Sonntag, 20. März 2011

Beats von den Bloggern

Werbung in eigener Sache. Die beiden Nobono-Schreiberlinge haben doch tatsächlich gemeinsam eine kleine EP voller elektronischer Tanzmusik aufgenommen. Ein Umstand, den wir hier einfach mal eben ansprechen müssen.

COVERVielseitigkeit ist der entscheidende Vorteil in der Arbeitswelt. Also, wird einem ja ständig gesagt. Seien sie vielseitig einsetzbar, flexibel usw. Darin soll die Stärke liegen. Na ja. Aber hier geht's ja nicht um harte Arbeit, sondern um das purer Vergnügen der Freizeit von FallOnDeafEars und meiner Wenigkeit. Sprich, neben unserer Bloggerei auf Nobono und einem durchaus vorhandenem Sozialleben, sind wir auch musikproduzierend unterwegs. Ich hab ja an dieser Stelle schon mal des öfteren Werbung für meine Mixtapes und Tracks als Pretty Boy Makes Rave gemacht. Doch auch mein gschätzer Kollege zimmert schon seit einiger Zeit in seinen heimischen vier Wänden elektronische Musik, und zwar als GBB, wenngleich er das (noch) nicht an die große Glocke hängt. Musikalisch wirken wir in erster Linie reichlich unterschiedlich. PBMR bevorzugt, zumindest in letzter Zeit, eher gediegenere, poppige Töne, während Kollege GBB gern mal den bratzenden Rave-Dampfhammer auspackt und damit auf den Putz haut. Eine Leidenschaft für deftigere Elektronik aus der Abteilung Boys Noize, Soulwax, Dada Life und Co teilen wir beide und sind am Ende immer wieder über die dann doch hohe, gemeinsame Schnittmenge überrascht.

Lange Vorrede, knapper Sinn: Endlich haben wir die Zeit gefunden, ein paar Tracks zusammen zu produzieren. Drei Tracks in drei Tagen um genauer zu sein. Das war das Mindestziel und wir sind mit dem Erreichten durchaus zufrieden. Unsere erste gemeinsame EP heißt dann auch "Bromantic Rights" und kann direkt hier oder auf unserer kleinen feinen Soundcloud-Seite heruntergeladen werden. Dort wird man auch zukünftig weitere gemeinsame Werke finden... also, falls wir die Zeit dafür aufbringen können. Alle, die auf derben und bewusst auch mal kommerziell orienzierten Disco-Rave-Whatever-You-Might-Call-It-Scheiß stehen, sind herzlich dazu eingeladen, mal hier drauf zu klicken...

GBB & Pretty Boy Makes Rave - Bromantic Rights EP

Und als ob das nicht schon genug wäre, legen wir zwar keinen Aal in ner Zeitung dazu, aber einen extrem tanzbaren DJ-Mix dazu. Darin finden sich Künstler, die wir beide gut finden und Musik, die wir, wenn man uns denn mal fragen würde, auch auflegen würden. Es kann laut werden, aber diverse Hausparty-Gäste haben sich bisher nie beschwert. Seht es als gratis-Tanzvergnügen und Bewerbung gleichzeitig an. Wir sind mietbar, in diesem Kontext auch billig und sehr pflegeleicht. Flexibilität ist ja bekanntlich eine nicht zu unterschätzende Schlüsselqualifikation...

Cheesy Listening Vol .1 (March 2011 Mix) by GBB_PBMR

Samstag, 19. März 2011

Die Unfehlbaren

Irgendwie war es abzusehen, aber am Ende doch überraschend, mit welcher Leichtigkeit die Briten von Elbow ihr fünftes herausragendes Album abliefern. Lobgesang auf eine Ausnahmeband...

51qP2HN76hL-_SL500_AA300_Man möchte ihn ja fast anbringen bei Elbow, den guten alten Spruch “Gut Ding will Weile haben.” Denn die hat es gebraucht, bis die Band aus Manchester sich sozusagen in mühevoller Kleinarbeit nach oben gespielt hat und mit ihrem letzten, vierten Album „The Seldom Seen Kid“ endlich die Früchte in Form von uneingeschränktem Publikums- und Kritikerlob einsammeln konnten. Der Bann des ewigen Geheimtipps schien, zumindest in der britischen Heimat, endgültig gebrochen. Elbow sind im Mainstream angekommen und dieser Status führt neben einigen Vorteilen leider auch meist zu einer grundlegenden Skepsis seitens der eigenen Fans. Kommt jetzt die oft unausweichliche Stadionrock- oder Formatradiofalle? Nimmt man jetzt alles mit? Bzw. ist der Ofen schon aus.

Nach dem Genuss des nun mehr fünften Albums möchte an allen Zweiflern ein deutliches „Nein, Nein, Nein!“ entgegenschmettern. Elbow gehen auf „Build A Rocket Boys!“ den einzig richtigen und denkbaren Weg, nämlich jenen, den sie schon seit ihrem Debüt-Album vor zehn Jahren gehen: ihren höchst eigenen, unnachahmlichen. Hier biedert sich niemand an irgendetwas an, maximal die Band an ihre eigenen Ansprüche. So ist auch dieses Album nicht mehr als ein Meisterwerk geworden. Und das ist nach den vier Vorgängern keine Selbstverständlichkeit, aber am Ende irgendwie doch keine sooo große Überraschung, denn einen qualitativen Einbruch zum jetzigen Zeitpunkt hätte ich den Jungs auch nicht mehr zugetraut, dazu haben die zu lang ihr eigenes Ding erfolgreich durchgezogen. Dennoch ist es schon kein Leichtes, dem „Seldom Seen Kid“ etwas Angemessenes folgen zu lassen. Dem epischen, etwas verworrenen, düsteren Vorgänger, welcher den Verlust eines guten Freundes thematisiert lassen die Herren aus Manchester nun ein etwas leichteres, wesentlich ruhigeres Werk folgen. „Build A Rocket Boys!“ nimmt sich mehr zurück, wirkt klarer und auf eine optimistische Art und Weise in sich gekehrt. So, als ob Elbow nach den letzten Jahren einmal kurz Luft holen. Episch wird’s dennoch an vielen Ecken und Enden. Der obligatorisch etwas eigensinnige Opener fällt diesmal mit „The Birds“ sehr lang und vielschichtig aus. Die Grundaussage von den Vögeln als Hüter unserer Geheimnisse spiegelt die Besinnung auf einfachere Themen wieder. Die setzt sich bei traumhaften „Lippy Kids“ fort, wo Sänger Guy Garvey die Jungs von der Ecke auffordert zu Träumen und die titelgebende Rakete zu bauen. Das er damit auch zu einem gewissen Maße die eigene Kindheit rekapituliert liegt auf der Hand. Es ist wie immer… diese Stimme. Garvey klare, gefühlvolle, aber doch irgendwie verlebte und raue Stimme bleibt einmal mehr das Zentrum dieser hochmusikalischen Songs, treibt sie voran und gibt ihnen Seele. Das fällt gerade bei den sehr reduzierten Nummern wie „Jesus Is A Rochdale Girl“, „The River“ oder „The Night Will Always Win“ auf, welche beweisen, dass es nicht viel benötigt, um Songs wirken zu lassen. Chöre und Streicher lässt man dennoch gelegentlich auffahren, allerdings werden sie in Songs wie „With Love“ oder „High Ideals“ wohl platziert eingesetzt. Dennoch darf ein Song wie „Open Arms“ am Ende nicht fehlen. Ein Song in der Tradition von „Grace Under Pressure“ oder “One Day Like This“. Muss man mehr sagen? Hymnen-Alarm mit Umarmungsbonus. “We’ve got open arms for broken hearts” singen Garvey und der Chor und bringen somit Seelenheil. „Dear Friends“ fungiert als entspannt, leichter Rausschmeißer, welcher den Hörer am Ende mit einem optimistischem Grundgefühl hinterlässt. Vielleicht ein bewusster Gegenpol zum todtraurigen Albumabschluss des Vorgängers, „Friend Of Ours“.

Es ist also alles beim Alten in Sachen Elbow? Prinzipiell schon. Der etwas sperrige, aber stets gefühlvolle Britpop ist nach wie vor Dreh- und Angelpunkt des hauseigenen Soundgewands. Es fehlen zwar sperrige Rocker, wie zuletzt „Grounds For Divorce“, aber um die ging es Elbow bekanntermaßen ja noch nie. Der Sound wirkt entschlackter und auf das reduziert, was zählt. Leichter, optimistischer, aber immer noch nachdenklicher. Ein Ruhepol für unsere hektische Welt, Musik mit Gefühl. Viele Bands geben sich gern dieses Prädikat, Elbow leben es. Nach wie vor. So kann, soll und muss das auch weitergehen. Die Herren aus Manchester haben für sich eine Art goldene Formel entdeckt, welche sie scheinbar immer wieder benutzen können, ohne zu langweilen, dafür aber stets neu zu begeistern. Und wenn das immer mehr Leuten auffallen sollte, dann liegt dies ausnahmsweise mal wirklich an der Qualität einer Band, die sich in ihren Sound einfach nicht reinreden lassen will und muss. Vielleicht schon wieder das Album des Jahres. Die Konkurrenz muss sich jedenfalls kräftig ins Zeug legen, um an diesem Thron zu rütteln.

Album-Stream @ Simfy

Freitag, 18. März 2011

I will never let you break

Cover

Hach! Musik von William Fitzsimmons verspricht immer angenehme Stunden. Ein wohliges Suhlen in goldener Melancholie. Von daher könnte auch der Titel des neuen Albums Gold In The Shadow nicht besser gewählt sein. Es erwartet einen wieder todtraurige, wunderschöne Balladen von weicher Stimme vorgetragen.



Regelmäßige Zuschauer von latent sentimentalen US-TV-Serien wie beispielsweise Grey’s Anatomy sind natürlich mit dem Schaffen von Herrn Fitzsimmons vertraut. Sie wissen um sein Geschick vermeintlich nichtssagende Bilder in einen Gefühls-Jacuzzi perlen zu lassen. Das Beste ist allerdings: Dies funktioniert auch ohne visuelle Untermalung sehr hervorragend. Wer zum Beispiel auf dem richtigen Vorgängeralbum The Sparrow And The Crow sich mal die Kummer-Keule If You Would Come Back Home angehört hat und dazu lediglich das Hintergrundwissen besaß, dass der Künstler auf dem Album seine Scheidung verarbeitete dem konnten auch schon so ein veritabler Kloß in den Hals wachsen und die ein oder andere Träne die Augen rein waschen.
Auch auf Gold In The Shadow macht William Fitzsimmons immer noch keine Karnevals-Hits. Es ist weiterhin die reine feine, traurige, langsame und intime Folkmusik von ihm zu hören, die man zuvor schon lieben gelernt hat. Genau wie seine unfassbar samtige Stimme, die einen bereits mit einem Räuspern Trost zusprechen und dem Vorlesen einer Bedienungsanleitung das Herz für eine Woche wärmen kann.
Der Unterschied ist allerdings, dass diesmal die Grundstimmung nicht so tiefschwarz wirkt, wie es auf den Vorgängerwerken der Fall war. Zart knospt die Hoffnung, vorsichtig keimt die Zuversicht. Das ist auch schön für ihn und schön für viele Hörer in Nöten. Wer sich allerdings aus seinem normalen Alltag in einen gefühlsintensiven Status versetzen möchte, der muss doch zu seinen Frühwerken greifen. Sollte allerdings jemand derzeit in einem mentalen schwarzen Loch verharren, den könnte diese Musik wieder ein wenig dem Licht näher bringen.
Vor allem die Lieder in der Mitte des Albums Psychasthenia, Bird Of Winter Prey und Let You Break sind großartige, schimmernde Perlen der Zuversicht. “I will never let you break” beschwört er einem im Duett mit Julia Stone. Man glaubt es ihm und schöpft daraus. Anscheinend kann Fitzsimmons, welcher früher mal als Psychologe arbeitete, also nicht nur die seelischen Abgründe beschreiben sondern einen auch aus ihnen heraus tragen. Allerdings verflüchtigt sich im LP-Verlauf die Intensität, die Lieder bleiben beschaulich bis wunderschön, die geistige Fessel, die die Vorgängerwerke einem um den Geist gelegt haben, löst sich dann bei den letzten drei Titeln doch deutlich.

Dennoch ein beeindruckendes Album, dass ab dem 29. März im Geschäft erhältlich und bereits jetzt im Stream hörbar ist.

Donnerstag, 17. März 2011

Suffered a stroke?

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Die New Yorker ähemm “Rock-Revoluzzer” The Strokes werden morgen ein neues Album namens Angles veröffentlichen. Obwohl es nicht wirklich lange erwartet war – das Interesse hat seit dem letzten Album vor fünf Jahren doch deutlich nachgelassen – hat es dennoch ein wenig Staub in der Presse aufgewirbelt. Seit Montag kann sich nun auch der Rest der Welt ein Bild machen. Eine Track-für-Track-Besprechung.

Machu Picchu: leichte Gitarren, leichte Melodie zu Beginn. Insgesamt schon fesselnd. Im Refrain: der Sound dem man schon vom ersten Album kennt, sehr authentisch nachgestellt. Der Song lässt sich gut Zeit, bevor mit dem letzten Refrain nochmal aus allen Rohren gefeuert wird.
Under Cover Of Darkness: die Single, dürfte bekannt sein. Sehr hübscher Track, auch wieder recht fröhlich, toller Singalong-Refrain. Die titelgebende Darkness wurde im Wesentlichen in den Lyrics versteckt, das Stück selbst hat leider nicht die melancholisch-verzweifelte Stimmung, die ich bei den Strokes immer so geliebt habe.
Two Kinds Of Happiness: zieht sich dahin wie Kaugummi. Mr Casablancas klingt als ob zu viel getrunken hätte und lallt sich einen Wolf. Oder er hat zu viel Velvet Underground gehört und sich von dieser Gesangsweise inspirieren lassen und die Band von deren unkoordinierten Geschrammel. Furchtbar.
You’re So Right: Drum Machine, sehr düsterer Stoff, der aber noch seine Melodie findet. Seltsames Gitarrensolo, das aber dennoch irgendwie passt. Klingt eher wie eine Skizze als wie ein Lied, dennoch ziemlich einnehmend.
Taken For A Fool: Da sind sie wieder: die Strokes von Is This It und Room On Fire. Gesang und Leadgitarre umspielen sich und bauen zusammen eine unnachsingbare Melodie, die sich trotzdem im Kopf festsetzen könnte. Kein Superhit, aber schön anzuhören.
Games: schon wieder die Drummachine. Eine billige Strophe aber ein Refrain, der einen unvermittelt schweben lässt. Ja, ich liebe so etwas. Wieder keine verwertbare Melodie aber eine tolle Songkonstruktion. Gegen Mitte entgleitet das Lied dann doch noch in die Langeweile. Nicht so überzeugend.
Call Me Back: Der Fehlversuch einer Ballade, zum Glück nur drei Minuten lang, trotzdem vergeudete Zeit. Nicht so viele Drogen bitte, viele Leute hören sich gerne Lieder mit stringenter Struktur an.
Gratisfaction: Wieder mehr Song. Gruppengesang im Refrain. Allerdings auch nichts wirklich Einprägsames, würde aber beim Dösen im Schatten an einem heißen Sommertag auch nicht stören. Aber halt auch nicht gerade aufwecken.
Metabolism: Das Stück versucht zwar an fast schon Muse-scher Größe, leider allerdings gleichzeitig an der Atonalität. Schade drum. Auch wieder prinzipiell gut gedacht, doch leider eiert das Stück so vor sich hin, anstatt zu fesseln.
Life Is Simple In The Moonlight: Funktioniert schon besser. Niedliches Gute-Nacht-Lied, mit guter Strophe und hervorragendem Refrain. So kann ein letzter Song gerne klingen.

Eigentlich hatte ich ja nicht vor so einen Verriss zu schreiben. Beim ersten Durchhören hat das alles noch ganz anständig geklungen. Bei der genauen Analyse fällt aber leider auf, dass auf dieser Platte nicht viel Verwertbares drauf ist. Drei bis vier gute Songs machen kein gutes Album. Vor allem wenn die anderen Sachen nicht so mittel sind, sondern ziemlich schlecht.

Macht in der Summe halt eine LP, die man nicht unbedingt weiter empfehlen kann. Gut, dass man es vorher streamen kann - da muss man es sich nicht kaufen.

Mittwoch, 16. März 2011

Der neue Glanz vergangener Zeiten

Musik, wie aus einer anderen Zeit. Nach längerer Pause wagt die britische Band Feeder mal wieder einen Besuch auf deutschen Konzertbühnen und präsentiert sich im Berliner Postbahnhof trotzig-rockend. Überzeugt man damit auch einen alten Fan, der sich längst abgewendet hat? Report eines Selbstexperiments…

feeder-ticketsSelbstkopieren nervt und kostet ja auch Zeit. Einen entsprechenden Text-Monolog zum Thema Musik, ihre nostalgische Verklärung und die veränderte Einschätzung nach ein paar Jahren hab ich erst beim Bericht zu Interpol abgehalten. Da muss man nur einmal das jüngere Blog-Archiv hier durchwühlen. Die Quintessenz bleibt: Musikalische Qualität bleibt auch über die Jahre erhalten, die persönliche Wertschätzung aktueller Musik, auch von einstigen Helden kann sich dann doch mal ändern. Machen wir’s mal kurz und bündig und aus meiner Sicht subjektiv: Die britische Rockband Feeder hat ihre beste Zeit offensichtlich hinter sich. In Deutschland hatte sie die eh nicht, da blieb man stets der ewige Geheimtipp, der die kleinen Clubs bedienen musste, während man in der Heimat auch gern mal ein paar tausend Menschen gleichzeitig zum Mitgrölen motiviert werden können. Von den unzähligen Top 20 und Top 10 Singles der letzten fünfzehn Jahre mal ganz zu schweigen. Verkehrte Welt in der restlichen Welt. Feeder bleiben ein britisches Phänomen, dass allerdings auch hierzulande eine kleine Fanbasis halten kann, zu denen ich mich tendenziell auch zählen würde, wenngleich die einstige Liebe zuletzt auf eine harte Probe gestellt wurde.

Wie viele andere war es das 2002er „Comfort In Sound“-Album, welches mich vor gut 8 Jahren zum Fan machte und mein jugendliches Leben das ein oder andere Mal rettete. Ein pop-rockendes Meisterwerk, das unter dem tragischen Selbstmordtod des damaligen Drummers John Lee entstanden ist, der Band aber nach dem lustig-harmlosen Pop-Rock der
Spät-90er eine gewisse Reife bescherte. Auch der Nachfolger „Pushing The Senses“ hielt die Messlatte, wurde noch kommerzieller, aber auch erfolgreicher. Feeder hatten ihren populären Zenit erreicht. Doch diese Zenite haben ja meist die Tendenz dazu, in einen Abstieg zu münden. Bereits das 2008er „Silent Cry“ war so halb gar, Schlagzeuger Mark Richardson stieg aus, um zu seiner alten Band Skunk Anansie zurückzukehren, das hauseigene Echo Label ging pleite. So war das letztjährige Album „Renegades“ eine Art trotziger Befreiungsschlag mit ordentlicher „Fuck-You“-Attitüde. Mit neuem Drummer Karl Brazil gab es einen konsequent harten, kompromisslosen Rocksound, der gar nicht erst auf die Charts zielte. An sich ja eine gute Einstellung für eine Band in der Größenordnung (so wurde das Album auch ein relativer Flop in der Heimat), musikalisch aber eher langweilig und zumindest für mich selber nicht mehr wirklich ansprechend.

Warum also noch mal ein Konzert im Jahr 2011? Etwas Skepsis ist ja im Vorfeld angebracht, denn Feeder könnten sich ja auch blamieren, irgendwie verbittert wirken oder generell peinlich. Glücklicherweise wird der Abend diesen Befürchtungen nicht gerecht werden, soviel sei gleich vorweggenommen. Nach einer eher durchschnittlichen deutschen Vorband namens Elevate, die mich schmerzlich daran erinnert, dass das Subgenre des gradlinigen 90er-Jahre-US-Alternative-Rock immer noch existiert und ich damit nur bedingt etwas anfangen kann, betreten die Briten gegen 22.15 Uhr nach einer etwas langen Umbaupause die Bühne des Berliner Postbahnhofs zum zweiten Konzert ihrer Deutschlandtour. Die sollte eigentlich schon im Oktober stattfinden, wurde nun aber auf dieses Frühjahr verschoben. Lange Wartezeit also für die richtigen Feeder-Fans, welche es sich auch in den ersten beiden Reihen bequem machten und die Stimmung retteten. Feeder selber sind so, wie man sie in Erinnerung behalten hat. Gut, Basser Taka Hirose trägt seine Haare jetzt länger und bei Sänger Grant Nicholas merkt man trotz ewig jugendlicher blonder Haarpracht und Grunge-Holzfällerhemd dann doch ein paar Falten. Aber singen kann er immer noch… und wie. Vielleicht macht auch das den kleinen, feinen Unterschied dieser Band aus. Dennoch stehen die Gitarren an diesem Abend im Vordergrund. Repräsentiert durch viele neue Tracks der „Renegades“-Platte. Die funktionieren mal mehr, mal weniger, haben aber in jedem Fall eine durchschlagende Wirkung. „Down To The River“, einer der wenigen ruhigeren Tracks der neuen Platte überzeugt mich dann doch live ordentlich und zeigt, dass diese Band auch mich noch emotional erreichen kann. Doch es sind natürlich vor allem die alten „Hits“, die an diesem Abend die Jubelschreie der Menge auf sich ziehen. Wunderbare Hymnen wie „Feeling A Moment“ oder „Just The Way I’m Feeling“ sind immer noch Gänsehaut-Garantien, bei denen mir sofort wieder einfällt, was ich an Feeder und Nicholas’ kraftvoller Stimme seit jeher so zu schätzen weiß. Das Publikum schätzt das auch, die Band sowieso. Man dankt die ganze Zeit, grinst um die Wette und freut sich sichtlich, dass man nach all der Zeit und vor allem einer längeren Abwesenheit von deutschen Bühnen doch noch ein paar Leute mitreißen kann. Besonders beim Zugabenblock, bestehend aus der schnittigen Midtempo-Single „Tumble And Fall“, sowie den Party-Rock-Evergreens „Buck Rodgers“ und „Just A Day“ merkt man das, denn hier wird die Masse auch mal zum Springen motiviert.

Der Sympathiefaktor des Abends bleibt einfach erstaunlich hoch. Der Postbahnhof ist okay gefüllt, aber in einem Maße, bei dem man sich noch gut bewegen kann, die Menschen wirken entspannt und an der Musik interessiert, was angesichts all der chronisch desinteressierten Hipster-und-Hype-Besucher auf anderen Konzerten mal extrem angenehm wirkt und die Band ist schlussendlich eh gut drauf, selbst wenn sie aus meiner Sicht auch noch wesentlich mehr Hits hätten spielen können. Aber Platz nach oben ist ja immer. Und vielleicht geht da ja tatsächlich noch etwas, zumal Grant Nicholas jüngst ankündigte, dass ein neues Album schon in Bälde erscheinen soll. Dieses soll sich wieder stärker an den kommerziell erfolgreichen Platten von Feeder orientieren. Ob es gelingt, wird die Zukunft zeigen, aber eine neue Hochphase kann man der Band einfach nur wünschen. Vielleicht retten sie dann noch die Leben einer neuen Generation bzw. die der alten. Dafür ist es bekanntermaßen nie zu spät.

Setlist:

01 Home
02 Insomina
03 Sentimental
04 This Town
05 Feeling A Moment
06 Renegades
07 Pushing The Senses
08 Down To The River
09 Just The Way I’m Feeling
10 Come Back Around
11 High
12 White Lines
13 Lost And Found
14 Call Out

15 Tumble And Fall
16 Buck Rogers
17 Just A Day

Dienstag, 8. März 2011

Kurz und Bündig - 03/2011

Britische Krawallbürsten, schwedische Pop-Elfen, Berliner Altmeister, schwule New Yorker Disco-Könige und kanadischer Entspannungspop. Es geht international zu bei meinem aktuellen Rundumschlag in Sachen aktueller Plattenveröffentlichungen.
Kurz-Und-Buendig-8

Does It Offend You, Yeah? – Don’t Say We Didn’t Warn You

Das nenn ich mal konsequent. Wenn eine Band schon einen so bescheuerten Bandnamen mitsamt warnendem Debütalbumtitel („You Have No Idea What You’re Getting Yourself Into“) hat, dann führt man die Story auf dem Nachfolger einfach konsequent fort. Glücklicherweise wurde diese Warnung von einer Mehrheit der Menschen ignoriert und so überraschte das Debüt der britischen Elektro-Punker auch mit allerhand verschiedener Stile. In den letzten 3 Jahren hat man sich nun weltweit den Arsch abgespielt, viele Fans hinzugewonnen, gelernt, die eigenen Instrumente zu spielen und das ganze nun auch auf Platte zu zeigen. Und das hört man der neuen Platte auch an. Die mittlerweile fünfköpfige Band klingt jetzt wesentlich professioneller, also nach Bühne statt nach Wohnzimmer. So ist Album Nr. Zwei zwar nicht mehr ganz so spröde, dafür aber immer noch druckvoll, sehr laut und prädestiniert dafür, die Festivalbühnen dieses Globusses in Schutt und Asche zu legen. Das ist das Ziel dieser Band, dafür existiert sie, das kann sie auch so gut, wie aktuell kaum eine zweite. Schön, wenn neben den ganzen Uffe-Zwölf-Tracks auch immer noch Zeit für kleine Popsongs („Pull Out My Insides“) und sogar die erste Ballade („Broken Arms“) bleibt. Das angebliche Zeitgeistphänomen von 2008 wird auch 2011 noch funktionieren. Und wen das auf Platte nicht überzeugt, der sollte sich die Truppe dringend mal live anschauen.

Video "The Monkeys Are Coming"

Lykke Li – Wounded Rhymes

Es ist zwar nicht eine so wichtige Frage, wie die nach dem neuen Bayern Coach oder der Abdankung von Gadaffi, aber dennoch sei mal in die Runde geworfen, welche weibliche Künstlerin sich denn 2011 die Pop-Krone aufsetzen möchte. Vorjahressiegerin Robyn hat ordentliche Elektropop-Fußspuren hinterlassen. Doch hinter dem Disconebel, direkt aus den schwedischen Wäldern kommt schon eine potentielle Nachfolgerin angeschlichen: Lykke Li präsentiert ihr zweites Album, dass dort weitermacht, wo das Debüt aufgehört hab. Das heißt: dezent melancholische, aber doch irgendwie niedliche und eingängige Power-Folk-Pop-Songs, die zwar manchmal etwas experimentell wirken, aber dabei auch stets im Formatradio funktionieren könnten. „Wounded Rhymes“ backt dann auch ähnliche musikalische Brötchen, wie „Youth Novels“, ist insgesamt natürlich aber wesentlich fetter und weniger puristisch instrumentiert. Hymnen, schwermütige Balladen und leichte Popsongs in einem Guss, ohne dass es störend wirkt. Bei den Kolleginnen Bat For Lashes, Florence oder Glasser hat das ja auch schon funktioniert. Nix wirklich Neues, nur teilweise etwas Besonderes. Souveräne Thronbesteigung sieht anders aus. Und im Hintergrund setzt schon Gaga zum Sprung an.

Stream auf Soundcloud

Beatsteaks – Boombox

Die deutsche Wirtschaft schätzt ihre Exporte. Wir haben Qualität, seien es Autos, Bier oder diverse technische Geräte. Deutschland steht für Qualität. Da weißte, was de hast. Mit unseren Musikern ist das ja auch ähnlich. Da schreit ja schon jemand „Langeweile“, wenn bspw. Wir Sind Helden sich auf einmal entscheiden, nicht mehr wie eine hippe NDW-Coverband in den frühen 20ern zu klingen. Unverschämt! Nein, bitte alles so, wie gehabt. Ähnlich ist das auch bei den Beatsteaks. Die machen zwar musikalisch immer den gleichen Rock/Pop-Mix mit Variationen, sind aber dabei seit Jahren so unverschämt sympathisch und locker, dass man das den Berlinern nie zum Vorwurf machen kann. Live sind sie sowieso ne Macht, selbst wenn einem „Hand In Hand“ und Co. mittlerweile zum Hals raushängen. Aber diese Band hat sich ihren Erfolg ja durchaus erspielt. Da lässt sich auch nicht mehr dran rütteln. Auch „Boombox“ hat wieder eine handvoll schnittiger Hits, „Milk & Honey“ oder „Automatic“ sind Hits, die man erträgt und welche die Massen zum Herumspringen und Grölen motivieren wird. Alles beim Alten. Warum also über die Platte an dieser Stelle überhaupt sprechen? Nun ja, weil ich halt auch ein Herz für die Beatbuletten habe und man deren Arbeit an dieser Stelle auch mal würdigen kann.

"Automatic" zum Anhören

Hercules And Love Affair – Blue Songs

So, jetzt können mich alle Indie-Nerds und Spex-Redakteure gern lynchen oder ihre Clubmate auf mir verschütten, aber ich halte Hercules And Love Affair für ziemlich überbewertete, zu großen Teilen langweilig, klischeebeladene Gay-Disco-Einheitssuppe. Sicher, ja… „Blind“ war/ ist ein Riesen-Hit, zwei, drei weitere Tracks des Debüts damals auch, aber erinnert sich noch jemand an den Rest vom Discofest? Ähnlich wird es mit „Blue Songs“ laufen. Ja, „Painted Eyes“ ist ein schwungvoller Start und „My House“ zelebriert den Früh-90er-Disco-House so gut, wie es vielleicht zurzeit nur die wesentlich besseren Azari & III hinbekommen. Und gegen die balladesque Neuinterpretation des alten Sterling Void/ Pet Shop Boys-Überhits „It’s alright“ am Ende hab ich auch nichts, aber der Rest? Weniger Musik für die Tanzfläche als vielmehr langweilig dahinplätschernde Fahrstuhlmusik. Und selbst, wenn dieser Fahrstuhl ne Discokugel besitzt und mit Hipstern gefüllt ist, so bleibt er halt nur ein Fahrstuhl. Mastermind Andrew Butler macht das ja ganz gut und die neuen Sänger passen ja, wie die Faust aufs Auge, aber dass dies jetzt das größte Ding seit… na ja, dem Tod der Disco-Musik Anfang der 80er sein soll, will und kann ich nicht akzeptieren. Demnächst kommt das Debüt von Holy Ghost! Oder halt die bereits erwähnten Azari & III. Oder diese Beth Ditto EP. So viel Alternativen. Um welche Platte ging’s jetzt gleich noch mal?

Album-Stream auf Soundcloud

Destroyer – Kaputt

In 9,5 von 10 Fällen sollte man auf die Frage, was man hinter Titel und Interpret dieses Albums erwartet, „Irgendwas mit Metal“ erhalten. Alles andere würde erstaunen, passt doch, wie die Faust aufs Auge. Am besten spielt man den befragten Personen auch gleich anschließend noch das erste Stück aus dem guten Album vor. Münder werden offen stehen, Pupillen werden sich weiten… sanfte Beats, weiche Flächen, butterweicher Gesang und jede Menge Saxophon. „Kaputt“ ist das genaue Gegenteil von dem was man erwartet. Destroyer, das ist die Band des kanadischen Singer/Songwriters Dan Bejar, die es schon seit den 90ern gibt, welche aber bisher irgendwie nie bis zu meinen Gehörgängen vorgedrungen ist. Nun aber also. Ich weiß daher auch nicht, was die Band früher so fabriziert hat, aber dass was sie aktuell machen ist ein musikalischer Traum, voll ergiebiger Schönheit. Man kann das auch gern als retroesquen Easy-Listening-Folk bezeichnen, muss man aber nicht. Es könnte auch einfach wundervolle, durchweg entspannte Popmusik sein. Lange haben Gesang, Synthies, Gitarre und vor allem das oft verhasste Saxophon nicht mehr so schön zusammen gespielt. Haben sie das überhaupt schon mal? Fast wirkt es so, als wäre „Kaputt“ irgendwann einmal aus der Zeit gefallen, als käme es aus den 80ern, wenngleich es für dieses Jahrzehnt allerdings viel zu hochwertig erscheint. Neun, teils sehr lange und durch die Bank weg gelungene Songs, die sich klangtechnisch alle sehr gefühlvoll, entspannt und unglaublich relaxt geben. Ja, in den Fahrstühlen, wo diese Musik fährt, würde ich gern ewig hin und her fahren. Wahlweise auch verschneite Winterlandschaften oder sonnige Strände… irgendwie scheint „Kaputt“ überall zu funktionieren. Ein ganz und gar nicht heimlicher Favorit auf das Album des Jahres. Bereits jetzt.

Stream via Hypem

Montag, 7. März 2011

Schall und Nebel

Noch einmal mit Gefühl. Beim Tourstart in den Hamburger Docks spielten die alten New-Wave-Helden von Interpol vergangenen Donnerstag groß auf. Wenngleich alle Begeisterung nicht über die Kompliziertheit der aktuellen Bandsituation hinwegtäuschen kann. Ein leicht verspäteter Konzertbericht…

Ja, wir alle werden nicht jünger und im Prinzip kann man das ja nicht aufhalten und so muss man sich dann doch mit Dingen abfinden, die man früher auf Teufel komm raus nicht so wahrhaben wollte. Man wird ordnungsliebend, dezent spießig, liest dann doch öfters mal eine seriöse Tageszeitung als die Intro (von deren Homepage ich mir dennoch mal eben das Foto von Herrn Banks "geliehen" habe. Danke!) und beginnt hinter die zahlreichen Fassaden von Jugend- und Popkultur zu blicken. Und so sehr man diese Menschen hasste, die den guten alten „Früher war alles besser“-Spruch von sich geben, jetzt ertappe auch ich mich dabei, wie ich gelegentlich zu dieser Floskel greife. Furchtbar eigentlich. Noch furchtbarer, wenn das nicht nur so eindeutige Sachen, wie MySpace oder von mir aus die Black Eyed Peas betrifft, sondern auch lieb gewonnene, musikalische Institutionen, wie Interpol aus New York City. Viel hat sich seit meinem letzten Konzert vor vier Jahren getan. Persönlich, popkulturell und auch bei den Mannen um Paul Banks. Aber fangen wir mal kurz beim Anfang an…

16918_largeEs passiert ja öfters mal, dass Bands im Laufe ihrer Karriere einzelne Mitglieder verlieren. Manchmal schmerzt das mehr, manchmal weniger. Pünktlich zur Fertigstellung des selbstbetitelten Viertwerks verließ Carlos Dengler letztes Jahr Interpol und ließ ein etwas lädiertes Trio zurück. Über das musikalische Gewicht von Dengler innerhalb der Band gibt es unterschiedliche Aussagen. Manche sahen in ihm das musikalische Genie der Band, andere vermuteten, Dengler war sichtlich unterfordert, weil Gitarren-Mastermind Daniel Kessler zuletzt sogar ganze Basslinien allein komponiert und eingespielt haben soll. Widersprüchlich waren auch die Meinungen zum Album. Für viele Fans eine dezente Enttäuschung, konnte das Album „Interpol“ die Kritiker einmal mehr überzeugen. Die Wahrheit verliert sich im Nebel. „Interpol“ ist sicher das schwächste Album der Band, wenngleich man stets das hohe Niveau, auf dem wir hier meckern einbeziehen sollte. Die Band existiert nun seit vergangenem Sommer live zu fünft, allerdings stieg Ersatzbassist Dave Pajo jüngst schon wieder aus, so dass sich nun erneut ein neuer Mann an Denglers Instrument zu schaffen macht. Brad Truax feierte an diesem Abend seine Tourpremiere, aber letztendlich ist das auch egal. Die Position ist ersetzbar geworden, die Einheit, die Interpol musikalisch und optisch mit Carlos D. zusammen symbolisierte, scheint aufgebrochen. Was bleibt ist eine Band, die ihren Weg erst noch finden muss. Also, musikalisch. Denn da sind Denglers Ideen, wie groß sie am Ende auch gewesen sein mögen, immer noch präsent, zumal die wirklich entscheidende Aufgabe- das erste Album zu dritt- erst noch bevorsteht. Live muss sich diese Band allerdings nicht mehr finden. Da funktionieren Interpol an diesem Abend in den Hamburger Docks immer noch wie eine gut geölte Maschine, bei der alles sitzt, wo es sitzen muss. Der etwas blasse Keyboarder und Backing-Vokalist, dessen Namen mir zu recherchieren jetzt etwas zu müßig war, ist dabei genauso verzichtbar, wie Truax, der seinen neuen Job an diesem Abend gut macht, aber auch problemlos durch einen Roadie hätte ersetzt werden können. Namen sind Schall und Rauch. Oder in diesem Fall eher Nebel. Das seit zehn Jahren funktionierende System „Beleuchtung-von-hinten-und-viel-Nebel“ wird auch 2011 von der Band als essentielles Stilmittel genutzt, auch um die Position rechts außen etwas zu überdecken. Ansonsten alles beim Alten. Und viel Altes vor allem!

Nach einem gnadenlos übersteuertem Support-Act, in Form des Experimental-Indie-Poppers Matthew Dear, des gute Songs durch den miesen Sound etwas eingebüßt haben, betritt die Band kurz nach halb 10 die Bühne. Applaus ist vorhanden. Und vereinzelt verwunderte Kommentare zu Banks neuem Kurzhaarschnitt, der, kombiniert mit leichtem Vokuhila und Oberlippenbart, etwas White-Trashig anmutet. Na ja, Haare sind ja für das musikalische Gelingen nicht von essentieller Bedeutung. Gleiches gilt auch seit Jahren für die Band bezüglich Publikumsansagen. Auch diesmal gibt sich Banks wortkarg, grinst aber durch die Bank weg, wie ein kleiner Schuljunge… was dann wieder zur Frisur passt, allerdings nicht unbedingt zur Musik. Die ist seit Karrierebeginn bewusst düster, verspielt, leicht kryptisch und dabei trotz dieser Eigenschaften stets auch etwas eingängig. Das merkt man schon beim Opener „Success“. Anschließend serviert die Band anderthalb Stunde lang ein paar ihrer besten Songs. Die Auswahl gestaltet sich bei einem solch hochwertigen Back-Kalalog eh schwierig genug. Vom neuen Album spielt man ausschließlich die qualitativ bessere erste Hälfte. Die B-Seite wird komplett ausgespart, was dann doch etwas seltsam anmutet. Die neuen Songs wirken etwas träge und wirken gerade zwischen all den alten Songs dann doch etwas leicht zweitrangig. „Barricade“ wird die Band live nie so gut hinbekommen, wie auf Platte und „Summer Well“ leidet ein wenig an dem ohnehin etwas schwammigen Sound in der Halle. Lediglich „Lights“ entschädigt dann und gewinnt auch dank markanter Lichtshow live noch mal ordentlich dazu. Ein Monster von Song. Sehr überraschend wirkt die Vernachlässigung des dritten Albums, „Our Love To Admire“, welches lediglich durch zwei Songs vertreten ist, das lässige „Rest My Chemistry“ und die immer noch sehr mittelmäßige Single „Heinrich Maneuver“. Ist das Album bei der band etwa in Ungnade gefallen? Die beiden Erstlinge „Turn On The Bright Lights“ und „Antics“, welche einst die Meslatte so hoch legten, stehen hingegen immer noch hoch im Kurs bei den New Yorkern. Sie werden mit jeweils fünf bzw. sogar sieben Songs bedient. Besonders letzterer Zustand freut mich als riesiger Fan von „Antics“ sehr. Denn als Songs wie „Narc“ und mein persönlicher Band-Favorit „Take You On A Cruise“ gespielt werden verschwinden auf einmal die Jahre und das Alter. Es ist tatsächlich, so traurig nostalgisch es klingt, „wie früher“. Man erinnert sich wieder, wie einen diese Songs einst das Leben gerettet und leichter gemacht haben und es ist schön zusehen, dass die Gänsehaut auch heute noch auf die einstige Brillanz dieser Band immer noch anspringt. Springen tun dann auch vereinzelte, indie-disko-sozialisierte Menschen zu den alten Gassenhauern „Evil“, „Obstacle #1“ oder „Slow Hands“. Gehört sich ja eigentlich nicht, muss aber dann doch irgendwie sein. Es geht aber auch in die Beine.

Als Fan freut man sich dann auch, mal wieder „NYC“ und „The New“ im Zugabenblock live zu hören. Und man freut sich die alten Helden wieder zu sehen, wenngleich sich das Bild auf der Bühne geändert hat. Der Fokus verschiebt sich nach links, Banks bleibt im Zentrum, Sam Fogarino im Hintergrund und Daniel Kesser gibt den stets gut gekleideten und tänzelnden Leadgitarristen, dessen Sound in der Tat mittlerweile einzigartig erscheint. Kessler, von vielen als das wahre Gehirn der Band angesehen, hat seinen Stil in den letzten Jahren perfektioniert. Sowohl, was das Gitarrenspiel, als auch die fast schon choreographiert anmutenden Tanzschritte angeht. Und doch fehlt da einer irgendwie an der Seite. Aber vielleicht geht es auch nur mir so. Vielleicht hätten wir Fans das neue Album ganz anders aufgenommen, wenn Dengler geblieben wäre. Nämlich als Chance auf einen Neuanfang. Der kommt jetzt gezwungenermaßen. Dieses Jahr tourt die Band in dieser seltsamen Interimslösung noch durch den Globus, doch was kommt danach? Interpol bleiben ein Trio, das zeigt auch dieser Abend, als die Band sich bewusst nur zu dritt verabschiedet, als die Mitmusiker schon längst die Bühne verlassen haben. Vielleicht wird das neue Album, welches, glaubt man aktuellen Aussagen tatsächlich kommen soll, der Beginn einer neuen, spannenden Ära, vielleicht aber auch der finale Sargnagel für eine Band, die sich stets mit ihrem qualitativ hochwertigem Output und den damit verknüpften Erwartungen ihrer Fanbasis messen lassen muss. Ich weiß selber keine perfekte Lösung für den augenblicklichen Schwebezustand der New Yorker. Vor Jahren, lange bevor Carlos ausgestiegen ist, meinte ich mal so semi-ernst, sie müssten sich eigentlich auflösen, weil sie das bereits Geschaffene eh nicht mehr toppen könnten. 2011 hat sich an dieser Aussage eigentlich nichts geändert, wenngleich der Teil in mir auch nicht verstummen möchte, welcher diese Band in Zukunft noch mal live erleben möchte. Mit all den Nebel, all den großen und kleinen Gefühlen, all der Erinnerung und all der Aufregung. Gern auch mit neuem Material. Etwas Optimismus ist also angebracht. Paul Banks würde das mit einem Lächeln quittieren.

Setlist:

01 Success
02 Say Hello To The Angels
03 Narc
04 Hands Away
05 Barricade
06 Rest My Chemistry
07 Evil
08 Length Of Love
09 Lights
10 C’Mere
11 Summer Well
12 Take You On A Cruise
13 The Heinrich Maneuver
14 Memory Serves
15 Obstacle #1

16 NYC
17 The New
18 Slow Hands
19 Not Even Jail


Montag, 28. Februar 2011

In National Veritas

Eine Band, wie ein guter Wein. Mit den Jahren werden The National immer besser. So war das einzige Deutschlandkonzert vergangenen Freitag in Berlin ein audiovisueller Hochgenuss für Musikliebhaber jeden Alters. Eine offene Liebeserklärung.

PS: Die wunderbar stimmungsvollen Fotos stammen aus dem Blog von Fotograf David Jacobs. Bitte alle vorbeischauen und gut finden!

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Ein Gläschen Wein in Ehren kann und soll man ja bekanntlich nicht verwehren. Matthew Berninger weiß um diese Lebensweisheit Bescheid und geht ohne geöffnete Flasche und gefülltes Glas erst gar nicht auf die Bühne. Stil muss sein. Becks ist mehr was für diese jungen Indie-Rock-Spunde, Berninger wird dieses Jahr 40, kann also schon mal einen Gang hochschalten. Tatsächlich wirken The National aus Ohio mittlerweile wie gestandene Männer, die nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Schon irgendwie seit zehn Jahren dabei, aber erst seit Kurzem mit einem Status, dass man auch mal eben die Berliner Columbiahalle ratzfatz ausverkaufen kann. Die Nachfrage hat das Angebot längst hinter sich gelassen, die Fanzahl von The National wächst mit jedem neuem, qualitativ hochwertigem Output um ein Vielfaches. Besonders die letzten beiden Alben „Boxer“ und „High Violet“ haben der Band zu einer Reputation verholfen, die sie durch alle Musikmagazine und Hörerschichten zu Lieblingen der, na ja, Massen abseits der großen Massen machen. Keine große, bunte Show, keine falschen Versprechungen von Jugend oder der konkrete Drang zum Megahit… The National machen seit Beginn ihrer Karriere hochwertigen, handgemachten, zutiefst gefühlvollen Indie-Rock, der durch die Bank weg funktioniert und authentisch rüberkommt. Eben auch, weil man dem tiefen Bariton von Matt Berninger jede Qual, jedes verzweifelte Leiden, aber auch jedes romantische Liebesversprechen abkauft. Die Stimme wird zum Dreh- und Angelpunkt traumhafter Songs. Die Welt scheint dies, langsam aber sich zu raffen. Ob das gut oder schlecht ist, sei mal dahin gestellt.

So gehen The National in diesem Frühjahr noch einmal auf eine Ehrenrunde bei ihrer Tour zum letztjährigen Meisterwerk „High Violet“. Alle dürfen noch mal kommen, wenngleich leider nicht alle Karten bekommen haben und die „Suche Karten“-Schilder vor Konzertbeginn inflationär auf den Straßen um die Columbiahalle herum vorzufinden waren. Drin wird gefeiert. Dezent. Mit Wein. Und auf den Erfolg. Und die Fans. Und Geburtstag. Support-Songwriterin Sharon Van Etten gratuliert ihrer Mutter, die anwesend ist. Sie selber hat Punkt Mitternacht Geburtstag und macht ihre Show recht gut. Musikalisch ähnlich wie die Hauptband gewinnt Van Etten die Sympathien spürbar für sich. Auch Aaron Dessner kommt mal eben auf die Bühne und spielt mit. Kurze Zeit später kommt er auch wieder, hat seinen Bruder und den Rest der Band dabei, Matt Berninger die obligatorische Weinflasche. Die wievielte es wirklich ist, weiß wohl nur er selbst, wenngleich ich sein Wesen nicht nur auf den Vino festlegen würde, sondern vielleicht auf die Leidenschaft an seinem Job an sich. Man beginnt die Show sehr ruhig, mit „Start A War“ vom „Boxer“-Album, der schönsten persönlichen Kriegsdrohung der Welt. Und von da an wird die Columbiahalle in Berlin in melancholische Glückseeligkeit getaucht und erst knapp anderthalb Stunden später wieder aus dieser rausgerissen. Angenehmes Licht, stimmungsvolle und nicht-ablenkende Videoprojektionen und eine Band, die es liebt zu spielen. Allen voran Berninger himself, der stets so wirkt, als würde er zwischen unterdrückter Rampensau und verpeiltem Traumtänzer hin- und herwandeln. Seine Stimme bleibt das Signalfeuer, das durch die Songs trägt, die Band spielt hervorragend. Manchmal sehr laut, manchmal eher gefühlvoll. Und Bläser hat man auch dabei. Was will das Musikhörerherz mehr? Musikalisch werden kaum Wünsche offen gelassen. Das Augenmerk liegt verstärkt auf den Songs von „Boxer“ und „High Violet“, aber gelegentlich verirrt sich auch mal was Älteres drunter. Mut zur B-Seite wird dabei mit „Wasp Nest“ oder „You Were A Kindness“ ebenfalls gezeigt. Und Mut zur Lücke, indem man, sehr zum Unwohl meiner Wenigkeit, den 2007er „Hit“ „Mistaken For Strangers“ auslässt. Aber das ist der einzige- und das stimmt tatsächlich- Wehrmutstropfen. Ansonsten ist die Auswahl der Songs eher nebensächlich. Der musikalische Output des Ohio-Fünfers ist so hochwertig, dass das zu verschmerzen ist. Vielleicht ist es auch von Vorteil, wenn man, wie ich, noch nicht sooo lange in der Band und ihrer Musik drinsteckt und sich somit weniger auf das Mitsingen jeder Textzeile und das sehnliche Herbeifiebern alter Favoriten konzentrieren muss, sondern vielmehr jedes Lied so gut es geht genießt. So wird der Abend zum unvergesslichen Erlebnis, egal, ob man nur Gelegenheitshörer ist oder zu der Gruppe feuriger, kroatischer Fans gehört, die ihrer Freude ebenfalls lautstark Gehör verschafften.

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The National werden also in der Tat immer besser. Und auch Matt Berninger lässt gern mal die Rampensau heraus, wenngleich der Mann, der irgendwie immer mehr aussieht, wie ein cooler Physik-Professor, teilweise so wirkt, als wüsste er selber nicht genau, was er da macht. Und so fragt sich der Zuschauer dann doch gelegentlich, ob Berninger den Mikrofonständer dann in seinem Wahn gleich in die Masse schmeißen wird oder einfach nur ein paar artistische Tricks damit vorführen will. Glücklicherweise entscheidet er sich für die zweite Variante. Der Stagemonitor hingegen kommt weniger gut weg. Und auch ein Weinglas muss dran glauben. Die Roadies schieben eh Sonderschichten, denn Berninger scheint wie der gute Morrissey ein Verweigerer des kabellosen Mikros zu sein, weshalb man immer mal ordentlich Schnur nachziehen muss. Besonders, wenn Matthew seine immer wieder gern gesehenen Ausflüge ins Publikum unternimmt. Und auch wenn der bärtige Frontmann zwischendurch bei „Mr. November“ mal verloren erscheint, so schafft er es zum Ende wieder auf die Bühne. Der Dank an das Publikum fürs sichere Nachhausebringen wirkt überzeugend. Generell wirkt man sehr dankbar für die spürbare Liebe, die das Publikum seinem musikalischen Rahmenprogramm entgegenbringt. Man gibt es gern zurück. Und das kommt an. Bei der Zugabe und „Terrible Love“ mache ich die Erfahrung dann ganz persönlich, denn natürlich steigt Berninger genau vor meiner Nase auf die Barrikaden. Seine Pläne bleiben aber undurchsichtig. Ich halte seine Hand, er steht auf dem Geländer. Er beugt sich nach vorn, er fällt fast nach hinten, er schaut mich an, er grinst, er singt, er wirkt dezent abwesend. Es bleibt mir nur seine Hand zu halten und so einen dauerhaften Wirbelsäulenschaden bei ihm zu verhindern. Ja, ein magischer Moment für die paar Sekunden, bis er weiter zieht und die Barrikade konsequent bis zum Ende entlang balanciert. Auch das meistert Berninger. Anschließend wird auch noch der restliche Wein geteilt und zusammen mit drei Bechern an meine Begleitung und mich gereicht. Kann man als Zufall interpretieren oder als Dankeschön fürs Stützen. Ich überlass das meiner Fantasie. Und so wird der Rest des herben spanischen Tropfens verteilt und dabei noch einmal auf die Bühne geschaut, wo die Band, ganz ohne Strom (also auch Mikros) und zusammen mit der Vorgruppe eine herzerweichende Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“ zum Besten gibt, welche den fulminanten Höhepunkt dieses Konzerts markiert. 3000 Leute werden zum Chor und die Halle wird zum kleinen Raum, in dem einfach nur ein paar Menschen ein wunderschönes Lied singen. Wenn es irgendein Argument benötigt, diese Band so hochzureden, wie es gern getan wird, dann ist es dieser Moment. Und gerade, wenn man, wie ich, schon jahrelang viel auf Konzerten erlebt hat und meint, man könnte eh nicht mehr überrascht werden, so sind es solche Momente, die einen daran erinnern, warum man dies alles macht, warum man stundenlang in der Kälte und in der Halle steht, all das Geld ausgibt und diese Musik hört. Dieses Konzert und Bands wie The National sind die beste Ausrede dafür. Und die spontan zur Blumenvase umfunktionierte Weinflasche von Matt Berninger, die gerade auf dem Tisch neben mir steht dient da ganz gut als alltägliche Erinnerung.

Setlist (= ohne Gewähr*)

01 Start A War
02 Anyone’s Ghost
03 Baby, We’ll Be Fine
04 Bloodbuzz Ohio
05 Slow Show
06 Conversation 16
07 Squalor Victoria
08 Afraid Of Everyone
09 Sorrow
10 Apartment Story
11 Lemonworld
12 Abel
13 Wasp Nest
14 England
15 Fake Empire

16 You Were A Kindness
17 Mr. November
18 Terrible Love
19 Vanderlyle Crybaby Geeks

* = d.h., ich hab keine genaue Ahnung, mir das auch nicht mitgeschrieben oder eine exakte Quelle im Internet gefunden. Ich weiß auch nicht, ob die Reihenfolge so stimmt, aber diese Songs wurden in jedem Fall gespielt. Ist nur zur Orientierung.


Abschließend noch eine Live-Aufnahme, mit besagtem Handkontakt ab Minute 1:10.

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