweis dafür: Passion Pit kamen aus dem Nichts und eroberten mit ihren elektronisch angehauchten Hippie-Pop unser aller Herzen im Sturm. Wenn Sänger Michael Angelakos zum Falsetto ausholt und die ganze Band einsteigt möchte man am liebsten nur noch über grasgrüne Sommerwiesen springen. „Little Secrets“ ist so eine Hymne. Genauso wie das unkaputtbare „The Reeling“. Wir alle haben uns lieb, wir tanzen und singen! Gute Laune herrscht im Passion Pit. Casio-Pop mit dem Anspruch, alle in den Arm zu nehmen. Das funktioniert natürlich so gut, weil Songs wie „To Kingdom Come“ oder „Sleepyhead“ einfach auch sehr gut sind. Oder das nicht zu unterschätzende „Swimming In The Flood“, meinen heimlichen Favoriten des Albums. Und immer wieder „Na Na Na“ und ganz viel Mehrstimmigkeit. Das ist natürlich nicht für alle Lebensbereiche geeignet, aber wenn das Leben einem mal wieder böse mitspielt ist dieses Album sicher eine gute Ablenkung. Positive Energie halt! Vielleicht ist es am Ende eine Spur zu überladen, selbst für jemanden wie mich, der Pomp und Pop ja gerne Hand in Hand gehen sieht. Aber vermutlich bin ich da einfach nicht Hippie durch und durch. Zusammenfassend kann man sagen, das „Manners“ ein sehr vielseitiges und toll gemachtes Popalbum geworden ist, welches einige der schönsten Ohrwürmer dieses Jahr hervorgebracht hat. Und alle, die mal die Möglichkeit bekommen, die Kombo live zu sehen, denen empfehle ich dringend, dies zu tun. Das geht auch ohne bunte Blumenwiese oder bewusstseinserweiternde Mittelchen ziemlich ab bei den Jungs.
Anhören: “Little Secrets”, “The Reeling”, “Swimming In The Flood”
27. Mew “No More Stories Are Told Today...”
Okay, der Vollständigkeit halber gebe ich an dieser Stelle nochmal den kompletten Titel des dritten Mew-Albums an: “No More Stories/Are Told Today/I'm Sorry/They Washed Away//No More Stories/The World Is Grey/I'm Tired/Let's Wash Away”. Kapiert? Wer so einen Titel für ein Album wählt, der gibt sich nicht mit kleinen Brötchen zufrieden. Die Dänen von Mew waren ja noch nie eine solche Band. Da wollte man immer mehr und das hat meist auch ganz gut funktioniert. Der 2005er Vorgänger „And The Glass Handed Kites“ mit seiner konzeptuellen Geschlossenheit musste aber als Messlatte herhalten. Über große Strecken funktioniert „No More Stories…“ auch hervorragend. Gerade der Beginn mit so tollen Songs wie „Introducing Palace Players“, „Beach“ und „Repeaterbeater“ ist vollends gelungen. Danach verliert die Band mit ihrem üppigen Kunstpop allerdings ein wenig den Faden. Man verheddert sich in halbgaren Ideen und Konstrukten und die Interludes sind auch eher unnötig. Mit „Hawaii“, „Tricks“ und dem wundervollen Abschluss „Sometimes Life Isn’t Easy“ bekommt die Band am Ende, wohl auch dank tollem Kinderchor noch einmal die Kurve. Doch zwischendrin sind da ein paar Schwachstellen, die es auf den früheren Alben nicht unbedingt gab. Aber ich meine, wir jammern hier trotzdem auf sehr hohem Niveau, versteht sich. Mew sind nach wie vor eine kurzweilige Ausnahmeerscheinung und verstehen es den Hörer immer wieder mit neuen Ideen zu überraschen. Der Entdeckergeist der Band ist dabei gleichzeitig Segen, wie Fluch, denn so muss man sich halt immer wieder toppen und verändern, um den eigenen Ansprüchen und denen der Hörer zu genügen. „No More Stories…“ übertreibt’s einfach gelegentlich etwas und dabei hat die Band das doch gar nicht nötig. Also beim nächsten Album bitte wieder auf die Songs fokussieren und gern auch mal wieder einen kürzeren Albumtitel wählen. Dann ist auch im Jahresabschlussranking wieder Raum nach oben.
Anhören: “Beach”, “Repeaterbeater”, “Silas The Magic Car”, “Sometimes Life Isn’t Easy”
26. Kent “Röd”
Wo wir gerade schon mal in Skandinavien sind… weiter nördlich beheimatet sind Kent. Und fragt man die Menschen in Schweden und seinen Nachbarländern, dann muss man die Band niemanden mehr empfehlen. Seit Jahren sind Kent die größte Band des Landes. Die ganze Geschichte, warum es außerhalb von Skandinavien nie geklappt hat und die Band es auch nicht mehr versuchen will, ist ja mittlerweile bekannt und man kann die auch hier an zig Stellen auf Nobono nachlesen. Widmen wir uns also dem neuen Album „Röd“. Auf diesen macht die Band genau dort weiter, wo der 2007er Vorgänger „Tillbaka Till Samtiden“ aufgehört hatte. Melancholisch waren ihre Popsongs ja schon lange, aber seit einigen Jahren verschlägt es die Band stärker in elektronische Gefilde. Nach einem recht spooky Chor-Intro gibt „Taxmannen“ den Weg vor. Brummende Bässe, Disco-Beats und Synthie-Pop an allen Enden, wenngleich die Gitarren natürlich nach wie vor präsent sind. Genauso wie die unnachahmliche Stimme von Frontmann Joakim Berg. „Röd“ bietet wie der Vorgänger viel Licht und Schatten. Eine Songs sind wieder unglaublich verzichtbar, andere versprühen diesen Zauber, durch den ich Kent damals lieben gelernt habe. „Hjärta“ ist so einer. Und das unglaublich tolle Schlussstück „Det finns inga ord“. Ein richtig großer Moment ist das. Zwischendrin gibt’s dann auch mal interessante Songs wie „Ensamheten“, welches rein akustisch beginnt, nur um sich dann zu einer astreinen Clubhymne aufzutürmen. Das rockt schon. Kent machen keinen Hehl aus ihrer Vorliebe für Depeche Mode und Co. … Leider hat „Röd“ das gleiche Problem, wie der Vorgänger. Es hat zu viele Schwachstellen, die Songs dümpeln teils vor sich hin und verschenken Potential. So wundervoll der Refrain von „Hjärta“ auch ist, so nichtssagend sind die Strophen des Liedes. Ich möchte der Band auch nicht in ihre Ideen reinreden, aber gerade „Det finns inga ord“ beweist am Schluss, das Kent immer noch dann am besten sind, wenn sie sich auf den Song und die Emotionen konzentrieren und sich nicht hinter Disco-Beats und Sequenzern verstecken. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich dies in der Zukunft mal wieder bewusst machen, um das nächste Album nicht wieder wie eine Kopie des Vorgängers klingen zu lassen. Eine Deutschland-Tour würde mich aber auch milde stimmen ;-)
Anhören: “Taxmannen”, “Hjärta”, “Ensamheten“, „Det finns inga ord“
25. Julian Plenti “Julian Plenti ... is Skyscraper”
Solo-Alben sind ja ein beliebter Zeitvertreib für Musiker, wenn die Hauptband gerade mal Pause macht. Joe Goddard von Hot Chip hat dieses Jahr bspw. eine gemacht, Jónsi von Sigur Rós hatten wir ja schon im Ranking und Kele Okereke von Bloc Party will uns nächstes Jahr allein etwas auf die Ohren geben. Und Paul Banks beantwortete uns dieses Jahr die Frage, was denn eigentlich von der kongenialen Band Interpol bleibt, wenn man seine Mitstreiter. Daniel Kessler, Carlos Dengler und Sam Fogorino wegnimmt? Richtig: Sein Alter Ego Julian Plenti! Und so vergleicht man das Debüt des Mannes mit Pornonamen natürlich automatisch mit dem bisherigen Schaffen der Band aus New York. So anders klingt es nämlich gar nicht. „Only If We Run“, „Fun That We Have“ und gerade „Games For Days“ könnten in der Form wirklich direkt von der Hauptband stammen. Wozu also dieses Album? Nun, Banks kann aber auch anders. Besonders die reduzierten, akustischen Momente, wie der Titeltrack oder das wundervolle „On The Esplanade“ zeigen die stärken, die er bei Interpol eigentlich nie ausspielen kann. Plenti und Gitarre reichen aus um eine Gänsehautstimmung zu erzeugen. Und auch andere Tracks, wie der „Madrid Song“ oder das verschwommene „Girl On The Sporting News“ sind durchzogen von jener berühmten melancholischen und düsteren Grundstimmung, welche man mit dieser unverwechselbaren Stimme halt in Verbindung bringt. Banks Soloalbum funktioniert gerade in den Momenten, wenn er versucht, nicht wie sein Hauptarbeitgeber zu klingen. Dann macht dieses ganze Werk besonders sinn. Eine düstere und traurige Spielwiese für einen kreativen Mann. Die musikalische und atmosphärische Dichte von Interpol wird dabei natürlich selten erreicht, aber das war ja auch nicht Sinn der Sache. Insgesamt eine sehr kurzweilige Platte, die hervorragende Einblicke in das Können von Banks gibt.
Anhören: “Only If We Run”, “Games For Days”, “On The Esplanade”
24. La Roux “La Roux“
Ich glaub, es ist eigentlich gar nicht möglich über das Pop-Jahr 2009 zu reden und dabei La Roux außen vor zu lassen. Ich meine, welche Musikzeitschrift und welcher Blog macht das schon? Sogar im Rolling Stone Magazine stand was drin. Hallo? Na jedenfalls ist Elly Jackson das Mädchen der Stunde. Synthiepop-Stilikone. Tonnen von Haarspray im roten Haar sei Dank. Und natürlich Produzent Ben Langmaid, der unsichtbaren Phantom-Hälfte des Duos. Mittlerweile haben die beiden auch hierzulande das Formatradio anvisiert. Das war aber auch abzusehen, immerhin ist das selbstbetitelte Debütalbum eines der kurzweiligsten Popwerke des ausgehenden Jahres. Vor allem, weil die Hits stimmen. Passenderweise sind die vier Singles „Quicksand“, „In For The Kill“, „Bulletproof“ und „I’m Not Your Toy“ die großen Überhits des Albums. Unwiderstehliche Ohrwürmer. Da hat jemand bei der Plattenfirma mal was richtig gemacht. Aber auch der Rest kann sich sehen lassen. Alles klingt sehr stimmig und passend, selbst ruhige Nummern wie „As If By Magic“ oder „Reflections Are Protections“. Das Problem, und das haben letztendlich die meisten Popplatten dieses Kalibers, ist natürlich die mangelnde Eckigkeit, mit welcher man den Hörer auf Dauer leicht nerven kann. Das ist natürlich keine besonders tiefgründige Musik, deren Halbwertszeit vermutlich in den nächsten Jahren ordentlich sinken wird. Oder vielleicht auch nicht. Was unterm Strich bleibt ist sehr eingängiger Hochglanz-Retro-Pop, den Erasure’s Vince Clarke nicht hätte besser produzieren können. Ein weiteres Plus ist auch Jackson’s Stimme, welche durch ihre markante Kraft aus dem Meer an Popstimmchen herausraget. Und so trägt diese Stimme die kleinen Popsongs auch über manche Ideenlosigkeit hinweg. Alles dabei, was ein Hitalbum also braucht: die richtigen Hits, gute Produktion und das formidable Charisma der eigenen Frontfrau. Ob da in Zukunft noch mehr drin ist, oder ob es sich hierbei nur um eine zufällig entstandene Zusammenkunft toller Popsongs handelt, wird man sehen.
Anhören: “In For The Kill”, “Tigerlilly”, “Bulletproof”, “I’m Not Your Toy”
23. Simian Mobile Disco “Temporary Pleasure”
Sozusagen der umgekehrte Weg. Als aus der Indierock-Band Simian nichts wurde machten sich James Ford und James Shaw als DJ-Duo selbstständig und wechselten vom Pop in die Clubs. Danach halt der übliche Weg, den wir schon weiter oben bei den Filthy Dukes gelesen haben. Von den Remixen zur Eigenproduktion und dann ab in den Rave-Himmel. Das 2007er Debüt „Attack Decay Sustain Release“ war hervorragend arrangierter Hands-Up-Elektro, der auch den Pop durchschimmern lies. Und dem wenden sich Simian Mobile Disco auf dem Zweitwerk nun wieder verstärkt zu. „Temporary Pleasure“ wendet sich stärker poppigen Melodien zu und ist kein reines Club-Album mehr. Dafür sorgen natürlich auch die unzähligen Gaststars auf dem Album. Chris Keating von Yeasayer vorne weg, der mit „Audacity Of Huge“ gleich mal einen der Club-Burner des Jahres intoniert. Aber auch der Rest kann sich sehen lassen. Jamie Lidell, Beth Ditto und Alexis Taylor von Hot Chip sind ja auch keine unbekannten Namen in Musikerkreisen. Tanzbar bleibt es aber trotzdem, wenngleich man bei Songs wie „Cruel Intentions“ und „Bad Blood“ halt merkt, dass sie nicht für die Tanzfläche konzipiert wurden. Bei den lediglich zwei Instrumentals „10.000 Horses Can’t Be Wrong“ und „Ambulance“ sieht das natürlich anders aus. Hier zeigen SMD, warum sie es live immer wieder schaffen, die Massen zu begeistern. Sounds, Produktion und dramaturgischer Aufbau: hier können sich alle Hobby-Techno-Produzenten mal ein Lehrstück anschauen. Da kommt noch der Flair des 2007er Albums auf, der Rest zeigt eher, dass die Band bereit ist, sich wieder dem Pop anzunähern. Daran muss man sich vermutlich gewöhnen. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Ganze in Zukunft entwickeln wird. Falls es ein drittes Album gibt und dieser Weg weiter geht, steht uns Interessantes bevor. Aber von mir aus kann’s auch gern wieder in die Clubs zurück gehen. Mit schön viel Disco-Nebel, Laser-Geblitze, Rave-Sirenen und gehobenen Händen!
Anhören: “Audacity Of Huge”, “10.000 Horses Can’t Be Wrong”, “Bad Blood”, “Ambulance”
22. U2 “No Line On The Horizon”
Schön, wenn sich ein Album auch entwickeln kann. Selbst bei mir. Und selbst bei so alten Hasen, wie den Stadionrockern von U2. Zum Release war ich von „No Line On The Horizon“ nicht sonderlich angetan. Vielleicht auch weil Labertasche Bono immer vorher etwas anderes verlauten ließ. Stichwort „Neudefinition von Rock’n Roll“. Ja, ja, is klar. Und die zackige Vorab-Single „Get On Your Boots“ hat auch einen falschen Eindruck vermittelt. Am Ende klingt ein neues U2-Album nämlich immer noch nach U2. Großartige Innovation sollte man von den Männern um die 50 auch nicht mehr erwarten. Muss man ja auch nicht. Dafür hatten sie die 90er. Im neuen Jahrtausend bleibt man sich so gut es gehend treu, was halt manchmal auch Belanglosigkeit bedeutet. Dennoch schafft es „No Line On The Horizon“ teilweise neue Akzente zu setzen und den Fokus bei U2 zu verschieben. Klar, wir haben mit „Magnificent“ und „I’ll Go Crazy...“ gleich zwei radio- und stadiontaugliche Ohrwürmer im Gepäck. Aber bekommt so was nach 30 Jahren mal bitte selber so hin? Doch zwischendurch entpuppt sich „Horizon“ auch als gefühlvolle Soulplatte. Das anfangs von mir als viel zu lange entfundene „Moment Of Surrender“ habe ich mittlerweile vollends kapiert und durchschaut. Siebeneinhalb Minuten in denen die Band mit Leichtigkeit das Loslassen zelebriert und ein Bono in Topform. Selbst wenn man seiner Stimme die Brüchigkeit gelegentlich anmerkt, so wirkt dies einfach viel authentischer als in den letzten Jahren. Er hat es selber als Soul-Gesang beschrieben. Auch das wunderbar sperrige „FEZ-Being Born“ verdeutlicht dies. Eine Art Wiedergeburt im bildlichen und musikalischen Sinn. Weniger ein Song. Auch Nummern wie „White As Snow“ oder das traurige „Cedars Of Lebanon“, welches sehr reduziert und mit Bonos Sprechgesang auskommt zeigen einen wiedererstarkten Mut der Band zu neuen Methoden. Man muss ja am Ball bleiben, wenn Coldplay oder die Kings Of Leon einen den Rang streitig machen. Komplett überzeugt das Album noch nicht, auch weil sich schon wieder so austauschbare 08/15-Songs wie „Stand Up Comedy“ und „Breathe“ darauf verirrt haben. Aber der Ansatz ist der richtige. Natürlich werden U2 kein sperriges Alterswerk mehr produzieren, dazu sind sie zu sehr Profis. Aber wenn man so weiter macht, kann da noch ein musikalisch interessantes viertes Jahrzehnt dazukommen. Insofern sie noch Lust darauf haben. Hinterm Horizont geht’s ja bekanntlich weiter. Anhören: “Magnificent”, “Moment Of Surrender”, “I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight”, “FEZ-Being Born”
21. Yeah Yeah Yeahs “It’s Blitz”
Anfang der 80er gab’s ja mal die „Disco Sucks!“-Bewegung. Wer hatte die eigentlich ausgelöst? Metaler? Punks? Na ja, jedenfalls könnte man fast meinen, in diesem Jahr seine eine “Indie Rock Sucks!”-Bewegung gestartet. Die alten Helden haben die Schnauze voll von Gitarren. Julian Casablancas bedient sich an den 80ern und bei Gossip hat der Glamour nun endgültig Einzug gehalten. Und auch die Yeah Yeah Yeahs um die charismatische Karen O. fügen sich dem Zeitgeist, wenngleich das diesjährige „It’s Blitz“ glücklicherweise nicht wie ein neues Hercules & Love Affair Album klingt. Aber den Anspruch merkt man den Singles „Zero“ oder „Heads Will Roll“ schon an, während Songs wie „Dull Life“ natürlich klassische Garagen-Glam-Rocker sind. Doch insgesamt fällt halt auf, dass sich das New Yorker Trio diesmal stärker an Synthesizern bedient, ohne dabei etwas von ihrer markanten Art einzubüßen. Die schnellen Songs sind nach wie vor ordentliche Tanzflächenfüller, durch die sich Mrs. O kraftvoll durchschreit, während die wundervollen Balladen wie immer zu Herzen rühren. Besonders das wundervolle „Skeletons“. Als hier die Synthieflächen einsetzen könnte das fast Filmmusik sein, finde ich. Gänsehautmomente! Auch im tragischen „Runaway“ oder im wunderschönen Abschluss „Little Shadow“. Spielend leicht schafft es die Band nach wie vor zwischen der ganz großen Geste und dem einfachen Rock’n Roll hin und her zu schalten, ohne das es aufgezwungen wirkt. Vielleicht einfach, weil die Musik so gut gemacht ist. Oder vielleicht weil sie einen Pionierstatus haben, den andere Bands sich erst verdienen müssen. Bezähmt sind die Yeah Yeah Yeahs noch nicht, im Gegenteil... aber sie sind bereit den nächsten Schritt zu wagen. „It’s Blitz“ funkelt an allen Ecken und Enden und punktet mit wundervollen Songs, in jeglicher Hinsicht. Wieder mal ganz großes Rock’n Roll-Tennis der Dame mit ihren beiden Herren. Besser als Gossip und Casblancas sind sie ja allemal. Ob mit Disco oder ohne.
Anhören: “Zero”, “Heads Will Roll”, “Skeletons”, “Runaway”
rhododendron - 21. Dez, 11:22

r: Wenn man die fulminante „Pandemonium“-Show des britischen Popduos bereits im Sommer gesehen hat, so wie wir zwei, dann ist die Wintertour natürlich erstaunlich überraschungsarm. Ich empfehle deshalb auch die Lektüre meiner Leipzig-Rezension im Juni. Die Show bleibt natürlich so toll, wie sie bereits beim ersten Mal war, mit dem schönen Unterschied, dass ich diesmal weiter vorn stand und das Ganze endlich auch mal wirklich sehen konnte. Ansonsten sind die Würfel immer noch das zentrale Element. Sie bauen sich auf, sie stürzen wieder ein, hängen an Schnüren oder werden von den Tänzern als Wurfgeschosse benutzt. Dazu gibt’s jede Menge Kostüme, Hintergrundvideos und Tanzeinlagen. Muss ja auch, da Tennant und Lowe das Gegenkonzept von Rampensäuen sind. Die geben sich weiterhin als gut gekleidete Gentleman des Elektropop und pfeffern fast die exakt gleiche Setlist aus dem Sommer um unsere Ohren, die sich aber nach wie vor sehr gut anhört. Natürlich sind da die Gassenhauer wie „Suburbia“, „It’s A Sin“ und „Always On My Mind“ dabei, die man schon nicht mehr hören kann, aber live durchaus Sinn machen. Auch „Go West“, welches glücklicherweise immer noch über die Beats von „Paninaro“ gelegt wird. Und dann sind da natürlich ein paar Mahsups, sowie das famose Oldschool-Special mit „Two Divided By Zero“ und „Why Don’t We Live Together?“ vom Debütalbum „Please“, welche beweisen, dass die Boys tatsächlich mal richtig cool klangen. Ansonsten gesellen sich das schnittige „New York City Boy“, sowie die Allzweckwaffe „What Have I Done To Deserve This?“ ins Programm. Nett, aber nicht weltbewegend. Glücklicherweise sorgen die Boys mit Musical Conductor Stuart Price immer wieder dafür, dass die Show nicht zu einer totalen Greatest-Hits-Revue verkommt. So gibt es die tolle 80er B-Seite „Do I Have To?“, welche nahtlos in das wunderbare „King’s Cross“ überläuft und zu Tränen rührt. Alles richtig gemacht. Ansonsten die üblichen Songs. Das „Viva La Vida“-Coldplay-Cover funktioniert natürlich in so einer Location außerordentlich gut. Und als kleines vorgezogenes Nikolausgeschenk gibt’s als Zugabe die neue Weihnachtssingle „It Doesn’t Often Snow At Christmas“. Inklusive tanzender Weihnachtsbäume. Mehr Kitsch geht nicht, oder?
Also, wie wählt man die nun eigentlich die liebste aller Platten aus den vergangenen zehn Jahren? Wie geht man dabei vor? Vielleicht sollte man am Ende, das Album nehmen, welches den größten Eindruck bei einem hinterlassen hat, sowohl damals beim Release, als auch heute noch. Das Album, welches einen am meisten geprägt und bewegt hat, welches einen in den richtigen Momenten begleitet hat, an die man sich gern oder auch weniger gern zurückerinnert. Dabei kann man ja durchaus den Stellenwert in der Pophistorie außen vor lassen. Und während ich so beim Aufstellen der Top 100 immer wieder über so etwas nachdachte, kam mir am Ende immer wieder nur ein Titel in den Sinn: „A Weekend In The City“! Das zweite Bloc Party Album ist mein Meisterwerk dieser Dekade, ohne „Wenn“ und „Aber“… während die Welt in diesem Kontext immer gern auf das wegweisende Debüt „Silent Alarm“ schielt wird gern übersehen, welch Genialität der Nachfolger musikalisch und inhaltlich zu bieten hat. Und vielleicht ist es am Ende Schicksal, als ich damals alkoholtrunken kurz nach Mitternacht das Teil erstmals in meinen mp3-Player packte und aufdrehte. Dem frühen Internet-Leak sei dank! So hatte ich mir „Weekend“ für 2007 aufgespaart, vielleicht schon wissend, was es mir bedeuten würde. Na ja, war, glaub ich in jener Nacht ein unfreiwillig komisches Bild, dass ich auf den Elbwiesen abgab. 
Das schöne an dieser Top-100-Liste ist wohl am Ende, dass sie zwar trotzdem die üblichen Verdächtigen am Start hat, aber immer mal wieder zwischendrin Alben auftauchen, die der Außenstehende nicht so auf der Rechnung hatte. Denn am Ende ist es meine Liste und meine Favouriten. Und während sicher einige Musikkenner das 2003er Debütalbum der kanadischen Stills als ganz okayes Debüt mit der flotten Hitsingle „Still In Love Song“ abstempeln, geh ich einenn anderen Weg. Nicht nur ist besagter Hit in meinen Augen relativ überbewertet, nein, sondern „Logic Will Break Your Heart“ hat genau das Gegenteil von seinem Titel gemacht, nämlich mein Herz gewonnen. Und so ist es am Ende ganz selbstverständlich mein zweitliebstes Album der vergangenen Jahre. Und es ist wirklich meines, hab ich nach wie vor das Gefühl, eben deshalb, weil es kaum jemand kennt. Was spricht nun also für die Vizeposition der Stills? Nun, es ist exakt eben jener Mix aus tollen Songs und der Lebensphase, in welchem ich auf dieses Werk traf. Ich glaub, am Ende muss ich Chrischie danken, welcher das Album erst unserem „Fall On Deaf Ears“ gegeben hat, welcher es dann an mich weiter reichte. Doch es vergingen noch ein paar Monate, bis ich überhaupt reinhörte. Und ich weiß gar nicht mehr, was letztendlich den Anstoß gab und wann das Album letztendlich bei mir Klick machte. Es muss irgendwann im Sommer 2006 gewesen sein, wo mich dieses Album aus dem Nichts recht flott umgehauen hatte. Man benutzt ja gern mal so blöde Emo-Sätze wie „Dieses Album hat mein Leben gerettet“. Ist eigentlich schrecklich abgedroschen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich ihn bisher noch nicht in den Top 100 angewendet hab und weil’s einfach wahr ist, drück ich mal auf die Emo-Tube. Ja, dieses Album war und ist mir extrem wichtig und einer der Gründe, warum Musik in meinen Augen unser kostbarstes Kulturgut ist. Und das seh vielleicht ich nur so, denn hier handelt es sich ja um kein symphonisches Großwerk, sondern um Indierock mit leichtem New-Wave-Einschlag. Warum funktioniert dieses Album bei mir? Vielleicht, weil es die Thematik ist… 12 Songs über gebrochene Herzen mit unterschiedlichsten textlichen Herangehensweisen. Der fulminante Opener „Lola Stars And Stripes“ mischt apokalyptische Ängste mit Zweisamkeit, während gleich im Anschluss im lyrisch prägnantesten Song des Albums, „Gender Bombs“ alles zusammengefasst wird… „The Girl will school you“. Und Logik zerbricht eben das Herz, genauso wie Veränderungen am Ende schlecht sind. Der gleichnamige dritte Song beendet den tollen Hit-Hattrick gleich zu Beginn der Platte. Hier bin ich schon hin und weg. Der Rest begeistert auch, seien es die etwas rockigen Nummern wie „Love and Death“ oder „Allison Krausse“ oder die ruhigen Momente, wie „Let’s Roll“ oder „Fevered“, welche wie eine warme Sommernacht für Seelenfrieden suchen. An den sehr seltsamen Wendungen, die hier fallen, wird klar, dass es mir recht schwer fällt den Wert und die Faszination von „Logic Will Break Your Heart“ in rationalen Beschreibungen festzuhalten. Vielleicht versuch ich’s noch mal. Wir haben 12 sehr gute bis geniale Indierock-Songs, die aber gern mal ein wenig Richtung Wave schielen, ohne aber dabei wie Interpol und Konsorten zu klingen. Was bleibt ist die melancholische Grundstimmung, die zwar gelegentlich Ausbrüche von Optimismus zulässt, aber damit nie übertreibt. Etwas Dunkles kann diese Musik nicht von der Hand weisen. Aber gerade die Tatsache, dass sich das insgesamt irgendwie mit den hellen Aspekten der Musik die Wage hält, macht dieses Album so hörenswert. Der Verlust der Liebe bleibt zentrales Thema dieses Albums. Und so stellt Sänger Tim Fletcher am Ende resigniert fest: “Some things last forever, why can't this last forever?”. Das der Abschlusssong “Yesterday, Never Tomorrow” am Ende doch irgendwie etwas fröhlich Leichtes an sich hat, kann gern als Ironie der Tatsache gesehen werden. Auf „Logic Will Break Your Heart“ wird im ganz großen Maßstab gelitten, auch wenn es sich das Album eben nicht anmerken lässt. Nachdem der Nachfolger ein ziemliches Desaster wurde und man die Stills eigentlich schon hätte abschreiben können, stimmte das 2008er Album „Oceans Will Rise“ wieder versöhnliche Töne an, so dass vielleicht auch in Zukunft noch mit den jungen Herren aus Kanada zu rechnen ist. Und selbst wenn nicht, dann bleibt am Ende dieser kleine, wunderbare Indierock-Schatz, der für immer einen großen Stellenwert in meinem Leben haben wird. Und vielleicht funktioniert das nur in bestimmten Situationen, in denen man selber das durchmacht, was diese Platte uns erzählt. Vielleicht funktioniert’s aber auch anders. Wer also bisher noch nichts von der Existenz dieses Albums mitbekommen hat, dem empfehle ich das Anhören hiermit uneingeschränkt. Danke, liebe Stills!
Schluss mit Leise! Nach dem wunderbar ruhigen Debüt „Parachutes“ setzten die britischen Newcomer von Coldplay mit dem Nachfolger ein deutliches Ausrufezeichen und meldeten damit auch unfreiwillig den Anspruch an, für die ganze Welt zu spielen. Es dauerte zwar noch ein wenig bis es dann endgültig vorbei war mit dem Geheimtipp, aber so lange gehörte „A Rush Of Blood To The Head“ mit allein! Ja, a bin ich egoistisch und erinner mich gern an die Zeit zurück, als man Coldplay noch nicht mit diversen Hausfrauen, BWL-Studenten und Fußballstadien teilen musste. Auch nach sieben Jahren bleibt das Zweitwerk in Sachen Coldplay das Maß aller Dinge. Die eigene Messlatte sozusagen. Dafür reichen schon die fünf Minuten von „Politik“ zu Beginn. Die besten fünf Minuten, die diese Band bisher komponiert hat. Ein Meileinstein, der mir auch heute noch immer einen Schauer über den Rücken jagt. Besonders ab Minute Vier. Einfach mal selbst testen. Mit stampfendem Rhythmus erzählt uns Lockenkopf Chris Martin vom Chaos in der Welt, bevor er die Angebetete im befreienden Schlussteil anfleht „And give me love over this“. Auch bei Coldplay ist ja bekanntlich all you need love. Das kann man für naiv halten, aber mein Gott… seid doch auch mal ein wenig romantisch, liebe Zweifler. Natürlich sind auf diesem Album auch die großen Radiohits „In My Place“ und „Clocks“ dabei, die man vielleicht mittlerweile nicht mehr hören kann, wobei aber gerade Letzterer ein unbestreitbarer Superhit ist. Eine Pianomelodie für die Ewigkeit. Und natürlich das wundervolle „The Scientist“, welches sich in triefenden Entschuldigungs-Phrasen wälzt und somit Angriffsfläche für alle Hater gibt. So wie das ganze Album. Alles, was man an Coldplay lieben kann findet sich hier. Und eben alles, was man an dem Quartett hassen kann. Ist mir aber relativ schnuppe, muss ich sagen. Nachdem sich das Debüt ja, wie bereits erwähnt, eher akustisch gab, drehen Coldplay die Gitarren nun etwas auf und wagen auch mal ein paar Überraschungen, wie das wüst-chaotische „A Whisper“ oder das treibende „God Put A Smile Upon Your Fance“. Zwischendurch muss aber natürlich immer wieder Platz für die wunderbar melodischen Piano-Britpop-Nummern sein. „Warning Sign“ schrammt zwar ziemlich am Kitsch vorbei, aber irgendwie nimmt man Martin den reumütigen Liebhaber in jeder Sekunde ab. „When the truth is, I miss you so.“ Wie kann ich da nur wiederstehen? Auch der Titeltrack überzeugt mit starken Texten und einem tollen, großflächigen Soundgewand, bevor der Abschluss “Amsterdam” dann noch mal kurz ruhigere Töne anschlägt, nur um am Ende noch mal richtig auszubrechen. Man merkt einfach, wie viel die Band seit dem Debüt gelernt hat und wie viel sie bereit ist, zu riskieren und auszuprobieren. So halten sich die gefühlvollen, zerbrechlichen Momente mit dem großen Pathos erstaunlich gut die Wage. Im Prinzip ist „Rush of Blood“ ein typisches zweites Album, wie es hier im Countdown immer wieder aufgetaucht ist. Man nimmt die besten Elemente des Vorgängers und macht sie einfach, auch aufgrund der Erfahrung, etwas größer und ausgereifter. Der Erfolg kommt dann ja meist von allein und kam ja in dem Fall später auch. „A Rush Of Blood To The Head“ wird vermutlich für alle Zeit mein Lieblings Coldplay-Album bleiben. Allein aus nostalgischen und biographischen Gründen werden es alle späteren Alben schwer haben, da ran zu kommen. Mit diesem Album wurden Coldplay, zumindest für einen Zeitraum von 2 Jahren oder so, zu meiner Lieblingsband und sind auch heute noch ganz weit vorn in meiner Gunst, egal wie groß sie sind und wie groß sie noch werden. Ich hab das glaub ich, weiter hinten bei „Viva La Vida“ geschrieben… wenn eine Band weltweit so viel Anerkennung findet, dann hat das vielleicht auch manchmal was mit musikalischer Qualität zu tun. Und wer an dieser zweifelt, sollte sich doch bitte noch einmal dieses tolle Meisterwerk mit seinen wundervollen Popsongs anhören und überzeugt werden.
Auf die Musikpresse sollte man sich sowieso nicht verlassen. Der Name „Editors“ tauchte natürlich im schicksalsträchtigen Jahr 2005 auch irgendwann unter all den vielen neuen Gitarrenbands auf. Und als mich Blogkollege „The Fall On Deaf Ears“ irgendwann im Sommer ’05 mal darauf ansprach, plapperte ich munter dem Schnabel der Presse nach… „Das is doch nur so’n billiger Interpol-Klon, oder?“ Ich Unwissender, ich! Es sollte noch ein halbes Jahr dauern, bis die Zeit reif für mich und die Editors war. So trat die Band während einer Phase in mein Leben, in dem ich sie wirklich brauchte. Mehr muss dazu auch nicht gesagt werden, das ist ja hier kein Kummerkasten. Dann auf einmal hörte ich „The Back Room“, welches ich auch noch einige Wochen lang versehentlich als „Black Room“ titulierte und irgendwann kam der Moment, wo es „Klick“ machte und an allen Vorurteilen vorbei direkt ins Herz ging. Mit Interpol hat das alles auch nicht wirklich was zu tun. Denn seit wann steht das Kriterium „Melancholischer Wave Rock mit tiefer Männerstimme“ denn für einen Vergleich? Nein, die Editors waren schon immer etwas dringlicher, konkreter. Während Interpol mit der Introspektive immer noch liebäugeln, wollen die Editors mit ihrer Trauer und Verzweiflung Außenwirkung erzeugen. Allein der Albumbeginn ist mit dem schnellen „Lights“, sowie den Hits „Munich“ und „Blood“ bereits unglaublich zackig, energiegeladen und tanzbar. Und so geht es auch weiter, wenngleich die Band natürlich zu den richtigen Momenten auf die Bremse tritt. Und immer wieder fleht die markante Stimme von Tom Smith in den Nachthimmel. „I wanted to see this for myself“ singt er im melancholischen „Fall“ vor sich hin. Inwieweit Smiths Stimme etwas mit Paul Banks zu tun haben soll, dass dürfen andere entscheiden. Sie ist makant, klar, kraftvoll und doch voller Schmerz. Live gibt Smith den unfreiwilligen Frontmann, der immer wieder im Kampf mit sich selbst zu sein scheint. Wenngleich sich das in den letzten Jahren deutlich gebessert hat. Seine Texte sind einfach gehalten, aber mehrdeutig interpretierbar. So haben die Songs die seltene Gabe, für jeden ihrer Hörer etwas anderes zu bedeuten. Wer oder was die „Disease“ ist, auf welche man im genialen „Bullets“ verzichten soll, muss jeder selbst entscheiden. Und auch die blutenden Hände aus den Fabriken oder die Arme, mit denen man Menschen in der eigenen Stadt Willkommen heißen soll sind Interpretationssache. Doch was am Ende bleibt ist ein Gefühl von Melancholie, Verzweiflung und sicher auch etwas innerer Zerrissenheit, welche die Songs, trotz ihrer poppigen Eingängigkeit durchweht. Für ein Debütalbum eine erstaunliche Leistung. Alle elf Tracks sind hervorragend und auch vielseitig. Für ein trauriges Balladenalbum ist „The Back Room“ zu schnell, für ein Tanzalbum aber auch zu ruhig. Für mich als Fan von düsterem New-Wave-Pop natürlich ideal. Das Debüt der Editors ist eines der besten der ausgehenden Dekade voller großer, wichtiger Songs, die mir sehr viel bedeuten. Und nicht nur die auf dem Album. All die B-Seiten, welche vor und während dieses Debüts entstanden, sind von ähnlicher Birllanz. Es seien nur mal Songs wie „Let Your Good Heart Lead Your Home“ oder “Come Share The View” ans Herz gelegt. Und all diese Songs habe ich damals so gern und intensiv gehört... und das über einen wirklich langen Zeitraum. Die trunkenen Momente, die ich zusammen mit den Editors verbracht hab lassen sich eh nicht mehr an zwei Händen abzählen. Aber es war gut so und ist es heute immer noch. Auch die beiden Nachfolger haben meine Vermutungen bestätigt, dass diese Band viel Potential nach oben hat. Dieses einmalige A-ha-Gefühl aber bleibt trotzdem für immer mit „The Back Room“ verbunden. Und dabei bealsse ich es auch. „I’ve got so much to tell you but so little time”.