Die wahren Hits der 80er, 90er und von heute
Wie war’s eigentlich damals bei den Pet Shop Boys? Doppelter Einsatz in Berlin. 50% von Nobono besuchten vor gut 2 Wochen endlich ihr hauseigenes Konzert der Pet Shop Boys. Und nicht nur dies. Obendrein gibt es mit den Special Guests Bad Lieutenant noch weitere Legenden im Entertainment-Paket. Ein verspäteter Erlebnisbericht.
Also, man kann ja von den Pet Shop Boys halten was man will. Aber der hoffentlich vorhandenen Leserschaft hier sollte bewusst sein, dass es den Blog Nobono als solchen ohne die Herren Tennant und Lowe nicht geben würde! Der Liebe zu dem britischen Popduo ist es nämlich zu verdanken, dass sich doughnut und rhododendron einst kennen lernten, gemeinsame musikalische Interessen entdeckten und dann irgendwann vor nun mehr fast drei Jahren hier den Laden aufmachten. Ob der Rest Geschichte ist, sei mal dahin gestellt. Umso schöner die Tatsache, dass wir beide es am 05.12. diesne Jahres endlich schafften, mal ein Konzert der Pets zusammen zu erleben. Denn, und das ist ein gerechtfertigter Klischee-Satz, das ausgehende Jahr 2009 war definitiv nach langer Zeit mal wieder ein gutes Jahr für die Boys. Kritiker und Käufer waren sich endlich mal einig und so wurde das Popduo, wohl auch aufgrund eines allgemeinen musikalischen Trends, auch wieder für Menschen unter 30 interessant. Das Konzert in der protzigen o2-World sollte da eine Art schönen Schlusspunkt setzen, wenngleich es lediglich der Auftakt der Wintertour in Deutschland ist. Und als ob das nicht schon ein Anreiz genug wäre, erfüllen uns die Boys noch einen absoluten Wunschtraum und laden als Special Guest nur für dieses eine Konzert Bad Lieutenant ein! Ich meine, lebende Legenden. 50% Nobono trifft 50% Joy Division. Ein gutes Verhältnis! Deshalb haben wir unsere folgenden Einschätzungen auch zweigeteilt.
I. Die Lokalität
rhododendron: Okay, also dass müssen wir ja mal voranstellen. Wir wissen ja, dass Neil und Chris trotz der guten Resonanz von „Yes“ in diesem Jahr keine Massenband sind. Vielleicht waren sie das mal 1989 oder so. Wenn überhaupt. Warum man sich also in einem Protztempel, wie der o2 World in Berlin einmietet, wo sonst nur Coldplay, Metallica und Whitney Housten (fällt mir nur grad ein, weil dafür gestern so exzessiv Werbung gemacht wurde) auftreten, schien den ganzen Abend nicht klar. Irgendeine Marketing-Sache? Proben für die DVD-Aufzeichnung in der o2 Arena in London demnächst? Selbstüberschätzung? Jedenfalls hätten wir beide ja am Anfang gedacht, die bekommen das Teil nicht mal bis zur Hälfte voll, da es noch eine Stunde vor Beginn recht leer war. Doch wir wurden dann recht positiv überrascht, oder?
doughnut: Richtig. Das Ding ist eben: die o2 World ist ziemlich groß. Soweit ich weiß, finden dort an die 17.000 Leute Platz. Man hat nun die Oberränge gar nicht zum Verkauf frei gegebenen, das wäre dann auch wirklich absurd gewesen. Wir waren ja überpünktlich dort und stellten fest, dass der Innenraum auch nach einer halben Stunde nicht voller wurde. Also schon ziemlich lustig, dass bereits vor 19 Uhr einige Fans panisch in die Halle gerannt sind. Wir konnten gemütlich unsere Jacken abgeben, Bier kaufen und waren letztlich doch sehr weit vorn. Als Bad Lieutenant dann loslegten wurde es sichtlich voller. Wenn man sich das ganze nun auf Fotos etc. betrachtet, kann man schon sagen, dass der Innenraum gut gefüllt war. Eigentlich voll, aber eben kein Gedrängel. Man konnte da ganz gut stehen. Im Gegensatz zu einigen Unkenrufen anderswo finde ich, dass auch die Ränge gut gefüllt waren. Lass es an die 10.000 Leute gewesen sein, und es war für die Verhältnisse wirklich ziemlich voll. Dafür gabs ja aber auch wochenlang schöne große Plakatwerbung in Berlin an der o2 World. Insgesamt ganz ordentliche Location und interessant, die PSB mal in einer etwas größeren Halle spielen zu sehen: die Show funktioniert auch dort!
II. Bad Lieutenant
r: Die Tatsache, dass wir es zeitlebens nie auf ein New Order Konzert geschafft haben, schmerzt natürlich sehr. Gerade für Oberfan doughnut. Umso glücklicher waren wir natürlich bei der Bekanntgabe des „Support Acts“ für diesen Abend! Sicher auch, um den Laden noch etwas zu füllen. Bad Lieutenant haben ein okayes Debüt vorgelegt, welches kurzweiligen Gitarrenpop bietet, der irgendwo zwischen New Order und den Doves angesiedelt ist. Aber natürlich ist das nicht der Grund, warum man sich auf einen Auftritt freut. Natürlich ist es auch die Präsenz von Bernard Sumner und Stephen Morris. Ich meine, Stephan Morris, dem Produzent Martin Hannett bei den Aufnahmen des Joy Division Debüts riet, seine Parts auf dem Studiodach einzuspielen, um mehr Kälte zu erzeugen. Und Bernie Sumner, der Ian Curtis kurz vor dessen Tod noch bei sich übernachten ließ, Tony Wilson kannte, die Hacienda mitfinanziert und ruiniert hatte... und wenn diese Band dann „Ceremony“ anstimmt... dann weht einfach die Geschichte unweigerlich mit durch den Raum. Und so freut man sich einfach, endlich mal „Crystal“ und „Tempation“ live zu hören. Letzteres genial zusammengemixt mit dem Chemical Brothers Track „Out Of Control“, welchem Sumner damals bekanntlich seine Stimme lieh. In diesem Moment lässt sich erahnen, wie es vor 20 Jahren in der Hacienda abgegangen sein muss. Fine Time, Baby! Für uns Fans wird ein kleiner Traum war. Leider nur für eine dreiviertel Stunde. Die Band verabschiedet sich standardgemäß mit „Love Will Tear Us Apart“, welches sie sogar Robert Enke widmet. Der Song ist auch nach dreißig Jahren unkaputtbar und bewegend. Nie wahr Peter Hook überflüssiger, als in diesem Moment. Die nächste Bad Lieutenant Tour sollte dann doch Pflicht sein, oder?
d: Die armen Bad Lieutenant! Anfangs mussten sie ja noch unter „Notbeleuchtung“ spielen, später hatte man das technische Problem dann im Griff. Naja, was soll man sagen? Eigentlich wurde ja alles gesagt: a) Peter Hook fehlt halt nicht. Seien wir ehrlich: Während Sumner sich mit seinen Leuten für eineinhalb Jahre zurückgezogen, und ein solides Gitarrenpopalbum aufgenommen hat, kam Hook nur mit pikierenden Worten über Morrissey und der Vergangenheit an sich in die Presse. Sowas nervt – und deswegen kann man es Sumner auch nicht übel nehmen, wenn einen Abend zuvor in Hamburg noch selbstbewusst „we are not New Order“ in die Menge ruft. In der Tat war bei NO zuletzt die Luft raus, doch davon hatte man an diesem Abend nichts mehr gemerkt. Sumner und Co. machten einen frischen und sympathischen Eindruck. Man merkte ihnen an: es macht wieder Spaß! Mit drei Gitarristen auf der Bühne gabs auch nen ordentlichen Sound und man hatte schließlich den Eindruck, dass die sich nach ner dreiviertel Stunde erst warm gespielt hatten. Leider mussten sie sich schon dann verabschieden, aber die passende Tour soll ja im Frühjahr 2010 folgen – und dann ist man sicher wieder dabei, denn was man an diesem Abend geboten bekam war nicht nur die physische Präsenz zweier Legenden, sondern einfach eine gute Liveband mit richtig guten Songs – und dazu zählen auch die neuen wie „Sink or swim“ oder „This is home“. Sehr schöner Auftritt, mit dem man dann auch den NO Gig auf der Wunschliste abhaken kann. Ich mein: Ceremony, Crystal, Out of control UND Temptation! Geht’s noch besser? Wohl kaum…
III. Pet Shop Boys
r: Wenn man die fulminante „Pandemonium“-Show des britischen Popduos bereits im Sommer gesehen hat, so wie wir zwei, dann ist die Wintertour natürlich erstaunlich überraschungsarm. Ich empfehle deshalb auch die Lektüre meiner Leipzig-Rezension im Juni. Die Show bleibt natürlich so toll, wie sie bereits beim ersten Mal war, mit dem schönen Unterschied, dass ich diesmal weiter vorn stand und das Ganze endlich auch mal wirklich sehen konnte. Ansonsten sind die Würfel immer noch das zentrale Element. Sie bauen sich auf, sie stürzen wieder ein, hängen an Schnüren oder werden von den Tänzern als Wurfgeschosse benutzt. Dazu gibt’s jede Menge Kostüme, Hintergrundvideos und Tanzeinlagen. Muss ja auch, da Tennant und Lowe das Gegenkonzept von Rampensäuen sind. Die geben sich weiterhin als gut gekleidete Gentleman des Elektropop und pfeffern fast die exakt gleiche Setlist aus dem Sommer um unsere Ohren, die sich aber nach wie vor sehr gut anhört. Natürlich sind da die Gassenhauer wie „Suburbia“, „It’s A Sin“ und „Always On My Mind“ dabei, die man schon nicht mehr hören kann, aber live durchaus Sinn machen. Auch „Go West“, welches glücklicherweise immer noch über die Beats von „Paninaro“ gelegt wird. Und dann sind da natürlich ein paar Mahsups, sowie das famose Oldschool-Special mit „Two Divided By Zero“ und „Why Don’t We Live Together?“ vom Debütalbum „Please“, welche beweisen, dass die Boys tatsächlich mal richtig cool klangen. Ansonsten gesellen sich das schnittige „New York City Boy“, sowie die Allzweckwaffe „What Have I Done To Deserve This?“ ins Programm. Nett, aber nicht weltbewegend. Glücklicherweise sorgen die Boys mit Musical Conductor Stuart Price immer wieder dafür, dass die Show nicht zu einer totalen Greatest-Hits-Revue verkommt. So gibt es die tolle 80er B-Seite „Do I Have To?“, welche nahtlos in das wunderbare „King’s Cross“ überläuft und zu Tränen rührt. Alles richtig gemacht. Ansonsten die üblichen Songs. Das „Viva La Vida“-Coldplay-Cover funktioniert natürlich in so einer Location außerordentlich gut. Und als kleines vorgezogenes Nikolausgeschenk gibt’s als Zugabe die neue Weihnachtssingle „It Doesn’t Often Snow At Christmas“. Inklusive tanzender Weihnachtsbäume. Mehr Kitsch geht nicht, oder?
d: Was konnte man erwarten im Gegensatz zur Sommer Tour? Neue Songs? Mehr Songs? Gar ein anderes Bühnenbild? Nun, die Veränderungen lagen im Detail. Im Intro „More than a dream (Dub)“ hörte man im Gegensatz zum Sommer nun schon Heart heraus, für „Love etc.“ wählte man ein alternatives Ende (ohne den Textzeilen „I believe / call me naive/ That we can achieve / A love that we need“) und hier und da änderte man eine Synthie Spur. Zu 90% passten diese Veränderungen gut, manchmal klang da aber auch einiges schief. „New York City boy“ beispielsweise wirkte deplatziert, da man „Always on my mind“ vermutete, was aber an der positiven Stimmung nichts änderte. „What habe I done to deserve t his?“ hätte man nicht haben müssen, aber in einer auf „Greatest Hits“ getrimmten Setlist natürlich kein falscher Beitrag. Dusty Springfiel erschien derweil wie in einer Andy Warhol Collage auf großer Leinwand. Absolutes Highlight natürlich der New York-Block und eben der ruhige Part mit den Balladen. Hier und da änderte man auch die Choreografie der Tänzer, doch die Veränderungen lagen insgesamt im Detail. Go West wird mittlerweile nicht mehr als Finale genutzt und kommt im Mittelteil dafür umso besser. Songs wie „Love etc.“ produzieren da mittlerweile mehr Stimmung. Und ja: natürlich sehr kitschiger, aber auch sehr PSB-typischer Abschluss mit dem Christmas Song. Kam sehr gut an und hat mich live ebenso überrascht. Schöne Setlist, überwiegend gute Neuerungen im Detail, die sicher nur dem Fan auffielen!
IV. Stimmung / Fazit
r: Ja, was bleibt am Ende nach diesem Gastspiel der beiden Legenden? Die Stimmung war eher bescheiden, als ob das Publikum mit Handbremse auftrat. Sicher, der Applaus war recht ordentlich und insofern ich das sehen konnte, stand man auf den lichten Rängen am Ende auch mehrheitlich. Während der Songs hätte ich, gerade weiter vorn einfach mehr erwartet. Ich meine, dass sich da kein Moshpit bildet ist klar, vielleicht fehlen den Boys dazu auch die Songs, aber teilweise war das einfach ein zu hoher Schunkelfaktor. Und Neil Tennant ist halt einfach nicht der Typ, der permanent das Publikum anfeuert. Wenn er es allerdings tat, dann ging ein kurzer Ruck durch die Lethargie. Das war’s dann aber auch. Positiv war hingegen die logistische Überschätzung der Location. Dadurch, dass die gerade mal zu 2/3 gefüllt war, gab es wenigstens mal für alle ausreichend Platz. Was man damit anstellt ist dann natürlich jedem selbst überlassen. Das Publikum der Pet Shop Boys ist, Spex-Verehrung hin oder her, einfach mal ein älteres Semester. Immerhin sind Tennant und Lowe ja auch nicht mehr die Jüngsten und das sieht man trotz Kostümen, Hüten und Sonnenbrillen langsam auch. Dennoch bleibt bei mir ständig das Gefühl, dass da stimmungstechnisch noch Platz nach oben ist. Aber da sollte man Realist bleiben. Der tollen Show der Jungs tut dies aber keinen Abbruch. Und gerade durch Bad Lieutenant hat die Show noch einiges dazu gewonnen. Allein dafür hat sich die Anreise gelohnt. Was bleibt also? Die Pet Shop Boys haben ein gutes Jahr und eine gute Live-Show gehabt und ich bin gespannt, was dann in 3 Jahren darauf folgt. Auf das Sommerkonzert hätte ich rückblickend also eher verzichten können. Und Bad Lieutenant? Ja, da muss nun bald mal ’ne Tour folgen. Da sind wir dabei. Herr doughnut, ich rechne mit ihnen.
d: Pandemonium Tour = solide PSB-Tour. Was wurde anders gemacht als 2007 zur Fundamental Tour? Größeres, aufwändigeres Bühnenbild, mehr Kostüme, mehr Songs. Insgesamt gab’s von allem ein wenig mehr. Und mit Price als Sound Director nicht nur mehr, sondern halt auch ein wenig besser. Man hat mehr aus den Songs gemacht und tolle Sachen aus dem Archiv geholt. Man hörte sogar Anleihen von „In the night“ – ob wir sowas nochmal erleben werden? Nun, Price sollte in jedem Fall in drei Jahren für das nächste Album verantwortlich sein, denn er hat aus den Jungs live nochmal einiges rausgeholt. Das Publikum ist sicher ein älteres Semester, aber es gab auch einige jüngere Leute darunter, die sicherlich mit dem musikalischen Trend und mit „Love etc.“ in die Halle gespült wurden. Hätte man „All over the world“ folgen lassen, wäre da eventuell sogar noch mehr Spielraum für eine neue „Fangeneration“. Davon abgesehen hast du natürlich Recht: Für eine Stimmung wie bei Coldplay und Co. fehlen denen halt einfach die Songs. Viele kommen halt dort hin, um in Ruhe die Hits ihrer Jugend Revue passieren zu lassen. Da rastet man halt maximal bei „Always on my mind aus“. Klar, dass dann die jüngeren Fans ein wenig mehr aktiv sind. Fazit: Man hat uns auf der Tour überrascht und es wurde einiges geboten. Alles war ein wenig mehr, ein wenig bunter als in den vergangenen zehn Jahren und wer hätte das schon erwartet. Die Stimmung war okay, die Halle gut gefüllt. Es gibt also nichts zu bemängeln, gerade bei so einen Support wie Bad Lieutenant. Ich meine klar: Den Electronic-Hit „Getting away with it“ hätten sie schon anstimmen können, aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert. In diesem Sinne: bis in zwei oder drei Jahren!
Setlist:
01 More Than A Dream (Intro)
02 Heart
03 Did You See Me Coming?
04 Pandemonium / Can You Forgive Her?
05 Love Etc.
06 Integral/ Building A Wall
07 Go West
08 Two Divided By Zero
09 Why Don't We Live Together?
10 New York City Boy
11 Always On My Mind
12 Closer To Heaven / Left To My Own Devices
13 Do I Have To?
14 King’s Cross
15 The Way It Used To Be
16 Jealousy
17 Suburbia
18 What Have I Done To Deserve This?
19 All Over The World
20 Se A Vida È (That’s The Way Life Is)
20 Domino Dancing/ Viva La Vida
21 It's A Sin
22 Being Boring
23 West End Girls
24 It Doesn’t Often Snow At Christmas
PS: Die Bilder sind eine "Leihgabe" von intro.de...
Also, man kann ja von den Pet Shop Boys halten was man will. Aber der hoffentlich vorhandenen Leserschaft hier sollte bewusst sein, dass es den Blog Nobono als solchen ohne die Herren Tennant und Lowe nicht geben würde! Der Liebe zu dem britischen Popduo ist es nämlich zu verdanken, dass sich doughnut und rhododendron einst kennen lernten, gemeinsame musikalische Interessen entdeckten und dann irgendwann vor nun mehr fast drei Jahren hier den Laden aufmachten. Ob der Rest Geschichte ist, sei mal dahin gestellt. Umso schöner die Tatsache, dass wir beide es am 05.12. diesne Jahres endlich schafften, mal ein Konzert der Pets zusammen zu erleben. Denn, und das ist ein gerechtfertigter Klischee-Satz, das ausgehende Jahr 2009 war definitiv nach langer Zeit mal wieder ein gutes Jahr für die Boys. Kritiker und Käufer waren sich endlich mal einig und so wurde das Popduo, wohl auch aufgrund eines allgemeinen musikalischen Trends, auch wieder für Menschen unter 30 interessant. Das Konzert in der protzigen o2-World sollte da eine Art schönen Schlusspunkt setzen, wenngleich es lediglich der Auftakt der Wintertour in Deutschland ist. Und als ob das nicht schon ein Anreiz genug wäre, erfüllen uns die Boys noch einen absoluten Wunschtraum und laden als Special Guest nur für dieses eine Konzert Bad Lieutenant ein! Ich meine, lebende Legenden. 50% Nobono trifft 50% Joy Division. Ein gutes Verhältnis! Deshalb haben wir unsere folgenden Einschätzungen auch zweigeteilt.
I. Die Lokalität
rhododendron: Okay, also dass müssen wir ja mal voranstellen. Wir wissen ja, dass Neil und Chris trotz der guten Resonanz von „Yes“ in diesem Jahr keine Massenband sind. Vielleicht waren sie das mal 1989 oder so. Wenn überhaupt. Warum man sich also in einem Protztempel, wie der o2 World in Berlin einmietet, wo sonst nur Coldplay, Metallica und Whitney Housten (fällt mir nur grad ein, weil dafür gestern so exzessiv Werbung gemacht wurde) auftreten, schien den ganzen Abend nicht klar. Irgendeine Marketing-Sache? Proben für die DVD-Aufzeichnung in der o2 Arena in London demnächst? Selbstüberschätzung? Jedenfalls hätten wir beide ja am Anfang gedacht, die bekommen das Teil nicht mal bis zur Hälfte voll, da es noch eine Stunde vor Beginn recht leer war. Doch wir wurden dann recht positiv überrascht, oder?
doughnut: Richtig. Das Ding ist eben: die o2 World ist ziemlich groß. Soweit ich weiß, finden dort an die 17.000 Leute Platz. Man hat nun die Oberränge gar nicht zum Verkauf frei gegebenen, das wäre dann auch wirklich absurd gewesen. Wir waren ja überpünktlich dort und stellten fest, dass der Innenraum auch nach einer halben Stunde nicht voller wurde. Also schon ziemlich lustig, dass bereits vor 19 Uhr einige Fans panisch in die Halle gerannt sind. Wir konnten gemütlich unsere Jacken abgeben, Bier kaufen und waren letztlich doch sehr weit vorn. Als Bad Lieutenant dann loslegten wurde es sichtlich voller. Wenn man sich das ganze nun auf Fotos etc. betrachtet, kann man schon sagen, dass der Innenraum gut gefüllt war. Eigentlich voll, aber eben kein Gedrängel. Man konnte da ganz gut stehen. Im Gegensatz zu einigen Unkenrufen anderswo finde ich, dass auch die Ränge gut gefüllt waren. Lass es an die 10.000 Leute gewesen sein, und es war für die Verhältnisse wirklich ziemlich voll. Dafür gabs ja aber auch wochenlang schöne große Plakatwerbung in Berlin an der o2 World. Insgesamt ganz ordentliche Location und interessant, die PSB mal in einer etwas größeren Halle spielen zu sehen: die Show funktioniert auch dort!
II. Bad Lieutenant
r: Die Tatsache, dass wir es zeitlebens nie auf ein New Order Konzert geschafft haben, schmerzt natürlich sehr. Gerade für Oberfan doughnut. Umso glücklicher waren wir natürlich bei der Bekanntgabe des „Support Acts“ für diesen Abend! Sicher auch, um den Laden noch etwas zu füllen. Bad Lieutenant haben ein okayes Debüt vorgelegt, welches kurzweiligen Gitarrenpop bietet, der irgendwo zwischen New Order und den Doves angesiedelt ist. Aber natürlich ist das nicht der Grund, warum man sich auf einen Auftritt freut. Natürlich ist es auch die Präsenz von Bernard Sumner und Stephen Morris. Ich meine, Stephan Morris, dem Produzent Martin Hannett bei den Aufnahmen des Joy Division Debüts riet, seine Parts auf dem Studiodach einzuspielen, um mehr Kälte zu erzeugen. Und Bernie Sumner, der Ian Curtis kurz vor dessen Tod noch bei sich übernachten ließ, Tony Wilson kannte, die Hacienda mitfinanziert und ruiniert hatte... und wenn diese Band dann „Ceremony“ anstimmt... dann weht einfach die Geschichte unweigerlich mit durch den Raum. Und so freut man sich einfach, endlich mal „Crystal“ und „Tempation“ live zu hören. Letzteres genial zusammengemixt mit dem Chemical Brothers Track „Out Of Control“, welchem Sumner damals bekanntlich seine Stimme lieh. In diesem Moment lässt sich erahnen, wie es vor 20 Jahren in der Hacienda abgegangen sein muss. Fine Time, Baby! Für uns Fans wird ein kleiner Traum war. Leider nur für eine dreiviertel Stunde. Die Band verabschiedet sich standardgemäß mit „Love Will Tear Us Apart“, welches sie sogar Robert Enke widmet. Der Song ist auch nach dreißig Jahren unkaputtbar und bewegend. Nie wahr Peter Hook überflüssiger, als in diesem Moment. Die nächste Bad Lieutenant Tour sollte dann doch Pflicht sein, oder?
d: Die armen Bad Lieutenant! Anfangs mussten sie ja noch unter „Notbeleuchtung“ spielen, später hatte man das technische Problem dann im Griff. Naja, was soll man sagen? Eigentlich wurde ja alles gesagt: a) Peter Hook fehlt halt nicht. Seien wir ehrlich: Während Sumner sich mit seinen Leuten für eineinhalb Jahre zurückgezogen, und ein solides Gitarrenpopalbum aufgenommen hat, kam Hook nur mit pikierenden Worten über Morrissey und der Vergangenheit an sich in die Presse. Sowas nervt – und deswegen kann man es Sumner auch nicht übel nehmen, wenn einen Abend zuvor in Hamburg noch selbstbewusst „we are not New Order“ in die Menge ruft. In der Tat war bei NO zuletzt die Luft raus, doch davon hatte man an diesem Abend nichts mehr gemerkt. Sumner und Co. machten einen frischen und sympathischen Eindruck. Man merkte ihnen an: es macht wieder Spaß! Mit drei Gitarristen auf der Bühne gabs auch nen ordentlichen Sound und man hatte schließlich den Eindruck, dass die sich nach ner dreiviertel Stunde erst warm gespielt hatten. Leider mussten sie sich schon dann verabschieden, aber die passende Tour soll ja im Frühjahr 2010 folgen – und dann ist man sicher wieder dabei, denn was man an diesem Abend geboten bekam war nicht nur die physische Präsenz zweier Legenden, sondern einfach eine gute Liveband mit richtig guten Songs – und dazu zählen auch die neuen wie „Sink or swim“ oder „This is home“. Sehr schöner Auftritt, mit dem man dann auch den NO Gig auf der Wunschliste abhaken kann. Ich mein: Ceremony, Crystal, Out of control UND Temptation! Geht’s noch besser? Wohl kaum…
III. Pet Shop Boys
r: Wenn man die fulminante „Pandemonium“-Show des britischen Popduos bereits im Sommer gesehen hat, so wie wir zwei, dann ist die Wintertour natürlich erstaunlich überraschungsarm. Ich empfehle deshalb auch die Lektüre meiner Leipzig-Rezension im Juni. Die Show bleibt natürlich so toll, wie sie bereits beim ersten Mal war, mit dem schönen Unterschied, dass ich diesmal weiter vorn stand und das Ganze endlich auch mal wirklich sehen konnte. Ansonsten sind die Würfel immer noch das zentrale Element. Sie bauen sich auf, sie stürzen wieder ein, hängen an Schnüren oder werden von den Tänzern als Wurfgeschosse benutzt. Dazu gibt’s jede Menge Kostüme, Hintergrundvideos und Tanzeinlagen. Muss ja auch, da Tennant und Lowe das Gegenkonzept von Rampensäuen sind. Die geben sich weiterhin als gut gekleidete Gentleman des Elektropop und pfeffern fast die exakt gleiche Setlist aus dem Sommer um unsere Ohren, die sich aber nach wie vor sehr gut anhört. Natürlich sind da die Gassenhauer wie „Suburbia“, „It’s A Sin“ und „Always On My Mind“ dabei, die man schon nicht mehr hören kann, aber live durchaus Sinn machen. Auch „Go West“, welches glücklicherweise immer noch über die Beats von „Paninaro“ gelegt wird. Und dann sind da natürlich ein paar Mahsups, sowie das famose Oldschool-Special mit „Two Divided By Zero“ und „Why Don’t We Live Together?“ vom Debütalbum „Please“, welche beweisen, dass die Boys tatsächlich mal richtig cool klangen. Ansonsten gesellen sich das schnittige „New York City Boy“, sowie die Allzweckwaffe „What Have I Done To Deserve This?“ ins Programm. Nett, aber nicht weltbewegend. Glücklicherweise sorgen die Boys mit Musical Conductor Stuart Price immer wieder dafür, dass die Show nicht zu einer totalen Greatest-Hits-Revue verkommt. So gibt es die tolle 80er B-Seite „Do I Have To?“, welche nahtlos in das wunderbare „King’s Cross“ überläuft und zu Tränen rührt. Alles richtig gemacht. Ansonsten die üblichen Songs. Das „Viva La Vida“-Coldplay-Cover funktioniert natürlich in so einer Location außerordentlich gut. Und als kleines vorgezogenes Nikolausgeschenk gibt’s als Zugabe die neue Weihnachtssingle „It Doesn’t Often Snow At Christmas“. Inklusive tanzender Weihnachtsbäume. Mehr Kitsch geht nicht, oder?d: Was konnte man erwarten im Gegensatz zur Sommer Tour? Neue Songs? Mehr Songs? Gar ein anderes Bühnenbild? Nun, die Veränderungen lagen im Detail. Im Intro „More than a dream (Dub)“ hörte man im Gegensatz zum Sommer nun schon Heart heraus, für „Love etc.“ wählte man ein alternatives Ende (ohne den Textzeilen „I believe / call me naive/ That we can achieve / A love that we need“) und hier und da änderte man eine Synthie Spur. Zu 90% passten diese Veränderungen gut, manchmal klang da aber auch einiges schief. „New York City boy“ beispielsweise wirkte deplatziert, da man „Always on my mind“ vermutete, was aber an der positiven Stimmung nichts änderte. „What habe I done to deserve t his?“ hätte man nicht haben müssen, aber in einer auf „Greatest Hits“ getrimmten Setlist natürlich kein falscher Beitrag. Dusty Springfiel erschien derweil wie in einer Andy Warhol Collage auf großer Leinwand. Absolutes Highlight natürlich der New York-Block und eben der ruhige Part mit den Balladen. Hier und da änderte man auch die Choreografie der Tänzer, doch die Veränderungen lagen insgesamt im Detail. Go West wird mittlerweile nicht mehr als Finale genutzt und kommt im Mittelteil dafür umso besser. Songs wie „Love etc.“ produzieren da mittlerweile mehr Stimmung. Und ja: natürlich sehr kitschiger, aber auch sehr PSB-typischer Abschluss mit dem Christmas Song. Kam sehr gut an und hat mich live ebenso überrascht. Schöne Setlist, überwiegend gute Neuerungen im Detail, die sicher nur dem Fan auffielen!
IV. Stimmung / Fazit
r: Ja, was bleibt am Ende nach diesem Gastspiel der beiden Legenden? Die Stimmung war eher bescheiden, als ob das Publikum mit Handbremse auftrat. Sicher, der Applaus war recht ordentlich und insofern ich das sehen konnte, stand man auf den lichten Rängen am Ende auch mehrheitlich. Während der Songs hätte ich, gerade weiter vorn einfach mehr erwartet. Ich meine, dass sich da kein Moshpit bildet ist klar, vielleicht fehlen den Boys dazu auch die Songs, aber teilweise war das einfach ein zu hoher Schunkelfaktor. Und Neil Tennant ist halt einfach nicht der Typ, der permanent das Publikum anfeuert. Wenn er es allerdings tat, dann ging ein kurzer Ruck durch die Lethargie. Das war’s dann aber auch. Positiv war hingegen die logistische Überschätzung der Location. Dadurch, dass die gerade mal zu 2/3 gefüllt war, gab es wenigstens mal für alle ausreichend Platz. Was man damit anstellt ist dann natürlich jedem selbst überlassen. Das Publikum der Pet Shop Boys ist, Spex-Verehrung hin oder her, einfach mal ein älteres Semester. Immerhin sind Tennant und Lowe ja auch nicht mehr die Jüngsten und das sieht man trotz Kostümen, Hüten und Sonnenbrillen langsam auch. Dennoch bleibt bei mir ständig das Gefühl, dass da stimmungstechnisch noch Platz nach oben ist. Aber da sollte man Realist bleiben. Der tollen Show der Jungs tut dies aber keinen Abbruch. Und gerade durch Bad Lieutenant hat die Show noch einiges dazu gewonnen. Allein dafür hat sich die Anreise gelohnt. Was bleibt also? Die Pet Shop Boys haben ein gutes Jahr und eine gute Live-Show gehabt und ich bin gespannt, was dann in 3 Jahren darauf folgt. Auf das Sommerkonzert hätte ich rückblickend also eher verzichten können. Und Bad Lieutenant? Ja, da muss nun bald mal ’ne Tour folgen. Da sind wir dabei. Herr doughnut, ich rechne mit ihnen.
d: Pandemonium Tour = solide PSB-Tour. Was wurde anders gemacht als 2007 zur Fundamental Tour? Größeres, aufwändigeres Bühnenbild, mehr Kostüme, mehr Songs. Insgesamt gab’s von allem ein wenig mehr. Und mit Price als Sound Director nicht nur mehr, sondern halt auch ein wenig besser. Man hat mehr aus den Songs gemacht und tolle Sachen aus dem Archiv geholt. Man hörte sogar Anleihen von „In the night“ – ob wir sowas nochmal erleben werden? Nun, Price sollte in jedem Fall in drei Jahren für das nächste Album verantwortlich sein, denn er hat aus den Jungs live nochmal einiges rausgeholt. Das Publikum ist sicher ein älteres Semester, aber es gab auch einige jüngere Leute darunter, die sicherlich mit dem musikalischen Trend und mit „Love etc.“ in die Halle gespült wurden. Hätte man „All over the world“ folgen lassen, wäre da eventuell sogar noch mehr Spielraum für eine neue „Fangeneration“. Davon abgesehen hast du natürlich Recht: Für eine Stimmung wie bei Coldplay und Co. fehlen denen halt einfach die Songs. Viele kommen halt dort hin, um in Ruhe die Hits ihrer Jugend Revue passieren zu lassen. Da rastet man halt maximal bei „Always on my mind aus“. Klar, dass dann die jüngeren Fans ein wenig mehr aktiv sind. Fazit: Man hat uns auf der Tour überrascht und es wurde einiges geboten. Alles war ein wenig mehr, ein wenig bunter als in den vergangenen zehn Jahren und wer hätte das schon erwartet. Die Stimmung war okay, die Halle gut gefüllt. Es gibt also nichts zu bemängeln, gerade bei so einen Support wie Bad Lieutenant. Ich meine klar: Den Electronic-Hit „Getting away with it“ hätten sie schon anstimmen können, aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert. In diesem Sinne: bis in zwei oder drei Jahren!
Setlist:
01 More Than A Dream (Intro)
02 Heart
03 Did You See Me Coming?
04 Pandemonium / Can You Forgive Her?
05 Love Etc.
06 Integral/ Building A Wall
07 Go West
08 Two Divided By Zero
09 Why Don't We Live Together?
10 New York City Boy
11 Always On My Mind
12 Closer To Heaven / Left To My Own Devices
13 Do I Have To?
14 King’s Cross
15 The Way It Used To Be
16 Jealousy
17 Suburbia
18 What Have I Done To Deserve This?
19 All Over The World
20 Se A Vida È (That’s The Way Life Is)
20 Domino Dancing/ Viva La Vida
21 It's A Sin
22 Being Boring
23 West End Girls
24 It Doesn’t Often Snow At Christmas
PS: Die Bilder sind eine "Leihgabe" von intro.de...
rhododendron - 18. Dez, 00:33

Also, wie wählt man die nun eigentlich die liebste aller Platten aus den vergangenen zehn Jahren? Wie geht man dabei vor? Vielleicht sollte man am Ende, das Album nehmen, welches den größten Eindruck bei einem hinterlassen hat, sowohl damals beim Release, als auch heute noch. Das Album, welches einen am meisten geprägt und bewegt hat, welches einen in den richtigen Momenten begleitet hat, an die man sich gern oder auch weniger gern zurückerinnert. Dabei kann man ja durchaus den Stellenwert in der Pophistorie außen vor lassen. Und während ich so beim Aufstellen der Top 100 immer wieder über so etwas nachdachte, kam mir am Ende immer wieder nur ein Titel in den Sinn: „A Weekend In The City“! Das zweite Bloc Party Album ist mein Meisterwerk dieser Dekade, ohne „Wenn“ und „Aber“… während die Welt in diesem Kontext immer gern auf das wegweisende Debüt „Silent Alarm“ schielt wird gern übersehen, welch Genialität der Nachfolger musikalisch und inhaltlich zu bieten hat. Und vielleicht ist es am Ende Schicksal, als ich damals alkoholtrunken kurz nach Mitternacht das Teil erstmals in meinen mp3-Player packte und aufdrehte. Dem frühen Internet-Leak sei dank! So hatte ich mir „Weekend“ für 2007 aufgespaart, vielleicht schon wissend, was es mir bedeuten würde. Na ja, war, glaub ich in jener Nacht ein unfreiwillig komisches Bild, dass ich auf den Elbwiesen abgab. 
Das schöne an dieser Top-100-Liste ist wohl am Ende, dass sie zwar trotzdem die üblichen Verdächtigen am Start hat, aber immer mal wieder zwischendrin Alben auftauchen, die der Außenstehende nicht so auf der Rechnung hatte. Denn am Ende ist es meine Liste und meine Favouriten. Und während sicher einige Musikkenner das 2003er Debütalbum der kanadischen Stills als ganz okayes Debüt mit der flotten Hitsingle „Still In Love Song“ abstempeln, geh ich einenn anderen Weg. Nicht nur ist besagter Hit in meinen Augen relativ überbewertet, nein, sondern „Logic Will Break Your Heart“ hat genau das Gegenteil von seinem Titel gemacht, nämlich mein Herz gewonnen. Und so ist es am Ende ganz selbstverständlich mein zweitliebstes Album der vergangenen Jahre. Und es ist wirklich meines, hab ich nach wie vor das Gefühl, eben deshalb, weil es kaum jemand kennt. Was spricht nun also für die Vizeposition der Stills? Nun, es ist exakt eben jener Mix aus tollen Songs und der Lebensphase, in welchem ich auf dieses Werk traf. Ich glaub, am Ende muss ich Chrischie danken, welcher das Album erst unserem „Fall On Deaf Ears“ gegeben hat, welcher es dann an mich weiter reichte. Doch es vergingen noch ein paar Monate, bis ich überhaupt reinhörte. Und ich weiß gar nicht mehr, was letztendlich den Anstoß gab und wann das Album letztendlich bei mir Klick machte. Es muss irgendwann im Sommer 2006 gewesen sein, wo mich dieses Album aus dem Nichts recht flott umgehauen hatte. Man benutzt ja gern mal so blöde Emo-Sätze wie „Dieses Album hat mein Leben gerettet“. Ist eigentlich schrecklich abgedroschen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich ihn bisher noch nicht in den Top 100 angewendet hab und weil’s einfach wahr ist, drück ich mal auf die Emo-Tube. Ja, dieses Album war und ist mir extrem wichtig und einer der Gründe, warum Musik in meinen Augen unser kostbarstes Kulturgut ist. Und das seh vielleicht ich nur so, denn hier handelt es sich ja um kein symphonisches Großwerk, sondern um Indierock mit leichtem New-Wave-Einschlag. Warum funktioniert dieses Album bei mir? Vielleicht, weil es die Thematik ist… 12 Songs über gebrochene Herzen mit unterschiedlichsten textlichen Herangehensweisen. Der fulminante Opener „Lola Stars And Stripes“ mischt apokalyptische Ängste mit Zweisamkeit, während gleich im Anschluss im lyrisch prägnantesten Song des Albums, „Gender Bombs“ alles zusammengefasst wird… „The Girl will school you“. Und Logik zerbricht eben das Herz, genauso wie Veränderungen am Ende schlecht sind. Der gleichnamige dritte Song beendet den tollen Hit-Hattrick gleich zu Beginn der Platte. Hier bin ich schon hin und weg. Der Rest begeistert auch, seien es die etwas rockigen Nummern wie „Love and Death“ oder „Allison Krausse“ oder die ruhigen Momente, wie „Let’s Roll“ oder „Fevered“, welche wie eine warme Sommernacht für Seelenfrieden suchen. An den sehr seltsamen Wendungen, die hier fallen, wird klar, dass es mir recht schwer fällt den Wert und die Faszination von „Logic Will Break Your Heart“ in rationalen Beschreibungen festzuhalten. Vielleicht versuch ich’s noch mal. Wir haben 12 sehr gute bis geniale Indierock-Songs, die aber gern mal ein wenig Richtung Wave schielen, ohne aber dabei wie Interpol und Konsorten zu klingen. Was bleibt ist die melancholische Grundstimmung, die zwar gelegentlich Ausbrüche von Optimismus zulässt, aber damit nie übertreibt. Etwas Dunkles kann diese Musik nicht von der Hand weisen. Aber gerade die Tatsache, dass sich das insgesamt irgendwie mit den hellen Aspekten der Musik die Wage hält, macht dieses Album so hörenswert. Der Verlust der Liebe bleibt zentrales Thema dieses Albums. Und so stellt Sänger Tim Fletcher am Ende resigniert fest: “Some things last forever, why can't this last forever?”. Das der Abschlusssong “Yesterday, Never Tomorrow” am Ende doch irgendwie etwas fröhlich Leichtes an sich hat, kann gern als Ironie der Tatsache gesehen werden. Auf „Logic Will Break Your Heart“ wird im ganz großen Maßstab gelitten, auch wenn es sich das Album eben nicht anmerken lässt. Nachdem der Nachfolger ein ziemliches Desaster wurde und man die Stills eigentlich schon hätte abschreiben können, stimmte das 2008er Album „Oceans Will Rise“ wieder versöhnliche Töne an, so dass vielleicht auch in Zukunft noch mit den jungen Herren aus Kanada zu rechnen ist. Und selbst wenn nicht, dann bleibt am Ende dieser kleine, wunderbare Indierock-Schatz, der für immer einen großen Stellenwert in meinem Leben haben wird. Und vielleicht funktioniert das nur in bestimmten Situationen, in denen man selber das durchmacht, was diese Platte uns erzählt. Vielleicht funktioniert’s aber auch anders. Wer also bisher noch nichts von der Existenz dieses Albums mitbekommen hat, dem empfehle ich das Anhören hiermit uneingeschränkt. Danke, liebe Stills!
Schluss mit Leise! Nach dem wunderbar ruhigen Debüt „Parachutes“ setzten die britischen Newcomer von Coldplay mit dem Nachfolger ein deutliches Ausrufezeichen und meldeten damit auch unfreiwillig den Anspruch an, für die ganze Welt zu spielen. Es dauerte zwar noch ein wenig bis es dann endgültig vorbei war mit dem Geheimtipp, aber so lange gehörte „A Rush Of Blood To The Head“ mit allein! Ja, a bin ich egoistisch und erinner mich gern an die Zeit zurück, als man Coldplay noch nicht mit diversen Hausfrauen, BWL-Studenten und Fußballstadien teilen musste. Auch nach sieben Jahren bleibt das Zweitwerk in Sachen Coldplay das Maß aller Dinge. Die eigene Messlatte sozusagen. Dafür reichen schon die fünf Minuten von „Politik“ zu Beginn. Die besten fünf Minuten, die diese Band bisher komponiert hat. Ein Meileinstein, der mir auch heute noch immer einen Schauer über den Rücken jagt. Besonders ab Minute Vier. Einfach mal selbst testen. Mit stampfendem Rhythmus erzählt uns Lockenkopf Chris Martin vom Chaos in der Welt, bevor er die Angebetete im befreienden Schlussteil anfleht „And give me love over this“. Auch bei Coldplay ist ja bekanntlich all you need love. Das kann man für naiv halten, aber mein Gott… seid doch auch mal ein wenig romantisch, liebe Zweifler. Natürlich sind auf diesem Album auch die großen Radiohits „In My Place“ und „Clocks“ dabei, die man vielleicht mittlerweile nicht mehr hören kann, wobei aber gerade Letzterer ein unbestreitbarer Superhit ist. Eine Pianomelodie für die Ewigkeit. Und natürlich das wundervolle „The Scientist“, welches sich in triefenden Entschuldigungs-Phrasen wälzt und somit Angriffsfläche für alle Hater gibt. So wie das ganze Album. Alles, was man an Coldplay lieben kann findet sich hier. Und eben alles, was man an dem Quartett hassen kann. Ist mir aber relativ schnuppe, muss ich sagen. Nachdem sich das Debüt ja, wie bereits erwähnt, eher akustisch gab, drehen Coldplay die Gitarren nun etwas auf und wagen auch mal ein paar Überraschungen, wie das wüst-chaotische „A Whisper“ oder das treibende „God Put A Smile Upon Your Fance“. Zwischendurch muss aber natürlich immer wieder Platz für die wunderbar melodischen Piano-Britpop-Nummern sein. „Warning Sign“ schrammt zwar ziemlich am Kitsch vorbei, aber irgendwie nimmt man Martin den reumütigen Liebhaber in jeder Sekunde ab. „When the truth is, I miss you so.“ Wie kann ich da nur wiederstehen? Auch der Titeltrack überzeugt mit starken Texten und einem tollen, großflächigen Soundgewand, bevor der Abschluss “Amsterdam” dann noch mal kurz ruhigere Töne anschlägt, nur um am Ende noch mal richtig auszubrechen. Man merkt einfach, wie viel die Band seit dem Debüt gelernt hat und wie viel sie bereit ist, zu riskieren und auszuprobieren. So halten sich die gefühlvollen, zerbrechlichen Momente mit dem großen Pathos erstaunlich gut die Wage. Im Prinzip ist „Rush of Blood“ ein typisches zweites Album, wie es hier im Countdown immer wieder aufgetaucht ist. Man nimmt die besten Elemente des Vorgängers und macht sie einfach, auch aufgrund der Erfahrung, etwas größer und ausgereifter. Der Erfolg kommt dann ja meist von allein und kam ja in dem Fall später auch. „A Rush Of Blood To The Head“ wird vermutlich für alle Zeit mein Lieblings Coldplay-Album bleiben. Allein aus nostalgischen und biographischen Gründen werden es alle späteren Alben schwer haben, da ran zu kommen. Mit diesem Album wurden Coldplay, zumindest für einen Zeitraum von 2 Jahren oder so, zu meiner Lieblingsband und sind auch heute noch ganz weit vorn in meiner Gunst, egal wie groß sie sind und wie groß sie noch werden. Ich hab das glaub ich, weiter hinten bei „Viva La Vida“ geschrieben… wenn eine Band weltweit so viel Anerkennung findet, dann hat das vielleicht auch manchmal was mit musikalischer Qualität zu tun. Und wer an dieser zweifelt, sollte sich doch bitte noch einmal dieses tolle Meisterwerk mit seinen wundervollen Popsongs anhören und überzeugt werden.
Auf die Musikpresse sollte man sich sowieso nicht verlassen. Der Name „Editors“ tauchte natürlich im schicksalsträchtigen Jahr 2005 auch irgendwann unter all den vielen neuen Gitarrenbands auf. Und als mich Blogkollege „The Fall On Deaf Ears“ irgendwann im Sommer ’05 mal darauf ansprach, plapperte ich munter dem Schnabel der Presse nach… „Das is doch nur so’n billiger Interpol-Klon, oder?“ Ich Unwissender, ich! Es sollte noch ein halbes Jahr dauern, bis die Zeit reif für mich und die Editors war. So trat die Band während einer Phase in mein Leben, in dem ich sie wirklich brauchte. Mehr muss dazu auch nicht gesagt werden, das ist ja hier kein Kummerkasten. Dann auf einmal hörte ich „The Back Room“, welches ich auch noch einige Wochen lang versehentlich als „Black Room“ titulierte und irgendwann kam der Moment, wo es „Klick“ machte und an allen Vorurteilen vorbei direkt ins Herz ging. Mit Interpol hat das alles auch nicht wirklich was zu tun. Denn seit wann steht das Kriterium „Melancholischer Wave Rock mit tiefer Männerstimme“ denn für einen Vergleich? Nein, die Editors waren schon immer etwas dringlicher, konkreter. Während Interpol mit der Introspektive immer noch liebäugeln, wollen die Editors mit ihrer Trauer und Verzweiflung Außenwirkung erzeugen. Allein der Albumbeginn ist mit dem schnellen „Lights“, sowie den Hits „Munich“ und „Blood“ bereits unglaublich zackig, energiegeladen und tanzbar. Und so geht es auch weiter, wenngleich die Band natürlich zu den richtigen Momenten auf die Bremse tritt. Und immer wieder fleht die markante Stimme von Tom Smith in den Nachthimmel. „I wanted to see this for myself“ singt er im melancholischen „Fall“ vor sich hin. Inwieweit Smiths Stimme etwas mit Paul Banks zu tun haben soll, dass dürfen andere entscheiden. Sie ist makant, klar, kraftvoll und doch voller Schmerz. Live gibt Smith den unfreiwilligen Frontmann, der immer wieder im Kampf mit sich selbst zu sein scheint. Wenngleich sich das in den letzten Jahren deutlich gebessert hat. Seine Texte sind einfach gehalten, aber mehrdeutig interpretierbar. So haben die Songs die seltene Gabe, für jeden ihrer Hörer etwas anderes zu bedeuten. Wer oder was die „Disease“ ist, auf welche man im genialen „Bullets“ verzichten soll, muss jeder selbst entscheiden. Und auch die blutenden Hände aus den Fabriken oder die Arme, mit denen man Menschen in der eigenen Stadt Willkommen heißen soll sind Interpretationssache. Doch was am Ende bleibt ist ein Gefühl von Melancholie, Verzweiflung und sicher auch etwas innerer Zerrissenheit, welche die Songs, trotz ihrer poppigen Eingängigkeit durchweht. Für ein Debütalbum eine erstaunliche Leistung. Alle elf Tracks sind hervorragend und auch vielseitig. Für ein trauriges Balladenalbum ist „The Back Room“ zu schnell, für ein Tanzalbum aber auch zu ruhig. Für mich als Fan von düsterem New-Wave-Pop natürlich ideal. Das Debüt der Editors ist eines der besten der ausgehenden Dekade voller großer, wichtiger Songs, die mir sehr viel bedeuten. Und nicht nur die auf dem Album. All die B-Seiten, welche vor und während dieses Debüts entstanden, sind von ähnlicher Birllanz. Es seien nur mal Songs wie „Let Your Good Heart Lead Your Home“ oder “Come Share The View” ans Herz gelegt. Und all diese Songs habe ich damals so gern und intensiv gehört... und das über einen wirklich langen Zeitraum. Die trunkenen Momente, die ich zusammen mit den Editors verbracht hab lassen sich eh nicht mehr an zwei Händen abzählen. Aber es war gut so und ist es heute immer noch. Auch die beiden Nachfolger haben meine Vermutungen bestätigt, dass diese Band viel Potential nach oben hat. Dieses einmalige A-ha-Gefühl aber bleibt trotzdem für immer mit „The Back Room“ verbunden. Und dabei bealsse ich es auch. „I’ve got so much to tell you but so little time”.
Nach all der Dunkelheit und Trauer der letzten Alben ist es jetzt mal wieder Zeit, die Vorhänge zu öffnen und das Licht hinein zu lassen. Und wie es den Raum flutet. Am besten, in jenem Moment, als die Gitarren des schleppenden „Words“ beginnen zu spielen und es wirkt, als ob aller Balast dieser Welt von einem Abfällt. „There Goes The Fear“. Bereits der zweite Song dieses Albums ist eine überlebensgroße Hymne, die mich auch heute in richtigen Momenten noch zu tränen rühren kann. Ein Song, der weinend zurückblickt, aber auch voller Hoffnung den Blick Richtung Zukunft wendet. Wir reden hier natürlich die ganze Zeit vom famosen Zweitwerk der Doves aus Manchester. „The Last Broadcast“ ist ein Meisterwerk der Gattung Britpop, voller Größe, Gefühle und den genau richtigen Songs. Der pefekte Einstieg in meine fünf besten Alben des Jahrzehnts. Um die Genilität dieses Albums zu verstehen und zu spüren sollte man in erster Linie keine Angst vor großen Gesten und Breitwand Stadionrock haben, denn anders als noch beim sehr chilligen Debüt „Lost Souls“ geht es auf dem Nachfolger einfach eine Spur größer zur Sache. Mehr Musik, mehr Emotionen, mehr Sound. Doch an keiner Stelle wirkt das übertrieben. Dafür sorgt stets die wundervoll warme Stimme von Jimi Goodwin, die den Hörer am Boden hält und nach hause fühlt. Selbst wenn zwischendurch eben bei „There Goes The Fear“ oder „Satellites“ der Gospelchor gleich noch mit dabei ist. „Satellites ahead, so hold on!“ Nie klangen Durchhalteparolen so überzeugend, wie auf diesem Album. Zwar durchweht alle Songs auch gern mal etwas Melancholie, doch stets findet sich in den warmen Gesangsflächen und dem verspielten Britpop auch etwas Beruhigendes und Bewegendes. Die ruhigen Momente, wie „M62 Song“ oder „Last Broadcast“ überzeugen ebenfalls, dienen aber meist nur als kurze Pausen zwischen den fulminanten Hymnen. „Pounding“ ist neben „Fear“ das zweite große Ausrufezeichen auf der Platte! Ein Jahrhundertsong, der mit jedem stampfenden Takt „Ja“ zum Leben sagt. „We don't mind
Standortbestimmung gleich zu Beginn. “We ain’t going to the town, we’re going to the city!” Nur, damit jeder Bescheid weißt. Die große Stadt gilt ja seit jeher als beliebtes Motiv im Post Punk. Entweder als herbeigesehnter Zufluchtsort voll pusierendem Leben oder als urbane Personifizierung der Einsamkeit. Kann man bekanntlich halten wie man will. Interpol selber kommen ja aus New York, weshalb schon mal klar sein sollte, zu welcher Gruppierung sie gehören. Nachdem das 2002er Debüt „Turn On The Bright Lights“ noch etwas im New Yorker Großstadtnebel versank, wird die Band auf dem Nachfolger „Antics“ konkreter, direkter und stellenweise sogar erfreulich eingängig ohne ihren bekannten und beliebten Sound zu vernachlässigen. Es ist das übliche Phänomen des zweiten Albums. Man macht irgendwie alles ein wenig konkreter, besser und zielgerichteter. Ein warmer Orgelteppich empfängt uns auf „Next Exit“, bevor wir uns mit „Evil“ direkt rein wagen. Da schüttelt das Quartett aus NYC mal eben einfach so einen lässigen Hit aus dem Ärmel. Und es kommen noch ein paar mehr. Die Singles „Slow Hands“ und „C’Mere“ seien da sicher erwähnt. Der Sound sitzt... ohne Wenn und Aber. Carlos D’s groovige Bassläufe treffen auf die markanten Gitarren eines Daniel Kessler, welche bewusst in den Vordergrund rücken und trotz düsteren, sterilen Klanges viel Seele vermitteln. Es ist einfach dieser ganze Sound. Bspw. dieser treibende Schlagzeugbeat auf “Not Even Jail”, den Sam Fogorino fast sechs Minuten so konsequent durchzieht. Und dazu diese forschen Gitarren und der harte Bass, sowie das flehen von Paul Banks. „Remember take hold of your time here, give some meanings to the means” Es ist die Form von New-Wave-Whatever-Rock, die ich so liebe. Und Interpol spielen sie nahe an der Perfektion. Die raue Wut einiger Songs des Vorgängers weicht ein wenig der besseren Produktion, was aber keinen Widerspruch darstellt. Das tolle „Take You On A Cruise“ wechselt im Verlaufe sein Wesen dezent und „A Time To Be Small“ beschließt das Album mit melancholischer Schwere. Trotz all der Energie und Spannung innerhalb der Musik von Interpol durchweht sie auch stets eine düstere Melancholie. Auch eine Art Zerissenheit und Verzweiflung, welche gerade in den Texten und Gesangslinien von Frontmann Paul Banks immer wieder deutlich wird. Interpol sind die Summe ihrer Teile. Diese Summe hat es auf drei Alben geschafft, mich immer wieder zu fesseln. Die Tatsache, dass sie die einzige Band ist, die es geschafft hat, gleich drei Alben hier in den Top 30 zu platzieren spricht auch eine deutliche Sprache. Vielleicht ist der Nachfolger „Our Love To Admire“ etwas perfekter, aber „Antics“ war mein erstes Interpol-Album, jenes Werk, dass den Anfang machte mit zehn ausnahmslos wundervollen, düsteren New-Wave-Songs voller Kraft und Gefühl. Die wunderbaren Momente, welche mir die Band in den letzten Jahren live oder auf Platte verschafft hat, kann ich gar nicht mehr an zwei Händen abzählen. Ich verdanke dieser Band sehr viel und ziehe deshalb meinen Hut vor der Genialität, die sich hoffentlich auch wieder auf Album Nummer Vier im nächsten Jahr zeigen wird.
Ein nervöses Gitarrenzirpen zum Beginn... Legendär… dann setzt der Beat ein, zackig und treibend: „It’s So Cold In This House“. Der Beginn von „Silent Alarm“ hat sich ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation gebrannt. Besonders in meines… Ja, man merkt. Ich greife gerne zu Superlativen beim Thema Bloc Party. Eine Band die es mit 3 Alben in 5 Jahren geschafft hat aus dem Nichts zu meiner Lieblingsband zu werden, wenngleich diese Position im Allgemeinen nicht so festgelegt ist, wie bei anderen. Bloc Party sind jedenfalls eine Band, welcher ich bedingungslos an den Lippen hänge. Schon damals, ich weiß es noch so genau… es war der Januar 2005 und ich schaute die damals noch existierende „Sarah Kuttner Show“ auf VIVA. Und da war diese seltsame Band zu Gast. Indie-Rock mit schwarzem Frontmann. Und sie performten „So Here We Are“, diesen wundervoll sphärischen Popsong und ich war vom ersten Moment an verliebt. Danach kam „Silent Alarm“ und nichts war mehr wie vorher. Für viele andere da draußen waren vielleicht die Libertines, Strokes oder Mando Diaos dieser Welt die entscheidenden Vorreiter. Für mich war es dieses Quartett aus London, welches meine musikalische Welt entschieden auf den Kopf stellte. Ob ich wollte oder nicht. Von da an hörte, bewertete und konsumierte ich Musik anders. Ich kann es auch nicht besser in Worte fassen, als so. Es ist mehr ein Gefühl. Ein Gefühl, welches „Silent Alarm“ perfekt wiederspiegelt. Spannung liegt in der Luft, eine positive. Sagt ja schon der gleichnamige Song. Und es sind natürlich die großen Hits wie „Helicopter“, „Price Of Gas“ oder das immer noch unkaputtbare „Banquet“, welche diese Spannung vermitteln. Irgendwo zwischen Nervösität, Wut und Zerbrechlichkeit. „Silent Alarm“ handelt von Angst, Gefühlen, Sex, Politik und gescheiterten Träumen. Eine ganze Menge, wenngleich sich Sänger Kele Okereke oft relativ kryptisch hält, was die Texte betrifft. So sind es natürlich die bekannten Fragmente, die man auch heute noch gern mitsingt, als seien sie Parolen… „Are you hoping for a miracle?“, „So fucking useless“, „We promised the world we tame it“, „We’re gonna win this“ … der new wavige Indie-Post-Punk zieht und elektrisiert. Gleichzeitig lässt die Band aber auch bereits ihre Vielseitigkeit immer wieder durchschimmern. So beim gefühlvollen Liebesgeständnis „This Modern Love“, beim experimentell-treibenden „She’s Hearing Voices“, sowie den abschließenden Balladen „Plans“ und „Compliments“, welche leider immer noch häufig unerschätzt werden. Und obwohl „Silent Alarm“ von Produzent Paul Epworth noch primär auf akustische Instrumente getrimmt wurde, lässt sich häufig bereits der Anspruch der Band erkennen, einen perfekten Hybriden zwischen Elektronik und Rock zu schaffen. Die Beats sind gradlinig und tanzbar, die Gitarren wirken häufig zerhackt und zwischendrin fiept und piept es gern mal. Vielleicht ist auch dies der Grund, warum Bloc Party mein Herz so erwärmen konnten. Hier war endlich eine Band, die es schaffte, meine beiden favorisierten Genres Elektronik und Rock auf ideale und neuartige Weise miteinander zu verknüpfen, ohne dabei aber das Gespür für Melodien und den von mir leider auch sehr geschätzten Pop zu vernachlässigen. Außerdem durchweht „Silent Alarm“ der aufregende Geist des Neuen und Ungehaltenen. Eine wütende, fast schon punkige Explosion, die zu einer Zeit geschah, als die Musikwelt wieder bereit für etwas Neues war. Tanzbarer Indierock, der gleichzeitig in Beine, Herz und Hirn ging und dabei auf ganz unterschiedliche Art und Weise funktionierte. Für viele ist „Silent Alarm“ bis heute nur ein kurzweiliges Indie-Tanzalbum mit den Smashern der „guten, alten Zeit“, aber dahinter entfaltet sich auch heute noch eine spannende, neue Welt, die es immer wieder schafft mich in ihren Bann zu ziehen. „I figured it out, I can see again!“